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Ich fasse zusammen,- sagte der Ghostwriter, dem der Maler seine Hefte überlassen hatte, um die Sachen lesbar zu machen. Sie schliefen also unter freiem Himmel im Alameda-Park von Mexiko-Stadt unter einem Baum, konsumierten dort und auch noch anderswo Peyote, lasen den Text über den Yaquiweg, den es bekanntlich nie gegeben hat, standen im Museum vor dem Bild von Rivera mit dem Titel „Träumerei am Sonntagnachmittag im Alameda-Park“ , ließen sich dort nachts auf der Toilette einschließen, rasierten sich im Rausch die rechte Augenbraue ab, wurden ins Krankenhaus eingeliefert, kurzfristig verhaftet und wieder freigelassen, mäandrierten über den Zókalo im Zentrum der Stadt, wo Sie auf einmal diesen Feuervogel über sich am Himmel kreisen sahen, vermutlich eine drogeninduzierte Halluzination.- Unfug!- protestierte der Maler. Als es Ihnen in Mexiko zu heiß wurde, nahmen Sie den nächsten Flug nach Kuba, wandelten dort auf den Spuren des Sextourismus, machten sich an die hübschen Mulattinnen heran, hielten das für romantisch, kauften sich jede Nacht eine frische,- die bekommt man dort für ein paar Turnschuhe- und am Ende Ihrer wundersamen Reise schlichen Sie an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus den USA und gelangten als blinder Passagier versteckt in der Kühlkammer für Leichen nach Miami!-
Unfug,- wiederholte der Maler. Etwas mehr Sachlichkeit bitte. Der Stil scheint mir der Sache ebenfalls nicht angemessen.- Stil? Was für ein Stil?- fragte der Ghostwriter. Sie meinen Ironie.- Ich bin nicht an einer Geschichte interessiert, die von Abenteuern im Bermudadreieck handelt,- sagte der Maler.- Ich hübsche es ein bisschen auf, schließlich wollen wir die Leute ja nicht langweilen. Neunundneunzig Prozent der Leser Lesen ohnehin keine Bücher. Sie gehen lieber in den Supermarkt oder sitzen vor der Glotze. Die Massen an Papier, das die Verlage auf den Markt werfen, verstopft die Regale. Ich gebe zu, auch ich habe seit Jahren kein Buch mehr zu Ende gelesen. Es ist schlicht und ergreifend zu langweilig.- Ich möchte aber keine Aufhübschung. Ich möchte die Dokumentation-, sagte der Maler. Schön, aber mit dem was Sie geschrieben haben, locken Sie keinen Hund hinter dem Ofen vor. Um den Leser zu begeistern, braucht man ein Rezept.- Was denn für ein Rezept?- Der Maler fasste sich an den Kopf. Ich versuchte neulich einen dieser Bestseller aus den USA zu lesen. Da schreibt jemand über die Jagd mit einem Falken auf Kaninchen. Er oder sie bewundert das als Inbegriff mystischer Selbsterfahrung. Ich blättere und blättere. Was für ein Obskurantismus über eine Natur, die nicht mehr existiert! Aber: Das Publikum ist außer sich vor Freude, die Verlagsreklame überschlägt sich vor Begeisterung und auf den Feldern gehen die Bienen ein.-
Mag sein,-sagte der Maler. Aber das tröstet mich nicht über Ihre Kuriositäten.- Das muss nicht bedeuten, dass Bombast entsteht,- versicherte der Ghostwriter. Und der Rivera?- fragte der Maler. Das Bild im Alameda mit dem Nachthemd und dem Totentanz?- Das ist kein Nachthemd,- sagte der Maler, sondern das Plisseekleid einer weltbekannten Dame.- Ich weiß, das Lieblingsskelett des Malers. Das Modell seiner Träume. Die Dame nennt sich Catarina Calavera, nicht?- Ja, sie ist der Mittelpunkt des Bildes und der Geschichte überhaupt. Sie ist tausendfach reproduziert und dokumentiert worden, die ganze Welt kennt das Mural.- Schöne Symbolik, sagte der Ghostwriter. Aber etwas altmodisch, finden Sie nicht? In dem Bild von dem Rivera fehlt eigentlich ein Affe, finden Sie nicht? So etwas wie King Kong. Noch zeitgemäßer wär ein Joker.- Dummes Zeug, Bilder wie die vom Alameda-Park sind eine Art Symbol und der Rivera ist gewissermaßen unerschöpflich.- Das Wort Symbol kann mir gestohlen bleiben,- erklärte der Ghostwriter. Was?- Der Maler war beunruhigt. Aber keine Sorge, auch wenn die Dame kein Symbol ist, ist sie kein Problem. Selbst wenn es etwas kurios wird. Aber ich mache es auf meine Art. Andernfalls beenden wir die Kooperation.- Der Maler hob die Hände. Er verkniff sich weitere Einwände, entweder er ließ den Schreiber machen oder seine Sachen blieben weiter in der Schublade.

2

Ein Schamane! Ein Schamane!- Der kleine Wolfgang hatte ihn zuerst entdeckt. Auch Kevin, Philip und Lutz kamen gelaufen und wollten mitmachen. Sie zogen den Maler an den Rand des Terminals mit Bars und Pools, wo die Passagiere sich um die Barhocker drängten und Kellner mit gewaltigen Sombrers auf den Köpfen Lobster-Baritos ,Tacos, Khalua und Agavenschnaps durch die Reihen balancierten. Die Stoßzeit an der Mayaküste hatte eingesetzt: Zwei Kreuzfahrtdampfer mit 6000 oder 80000 Touristen an Bord und acht Stockwerken lagen vor den Piers und ließen dumpfes Tuten hören, das kilometerweit ins Land hinein dröhnte. Ein dritter Kreuzer operierte vor dem Anleger. Eine weitere Mole befand sich in der Konstruktion. Am Horizont zeichnete sich ein viertes Schiff ab. Für die nächste Saison waren weitere Piers geplant. Die Vier zappelten vor dem Mann herum, der sein Angebot auf einem Tisch aus Plastik vor sich ausgebreitet hatte. Der Nervöseste war Lutz. Er hüpfte von einem Bein auf das andere, wedelte mit den Armen und drohte den Tisch des Mannes umzuwerfen. Zwischendurch trat er ihm auf dem Fuß. Der Maler hatte sich mit den vier Jungen angefreundet. Er hatte sie mit ein paar Strichen gezeichnet. Sie folgten ihm seither wie einem Spaßonkel und verlangten immer neue Skizzen. Sie gehörten zu einem älteren Herrn im Rollstuhl, der Absencen hatte, dabei mit offenen Augen in die Ferne sah und dem sie ständig entwischten. Der Schamane stand in seinem dschungelgrünen Umhang vor den Utensilien. Die Mähne wogte um sein Haupt, sein Alter war schwer bestimmbar.
Auf einem Schild in einer Plastikhülle, die mit einem Stein beschwert war, waren die Worte Ceremonia de Maya zu lesen. In einer Untertasse brannte eine durchgeschnittene Cohiba. Der Mann erhob sich etwas schwankend. Er hatte wie im Halbschlaf auf seinem Plastikstuhl gesessen. An einer Apfelsinenkiste neben ihm lehnte ein Regenschirm. Hinter ihm steckte ein Stab im Sand, an dem ein Büschel Vogelfedern hing. Weitere Utensilien bestanden aus einem Palmenwedel, einer mit Hieroglyphen verzierten Trommel und einem Flederwisch. Es geht los, rief Philipp. Alle mal her.- Der Schamane musterte die Kunden flüchtig, wies mit dem rechten Arm in eine unbestimmte Richtung, ließ den Untersatz, aus dem es qualmte, in die vier Himmelsrichtungen kreisen und murmelte Worte einer unbekannten Sprache. Er nahm die Trommel in die Hand, schlug einen kurzen Rhythmus, fuhr dem Knaben mit dem Palmwedel über das Gesicht und schürzte dabei die Lippen, als küsse er die Luft. Zuletzt legte er die Hand auf den Kopf des Jungen und sagte etwas wie „waral waral“. Niemand verstand ein Wort. Der Schamane-der Ghostwriter übernahm den Begriff- schwenkte noch einmal den Untersatz mit der Kohle und die Zeremonie schien beendet. Wolfgang, der die Augen geschlossen hatte, erwachte wie aus einem Tagtraum. Jetzt bin ich konfirmiert!- rief er. Der Pastor Bierbauch kann zum Teufel gehen, der olle Zebaoth dazu und seine Genesis im Kreuzworträtsel. Philiboy, Kamera, Aufnahme!- Die Vier zückten ihre Smartfons im Gleichtakt: andachtsvolle Stille: hab den Stick an Bord vergessen,- sagte Kevin, verdammt. Das erste Selfie von schräg oben, ein zweites unten-oben, dann Gruppenbild mit Magier, die Knaben links und rechts, der Magier in der Mitte, der Alte schmunzelte in einer Art von Demut. Als nächstes die Cohiba: Nahaufnahme, wird geteilt, dann wieder unisono, der Umhang des Schamanen, sein Regenschirm, die Apfelsinenkiste, die Coca-Cola-Flasche, der Federstab, der Strand am Meer, das Terminal aus dieser Perspektive, whatsapp für Mona. Old Rollstuhl wird begeistert sein!- schrie Kevin. Dann rasten sie davon.
Der Maler wäre ebenfalls gegangen, wäre ihm nicht auf einen Stück Papier in einem kleineren Text der auf dem Boden lag, das Wort Peyote aufgefallen. P e y o t e! Die Schrift war verschwommen. Der Text war wohl latinisiertes Maya, dem Maler völlig unverständlich. Da stand Peyote. Die Zeremonie des Malers schien angefangen zu haben, ohne dass er sie beauftragt hatte. Der Schamane sah aus glasigen Augen zu ihm hoch, er zeigte ihm die Schüssel mit der Kohle, nickte, hielt sie ihm vor das Gesicht, ergriff den Stab und schwenkte die Federn. Der Maler roch den Qualm. Im Hintergrund ertönte ein Gelächter. Das Murmeln des Schamanen klang jetzt unterirdisch. Hinten schlug das Wasser auf den Strand. Es rauschte wie in einer Muschel, die man sich ans Ohr hält. Das Männlein hob die Hand und ließ die Schale in die Himmelsrichtungen kreisen. Ein Windstoß blies dem Maler Staubpartikel ins Gesicht .Er fing an zu husten.
Peyote?- fragte er und hustete. Der Schamane sah an ihm vorbei und sagte nichts. Ob er verstanden hatte, war nicht zu erkennen. Er holte Luft und sog den Qualm ein, vielleicht um anzudeuten, dass der Maler es ihm nachtun solle. Der Maler imitierte, atmete tief ein und stieß die Luft aus, ein neuer Hustenanfall war die Folge. Ein Windstoß blies ihm Kohlenfünkchen ins Gesicht. Sie blätterten ihm von der Haut ab. Der Magier zog jetzt eine Schachtel aus dem Umhang, wandte sich vom Wind ab und zündete die durchgeschnittene Cohiba an. Der Maler rauchte ohne nachzudenken. Nach dem dritten Lunger wurde ihm wundersam zu Mute. Er war das Nikotin nicht mehr gewohnt, die Umwelt löste ihre Konsistenz auf. Mit der Dunkelheit gewöhnte er sich an den Geruch des Zimmers, in dem er lange nicht gewesen war.
Er hatte plötzlich Zeit. Durch das Gewölbe zog sich eine Wäscheleine. In der Tür stand ein Motiv wie aus der Zeit, als er den Yaqui-Weg beschreiten wollte, besser: als er sich eingebildet hatte, ihn zu beschreiten. Der Maler griff nach Block und Bleistift in den Taschen seiner Jacke. Er griff daneben, fand nicht, was er suchte. Der Pfad, der durch sein winziges Bewusstsein führte, endete im Nichts. Die Kaktusblüte flatterte hindurch wie eine Motte mit zerfransten Flügeln. Das Cover mit dem grünen Männchen, das einen Kopf wie eine Christbaumkugel hatte, musste diesen Maler schwer beeindruckt haben, erklärte sich der Ghostwriter den Text. Das meiste strich er weg. Der Maler tastete nach seiner Taschenlampe in der Dunkelheit des Zimmers. Die Nachttischlampe krachte auf den Boden. Die Kohle in der Schüssel war verbraucht. Der Schamane hatte ihn gemustert. Die Zeremonie war offenbar beendet. Er sprach jetzt Spanisch und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Er griff nach seinem Stab und hielt ihn vor sich hin. Zugleich hielt er die ausgestreckte Hand auf. Der Maler suchte in den Taschen seiner Jacke. Die Taschen waren leer. Er fummelte am Reißverschluss der Tasche, in der er seine Scheine aufbewahrte. Die Summe schien dem Mann zu klein, obgleich sie schon beträchtlich war. Er wiederholte etwas, das der Maler nicht verstand. Englisch? -fragte er. Ihm fiel ein, dass die Jungen ihre Zeremonie gar nicht bezahlt hatten. Der Schamane hielt weiterhin die Hand auf, das rechte Auge etwas zugekniffen. Peyote?- Der Maler hielt die Cohiba höher, die er in der Hand hatte. Der Schamane bewegte unmerklich den Kopf. Der Maler schwankte, als er wegging.

3

Er durchquerte das Strohdachareal mit seinem Angebot für die Tourismusindustrie. Mit der Ankunft der Kreuzfahrtschiffe hatte sich das Terminal in eine aus den Nähten platzende Versorgungseinheit für die vergreiste Zivilisation der Ersten Welt verwandelt. Durchsetzt von ein paar Jugendlichen und Familien mit Kindern schob sich die Menge in Turnhosen, Fahrraddress, Shorts, T-Shirts, luftigen Kleidern, Badelatschen, Sandalen und jeder Art von Freizeitkluft durch die überfüllten Läden. Das Angebot war bunt und quoll bis auf die Gänge: Ein Sortiment volkstümlich-touristischer Artefakte. Plastikmännchen in Uniform, die ein Gitarrenorchester dirigierten, die Maya-Stätten Bonampak,Tikal und andere als Spielzeugpuzzle, Handtaschen mit aztekischen Motiven, Lederschuhe, Gläser, Kerzen mit Emblemen, Maya-Götter aus lasiertem Ton, Qetzalcoatl, Huitzlipochtli und Xacxini aus Karton, Reiter mit Gewehr und Hut, Macchu Pichchu in der Form von Pappmaché, Teller mit dem Maya- Kalender, Frida Kahlo im bestickten Poncho, Jeans, Badelatschen, Stoffhüte turmhoch gestapelt, Tamburine und so weiter und so weiter. Plötzlich sah der Maler die Catrina Calavera. Sie war ein Püppchen, hing mit anderen Figuren an einer Schnur und trug ein Wollkleid.
Er blieb stehen und überlegte. Sollte er die Puppe kaufen? Die vier Freunde dürften sie nicht zu Gesicht bekommen. Ihr Humor war ziemlich ungezwungen. Der Maler hatte keine Tragetasche bei sich, aber der Laden würde eine Plastiktüte haben. Die Calavera war die Hauptfigur in Riveras Bild vom Sonntagnachmittag im Alameda, ein Element, das ihn beschäftigte. Die Puppe war nicht groß. Der Maler kaufte sich die Puppe. Als nächstes suchte er den Ausgang zu den Schiffen, da ihn das Tuten von den Piers her irritierte. Er sah auf seine Uhr. Er suchte In der Menge nach Gesichtern, die er kennen musste, sah aber keine. Er durchquerte den Havanna Club, den Diamantenhandel, wo Edelsteine in den Glasvitrinen glänzten, die Tequila-Restaurants mit hunderten von Etiketts und Flaschen auf Regalen, das Mass-Customization-Tea-Shirt mit den Ruinen von Chichén Itzá, die Silberwerkstatt, das Luxusuhrgeschäft, die Poolside-Bar, zu der man schwamm.
Ein kleiner Junge balancierte eine Muschel auf dem Kopf. Die Mutter kam dazu, der Junge weinte. An den künstlichen Teichen standen die Flamingos starr wie auf Plastikbeinen. Auf einem Platz verrenkten sich halbnackte Männer, die wie Stachelschweine glänzten. Sie imitierten einen indigenen Kriegstanz als Touristenattraktion. Ein Greis im Fußballdress versuchte die Verrenkungen nachzuahmen. Er erregte die Begeisterung des Publikums. Damen, deren Korpulenz am Laufen hinderte, probierten Ohrgehänge und Brillanten. Die Verkäufer standen in der Nähe. Da geht mein Geld,-sagte ein Mann in Shorts mit stark behaartem Oberkörper. Der Maler warf einen Blick in einen der Läden, stutzte und blieb mitten im Schritt stehen. Die Verkäuferin im Eingang machte einladende Handbewegungen. An der Rückwand des Geschäfts war etwas. Das Bild war ein Bekannter, es war das Mural Riveras, das den „Spaziergang am Sonntagnachmittag im Alameda-Park als Traum“, darstellt. Die Wirkung war magnetisch. Das Poster war drei Meter lang und etwa einen Mater hoch. Das Original ist fünfzehn Meter lang und gut sechs Meter hoch. Der Maler hatte das Bild als Kind schon irgendwann gesehen, aber nichts verstanden. Die Phalanx seltsamer Personen, die sich auf den Betrachter zubewegt, hatte einen Eindruck hinterlassen, der nicht mehr wegzubringen war. Das bloße Ansehen hatte etwas ausgelöst, das sich später wiederholte. Die Dame mit dem Totenkopf und ihrer Federboa schien ihm besonders mysteriös. Sie blieb in seinem kindlichen Gedächtnis. Sie steht vorne in der ersten Reihe in der Mitte und zieht die Blicke auf sich. Ihr grauweißes Faltenkleid wird unten von einer Borte zusammengehalten. Ihr Schädel ist groß und auf absurde Art intim. Ein leicht idiotisches Gelächter scheint durch das Gesicht zu geistern, mit seinen leeren Augen, dem ausgefransten Mund mit den gespenstisch großen Zähnen. Um den Hals trägt sie eine Federschlange, deren Enden ihr bis an ihre Knie reichen. Außerdem besitzt sie eine Brille.
Links neben ihr steht ein Junge, dessen Hand sie in ihren skelletierten Fingern hält. Der Knabe blickt versonnen in die Weite. Der Maler erinnerte sich, dass er seine Hand betrachtet hatte. Die Personen links und rechts, oft sonderbar gewandet, wirken wie Flügel der grotesken Hauptperson. Im Hintergrund erkennt man Kirchenkuppeln und sieht blutige Gestalten, die spitze Hüte tragen. Irgendwo brennt es. Vermutlich konnte der Maler damals noch nicht lesen. Später hatte er das Bild studiert. Mittlerweile kannte er die Bedeutung der Personen. Jedenfalls der Wichtigsten. Ohne links und rechts zu sehen ging er auf das Poster zu. Er sah erwartungsvoll auf die bewusste Stelle, wo die Dame stehen musste, also erste Reihe in der Mitte. Die Dame war nicht da. Wo sie hätte stehen sollen, klaffte eine Lücke. Der Maler starrte auf das Poster. Er trat näher, er umrundete die Vitrinen, die den Weg versperrten und stand nun dicht vor dem Bild. Aus der Nähe wirkten die Figuren überlebensgroß und waren von bestürzender Lebendigkeit. Die Hauptperson, die Catarina Calavera, blieb verschwunden. Der Maler rieb sich die Augen. Die skelletierte Hand, die das Selbstporträt Riveras als Junge hält, war noch vorhanden. Der Maler drehte sich zur der Verkäuferin herum. Die Frau beschäftigte sich im Hintergrund des Ladens mit Touristen. Der Maler wischte mit der flachen Hand über die Lücke, wo die Calavera hätte stehen sollen.
Die Verkäuferin stand hinter ihm schüttelte den Kopf. Der Maler versuchte, das Spanisch zu aktivieren, an das er sich von einem Lernversuch erinnerte: Ob es sich um eine Karikatur handelte. Bezog es sich auf Mexiko und seine Gegenwart? Auf etwas in der Geschichte? Die Verkäuferin sah irritiert drein, sie betrachtete abwechselnd das Poster und den Maler, als ob sie einen leicht Verrückten vor sich habe. Ihr Englisch war für die Verständigung nicht ausreichend. Andererseits: wer hier das Publikum bediente, sollte sich in dieser Sprache auskennen. Der Maler redete, aber offenbar verstand sie nichts und interessierte sich auch nicht für das Problem.
Zuletzt schüttelte sie nur noch den Kopf und fragte, ob der Kunde etwas kaufen wolle. Im Text des Malers folgte eine Bildbeschreibung. Der Ghostwriter strich durch. Entscheidend war die Handlung, nicht das kunsthistorische Gerede. Die Figuren kannte außerdem kein Mensch. Auf dem Mural befinden sich über 80 Personen. Ein zusammengewürfeltes, undurchdringliches Gemenge der historischen Kalamitäten Mexikos. Der Maler wandte sich schon ab, als ihm eine Veränderung der Gestalten links und rechts der Calavera auffiel. Sie schienen sich der Stelle zuzuneigen, wo sie fehlte. Die Kahlo beugte sich nach vorn, als ob sie in das Loch hinunter sehen wollte, das sich auftat. Das Ying und Yang in ihrer Hand fing an zu rutschen, der kleine Rivera beugte sich in die gleiche Richtung, die Hand der Kahlo auf seiner Schulter zog sich in die Länge. Der Frosch in der Tasche des Jungen hatte große Augen, der Regenschirm mit dem Geierkopf in der Hand des Knaben verzerrte sich nach rechts. Der Graveur Posada, der die rechte Hand der Calavera hält, schwankte nach links. Seine Angst vor dem Grünen Star befiel den Maler wieder. Das Tuten von den Piers her wurde lauter. Hatte er es überhört? Er sagte: Pe-du-do comprer?- hielt das für verständliches Spanisch und fragte, was das Poster kosten sollte. In Europa würde eine Reproduktion wie die hier nirgends zu bekommen sein. Er hatte es schon wiederholt versucht. Die Verkäuferin schüttelte den Kopf. Das Bild gehörte ja zur Ausstattung des Ladens.

4

Der Maler trat zurück und stand auf einem Fuß. Hinter ihm stand eine Dame, die ungefähr so groß wie breit war. Der Maler entschuldigte sich. Ihr Leib hatte die Form eines mit Wasser gefüllten Luftballons, der sich nach unten weitet, und an den Seiten auseinanderquillt. Schweißperlen standen auf der Stirn der Frau. Ihre Augen schwammen in der Fleisch gewordenen Gesichtslandschaft. Die Dame sah auf einen grünen Stein, der am kleinen Finger ihrer rechten Hand hing. Der Maler zückte instinktiv sein Skizzenheft und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Er stand vor einem Motiv, das zu den interessantesten gehörte, die sich bisher angeboten hatten. Er fing umstandslos zu reden an, damit die Dame nicht verschwand. Ihm fiel der Franzose ein, der über dem Motiv die Begräbnisfeier seiner Mutter übersehen hatte: das Motiv. Er vergaß die Schiffssignale von den Piers. Die Dame sah entzückt auf ihren Edelstein, sie führte ihn an die gespitzten Lippen und hauchte etwas, das der Maler nicht verstand. Toll,- sagte er. Finden Sie?- Die Dame sollte bleiben, wo sie war. Wenn sie wegging, würde er ihr folgen. Passt genau zur Farbe Ihres Kleides: Himmelblau.- Die Dame schmunzelte. Der Ghostwriter strich den zynischen Geschmack aus dem Geschreibsel seines Kunden. Fettleibigkeit war für Gesellschaftskritik nicht das geeignete Motiv nach seiner Ansicht. Bitte noch ein Lächeln,- sagte der Maler. Das Gesicht der Dame verwandelte sich bei Heiterkeit auf eine Weise, die in der Skizze festzuhalten würdig war. Die Nase stand als winziges Relikt im Tal der Tränen, die Augen wie zwei Sternchen in der Fleischwüste, die Haare wie das Kornfeld im November.
Das ist ja alles paradiesisch hier,- hörte er sie sagen.- Die linke Hälfte des Gesichts war beinah fertig. Sein Bleistift huschte über das Papier. Später ließ sich alles auf ein größeres Format versetzen. Entscheidend war die Authentizität des Impromptus. Er warf einen Blick auf den Stein, den die Dame jetzt ins Licht des Ladens hielt. Finden Sie ihn schön?- Der Maler griff nach ihrer Hand, um noch mehr Sensibilität für sein Motiv zu haben. Gratuliere,- sagte er, um sein Verhalten zu erklären. Die Hand war fleischig, kalt und feucht. Green Fire.- Wie bitte?- Preisentscheidend bei den grünen Tönen ist die Leuchtkraft.- Was ist es denn für einer?- Ein Smaragd mit Treppenschliff, Herkunftsland Kolumbien.- Der Maler sah den Stein an. Wenn das ein Smaragd ist, bin ich Rumpelstilzchen-, sagte er und verschluckte, was er gesagt hatte, indem er hustete. Die Dame schien seine Bemerkung nicht gehört zu haben. Der Stein war grün wie Gras, er hatte die Form eines Sechsecks. Etwas Besonderes war ihm nicht anzusehen.
Der Maler blätterte die Seiten seines Blocks um. Später konnte man die Einzelteile des Gesichts zusammensetzen, indem man sie gegeneinander verschob. Ein Anflug von Surrealität. Wie teuer war er denn?-. Ziemlich,- sagte die Dame. Aha,- sagte der Maler. Warum ich ihn gekauft habe?- Sie richtete die wasserblauen Augen auf ihren Gegenüber. Um Ihren Mann zu überraschen?- Keineswegs,- sagte die Dame. Im Gegenteil, ich habe ihn gekauft, um ihn zu provozieren. Seltsames Motiv.- Der Maler zeichnete. Soll ich Ihnen noch was sagen?- Mit größten Vergnügen,- sagte der Maler. Bitte nicht bewegen.- Ich habe den Verdacht, dass er die Reise unternimmt, um mit mir abzuschließen.- Uh,- sagte der Maler.- Die Dame sah zum Ozean hinüber.
An Bord des Schiffes sind 8000 Personen. Bei solchen Massen fällt das Verschwinden eines einzelnen nicht auf. Das Schiff macht eine Fahrt von 22 Knoten. In Minuten ist es von der Stelle meilenweit entfernt, wo es passiert ist.- Was denn passiert?-fragte der Maler. Er schmeißt mich über Bord. Wir gehen nachts auf Deck spazieren und er schmeißt mich runter. Ganz einfach. Sieh doch mal da unten, Tussi, -sagt er, ich trete an die Reling, er macht einen Schritt zurück und packt mich an den Beinen. Das Ganze dauert nur Sekunden. Es ist dunkel, Zeugen gibt es nicht.- Ich bitte Sie, Ihr Mann ist doch kein Mörder,-sagte der Maler und skizzierte. Das Schiff fährt unter dem Gesetz von Malta, Maltaflagge. Malta ist weit weg. Auf jeder dieser Fahrten gehen Leute über Bord, ohne dass viel aufgeklärt wird. Meine Frau hat letzte Nacht die Kabine verlassen,-sagt er. Hab geschlafen, keine Ahnung, was passiert ist.- Der Maler hatte aufgehört zu zeichnen. Über diese Aspekte einer Kreuzfahrt hatte er noch nicht nachgedacht. Ihr Mann ist doch kein Mörder,- wiederholte er. Gestern fiel mir ein, dass er in letzter Zeit von dem perfekten Mord gesprochen hat. Zum Beispiel? -habe ich gefragt. Ich bitte Sie, Sie sollten das entspannt sehen.- Der Maler zeichnete das rechte Auge.
Vor ein paar Tagen sagt er, liebes Tußchen, möchtest du nicht einmal nachts auf Deck spazieren gehen? Nein, aber vielleicht morgen oder nächste Woche, sage ich.- Der Maler wandte sich dem Ohr der Dame zu. Danach skizzierte er den Haaransatz über dem linken Auge. Wenn ich Geld ausgebe, wird er wütend. Schließlich ist man Konsument, nicht wahr? Soll ich kein Souvenir bekommen auf dieser letzten Reise? Was malen Sie denn da die ganze Zeit? Darf ich mal sehen?- Die Dame nahm dem Maler seinen Block aus der Hand und erblickte das Gesellenstück ihrer Physiognomie in Einzelteilen. Aha, erklärte sie, genauso fühle ich mich auch.- Die Dame gab ihm seinen Block zurück. Wie teuer war denn der Smaragd?- fragte er, um von dem Eindruck abzulenken, den sein Werk gemacht zu haben schien. Zweitausendvierhundertfünfzig.- Der Maler senkte seinen Block und sah die Dame an. Dollar,- ergänzte sie. Es fragt sich, wann er es bemerkt. Er kontrolliert sein Konto auf der Reise wenig.- Bitte einmal um die Achse drehen,- sagte der Maler, der sich über nichts mehr wunderte. Wieso denn das?- Ich brauche Ihren Kopf von hinten.- Der Maler ging um sie herum, die Dame drehte sich mit ihm im Kreis. Er überlegte, ob er ihren Busen einbeziehen sollte. Allerdings verschwand er so am Leib der Frau, dass er kaum zu sehen war. Der Man im Laden sagt, er kann die Zukunft sehen.- Wer?- Der Smaragd.- Der Maler staunte über die Vertrauensseligkeit der Dame. Wie macht er denn das?-fragte er. Man muss zählen. Ich trage ihn am kleinen Finger, weil man so am besten zählt. Links anfangen, rechts aufhören.- Die Dame drehte den Ring an ihrem Finger hin und her. Der Maler nahm das rechte Auge ins Visier. Krabbelt dort ein Insekt? Der Maler starrte auf die Augenbraue. Die Frau begann zu zählen, sie schob die Finger ihrer Hand wie auf einem Rechenrahmen auf die Seite. Er bringt mich…. er bringt mich nicht…. er bringt mich… er bringt mich nicht….. Es geht immer anders aus. Ich habe mindestens schon zehnmal durchgezählt.- Sind Sie sicher dass das wirklich ein Smaragd ist?-fragte der Maler. Die Dame sah ihn an. Ich habe ein Zertifikat, erklärte sie.-
Man kann solche Steine bedampfen. Dann sehen sie besonders echt aus.- Glauben Sie, dass hier betrogen wird?- Der Maler zeichnete. Unter dem Schlot fiel mir einmal Ruß auf beide Arme. Unter Deck sind lauter Filipinos. Billigarbeitskräfte. Ich habe mit einem gesprochen, der sich nach oben verirrt hat. Er erzählte mir, was er verdient. Auf welchem Dampfer reisen Sie?- Ocean Adventure.- sagte der Maler. Die Dame befühlte den Smaragd. Ich frage Sie im Ernst: Kann man jemanden wie mich für längere Zeit ertragen oder sogar lieben? -Wie meinen Sie das?- Ich meine, kann ein Mann sich mit einer Frau wie mir gewissermaßen länger anfreunden? Bedenken Sie mein Aussehen.- Gar keine Frage,- sagte der Maler.
Er überlegte.- Dann sagte er…:- der Ghostwriter strich, was er sagte, aus dem Heft. Er fand es inadäquat. Später setzte er es wieder ein, weil ihm nichts Angebrachtes einfiel. Während er sprach, setzte der Maler seine Skizze fort. Die Antwort war so hingesprochen, er hatte sich nicht viel dabei gedacht, vielleicht war sie im Tonfall etwas burschikos. Die Dame richtete ihren Blick auf ihn. Eine Pause entstand. Plötzlich trat sie dicht an ihn heran, holte mit dem rechten Arm kurz aus und gab ihm eine Backpfeife, dass ihm der Block aus der Hand rutschte und die Touristen im Laden sich nach der Szene umwandten. Ich gebe Ihnen Recht, es sind die Einzelteile.- Die Dame machte auf dem Absatz kehrt und trippelte davon. Der Maler hob seinen Block auf und sah ihr nach. Er wandte sich erneut dem Poster zu. Die Figuren standen wieder in der Reihe. Die Catarina Calavera fehlte immer noch. Ihm war eingefallen, dass vorne links im ersten Viertel des Mural eine Wünschelrute auf dem Boden liegt. Angeblich bietet sie den Schlüssel zur Erklärung für die Ordnung der Figuren. Er fand sie nach einigem Suchen. Sie liegt vorne vor dem schlafenden Indigenen auf dem Boden. Mit der Gabel zeigt sie auf die Mutter mit dem Kind.

5

Der Maler ging aus dem Geschäft und suchte nach dem Ausgang aus dem Terminal. Das dumpfe Tuten von den Piers ertönte pausenlos. Die Menschenmenge schob sich durch die Kolonaden. Die Beschilderung zur Orientierung war nicht hilfreich. Im Delphinarium kletterten die Kinder auf den Rücken der Delphine. Zwei Männer in Zivil traten auf den Maler zu. Sie sprachen ihn zuerst auf Spanisch an und dann auf Englisch. Einer war kurz und stämmig mit großem Kopf, platter Nase und Igelschnitt, der Zweite hager und nervös mit käsiger Gesichtshaut und messerscharfen Lippen. Der Maler war in Eile. Was wollten die von ihm? Sie führten ihn in einen Raum, in dem ein Stuhl, ein Tisch und darauf ein Rechner standen. Licht kam durch ein Fenster in der Decke. Der Raum sah einer Zelle nicht ganz unähnlich. Der Maler hatte Zeit verloren. Sein Schiff steche in kurzer Zeit in See und setzte seine Reise fort nach Kuba. Bitte!- Wollten die Herren dafür verantwortlich sein, dass er sein Schiff verpasste? Er sah auf seine Uhr, die Männer sahen ebenfalls auf ihre Uhren. Alles würde schnell gehen. Keine Sorge. Der Maler wurde aufgefordert, sich zu setzen und sich auszuweisen. Da man auf Kreuzfahrtreisen seinen Pass abgibt, hatte er sich ein zweites Exemplar besorgt und den ersten als vermisst gemeldet. Er zeigt er seinen Ausweis vor. Die Männer nahmen seine Personalien auf und übertrugen sie in das Gerät.
Im Hintergrund ertönten die Signale. Der Maler erklärte auf Englisch, dass er sich beeilen müsse. Die Beamten stimmten zu: Kein Problem.- Zeit genug. Kannten sie die Abfahrtszeiten seines Schiffs? Der Maler wurde aufgefordert, seine Taschen auszuleeren. Schlüssel, Smartfon, Münzen, Scheine, Bleistiftstummel, Bordkarte, Blocks, Automatenkarten, Pfefferminz, Kuchenkrümel, Teile eines Plastikmessers, mit dem er seine Kuchenstücke aufgeschnitten hatte, Bleistiftminen, Pinselhaare, die Cohiba. Er hatte seine Taschen lange nicht geleert. Der Maler wurde aufgefordert, seine Schuhe ausziehen. Die Beamten fuhren mit den Händen hinein und verbogen die Sohlen. Einmal kurz den Mund,- sagte der Große, an dessen Nase sich die Feuchtigkeit abzeichnete. Er öffnete den Mund. Der andere begutachtete das Inventar, das auf dem Tisch lag, er nahm Teile des Plastikmessers und versuchte sie zusammenzusetzen, als könne er damit ein Rätsel lösen.
Der Maler überlegte, ob er protestieren konnte oder sollte. Mit der mexikanischen Sicherheit wollte er sich nicht anlegen. Er öffnete den Mund und grimassierte. Der Beamte leuchtete mit einer LED-Lampe hinein. Schließlich musste er die Hose fallen lassen und stand nun in Boxershorts vor den Beamten. Sie zogen den Gürtel heraus und bogen ihn hin und her. Sie interessierten sich für die Zigarre. Der Hagere bröckelte sie auseinander. Er zerbröselten die Krümel, nahm sie in den Mund, kaute und spie sie auf den Boden. Der Beamte mit dem Igelschnitt fragte, auf welchem Schiff der Maler fahre und ob er die Cohiba dort erstanden habe. Der Maler sagte Ja.- Die Beamten wechselten einen Blick. Das Gesicht des Mannes mit dem großen Kopf wich plötzlich rückwärts und sah winzig aus. Die Zunge kam heraus und auf ihr lagen Augen. Großartiges Motiv! Genau wie damals auf dem Weg. Das Ganze dauerte Bruchteile von Sekunden. Dann war es verschwunden. Der Maler starrte den Beamten an. Mein Schiff! -schrie er und reckte den Arm in Richtung der Piers. Der große Kopf trat einen Schritt zurück. Der andere Beamte verließ den Raum. Der Maler wurde aufgefordert, einen Text zu unterschreiben. Er unterschrieb unleserlich, raffte sein Zeug zusammen und stürzte aus dem Raum. Man hielt ihn nicht zurück.

6

Im Terminal stieg er auf eine Mauer, um sich zu vergewissern, was auf den Piers vorging. Sie schienen sehr weit weg. Es würde knapp, bemerkte er, als er die Lage überblickte. Die Ocean Adventure mit ihren stumpfen Anstrich lag in der Sonne der Karibik wie eine Fata Morgana. An den quer gebauten Anlegern hatten zwei weitere Kreuzfahrtschiffe festgemacht. Der Maler kniff die Brauen zusammen und traute seinen Augen nicht: die Dame, sein gewichtiges Modell, war die Hälfte einer Gangway hochgeklettert, deren eines Ende in der Luft hing, da sie eingezogen wurde. Sein Modell hing etwa in der Mitte. Die Gangway schien sich unter dem Gewicht der Dame zu verbiegen. Zwei Mitarbeiter in weißem Dress krochen unter Verrenkungen auf die Dame zu, die sich mit überraschender Behändigkeit die Leiter hocharbeitete, und zogen sie an Bord. Die anderen Gangways hingen in der Luft. Eine war noch ausgefahren. Vor den Augen des Malers fing es an zu flimmern. Aus der Distanz war schwer zu schätzen, ob ein Spurt noch helfen würde. Auf dem Anleger strömte ihm die Menschenmenge entgegen, die aus dem Bauch der nächsten Kreuzfahrtschiffe quoll.
Der Maler kämpfte sich durch die Gestalten. Man fühlte sich an eine Völkerwanderung erinnert, die in Freizeitkleidung stattfand. Er wich den Passagieren aus, so gut es bei dem Tempo ging, das nötig war, wollte er sich nicht den Vorwurf machen, zu langsam gewesen zu sein. Die Menschenmenge verfolgte seinen Spurt mit sportlichem Interesse, man wich ihm aus, trat beiseite, öffnete eine Gasse. In einer Dame meinte er die Kassiererin seines Supermarkts zu erkennen. Schon wollte er sie grüßen, aber sie starrte so missmutig vor sich hin, dass er es unterließ. Die Hitze wurde tropisch, das Wasser lief ihm in die Augen. Er hatte seine Brauen wieder stark beschnitten, der gleiche Fehler wie beim letzten Mal. Er entschuldigte sich unablässig, riss einen Rollator auf die Seite, lief in eine Frau hinein, zog Kleidungsstücke mit sich, hing an einem Sonnenschirm, sah in entsetzte Mienen, rannte ein Kind um, hörte das Geschrei der Mutter und kam außer Atem.
Die Anstrengung in der Hitze der Karibik war er nicht gewohnt. Das Tempo würde nicht zu halten sein. Das Poster, das er zu einem hohen Preis der Verkäuferin noch abgeschwatzt hatte, knatterte im Wind, da die Verschnürung abgegangen war. Sein Schmerbauch schwabbelte und hinderte ihn am Vorwärtskommen. Schinken, Sahnetorten, Brötchen, Eis, Spirituosen: er hatte wahllos Zugegriffen: dem Überangebot an Bordverpflegung hatte er nicht lange widerstanden. Bewegte sich das Schiff bereits? Er stolperte über einen Turnschuh, rappelte sich hoch, jemand half ihm auf, er hörte beschwichtigende Worte. Der Sekundenzeiger seiner Uhr stand still. Auf der Mole wurde es noch enger in der Menge. Welche Massen fassten diese Schiffe! Sollte ein Atomkrieg ausbrechen, würde er auf einem dieser Kästen Zuflucht suchen. Vielleicht wurden sie zu diesem Zweck gebaut. Rhythmisches Klatschen war zu hören und Beifall wie auf einem Sportplatz. Das schien ihm zu gelten, seinem Endspurt, bekannt als Pier Running. Als er die Wasserkante erreicht hatte, betrug der Abstand zwischen ihm und dem Schiff circa einen Meter. Eine der Gangways hing noch in der Luft, allerdings schon sehr weit oben. Der Schiffsrumpf ragte vor ihm auf wie eine Steilwand, Sekunden überlegte er zu springen. Unten gurgelte das Wasser, aufgewirbelt von der Schiffsschraube: Sumpfig grün, graugelb und käsig. In großer Trägheit löste sich das Schiff vom Kai und drehte Richtung Norden. Der Schlot mit seinen auswärts gebogenen Düsen stieß Rauch in fetten Schwaden aus.
Die Hitze wurde infernalisch. Halt!- schrie der Maler, er wedelte mit den Armen, während ihm der Schweiß in Strömen in die Augen lief. Halt! Schließlich habe ich bezahlt! Gottverdammt! Halt an!- Die Passagiere standen in langen Reihen an der Reling und filmten seinen Abschied. Vermutlich ging er bald auf whatsapp um den Globus und würde dann im Netz zu sehen sein. Wer zu spät kommt…,- rief jemand. Zurück!-schrie der Maler. Es war zu spät. Einer der Passagiere zeigte einen Vogel. Die vier Freunde standen an der Reling. Sie gestikulieren, er hörte sie rufen, aber es war nichts zu verstehen. Da stand ihr Spaßonkel auf der Pier und japste. Das Hemd klebte ihm am Körper. Ihm wurde heiß und kalt und wieder heiß. Er sah zu den Achterdecks, wo in der Tiefe der Aufbauten seine Kabine liegen musste. Seine Skizzen fuhren ohne ihn nach Kuba. Lutz tänzelte von einem Bein auf das andere. Wir gehn zum Kapitän! Wenn das Ding nicht umkehrt, bricht die Meuterei aus.- Die Vier verschwanden von der Reling. Die Männer, die die Vertäuung der Ocean Adventure gelöst hatten, standen auf der Pier und beäugten ihn mit freundlicher Anteilnahme. In einer Öffnung über dem Wasser erschien Schiffspersonal und vollführte bedauernde Handbewegungen. Man rief etwas, das von den dröhnenden Signalen des dritten Kreuzfahrtschiffs übertönt wurde. Cetumal…. Flugzeug …Bus…-
Manche Passagiere an der Reling winkten ebenfalls. Der Maler meinte Ingo und Monika zu sehen, sie Lehrerin, er arbeitslos. Sie führten Tagebuch über ihren sexuellen Umgang, Volker und Merula, er Bibliothekar, sie kellnerte, erwartete ein Kind, Roland und Christine, älteres Ehepaar, das überwiegend aß und sich zerstritt, Harmonia und Joaquin, die Reise ihrer Trennung, Solvey, Hans und wie sie hießen. Der alte Herr, mit dem die Freunde unterwegs waren, saß regungslos in seinem Rollstuhl. Manche hatte er flüchtig skizziert. Er erfuhr Details. Entscheidend war jedoch die Physiognomie. Und dort- war das nicht sein Modell? Der Maler versuchte etwas zu erkennen. Zeigte es ihm eine Nase? Das vierte Kreuzfahrtschiff ließ seine dröhnenden Signale hören.
Er war dehydriert, ihm wurde schwarz vor Augen, er setzte sich und hielt den Kopf zwischen die Knie. Seine Kehle war staubtrocken. Mechanisch befühlte er die Taschen seiner Fliegerjacke. Pass, Scheine, Visa, Smartfon und so weiter. Auch sein Gepäck fuhr ohne ihn nach Kuba. Er wollte seinen Freunden winken, hob den Kopf, sah sie aber nicht mehr an der Reling. Aus den Skizzen, die er angefertigt hatte, sollte ein Tableau werden. Der Titel „Arche Noah“ stand noch nicht fest. Die Badeanstalt auf dem Schiff hatte Anschauungsmaterial in Fülle hergegeben. Die Bäuche reizten zu schwungvollen Linien. Seine Blätter hatte er in einer Mappe aufbewahrt. Die Idee war noch nicht ausgereift, die Skizzen waren nur ein Anfang. Philipp, Lutz und Kevin erschienen wieder an der Reling. Das Smartfon in der Brusttasche des Malers klingelte. Er fummelte es heraus und legte sich auf den Boden, um seinen Kreislauf zu verbessern. Philipp schrie und fuchtelte mit den Armen. Sie haben uns nicht vorgelassen. Rache ist Blutwurst! Notfalls übernehmen wir das Schiff…- Die Leitung wurde unterbrochen. Lutz und Philipp redeten zugleich. Hallo?… Cozmel…und dann Bus …-Die Ocean Adventure entfernte sich mit wachsender Geschwindigkeit vom Kai. Die Leitung funktionierte, dann brach sie wieder ab. Der Maler hörte Philips Stimme, Lutz und Kevin schrieen durcheinander. Cozmel ist ne Insel. …Bus im Terminal!- Die Verbindung riss. Cancun!- rief jemand dazwischen. Flugzeug!- Die Verbindung kam zurück. Klar..?- Jemand blies auf einer Stadiontrompete. Eine Borddurchsage zerfiel in ihre Echos. Im Smartfon Kevins drückte jemand seine Anteilnahme aus. Man hörte Bordmusik. Ein Pärchen tanzte an der Reling.

7

Das Mädchen weiter vorne auf der Pier war klein und zierlich. In seinem filigranen rosa Tüllkleid mit Blümchenmuster und gelben Schuhen mit Katzenschnurrbart sprach es in sein Smartfon. Es sah müde aus, als hätte es sehr lange nicht geschlafen. Sein Gesicht war rund und etwas formlos. Es schien äußerst jung zu sein. Das Kinn war klein und spitz. Auf der Unterlippe saß ein Piercing. Die Pupillen oszillierten zwischen etwas, das aus dem Abstand schwer erkennbar war, sein Gesichtsausdruck schien dem Maler seltsam störrisch und zugleich von somnambuler Friedfertigkeit. Im Mund war etwas, auf das gebissen wurde. Das ungekämmte gelbe Haar stand strohgelb in einem Wust vom Kopf ab und löste sich in Strähnen auf, die vom Wind verwirbelt wurden. Neben ihm stand ein Seesack auf der Pier. Hatte sie auch das Schiff verpasst? Ihr Smartphon war auf laut gestellt, die Stimme eines Mannes war zu hören.
Warum bist du nicht an Bord?- schrie die Stimme. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Ich frage, warum bist du nicht an Bord? Was geht hier vor? Bist du verrückt geworden?- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Auf einem der Decks war eine Gestalt zu erkennen, die sich von den anderen abhob, da sie erregt gestikulierte. Mit erhobenem Arm ballte sie die Faust. Das musste der Mann sein, der im Smartfon brüllte. Die Personen an der Reling wurden kleiner. Gleich darauf kam eine weitere Gestalt zum Vorschein, die ebenfalls gestikulierte, eine Frau. Eure Freakshow fährt jetzt ohne mich zum Teufel,- sagte das Mädchen. Was?-schrie die Männerstimme. Schöne Grüße an die einarmige Mumie von Kapitän und die Clowns auf dem Oberdeck.- Was?- Die Gestalt an der Reling wedelte mit den Armen. Grüße an die Kakerlaken und den Hotzenplotz im Motorraum,- sagte das Mädchen. Mexiko, das ist das Land der toten Frauen,- hörte man die Frauenstimme. Du bist so gut wie tot!- Was hast du vor? Was soll das? -schrie der Mann. Und wir dachten, sie wäre geheilt.- So gut wie tot,- wiederholte jemand, der sich der Debatte anschloss. Direktion!-schrie die Männerstimme. Das wäre ja gelacht!- Das Schiff kehrt um, wir holen dich an Bord, verrückte Kreatur!- Erklärung an den Clown vom Dienst,- sagte das Mädchen: Ich fahre nicht mehr mit. Meine Reise ist zu Ende. Ich bin am Ziel.- Terminal! Costa Maya,- schrie die Männerstimme. Jemand wird vermisst, Polizei!- Der Tod ist groß im Land der alten Mexikaner,- sagte jemand. Und minderjährig ist sie obendrein!- rief die Frauenstimme. Sie schrie aus Leibeskräften, die Stimme überschlug sich. Eine Bemerkung über Leichenfunde kam in Gang.- Der Rest der Rede ging im Lärm der Schiffssignale unter. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgesamtzahl spielt das keine Rolle,- sagte jemand. Das weiß ich,- schrie der Mann, der offenbar der Vater war. Gute Nacht und gute Reise ins Nirwana,-sagte das Mädchen. Es hielt sein Smartphon in den Wind. Aus der Entfernung klang das Schreien wie Gezeter. Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack, es war ein Tischtuch aus dem Speisesaal der Ocean Adventure. Der Maler erkannte es am Muster. Das Mädchen faltete das Tischtuch auseinander. Es flatterte im Wind und drohte weg zu fliegen. Das Mädchen drehte sich im Kreis und winkte. Der Wink schien ihm zu gelten. Als der Maler stand, wurde ihm schwindlig. Der Horizont fing an zu rotieren. Das Mädchen winkte noch einmal. Galt das ihm? Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Der Maler kam heran. Merkwürdige Erscheinung. Im Text des Malers fanden sich Beschreibungen, die der Ghostwriter als geschmacklos durchstrich. Allerdings fiel ihm erst einmal nichts Besseres ein. Bitte halten Sie das Tuch vor mich, sagte das Mädchen, ich zieh mich um, Garderobe.- Den Kopf zur Seite.- Der Maler nahm das Tischtuch in Empfang, das es mit ausgestreckten Armen hinhielt. Unten mit den Füßen,- sagte das Mädchen.
Der Maler hielt das Tuch hoch und stellte sich mit den Füßen darauf, so dass es nicht mehr flatterte. Das Tuch stellte sich waagerecht. Der Maler sah das Piercing auf der Lippe und starrte es an. Ist so etwas nicht ungesund?-wollte er fragen. Die Lippen waren seltsam rauh. Nicht glotzen,- sagte das Mädchen. Den Kopf zur Seite.- Sein Smartfon klingelte. Der Maler ließ das Tischtuch los, das augenblicklich wegflog. Er rannte hinterher und bekam es am Ende der Mole zu fassen, kurz bevor es ins Wasser schoss. Im Smartfon meldete sich Wolfgang. Meuterei!-rief eine Jungenstimme. Wir setzen die Kiste auf Grund!- Das vierte Kreuzfahrtschiff war jetzt vertäut. Die Gangways fielen auf den Kai. Die nächste Menschenmenge kam herunter und bewegte sich in Trecks zum Terminal. Dazwischen fuhren Wägelchen wie aus einem Spielzeugladen. Es herrschte Hochbetrieb. Aus dem Handy des Mädchens kam eine Männerstimme, die in ein anderes Smartfon sprach. Wen darf ich melden?- fragte jemand, der nur undeutlich zu hören war. Man hörte einen Namen. Das Mädchen zog das Tüllkleid über den Kopf, knüllte es zusammen und stopfte es in den Seesack. Es ging so schnell, dass der Maler kaum etwas mitbekam. Unter dem Kleid kamen eine Jeansjacke und eine sandfarbene Kargohose zum Vorschein. Am Gürtel hing ein Karabinerhaken. Das Mädchen zog die gelben Schuhe aus und holte zwei Lederhalbschuhe mit Stahlkappen aus dem Seesack. Der Wind riss das Tischtuch in die Höhe. Bitte die Füße unten drauf.- sagte es und sah den Maler tadelnd an. Den Kopf zur Seite.- Im Smartfon meldete sich der Hundebuttler der Ocean Adventure. Im Hintergrund ertönte das Gebell von Hunden. Ich verbinde,- sagte eine Stimme, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich will nicht die Hunde,- schrie die Männerstimme, sondern die Kreuzfahrtdirektion! Auf welchem Deck?- fragte eine Stimme, die nicht die des Hundebuttlers war. Das Mädchen kicherte. Es zog mit aller Kraft an seinem gelben Haarwust. Mit Entsetzen sah der Maler zu. Die Mähne kam herunter und landete auf der Pier. Darunter kam ein Pottschnitt grün gefärbter Haare zum Vorschein. Die Verwandlung war so vollständig, dass das Mädchen kaum noch zu erkennen war.
Die Schuhe,-sagte es. Wohin damit?- Wenn Sie möchten, nehme ich sie an mich.-Der Maler wusste nicht, warum er das jetzt sagte. Was wollen Sie damit? Ich werfe sie ins Meer,- sagte das Mädchen. Mein Abschiedsgeschenk an die Kreuzfahrt.-Dann kommen sie vermutlich irgendwann bei Grönland oder bei den Eskimos raus.- Wollen Sie sie herumtragen? Wie man hört, malen Sie.- Der Maler staunte. Woher wissen sie denn das?- Bei der Wasserrutsche hab ich Sie gesehen. Ich stand über Ihnen oben auf dem Deck. Das Labyrinth aus Blech hab ich in alle Richtungen durchquert, es bestätigt jedes Vorurteil. Ich war danach war so deprimiert, dass ich nur noch schlafen wollte.-
Aus dem Smartfon kam ein Lärm, als schlage man mit Schuhen auf die Reling. Lawnkeeper, sechstes Deck,- rief jemand. Die Stimme flatterte im Wind. Morgen um elf Uhr Picknick auf dem Oberdeck. Der La- La- Lawn ist knackig präpariert. -Der Bierbrauobermeister war der nächste in der Leitung. Die Chemie kommt…. die Chemie kommt nicht… in meinem Bier….- Kreuzfahrtdirektion!-hörte man die Männerstimme schreien. Moment mal,-sagte jemand anderes. Die Leitung knackte. Wen darf ich melden?-fragte eine Frauenstimme. Einen Hund Felizitas mit Namen gibt es nicht an Bord,- meldete der Hundebuttler sich zurück. Zur Hölle mit euren Hunden!- schrie die Männerstimme. Kindchen, warum bist du nicht an Bord?- fragte die Frauenstimme. Das ist die Kinderfrau vom sechsten Deck,- sagte das Mädchen. Sie hat auf mich aufgepasst wie auf ein Baby. Sagen Sie ihr, dass ich nicht weiter mitfahr.- Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass das die Dame nicht mehr mitfährt,- meldete er pünktlich.
Kindchen, was ist los? Hat es dir an Bord denn nicht gefallen? Wir haben alles was das Herz begehrt. An Bord herrscht Luxus pur ganz wie zuhause. Wir sind das Paradies der Meere.- Sagen Sie der Frau, mit ihrem Pipifax und ihrem Kindergarten soll sie mich in Ruhe lassen. Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass sie Sie in Ruhe lassen sollen mit Ihrem Pipifax und Ihrem Kindergarten,- meldete der Maler. Kindchen, hast du vielleicht ein kleines psychologisches Problem? Ist gar nicht schlimm, das haben wir doch alle hin und hin und wieder. Hör zu, ich erkläre dir, wie du zurückkommst…. Du nimmst den Bus nach….Hallo?- Ich soll sagen, dass Sie In Ruhe lassen sollen,- wiederholte der Maler.- Aber Schätzchen, ist doch alles wie zuhause! Hör zu, du fährst nach Playa Carmen mit dem Bus…von dort aus….Cozumel, die wunderschöne….- Hallo?- Augenblick mal,- sagte eine andere Stimme. Noch zehn Minuten bis Buffallo,- rief jemand dazwischen. Sagen Sie ihr, dass ich nicht zu dieser Insel fahre.- Ich soll sagen, dass sie nicht zu dieser Insel fährt, erklärte der Maler.
Die Nany sog den Atem durch die Nase. Sie verlor hörbar die Geduld. Ich sehe, du hast plötzlich grüne Haare. Wir haben Färbekurse für die Dame! Dazu bekommst du gratis eine Wohlfühlmassage in der Ayurveda Lounge.- Sagen Sie ihr, dass ich diese Lounge nicht betreten werde!- Ich soll sagen, dass sie diese Lounge nicht betreten wird,- sagte der Maler. Als nächstes hörte man die die Männerstimme, die ins Handy schrie. Schreien Sie nicht so,- sagte die Chefnany. Ihre Tochter ist kein Wickelkind.- Im Smartphon des Malers meldete sich Wolfgang. Die Leitung riss ab. An Land ist ne Security,- sagte Philipp. Man erwartet euch.- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Der Vater des Mädchens beobachtete jetzt die Pier mit einen Fernrohr. Ich war im Knast, sagte das Mädchen. Da wird die Post kontrolliert.- Wer ist denn dieser Typ da auf der Mole neben ihr?- fragte eine jugendliche Stimme, die sich bisher nicht zu Wort gemeldet hatte. Kein Zweifel, Watson, das ist ihr Zuhälter,- sagte eine andere Stimme. Das Mädchen sah zum Schiff hinüber, wo die Gestalten jetzt schon winzig wurden. Meine Brüder. Auf den Schulhof haben sie gekokst.- Auf dem Schulhof haben sie gekokst,- sprach der Maler in das Handy. Das Mädchen hielt ihm die Hand vor den Mund. Am Horizont ertönte neues dumpfes Tuten. Ein fünfter Kreuzfahrtdampfer zeichnete sich ab.
Im Dschungel wird sie auf die Überständer krabbeln. Ich hab´s geahnt! Die Tarnfarbe hat sie schon drauf.- Dann kann sie uns ja auf die Köpfe machen,- sagte die andere Stimme.- Aufbruch zur Mission der Brüllaffen! Wenn du oben bist, schick uns ne Ansichtskarte.- Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack. Es gab dem Maler einen Marker. Bitte malen Sie mir etwas ins Gesicht, eine Maske oder sowas. Wahrscheinlich gibt es irgendwo Gesichtserkennung. Sonst komme ich womöglich nicht aus diesem Getto raus.- Der Maler nahm den Marker in Empfang und fing an zu malen. Etwas näher,-sagte er. Er malte Ringe um die Augen, tönte die Innenflächen, ließ in der Mitte weiße Punkte frei und zog einen breiten Streifen über die Mundpartie. Er färbte die Nase schwarz und machte darauf aufmerksam, dass er als nächstes mit dem Finger die Farbe an bestimmten Stellen wieder ausradiere, um die Zähne zu markieren. Das Mädchen hielt die Augen geschlossen. Es ging voran. Es fehlte noch das Kinn. Als er fertig war, trat er zurück. Er war nicht unzufrieden mit dem Resultat. Das Mädchen suchte einen Taschenspiegel aus dem Seesack. Ob es mit dem Werk zufrieden sei, fragte er. Das Mädchen sagte ja-. Die Maske hatte Ähnlichkeit mit dem Kopf der Catarina Calavera auf dem Mural Riveras. Würden Sie mir auch Ihr Käppi leihen?- war die nächste Frage. Meine Haare sieht man meilenweit. Ich sollte sie nicht färben, das war eine Dummheit.-Der Maler zögerte. Das Käppi war sein Lieblingsstück. Er trug es, weil keine andere Kopfbedeckung zu ihm passte. Es war rot und blau und hatte ein festes Band, so dass es auch bei starkem Wind nicht abfiel. Die Aufschrift war in Schwedisch.
Der Maler nahm das Käppi ab und übergab es. Das Mädchen setzte es auf und zog es ins Gesicht. Sie bekommen es zurück, sobald ich von hier weg bin.-Der Maler überlegte, wie die Logik dieser Aussage zu interpretieren war. Mein Poster!-schrie er. Da vorn,- sagte das Mädchen. Der Maler sah sich um. Das Poster lag mit einem Stein beschwert am Rand der Mole. Jemand musste darauf Acht gegeben haben. Der Maler lief. Als er auf das Wasser sah, erblickte er das Tüllkleid und die strohgelbe Perücke. Sie hatten sich schon ziemlich weit entfernt. Die Ocean Adventure ließ zum Abschied die Signale dröhnen. Der Maler sah zum Schiff. Die Personen an der Reling waren zu Winzlingen geschrumpft. Der schreiende Mann telefonierte, mit der anderen Hand hielt er das Fernrohr über seinen Kopf. Die Beamten würden an der Stelle stehen, wo die Pier ins Ufer überging. Dort war der Flaschenhals, der die Passagiere überprüfbar machte. Der Maler hielt nach ihnen Ausschau. Es waren dieselben, die ihn sein Schiff hatten verpassen lassen. Laufschritt,- sagte er. Der Maler und das Mädchen gingen schneller. Sie schlossen sich einem Pulk an, wo die Menge am dichtesten war und besonders viele Kinder liefen. Die Beamten waren in ihrem schwarzen Outfit aus der Entfernung zu erkennen. Der mit dem großen Kopf telefonierte in sein Smartfon. Sie musterten die Passagiere. Das Mädchen griff die Hand des Malers. Wenn sie etwas fragen, sagen Sie kein Wort, stellen Sie sich dumm. Sie verstehen nichts. Sie sind meine Frau. Ich habe Sie vom Schiff geholt.- Das Mädchen sagte nichts, seine Hand war kalt. Eine der Passagierinnen trug einen Sonnenschirm. Der Maler und das Mädchen hielten sich dicht hinter ihr. Die Beamten ließen sich nicht täuschen. Der Hagere fasste sie, das Ohr am Smartfon, schon ins Auge. Er winkte sie heran. Das Mädchen zog das Käppi ins Gesicht.
Im Näherkommen starrte der Maler die Beamten einfach an. Nicht unverschämt, aber fest und unverwandt. Die Devise: Niederstarren.- Die Beamten mussten wissen, wen sie vor sich hatten. Sie mussten sich an ihn erinnern. Ihr Übereifer konnte für die Tourismusindustrie des Landes keine gute Werbung sein. Es war auch nicht geklärt, ob sie das Recht hatten, die Personalien des Mädchens festzustellen. Auf Englisch fragten sie, wer das Mädchen sei, ihr Name. Der Maler starrte sie nur an. Das Mädchen folgte seinem Beispiel und starrte die Beamten ebenfalls nur an. Als der mit dem großen Kopf nach ihrem Käppi greifen wollte, hielt sie es fest.
Die Beamten überlegten, sie tauschten Bemerkungen auf Spanisch aus. Sie schienen unschlüssig. Im Smartfon schien der Mann vom Schilf zu sprechen. Die Beamten wiederholten ihre Frage. Sie fragten nach dem Pass des Mädchens. Die Methode schien Erfolg zu haben. Der Maler starrte den Beamten in die Augen. Das Mädchen orientierte sich an ihm und tat das Gleiche. Nicht mit der Wimper zucken,-sagte er. Nach wiederholter Ansprache, Fragen nach dem Pass und einem Starren ohne Antwort wuchs die Menschenmenge hinter ihnen. Der Flaschenhals war schmal. Die Ausweichmöglichkeiten waren kompliziert, links und rechts der Mole schlugen schaumgekrönte Wellen auf den Strand, Rufe wurden laut. Die Telefonverbindung zur Ocean Adventure schien nicht gut zu sein. Der hagere Beamte schüttelte sein Smartfon und übergab es an den mit dem Igelschnitt. Er sprach hinein, aber eine Antwort schien nicht durchzudringen. Die Ocean Adventure war hinter den neu angekommenen Schiffen verschwunden. Die Menge staute sich. Sie schob den Maler und das Mädchen mitsamt den Beamten langsam in das Terminal hinein. Die Beamten gingen rückwärts, was der Wahrheitsfindung auch nicht diente. Im Terminal herrschte der gleiche Hochbetrieb wie ehedem. Die Flamingos standen regungslos auf ihren Beinen, die Pseudokrieger tanzten ihre Tänze. Die gelben Schuhe standen auf der Pier.

8

Die 307 führt Im Norden nach Cancun, im Süden nach Chetumal, einer Küstenstadt an der Grenze zu Belize, der früheren Kolonie Honduras. Im Norden führt sie nach Cancun. Sie verläuft zur Küste parallel im Staat Quintana Roo. Fußgänger waren kaum zu sehen. Der Maler wanderte. Auf dem Sandweg aus dem Terminal hatten sich Staubwolken gekräuselt. Der Wind verwirbelte sie aufwärts, wo sie Schwaden bildeten. Majahual, das Dörfchen hinter ihm, schien nur aus Badekabinen zu bestehen. Strohdächer verloren sich im Hinterland. Zwei Jugendliche planschten mit Aquascootern durch das Wasser. Die Wellen brachen sich weit draußen vor der Küste. Unter Zapotebäumen standen Liegestühle.
Er hatte nach dem Namen des Mädchens gefragt. UP,- war die Antwort gewesen. Seine Maske hatte sich verschmiert. Touristen, die sich an den Rand des Areals verloren hatten, beäugten es wie ein Gespenst. UP und weiter?- Das Mädchen war gelaufen. Dann war es umgekehrt, hatte ihm sein Käppi zurückgegeben und dabei geknickst. Wohin des Wegs, UP?- hatte der Maler ihm nachgerufen. Das Mädchen war noch einmal umgekehrt und hatte über den Bildschirm seines Smartfons gewischt. Er leuchtete nur kurz. Der Maler hatte versucht, sich den Namen zu merken. Die Buchstaben U und P kamen nicht darin vor. Das Licht ging wieder aus. Aus der Entfernung hatte es UP, ade!- gerufen. Auf dem Weg hinter ihm formten sich Windhosen aus Staub. Der Maler hatte einen Mann gesehen, der so klein war, dass man ihn für einen Liliputaner halten konnte. Er hatte ein Zeichen gemacht. Ein Helikopter war im Tiefflug über das Areal gedonnert und das Mädchen war in sein Auto eingestiegen.
Die Beschilderung im Terminal wies auf einen Ruheraum hin (Restroom). Der Maler arbeitete sich durch die Menge und stand unvermittelt im Gewühl vor einem Herrn, dessen Physiognomie dem Mond in seiner achten Phase ähnelte, schien ihm. Das Kinn stand so weit vor, dass es die Stirn berühren musste, wenn der Mann den Mund zum Essen öffnen wollte. Phänomenal! dachte der Maler, wünschte allerschönsten guten Tag und sah unverwandt in das Gesicht hinein, in dem die Nase ebenfalls etwas Besonderes war. In vergangenen Epochen sah man solche Physiognomien auf Bildnissen, auf denen Jesus und sein Kreuz nach Golgatha geleitet wurden. Der Auftragsschreiber strich den Rest der zynischen Beschreibung aus dem Heft. Der Maler zückte seinen Block. Sein Gegenüber schien die Starrerei nicht zu goutieren. Er musterte den Maler ohne Worte. Seine Augen wurden eng. Mit dem Blick auf den Maler wurden sie noch enger. Er senkte seinen Kopf, wandte sich ab, und verschwand im Gewühl. Der Maler sah noch den Polunder schimmern.
Der Ruheraum des Terminals war überfüllt. Da er einen Wasserspender sah, quetschte er sich durch das Publikum. Ein babylonisches Gewirr von Sprachen schwirrte durch den Raum. Die Luft war schwül. Im Wasserspender waren nur noch Tropfen. Im Raum befanden sich drei Liegen, die eher provisorisch aussahen. Der Maler sah jetzt auch den Grund für das Gedränge. Auf einer der Liegen war ein Mann ausgestreckt, der seinem Aussehen zu schließen über neunzig Jahre alt sein musste. Er steckte in einen Fahrradanzug, der so eng war, dass sich das Knochengerüst in seiner Magerkeit darunter deutlich abzeichnete. Der Mann war ohnmächtig. Das Publikum stand international um ihn herum und diskutierte. Man hörte alle Sprachen. Eine Frau, die möglicherweise Schwedisch sprach, versuchte ihn auf die Seite zu legen. Eine andere legte ihm die Hand auf die Stirn und murmelte, als könne sie ihn durch das Handauflegen zu sich bringen. Seine Haut war grau, das Gesicht lief bläulich an. Speichel sickerte aus den Mundwinkeln des Mannes. Mercedes!- rief jemand. Eine Rotkreuzschwester in Uniform erschien und bat um Ruhe. Sie hielt das Ohr dicht an das Gesicht des Bewusstlosen. Der Maler sah sich um. Die Schwester schien eine Indigene zu sein. Nach kurzem Überlegen begann sie mit einer Herzdruckmassage. Durch den Druck auf das Herz wird der im Körper noch vorhandene Sauerstoff ins Hirn gepumpt. Die Schwester streckte wortlos ihre Hand aus. Jemand tat ein Taschentuch hinein. Nach weiteren Pressionen legte sie dem Patienten das Tuch über den Mund und begann abwechselnd seine Brust zu pressen und ihn zu beatmen. Von den Piers ertönte unaufhörlich dumpfes Tuten. Die Tür des Ruheraums ging auf und eine Frau im Badeanzug, mit türkisem Schleier auf dem Kopf und Birkenstocksandalen an den Füßen schob einen Rollator durch das Publikum. Als sie die Liege sah, blieb sie wie angewurzelt stehen, stürzte heran, sah den Mann und schrie: Mein Gott, Johannes, bist du verrückt geworden, einfach zu verschwinden? Wo warst du? Dein Rollator! Hören Sie sofort mit diesem Blödsinn auf!- Isch over,- sagte jemand. Mein Mann braucht einen Defibrillator. In Teneriffa gab es einen!- Die Schwester ließ sich nicht beirren. Abwechselnd presste sie den Brustkorb und beatmete den Patienten durch den Mund. Aufhören!- Die Dame machte Miene sich auf die Schwester stürzen, jemand hielt sie am Badeanzug fest, so dass sie ihn fast ausgezogen hätte.
Das rechte Bein des Liegenden begann zu zucken. Er bewegte seine Zehen, fing an zu zittern und zu stottern. Er setzte sich auf und musterte das Publikum, das ihn mit Empathie beäugte. Gratuliere, Lazarus, -sagte die Schwedin. Der Mann versuchte aufzustehen. Er schien noch nicht ganz bei Bewusstsein zu sein. Im Tod..im Tod,- stammelte er, sah… ich die kleine Mu….. – Er hörte auf zu sprechen und schwankte hin und her. Die Schwester stützte ihn, indem sie sich über die Liege beugte. Hilft jemand, ihn zu tragen? Der Mann ist gehunfähig!- Der Gerettete sah den Rollator und begann zu flüstern, als spräche er mit dem Gerät. Mein Gott, er wird mir noch verrückt.- Herr Lehmann (Postbeamter) bot an, den Gehunfähigen zu tragen. Seine Kinder quietschten vor Vergnügen. Die Ehefrau schien weniger begeistert. Beeilung!- rief die Frau mit einem Blick auf ihre Uhr. Das Publikum wich links und rechts zurück. Ein Spanier aus dem Schachklub Teneriffas ergriff die Beine des Geretteten. Die Nummer Ihrer Pier? Das Schiff?- Pacific Lagoon!- Die Formation begann zu laufen. Im gleichen Augenblick begann die Frau, die auf der zweiten Liege lag, zu stöhnen. Das Publikum schwenkte wie ein Mann zu ihr herum.
Die 307 Caretera war mäßig stark befahren. Am Fahrbahnrand standen Palmen in regelmäßigen Abständen. Die Häuser links und rechts waren mussten Wohngebäude oder kleine Industrie sein. Landeinwärts standen angefangene Bauten, auf denen unverputzte Mauern in die Höhe ragten. Im Süden baute sich ein Wetter auf. Die Ocean Adventure musste mittlerweile schon weit draußen auf der See sein. Mit ihrer Abfahrt hatte sich der Horizont allmählich aufgelöst. Auf den Prospekten der Kreuzfahrt war dem Maler aufgefallen, dass diese Schiffe ihre Umwelt und die Landschaft reduzierten, bis beide fast verschwunden sind. Die vier Freunde mochten bei den Automaten im Casino sein. Sie amüsierte sich dort regelmäßig damit, den Steward, der die Aufsicht hatte, an der Nase herumzuführen. Der Maler winkte einem Collectivo. Der Fahrer winkte ab. Der Bus war überfüllt. Ein Käfer stellte sich als Taxi heraus aber der Wortschatz des Fahrers beschränkte sich in Englisch auf die Zahlen von eins bis hundert. Der Fahrpreis schien dem Maler überteuert. Nach Chetumal mochten es von hier aus fünfzig oder sechzig Kilometer sein. Der Maler hielt den Daumen auf die Straße, aber es hielt niemand für ihn für ihn an. Auf dem Display seines Smartfons waren neue Ikons aufgepoppt. Das Poster trug er in einem Plastikrucksack, den es im Terminal gegeben hatte, bei sich. Darin waren außerdem die Catharina-Calavera.Puppe und ein neuer Block. An einer Baustelle, wo eine großflächige Beschilderung den Bau eines Hotelkomplexes anzeigte, stieß er auf drei Backpackerinnen aus Kanada. Einer der Backpacks überragte seine Trägerin um mehr als einen Meter. Die Mädchen trugen abgeschabte Jeans, die Sohlen ihrer Schuhe waren flachgelaufen. Sie waren seit einem halben Jahr auf der Straße. Die Haare hingen ihnen in Fransen in die Stirnen. Sie hatten eine Abenteuertour durch den Regenwald des Amazonas hinter sich, wo sie um ein Haar verhungert und verdurstet wären. Ihre Rettung verdanken sie einem indigenen Volk, das mit der Außenwelt noch kaum Kontakt gehabt hatte. Sensation! Die Mädchen twittern für die Community. Das Abenteuer hatte ihre Seelenreifung ungemein beschleunigt. Der Maler fragte nach dem Namen jenes Stammes. Irgendwas mit Asadabu, war die Antwort. Waren sie einander nicht in Katmandu schon über den Weg gelaufen? Ein Betonmischer fuhr vorbei. Die laut rotierende Trommel unterbrach die Unterhaltung. Auf der Baustelle hob eine Betonpumpe den Arm. Uagadugu, Sidney, Santa Anna, Lima waren einige der nächsten Ziele. Ein Jet erschien am Horizont. In Chetumal war offenbar ein Flughafen.
Ein Wagen, auf dessen Ladefläche eine Party abgehalten wurde, verlangsamte sein Tempo. Das Gestänge war zur Hälfte mit einer Plane überspannt. Der Wagen war ein umgebautes Militärfahrzeug. Man hörte Technobeat, Geschrei und Lachen. Die Damen trugen T-shirts und Bikinioberteile, die jugendlichen Männer leichte Hemden und Trainingshosen. Man bog sich vor Vergnügen über etwas, das nicht sichtbar war, tanzte auf der Ladefläche und schwenkte Limonadeflaschen. Der Wagen kam zum Stehen, der Fahrer öffnete die Tür und sprang heraus. Die Gesellschaft folgte ihm. Der Fahrer stellte sich als ein Herr Halbgeil vor. Er sprach Deutsch und Englisch durcheinander. Bungee Swing im Dschungelcamp! Zip Parcour, Rafting über Urwaldflüsse, Baden im Cenote-Reservoir, Achterbahn im Regenwald und Quad mit Riesenreifen. In der Reisegruppe waren noch zwei Plätze frei.
Ein Quad? Das ist ein offenes Geländefahrzeug mit Ballonreifen. Man rast mit einem Affenzahn über die Dschungelpfade.- Herr Halbgeil demonstrierte am Prospekt der Firma, was es damit auf sich hatte. Hauptsache Adrenalin!- Auf den Bildern des Prospekts waren Jugendliche abgebildet, die wie Schimpansen durch die Urwaldriesen turnten und sich zuletzt in einen See hinunter plumpsen ließen. Das Ziel der Gruppe war ein Reservat in der Nähe Bonampaks. Die Animateurinnen verteilten Cola kostenfrei. Der Maler hatte von den Dingen, über die Herr Halbgeil referierte, kaum jemals gehört. Es schien aber kein Interesse zu bestehen, dass jemand sich der Gruppe anschloss, obgleich Herr Halbgeil sie in der Manier eines Zirkusdirektors beschrieben hatte. Der Maler sah dem Wagen nach. Die Damen winkten lebhaft. Später stieß er auf zwei weitere Backpacker, einen Jugendlichen aus Korea und einen Studenten aus Singapur. Sie konzentrierten sich auf ihre Smartfons. Der Koreaner war von Feuerland herauf gedriftet. Eines seiner nächsten Ziele war der Nordwesten Kanadas mit seinen Eskimos. Er würde sie auf ihrer Robbenjagd begleiten. Crow River? Der Maler hatte von der Gegend nie etwas gehört. Ganz offensichtlich hatte er die Mobilität der Globalisierung verschlafen.
Cozumel hieß diese Insel. Der Name war ihm wieder eingefallen. In seiner Tasche meldete das Smartfon sich, er wischte über das Display. Die Verbindung kam nicht zu Stande. Der Himmel über Cetumal im Süden wurde dunkler. Wenn er die Ocean Adventure noch erreichen wollte, war es an der Zeit. Er hielt den Daumen auf die Straße und hielt nach einem Bus Ausschau. Mexiko war offenbar kein gutes Land zum Trampen. Jedenfalls nicht für Männer. In einiger Entfernung zeichnete sich jetzt ein Verkehrsstau ab. Eine Kolonne hatte sich gebildet. Pkws, Lieferwagen und große Laster blieben stehen und bewegten sich im Schritttempo weiter. Der Maler passierte die Wagenschlange. Die Ursache des Staus schien eine Frau zu sein. Sie stand am Straßenrand, spielte Flöte und wiegte sich im Rhythmus ihrer Töne hin und her. Von Zeit zu Zeit wechselte sie das Standbein. Sie trug ein bauchfreies Oberteil mit Spaghettiträgern. Offenbar war ihr entgangen, dass der linke Träger weit herabgesunken war, so dass ihre Brust zu sehen war. Das untere Textil ihrer Bekleidung erinnerte an ein Korsett. Die fünf oder sechs Töne ihres Spiels wiederholten sich in monotoner Folge. Die Statur der Frau war eindrucksvoll. Sie musste fast zwei Meter groß sein. Neben ihr stand ein Rucksack. Sie spielte mit geschlossenen Augen. Dem Maler fiel sofort der Zöllner ein, das Bild war großformatig, wie er sich erinnerte. Man sieht dort eine Flötenspielerin, die mit ihren Melodien die Schlangen aus dem Urwald lockt. Sie steht am Ufer eines Flusses, dessen Wasser sich im Mondlicht spiegelt, und das die Szenerie in grünes Licht taucht. Zwei Schlangen ringeln sich um ihren Hals. Ihre Augen glitzern. Die Insassen der Pkws bestaunten die Flötistin durch die Fenster ihrer Wagen. Sie hielten an, blieben stehen, fuhren weiter und blieben wieder stehen, manche stießen Pfiffe aus, andere riefen etwas, Autotüren klappten, ein Fiat hupte im Stakkato. Weitere schlossen sich an. Es entstand ein Hupkonzert. Benzingeruch lag in der Luft.
Der Maler zückte seinen Block. Die Brust der Frau war birnenförmig. Gelegenheit zum Akt hatte er seit langem nicht gehabt. Eine gute Übung. Das Geräusch eines Motorrads in schneller Fahrt kam näher. Auf dem Streifen neben der Kolonne fuhr ein Ordnungshüter vor. Der Mann schien kein Verkehrspolizist zu sein. Sein schwarzer Helm und die schusssichere Weste ließen darauf schließen. Sein weiteres Outfit bestand aus einem Walkie Talkie, Funkgerätgerät, Spraydose, Schlagstock und MP. Der Mann hielt neben der Flötistin mit scharfem Bremsen an. Die Frau ließ sich nicht stören und spielte mit geschlossenen Augen weiter, indem sie sich im Takt der Töne wiegte. Der Beamte tippte ihr, ohne vom Rad zu steigen, auf die Schulter. Die Frau erschrak, schlug die Augen auf und zog den Träger ihres Oberteils nach oben. Das Hupkonzert, das jetzt noch zunahm, erschwerte die Verständigung. Der Beamte hob die Hand. Es wurde etwas stiller, nur weiter hinten hupte es noch weiter. Etliche Personen stiegen aus, um die Verhandlung zu verfolgen und schlossen sich der Gruppe an. Die Unterhaltung fand auf Englisch statt, so dass der Maler folgen konnte.
Ob die Dame sich bewusst sei, dass sie den Verkehr hier aufhalte. Ihr Äußeres entspreche nicht dem Stand der Konvention. Die Frau entschuldigte sich umständlich, jedoch nicht für ihren Auftritt oder den Verkehrsstau, sondern für das Unrecht, das die weiße Rasse an der Urbevölkerung des Landes vor Jahrhunderten verübt habe. Auch sie gehöre zu den Übeltätern. Die weiße Rasse sei zum Untergang verurteilt. Ihr Ende stehe kurz bevor. Meine Flöte ist eine Anasazi, das älteste Instrument der Ureinwohner. Mit ihr beschwöre ich die Geister der Vergangenheit, besonders die der letzten Könige, die ohne Grund ermordet worden sind.- Der Beamte schenkte ihren Erklärungen keinerlei Interesse. Er erklärte, die Dame möge ihr Gepäck aufnehmen, das Lungern an der Straße bleiben lassen und sich in einem Autobus verfügen, der sie sicher an ihr Ziel bringen werde. Das Hupkonzert nahm ab. Die Frau erklärte, ihr nächstes Ziel sei Bonampak. Dort werde sie auf den Ruinen spielen und die Geister der Vergangenheit beschwören. Wenn sie erschienen, würde sie sie um Vergebung bitten. Die Menge lauschte, teils gespannt, teils verständnislos, den Mienen der Umstehenden war nicht zu entnehmen, ob jemand die Erklärung der Frau ernst nahm oder überhaupt verstand.

Der Beamte stellte sein Motorrad an, gab Gas und fuhr davon. Er schien in Eile. Die Frau verstaute ihre Flöte.

9

Der Fahrer des Mopeds, das kurz darauf neben dem Maler anhielt, schien ein Indigener zu sein. Er sah den Mann nur kurz von vorn, dann nur noch seinen Rücken. Er gab ein Zeichen mit der Hand, das zu bedeuten schien, der Maler könne auf dem Rücksitz mitfahren. Das physiognomische Profil der Ureinwohner kannte er aus Büchern oder aus Ausstellungen, die eine Zeitlang groß in Mode waren. Der mutmaßliche Indio hatte sein Haar hinter dem Kopf zu einem Dutt geknüllt, der von einem Gummiband zusammengehalten wurde. Als typisch für das Profil der Ureinwohner galten aufgeworfene Lippen und Stirnen, die nach hinten fliehen. Ob das für alle galt, Azteken, Maya, oder Inka, war dem Maler nicht bekannt. In den Abbildungen Büchern sah man stark gekrümmte Nasen und Locken, die sich über ihren Stirnen auftürmten. Der Mann trug einen stellenweise aufgeplatzten Anorak und darunter ein schwarzes T-Shirt. Der Maler dankte und setzte sich auf den Gepäcksitz. Das Metall bohrte sich in sein Gesäß. Das Fahrzeug machte nur mäßiges Tempo und der neue Mitfahrer verlangsamte es zusätzlich. Den Fahrer schien das nicht zu stören. Er sprach nicht und schien keine Auskunft zu erwarten. Später murmelte er in einer Sprache, die der Maler nicht verstand.
Er hielt sich am Gepäcksitz fest. Zwischenzeitlich war ihm wieder schwindlig. Das Poster drohte aus dem Sack zu rutschen. Er bemühte sich, ihn so zu halten, dass es nicht noch weiter einriss. Die Idee, es durch das Land zu tragen, erschien ihm mittlerweile leicht grotesk. Der Himmel hatte sich Im Süden weiter eingedunkelt. Der Auspuff des Gefährts qualmte sehr stark. Cetumal 40 Kilometer, las er auf einem Schild am Straßenrand. Links und rechts der Caretera standen zwischen niederem Grün einförmige Wohnhäuser. Der Maler krümmte sich, um einen Blick nach vorne auf die Straße werfen zu können. Er bat den Fahrer anzuhalten, er tippte ihm auf die Schulter. Der Fahrer reagierte nicht. Der Maler hörte Worte, die er nicht verstand. Er tippte stärker und fasste den Mann am Arm. Das Moped wurde langsam, sonst keine Reaktion. Dem Maler war das Wort für danke eingefallen. Er sagte es so laut wie möglich, um das Knattern des Gefährts übertönen und sprang vom Sitz. Der Fahrer blickte sich nicht um.
Neben dem Mädchen stand ein Polizeibeamter mit hoch aufgeschossener Statur. Er war ähnlich ausgerüstet wie der Kollege vorher. Auch er trug einen schwarzen Helm. An seiner Ausstattung waren Walkie Talkie, Schlagstock und andere Funkionen angebracht. Das automatische Gewehr klemmte unterm Sattel des Motorrads. Das Mädchen musste weitere Versuche unternommen haben, sich die schwarze Farbe vom Gesicht zu wischen. Der Marker schien hervorragend zu haften. So war eine Schmiererei entstanden, die es ungepflegt und verwildert aussehen ließ. Gibt es Probleme?- fragte der Maler, bemüht, die Ironie zu unterdrücken. Er erinnerte sich an die Vorhaltungen seiner Familie auf der Pier bei der Abfahrt der Ocean Adventure. Das Mädchen verzog sein Gesicht. Das Piercing auf der Unterlippe machte die Bewegung mit. Der Beamte nahm von der Ankunft des Malers nur oberflächlich Notiz, er tippte etwas in sein Smartfon. Auf der Metallverkleidung des Motorrads stand in weißen Lettern „Policia Municipal“. Die auf Spanisch geführte Auseinandersetzung musste sich schon eine Weile hingezogen zu haben. Auf dem Sattel des Motorrads lag ein Tablet. Der Maler brachte guten Tag auf Spanisch an, ihm war eingefallen, wie das hieß. Der Beamte nickte kurz. Er schien so wenig Zeit zu haben wie der Kollege vorher. In schneller Folge stellte er dem Mädchen Fragen, die der Maler nicht verstand. Er scheint meine grünen Haare nicht zu mögen. Außerdem: Mein Ausweis. Als Minderjährige kann ich angeblich hier nicht trampen, zu gefährlich.- Wo wollen Sie denn hin in Mexiko?- fragte der Maler. Ich soll mir außerdem die Farbe aus dem Gesicht wischen.- Haben Sie Verwandte in Mexiko?- Nö.- Das Mädchen nahm sein Smartfon aus der Tasche und wischte auf dem Bildschirm. Der Beamte schien auf eine Information zu warten. Er horchte in sein Handy und ging zu dem Tablett, auf dem ein Film zu laufen schien. Er sah hinein und filmte das Mädchen, das erst protestieren wollte, es aber dann unterließ. Der Beamte wiederholte mehrfach einen Namen. Der Maler überlegte, wo er das Gesicht des Mannes schon gesehen hatte. Irgendwo auf den Kanälen, aber vermutlich irrte er sich. Er zückte seinen Block und begann umstandslos zu zeichnen. Der Beamte sah kurz auf und schüttelte den Kopf. Der Maler steckte seinen Block weg.
Der Beamte sagte etwas. Erklären Sie ihm doch, dass wir auf Hochzeitreise sind,- schlug der Maler vor. Vielleicht hilft das.- Das Mädchen sah ihn an. Ich brauche noch einmal Ihr Käppi.- Der Maler nahm sein Käppi ab und wandte sich an den Beamten. Englisch?- fragte er. Der Beamte war mit den Ereignissen auf dem Tablet beschäftigt. Aus dem Gerät kamen chaotische Geräusche, Kratztöne und Stimmengewirr. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Der Beamtete hustete ins Telefon. Das Mädchen ist meine Frau,-sagte der Maler auf Englisch. Er sprach sehr laut, wir sind verheiratet und befinden uns auf unserer Hochzeitreise.-
Der Beamte musterte den Maler. Da er mindestens zwei Köpfe größer war als er, blickte er von oben auf ihn nieder. In seiner Miene entfaltete sich etwas, das seine Augen leicht zusammenzurücken ließ. Der Maler wiederholte trotzdem seine Aussage. Das Mädchen übersetzte. Die Antwort des Beamten bestand aus einem einzigen Wort. Was hat er gesagt?- Er hat „Schmalz“ gesagt.-Schmalz?- Der Beamte ergänzte etwas, das der Maler nicht verstand. Minderjährige sind in Ihrem Land so wenig heiratsfähig wie bei uns. Wo Sind denn unsere Ringe?- Wer ihn verhonepiepeln will, kann sich auf was gefasst machen.- Wir hatten vor, die Ringe hier in Mexiko zu kaufen.- Das Mädchen übersetzte. In Ländern wie Afghanistan und Deutschland ist die Ehe unter Minderjährigen erlaubt.- Der Beamte fixierte den Maler und hob den Zeigefinger seiner rechten Hand bis hin die Nähe seiner Nase. Er wiederholte den Begriff von vorher. Er hat Schmalz gesagt,- sagte das Mädchen. Im Smartfon war jetzt eine Stimme, die der Maler von der Costa Maya kannte. Im Hintergrund ertönte dumpfes Tuten. Der Beamte musterte das Mädchen und machte eine Handbewegung, die zu bedeuten schien, es möge auf dem Rücksitz des Motorrades Platz nehmen. Das Mädchen wurde bleich unter der Markerfarbe.
In diesem Augenblick zerriss der Faden, der das im Rucksack steckende Mural zusammenhielt, so dass es herausfiel heraus viel und sich in voller Größe auseinanderfaltete. Auf der Straße wich ein Wagen aus. Der Beamte drehte sich um. Der Maler hielt das Poster hoch, so dass die erste Reihe der Personen gut zu sehen war. Das Mädchen hielt das andere Ende fest, damit der Wind es nicht davon riss. Mit einer Länge von vier Metern war das Poster imposant. Der Beamte war am Telefon, trat aber heran. Je länger er das Bild betrachtete, desto bemerkenswerter schien er es zu finden. Er sah sich um und machte ein paar Schritte. Er trat dicht heran und ging dann wieder auf und ab. Sein Gang wurde quasi symmetrisch-militärisch. Es sah aus, als nehme er die Parade der Personen ab, die in der ersten Reihe stehen. Ein Windstoß fuhr über die Straße und wirbelte den Staub auf. Das Poster flatterte. Der Maler faltete das Bild so weit wie möglich auseinander. Zwei farbige Bauarbeiter blieben auf der Straßenseite gegenüber stehen und beobachten die Szene. Die Blicke des Beamten wanderten jetzt auf dem Poster hin und her. Sie hielten in der rechten unteren Hälfte an und der Beamte rieb sich das Kinn. Die Verbindung auf seinem Handy schien jetzt stark gestört zu werden. Er verlor allmählich die Geduld mit dem Kontakt. Aus seinem Walkie Talkie kamen wieder knisternde Geräusche. Er beugte sich noch weiter vor und fixierte eine Stelle auf dem Poster etwa auf der Mittelachse rechts. Wen er dort ins Auge fasste, war schwer zu erkennen. Man sieht dort unter anderem die Generäle Victoriano Huerta und Manuel Mondragon. Unter ihren militärischen Kopfbedeckungen malt sich ein Grimm auf ihren Mienen, der einen rücksichtslosen Herrschaftswillen kennzeichnet.
Der Beamte richtete sich zu seiner vollen Größe auf, nahm seinen Helm vom Kopf und salutierte. Der Maler salutierte ebenfalls. Das Haar des Mannes war schon grau. Ohne seinen Helm sah er viel älter aus und seltsam väterlich. Vielleicht stand demnächst seine Pensionierung an. Er bewegte seine Lippen. Er hat Porfirio gesagt,- sagte das Mädchen, das ihn zu verstehen schien. Die historischen Analen zu Porfirio Diaz besagen, dass er mit seinem Ausverkauf des Landes an die Kolonialmächte die Revolution der Landbevölkerung und Indigenen Mexikos auslöste. Auf dem Tablet des Beamten ging die Geräuschkulisse weiter. Man hörte jetzt Kommandos, metallisches Geklirr und das Dröhnen von Motoren. Der Beamte schien als nächstes auf dem Poster jemanden zu suchen. Er beugte sich nach vorn, schien aber nichts zu finden. Der Maler und das Mädchen hielten das Gemälde höher. Die Bauarbeiter von gegenüber betrachteten jetzt ebenfalls das Bild. Das Fehlen der Catharina Calavera schien niemand zu bemerken.
Wir möchten Sie doch herzlich bitten….für unsere Hochzeitsreise …..Eine Empfehlung…- unterbrach der Maler die Betrachtung. Der Beamte sah abwechselnd auf den Bildschirm seines Handys und das Poster. Erklären Sie ihm, dass wir für unsere Hochzeitreise eines Empfehlungsschreibens für das Konsulat in Mexiko-Stadt bedürfen. Außerdem: Er soll uns seinen Segen geben. Darauf legen wir den größten Wert. Seine Autorität ist unser Glück und Talisman!- Das Mädchen sah ihn an. Es sagte etwas, das vermutlich die Übersetzung der Idee des Malers war. Der Beamte sah vom Poster auf. Er setzte seinen Helm erst auf und dann wieder ab, er ging zu seinem Motorrad und richtete den Blick auf das Tablett. Er schien zu überlegen und wischte auf dem Bildschirm hin und her. Er kam zurück, trat auf das Mädchen und den Maler zu und hob den Arm. Die Bewegung sah in ihrer ersten Phase so aus wie die des uniformierten Polizisten, der auf dem Bild Riveras die Indigenen aus dem Alamedapark vertreibt, damit sie den Sonntagnachmittagspaziergang des mondänen Bürgertums nicht behindern. Sie veränderte sich in ihrer zweiten Phase, unvermittelt nahm der Beamte jetzt die Hand des Mädchens und legte sie in die Malers, die er hinhielt. Das Mädchen riss die Augen auf.
Der Maler hielt die Hand fest, so dass es sie ihm nicht entziehen konnte. Der Beamte machte eine Bewegung mit dem Arm und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Das Mädchen übersetzte. Er sagt: Hochzeitskuss.- Das ist der letzte Schritt, ihn loszuwerden, Happy End.- Ich lehne solche Küsse ab wie überhaupt das ganze dämliche Brimborium.- Die Frage ist, was daraus folgt. Der Mann scheint weder Zeit noch Lust zu haben, sich weiter mit Ihnen aufzuhalten. Vermutlich landen Sie dann wieder auf dem Schiff. Den Namen weiß er schon: Ocean Adventure.- Nein,- sagte das Mädchen. Es tut nicht weh, ist gleich vorbei.- Das Piercing auf der Unterlippe schmeckte nach Metall. Das Mädchen presste seine Lippen aufeinander. Seine Augen unter dem Käppi wurden so schmal, dass der Maler die Pupillen nicht mehr sehen konnte. Es zog den Kopf zurück, soweit es konnte. Als der Maler länger wollte, als es für die Form vor dem Beamten nötig war, kniff es ihn in die Seite, dass es weh tat. Der Maler sah die verschmierten Markerstriche des Gesichts. Das Mädchen wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte etwas, das im Lärm der Straße unterging. Der Ordnungshüter hob die Hand wie jemand, der sich anschickt, eine Warnung auszusprechen. Man sah jetzt, dass er das Gesicht verzog. Nur die rechte Hälfte seiner Physiognomie bewegte sich dabei, die linke Hälfte blieb vollkommen starr. Er schien zu schmunzeln. Seine Haare hoben sich im Wind. Im Hintergrund verfinsterte das Firmament sich weiter. Für Sekunden überlegte der Maler, ob es sinnvoll war zu knien. Das Mädchen sah ihn an. Die Handbewegung des Beamten brach am Ende ihrer ersten Phase ab. Montes Azules,- hörte er. Das ist der Ort, an den Sie wollen?- Ja.- Der Maler betrachtete den Karabinerhaken der am Hosengürtel hing. Auf dem Display des Smartfons sah er einen Namen und UP, daneben eine Nummer. Er fotografierte das Display. In diesem Augenblick begann auf dem Tablet des Ordnungshüters neuer Lärm. Er betrachtete den Vorgang und tippte etwas in sein Handy. Auf dem Tablet schien jetzt ein neuer Film zu laufen. Im Smartfon war Geschrei. Man hörte Klingelzeichen, die von Pfeifgeräuschen überlagert waren. Der Beamte wischte über das Display. Das Mädchen sagte: Panzer.- Der Beamte machte eine Handbewegung, die das Mädchen fernhielt. Auf dem Smartfon war jetzt pausenlos Alarm.
Mein Rivera!- schrie der Maler. Sein Poster flatterte die Caretera hinunter, überschlug sich, rollte sich zusammen und wieder auseinander, es machte Bewegungen wie ein großer Fisch und war schon weit entfernt. Als der Maler es erreicht hatte und zusammenrollte, fuhr seine Braut mit Hochgeschwindigkeit an ihm vorbei. Sie saß auf dem Rücksitz eines Motorrollers, dessen Fahrer wie ein Gnom in schwarzer Montur auf seinem Sattel hockte. Das Gesicht verschwand fast völlig unter einer Schutzbrille. Das Mädchen streckte die Zunge heraus und winkte mit dem Käppi. Der Maler sah ihm nach und hob die Hand wie die Häuptlinge in alten Filmen. Es drehte kurz den Kopf und grinste. Sekunden später folgte der Beamte ebenfalls mit Hochgeschwindigkeit. Er gab Vollgas, so dass das Vorderarad des Fahrzeugs in die Höhe stieg.

10

Der Name dieser Insel, wo er das Schiff erreichen konnte, fiel ihm nicht mehr ein. Er versuchte die Karte Mexikos auf seinem Smartfon aufzurufen. Die Funktion war nicht vorhanden. Auf der Ocean Adventure musste jetzt Kaffeestunde sein. Dort war immer Kaffeestunde. Unaufhörlich aß man, trank man und versank im Liegestuhl. Die Stewards wanderten herum und boten an. Sein Modell saß jetzt vielleicht an einer Eiscremetorte. Der Hundebutler kämmte seine Pudel, der Lawn Keeper würde das Picknick für den nächsten Morgen vorbereiten. Die Sehnsucht nach dem Schiff befiel den Maler. Er musste etwas essen. Die Sahnetorte hatte es ihm dort besonders angetan. Je mehr er davon gegessen hatte, desto mehr hatte sein Magen sich daran gewöhnt. Vom Eissalon zu schweigen, Tee um Mitternacht, Snack Bistro, die globale Kulinarik. Sein Smartfon zeigte 15:00 Uhr. Vermutlich war die Uhrzeit falsch. Auf dem Bildschirm gingen Lichter an und wieder aus. Er brauchte eine Sim für Mexiko. Der Fahrer eines Busses winkte ab. Er war offensichtlich für den Pauschaltourismus reserviert. Durch die getönten Fenster beäugten die Insassen den an der Straße Stehenden mit gelangweiltem Interesse. Seine Mappe mit den Skizzen würde bald in Kuba sein. Genau wie sein Gepäck. Der Wind hatte an Stärke zugenommen. Die nächsten Böen drohten ihm das Poster wieder aus der Hand zu reißen. Er verstaute es in seinen Rucksack. Dabei zerknitterte es weiter. Er setzte sich in Gang. Ein Taxi, das vorbeikam, hielt nicht an, vermutlich hatte er zu spät gewinkt. Die nächste Wolke war noch dunkler als die vorige, sie überzog die Straße mit einem Nieselregen. Der Maler hielt den Daumen auf die Straße. Er sah sich um, ob es in den Wohnhäusern links und rechts die Möglichkeit gab, sich unterzustellen.
Bevor es losging, musste er die Küstenstadt erreichen. Sie stand nicht auf dem Programm der Kreuzfahrt. Deshalb hatte er sie bei seiner Reisevorbereitung unberücksichtigt gelassen wie überhaupt das ganze Mexiko. Minuten später fielen erste Tropfen. Sie klatschten ihm aufs Hirn, wo jetzt das Käppi fehlte. In Richtung Cetumal war der Himmel schwarz. Was weiter hinten folgte, sah noch übler aus. Von irgendwo kam leises Donnergrollen. Abseits der Straße stand ein Rohbau, aus dessen Obergeschoss verrottete Pfeiler in die Höhe ragten. Das Gelände sah verwildert aus. Geduckt rannte der Maler auf die Bauruine zu. Er stolperte über Eisenteile, Strohmatten, Rohrstücke, Zementbrocken und verrottete Betonsäcke, stieg über einen Vorsprung und betrat ein Zimmer, dessen Wände bis zur halben Höhe fertig waren. Vier oder fünf Männer wandten die Köpfe und sahen ihm entgegen. Sie hockten um eine Feuerstelle, von der dünner Rauch aufstieg. Der Maler fuhr zurück. Guten Tag,- sagte er auf Deutsch, möchte nicht stören. Die Männer sagten nichts.
Er verließ den Raum und nahm den Weg zur nächsten Bauruine. Es schien in dieser Gegend einige zu geben. Der Maler rannte wieder, aber ein Zaun versperrte ihm den Weg, über den er nicht hinweg kam. Der Himmel war jetzt so finster, dass es Nacht zu werden schien. An ein Weiterkommen war bei diesem Wetter nicht zu denken. Er kehrte in den Raum zurück, wiederholte Guten Tag auf Spanisch, zog seine Jacke aus, hängte sie auf einen Nagel, der aus der Wand kragte, und setzte sich auf einen ausgehärteten Zementsack in eine Ecke. Der Boden des Raumes war mit Bauschutt bedeckt. Papp- schachteln lagen in größeren Mengen herum. An manchen Stellen bildeten sie kleine Haufen. Ein süßlicher Geruch lag in der Luft. Von der Feuerstelle her ertönte leises Zirpen. Es klang, als würden Spielzeugharfen ausprobiert. Die Männer schienen auf Musikinstrumenten zu üben. Vielleicht waren es Musikanten. Zu hören war ein zirpendes Crescendo, das anschwoll und wieder abschwoll. Es war ein unmelodisches Geflirr, aus dem manchmal eine Melodie aufstieg. Der Maler sah hinüber. Von der musikalischen Kultur der Ureinwohner wusste er fast nichts wie auch sonst von mexikanischer Kultur. Nach ein paar Minuten sah der Jüngste her. Es folgte eine Handbewegung, der Maler schien eingeladen zu werden.
Er blieb stehen, zeigte auf sich selbst und nannte seinen Namen. Die Männer schienen Ureinwohner zu sein. Sie waren sehr alt. Einer rückte beiseite. Der Maler sagte das Wort für Danke, das ihm eingefallen war. Die Männer sagten nichts, sie sahen aber freundlich aus. Nur einer war ein Junger. Es war der, der ihm gewunken hatte. Einer, der der Älteste zu sein schien, trug einen Cowboyhut, ein zweiter eine Wollmütze, die beiden anderen Strohhüte mit einer schwarzen Borte. Die Hosen der beiden waren längsgestreift in Weiß und Rosa. Ihre Gesichter waren so von Runzeln überzogen, dass sie einer archäologischen Grabung entstammen konnten. Ihre Anoraks waren zerschlissen. An der Wand im Hintergrund lehnten ein paar Schaufeln. Was gesprochen wurde, war kein Spanisch, wenn der Maler sich nicht irrte. Er sah nach den gekrümmten Nasen. Seine durchnässte Jeans klebte ihm am Körper. Die Feuerstelle bestand aus kreisförmig verlegten Mauersteinen, an denen Reste des Verputzes klebten, als Pfanne diente eine Platte aus Metall. Darauf lagen Maiskörner, die sich braun verfärbt hatten. Etliche waren schon schwarz. Maiskolben waren ebenfalls vorhanden. Der Jüngste hob die Platte mit einem Lappen an und blies ins Feuer, auf einem Pappkarton mit der Aufschrift „Amazon“ standen kleine Männchen. Sie bestanden offenbar aus Maiskörnern. Der Maler hob eines auf und riss die Verpackung auf. Zum Vorschein kam ein Eierschneider. Auf allen Schachteln, die überall verstreut am Boden lagen, stand der gleiche Absender. Bei dem global agierenden Versand musste sich ein Systemfehler eingeschlichen haben, was zu der massenhaften Lieferung von Eier-schneidern an eine nicht vorhandene Adresse führte. Da die Drähte solcher Eierschneider oft unterschiedlich scharf gespannt sind, kann man auf ihnen kleine Melodien spielen. Als Kind hatte es der Maler oft probiert. Allerdings lassen sich bestimmte Tonfolgen höchstens andeuten. Einer der Alten zupfte die Drähte mit einem Nagel, ein anderer zog ein Stöckchen über die Seiten und erzeugte eine Art Glissando. Der Mann mit dem Cowboyhut zupfte ein Crescendo, ein anderer versuchte Tremolos. Man hörte ein archaisches Orchester.
Die Männer schauten manchmal mit geschlossenen Augen in die Luft, als könne eine Antwort auf ihre Musik aus der Sphäre kommen. Sie koordinierten ihre Instrumente wie Spieler, die den Kammerton zu finden suchen. Der Jüngste produzierte melodiefreie Stakkatos. Er sah den Maler an und wies mit einer Handbewegung hinter sich. Er stand auf, hob ein Paket auf, riss die Verpackung auf und entnahm ihr einen Eierschneider. Es lag nahe, dass er sich an der Musik beteiligte. „Freude schöner Götterfunken“ kam ihm als erstes in den Sinn. Die Melodie war klassisch, aber schwierig. Als nächstes fiel ihm „Twist and Shout“ ein, ebenso klassisch. Zu denken war auch an „Der Tod und das Mädchen“. Aber die Melodie war komplizierter. Der Maler überlegte: „Fiesta Mexicana“, schien ihm am adäquatesten. Rex Guildo hatte dieses wunderschöne Lied gesungen, bevor er aus dem Fenster sprang.
Mit bloßen Fingern ließen sich die Drähte schlecht bedienen. Sie standen etwas zu eng. Der Maler suchte einem Nagel, um die Saiten einzeln besser anzuspielen. Etliche Schneider lagen schon mit gerissenen Drähten auf dem Boden. Beim seinem ersten Versuch rissen gleich mehrere Drähte. Der Nagel war zu unhandlich, außerdem verrostetet. Auf dem nächsten Instrument klemmte er die Drähte ab, um die Töne besser treffen zu können. Die Männer ließen sich nicht stören, schienen aber die Versuche des Malers zu beobachten. Die Melodie von „Fiesta Mexicana“ war auch nach weiteren Versuchen kaum zu erraten. Andererseits konnten sie die Männer gar nicht kennen. Aber auch darin konnte er sich irren. Seine musikalischen Bemühungen passten nicht zu dem, was die Indigenen spielten. Sie spielten besser, aber sie hatten ja auch schon die ganze Zeit geprobt. Der Maler konnte nicht erkennen, ob sie fantasierten oder ob es Melodien ihrer Traditionen waren, was sie spielten. Der Regen hing wie ein grauer Teppich vor den Wänden. Wenn die Saiten gerissen waren, packten die Männer neue Instrumente aus. Der dritte Eierschneider des Malers ging zu Bruch. Er ging im Raum herum und öffnete ein neues Päckchen. Da fiel ihm ein, dass er das Poster trocknen lassen konnte, das in der Nässe ziemlich gelitten hatte. Er zog es aus dem Rucksack, räumte Bauschutt weg, rollte es auseinander, stellte es an der Wand auf und stabilisierte es mit Zementsäcken. Die Männer sahen kurz hinüber, spielten weiter, legten dann ihre Instrumente hin, standen einer nach dem anderen auf und versammelten sich vor dem Bild. Ob sie es kannten, war zunächst nicht zu erkennen. Die Betrachtung nahm geraume Zeit in Anspruch. Nach einer Weile zeigte der Älteste auf eine Gestalt am äußeren linken Rand. Die anderen traten heran. Sie schienen an der Stelle jemanden in Augenschein zu nehmen. Man sieht dort unter anderem Hernán Cortés, den Eroberer des alten Mexiko. Er hebt die blutverschmierte Hand. Man sieht nur seinen Kopf und Oberkörper. Er steckt in einer Rüstung. Die Männer begannen zu murmeln und wandten sich den Männchen zu, die auf der Verpackung von Amazon eine kreisförmige Gruppe bildeten. Eine Beratung schien stattzufinden. Der Jüngste nahm den Spaten, räumte Bauschutt beiseite und hob ein Grab aus. Die anderen begaben sich erneut vor das Mural. Sie machten Bewegungen mit den Armen, als zögen sie etwas aus dem Bild heraus. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen spielten auf den Eierschneidern.
Als der oder das Betreffende heraus war, hielten sie es vor die Männchen auf der Pappe und murmelten im Chor. Eine Weile geschah nichts. Der Unsichtbare wurde durch die Luft geschwenkt und schien sich gegen seinen Abtransport zu wehren. Zwei Männer halfen ihn zu tragen. Er wurde zu der Grube gebracht, die der Jüngste ausgehoben hatte, und hineingedrückt. Die Grube wurde wieder zugeschüttet. Der Älteste kreuzte die Zeigefinger und zeigte auf den Hügel. Der Mann mit dem Strohhut brachte Strohhalme aus einer zweiten Müllschicht zum Vorschein, die unter dem Bausschutt liegen musste. Er verknotete die pinkfarbenen Halme zu einem Kreuz und befestigte sie auf dem Hügel. Der Älteste wandte sich an die Maismännchen und machte eine Handbewegung, die Missbilligung auszudrücken schien. Die Halme wurden wieder entfernt. Der Jüngste grub noch eimmal, aber diesmal tiefer in den Schutt und zum Vorschein kam vor allem Plastik. Es waren Fetzen, teilweise gut konservierte Tüten. Der Jüngste spießte eine auf ein Stöckchen, das er in den Hügel steckte. „Grünlandkäse, mil un nussig“ stand darauf.
Die Männer wanden sich erneut dem Poster zu und fassten eine weitere Gestalt ins Auge. Rechts neben Cortés sieht man den Bruder Zamárraga, einen Geistlichen mit Bischofhut und Mönchskutte. Er verwaltete in der Zeit der Conquista die Scheiterhaufen der Inquisition. Etwas rechts von ihm steht ein Inkognito im Dunkeln, das einen Dolch hält. Die Prozedur dauerte diesmal etwas länger. Der Geistliche schien erfolgreich Widerstand zu leisten, vielleicht aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte Mexikos. Er spreizte Arme und Beine und keilte nach den Seiten aus, wurde aber überwältigt. Der Bruder wurde in die Luft gehalten, hin und her geschwenkt und wie eine Pusteblume angeblasen. Der Jüngste hob die nächste Grube aus, das Smartfon in seiner Tasche klingelte. Der Älteste schüttelte den Kopf. Das Smartfon verschwand wieder in der Tasche. Neues Plastik wurde aus dem Müll geholt, auf ein Stöckchen gespießt und in den Grabhügel für den Bruder Zamarrágo gesteckt. Der Maler verdrehte den Kopf und las die Aufschrift der Verpackung: „Ldl Buttermil“.
Eine Pause wurde eingelegt. Die Männer aßen Mais und musizierten. Der Jüngste blies das Feuer an und legte eine Handvoll Körner auf die Platte. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen rissen weitere Pakete auf und konstruierten eine Trommel. Es wurde mehr aufs Rhythmische geachtet. Der Maler bekam ein Maismännchen. Er hatte Hunger und bedankte sich. Seine Finger wurden ölig. Ein Kistchen, in dem weiße trockene Scheiben lagen, wurde herumgereicht. Der Maler sah jetzt, was die Männer kauten. Der Mann mit dem Strohhut schnitt sein Blatt in Stücke. Im Mund behalten und nur kauen. Der Maler nahm die Blätterteile und begann zu kauen. Nach einer Weile zog sein Gaumen sich zusammen. Der Geschmack war ätzend bitter. Die Männer standen wieder auf und wandten sich erneut dem Poster zu. Die Unterhaltung wurde lebhafter. Vielleicht wurde über etwas abgestimmt. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen deuteten auf jemandem in der Reihe unterhalb des Luftballonverkäufers. Dort sieht man Maximilian in der Menge, den Kaiser als Vertreter Europas für die Provinz Neu-Mexiko. Dem Maler fiel das Bild Monets ein. Es existieren vier verschiedene Versionen der Erschießung. Der Maler hatte sie studiert. Die Leiche des Erhabenen war nach der Exekution recht übel zugerichtet, wurde aber trotzdem nach In Europa überführt. Die Männer zogen Maximilian aus dem Bild. Der Kaiser schien kaum Widerstand zu leisten, er wurde freudig begrüßt und hing jetzt an der Hand des Mannes mit dem Cowboyhut. Die anderen applaudierten mit den Eierschneidern. Der Kaiser wurde hin und her geschwenkt und in die Luft geblasen. Der Jüngste stieß einen Pfiff aus, der nach unten tiefer wurde, und hob die nächste Grube aus. In der Pause wurde wieder Mais gegessen. Auch der Maler durfte essen. Die Männer wandten sich danach erneut dem Poster zu. Ihre Unterredung wurde etwas lebhafter. Sie zeigten auf verschiedene Gestalten. Der mit dem Strohhut wies auf einen Greis, der in der ersten Reihe links unterhalb der Ballons mit der Aufschrift R M auf Krücken steht. Seine Brust ist mit Orden übersät. Er scheint im Stehen zum schlafen. Wer ist dieser Mann?
Während der Maler darüber nachdachte, stieß der Jüngste einen Ruf aus. Alle traten näher. Auf dem Spaten lag im Bauschutt ein Stück Fleisch. Der Mann mit dem Strohhut nahm es in die Hand, drehte es hin und her und roch daran. Der Älteste griff sich den Spaten, räumte den Bauschutt weg und erweiterte die Grube. Ein Gesicht kam zum Vorschein, dem die Nase fehlte. Es war mit Sand bedeckt, die rechte Hälfte war unkenntlich. Ein Auge lag daneben. Die Männer gruben mit den Händen weiter. Der Tote war von gedrungener Gestalt, die Haare umschlossenen seinen Kopf wie ein Sack aus schwarzem Material. Er trug keine Schuhe und mochte fünfzig Jahre alt sein. Die Männer hoben ihn aus der Vertiefung und legten ihn auf ein Brett, das der Jüngste aus dem Schutt zog. Der Tote war so starr wie das Brett, auf das er fiel. Er hatte eine Hose an, die auf Kniehöhe abgeschnitten war. Als er auf das Brett fiel, klang es hohl. Die Männer standen im Kreis um ihn herum und betrachteten ihn regungslos. Ihre Gesichter erinnerten den Maler an Skulpturen. Ihren Minen war nicht zu entnehmen, was sie dachten. Der Maler unterdrückte das Bedürfnis, sich zu übergeben, zückte seinen Block und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Die Indigenen redeten, hoben das Brett auf und trugen den Mann nach draußen.
Der Maler bleib unter der halb herab gerutschten Überdachung stehen. Der Regen fiel jetzt so dicht, dass die Gruppe auf der Stelle durchnässt war. Sie trugen den Toten ins Haus zurück und setzten ihn wieder ab. Der Jüngste ging noch einmal nach draußen und versuchte weiterzumachen. Das Gelände stand schon voller Pfützen. Nach ein paar Minuten lief das Wasser in die Grube. Den Toten hineinzulegen, hätte bedeutet ihn in einer Badewanne zu beerdigen. Es wurde noch dunkler in der Bauruine. Der Maler spürte eine große Müdigkeit. Das Ganze war zu viel für seine Nerven. Er suchte sich ein paar Zementsäcke zusammen, setzte sich auf dem Boden und lehnte den Kopf an die Wand. Das Zirpen der Eierschneider schläferte ihn ein. Der Geschmack des Blattes zog seinen Gaumen mehr und mehr zusammen. Die Männer wandten sich erneut dem Poster zu. Laternen, die im Straßenbau verwendet werden, wurden an den Seiten aufgestellt. Sie verbreiteten das Licht von Funzeln. Die Zeichnung kommt ins Grab, dachte der Maler, bevor er einnickte und zwischen Schlaf und Wachen an zu dösen fing. Im Dunkel waren die Gestalten auf dem Poster kaum noch zu erkennen. Deutlicher als vorher brannten die Scheiterhaufen. In der rechten Hälfte reitet die Armee Zapatas. An seinem Aufstand hatten eine große Anzahl indigener Frauen teilgenommen. Der Tote lag jetzt nicht mehr auf dem Brett, sondern stand rechts unten vor dem Bild. Der Maler fragte sich, wie er dorthin hingekommen war. Er sah auf einmal ein Familienfoto vor sich. Es war vergilbt und alt. Die Physiognomien – es waren mehrere auf einem Blatt- erinnerte an Fahndungsfotos. Zu sehen waren sieben oder acht Gesichter, die der Maler kannte. Er befand sich in einer Gesellschaft oder auf einer Party, aber die Namen der Personen fielen ihm nicht ein. Sie gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu sehen oder zu erkennen Er musste unsichtbar geworden sein. Der Mond ging gelb am rechten Bildrand auf. Der Maler konnte seinen Lauf am Firmament verfolgen. Er verschwand und ging am linken Bildrand wieder unter. Der Tote war in das Mural hinein gegangen. Er wandte sich nach rechts, wo der „Mann mit den zahllosen Millionen“ zu sehen ist. Man sieht nur sein Gesicht. Einen Namen hatte der Maler für ihn nie gefunden. Er scheint keinen zu haben. Auf dem Geld, das sich in seiner Nähe stapelt, sieht man die Zahl 500.000.000. Der Hinkende trug einen Wäschekorb und agierte wie ein Zirkusclown. Er füllte seinen Korb mit dem Papiergeld bei dem Mann mit den Millionen, trug es quer durch die Personen auf dem Alameda zu den Scheiterhaufen links und warf das Geld ins Feuer. Die Benitohüte durften Pause machen. Eine Säule stieg in die Höhe und löste sich in schwarzen Rauch auf. Im Schlaf stöhnte der Maler auf. In seiner Lage hätte er das Geld sehr gut gebrauchen können. Der Indigene humpelte zurück und fühlte seinen Wäschekorb erneut. Der Vorgang wiederholte sich. Erneut stieg eine Feuersäule auf und verlor sich aus dem Bild. Der Maler wollte sich die Haare raufen, bekam aber den Arm nicht hoch.
Auf einmal war jetzt auch die Catharina da, die Dame, die bisher gefehlt hatte. Sie kam wie mit dem Fahrstuhl aus dem Boden, der im Vordergrund des Bildes eigentlich nicht mehr dazu gehörte. Sie streckte sich, als ob sie gerade aus dem Schlaf gekommen wäre, sah sich um, wackelte mit dem Kopf und wandte sich nach links. Sie nahm den Bruder Zamárraga, der eigentlich schon in der Grube lag, den Bischofshut vom Kopf und gab ihm einen Kuss, der sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrte. Bei Hernán Cortés, der ebenfalls schon wieder seinen Platz gefunden hatte, fasste sie sich an den Po und hielt ihm das Ergebnis vor die Nase. Dem Mönch mit der Tonsur, der den Büßern auf den Scheiterhaufen das Kreuz vor das Gesicht hält, nahm sie es aus der Hand und hieb es ihm über den Schädel, sie tanzte auf die Kaiserin Carlotta zu,- die Gestalten links und rechts wichen zurück-, zog ihr den Rock über den Kopf und trat ihr ins Gesäß. Winifred Scott, den Kämpen des amerikanisch-mexikanischen Krieges, zupfte ihn roh am Backenbart, was ihn empört die Hand erheben ließ. Die Katrina gab ihm einen Nasenstüber, der seinen Kopf nach hinten sinken ließ. Dem Santa Anna neben ihm erging es ebenso. Vor Frieda Kahlo verbeugte sie sich tief, vor Posada knickste sie ironisch, dem jungen Rivera zog sie den Frosch aus der Tasche und verspeiste ihn vor seinen Augen.
Sie forderte den Präsidenten, der rechts außen oben schon die Hand auf die Millionen legt, zum Tangotanzen auf. Der Mann schien nicht gewillt, sich darauf einzulassen, er hatte aber keine Wahl. Die Gestalten wichen auf die Seite, so dass der Präsident in voller Größe auf die Bühne trat. Die Catharina machte große Schritte und schwenkte ihn im Kreis. Die Gelenkigkeit ihres Skeletts war eindrucksvoll. Ihr Kleid platzte an manchen Stellen aus den Nähten, so dass ihre Knochigkeit zum Vorschein kam. Der Präsident versuchte, sich ihren Armen zu entwinden, zur Antwort steigerte die Tänzerin das Tempo. Sie blickte fröhlich in die Runde, ihr Schädel wackelte, die Federboa flatterte. Sie wirbelte den Präsidenten durch das Bild. Bald legte sie ein solches Tempo vor, dass der Mann wie eine Puppe an ihr hing und sie ihn zu Boden fallen lassen konnte. Die Catharina gab ihm einen Kuss, der ihn nach hinten aus dem Bild beförderte. Als nächster war sein geistlicher Berater aufgefordert. Auch er schien sich zu widersetzen und lehnte dankend ab, schien aber keine Wahl zu haben. Die Catharina öffnete die Arme und schwenkte ihn herum. Er folgte ihr, als könne er nicht anders. Der Mann verlor allmählich die Balance und kippte aus den Schuhen. Die Catharina zog ihn hoch und biss in die Unterlippe. Der Kleriker lief an. Sie trieb ihn durch das Bild wie einen Luftballon und lenkte ihn im Kreis, so dass ihm sichtbar übel wurde. Respektvoll wichen die Gestalten auf die Seite. Der Mann verließ das Bild im Zustand einer Ohnmacht. Der Tote, der jetzt stärker hinkte als zuvor, hatte das Geld in Wäschekörben unaufhörlich durch das Bild geschafft und links ins Feuer geworfen. Die Stapel waren allerdings genauso groß wie vorher.
Mehrmals in der Nacht wurde der Maler wach. Der Regen rauschte sintflutartig weiter. Die Männer murmelten in ihrer Sprache. Sie redeten die ganze Nacht hindurch und traten immer wieder vor das Poster, machten Zugbewegungen. Von Zeit zu Zeit zirptenihre Eierschneider. Die Funzeln wanderten im Raum umher wie Glühwürmchen. Am nächsten Morgen hatte sich die Szenerie verändert. Der Maler sah sich um. Etwas mühsam kam er auf die Beine. Die Indigenen waren nicht mehr da. Ihre Schaufeln auch nicht. Auch von dem Toten war nichts mehr zu sehen. Die Feuerstelle war noch da, die Metallplatte fehlte. Vier oder fünf Maismännchen standen auf einer Pappschachtel. Der Maler zog sich die Blätterreste aus den Zähnen. Er unterdrückte einen Brechreiz, der ihn die ganze Nacht geplagt hatte, und immer stärker wurde und spie die Blätterreste auf den Boden. Er setzte sich an die Feuerstelle auf einen der Zementsäcke und aß die Männchen auf, von denen er annahm, dass sie Vielleicht für ihn gedacht waren. Oder auch nicht. Aber es schien sonst niemand mehr da zu sein, der sie hätte essen können.Eine Wasserflasche gab es auch noch.
„Utimos Testios“ las er auf einem Stück Pappe in wackeliger Schreibweise. Sein Poster lehnte an der Wand. Der Maler horchte, der Regen hatte aufgehört, er trat ins Freie. Das Gelände hatte sich in einen See verwandelt. Irgendwie musste er auf die Straße kommen. Sein Magen drehte sich. In einem Zug trank er die Wasserflasche aus. Danach ging es ihm etwas besser. Sein Smartfon zeigte kurz nach Sieben. Der Akku war fast leer. Er ging zurück ins Haus. Wo der Jüngste die Gruben ausgehoben hatte, ragten weitere Plastikreste aus dem Bauschutt. Die Hügel mit dem Grabschmuck waren noch vorhanden. Der Maler zerrte Plastik aus dem Sand. Es waren sackartige Planen, die man sich um die Beine wickeln konnte, bis alles halbwegs wasserdicht war. Er knüllte einen Streifen zusammen und band ihn sich um den Bauch, um die Umschnürung festzuhalten. In seinem Weltraumanzug stakste er durch den Raum, er rollte das Poster auf, schulterte den Rucksack und verließ den Bau. Die Indigenen waren nirgends zu sehen. Mit einer Eisenstange tastete er sich vor und watete durch das Gelände. Das Wasser war nicht besonders tief. An manchen Stellen sank er ein, einmal bis zu den Knien. Baureste ragten aus dem See. Man konnte aber schon die Caretera hören. In der Luft klang es jetzt wie das Schlagen von Flügeln. Ein Vogelschwarm schien oben zu ziehen. Der Maler sah hinauf. Ein Fluggerät blieb in einer Höhe von sieben bis zehn Metern über dem Gelände stehen. Es hatte vier Propeller und sie sirrten leise. Ein Mechanismus klappte auf und etwas fiel herunter, ein Paket. Es klatschte auf das Wasser, ganz in der Nähe, wo der Maler watete. Der Maler bückte sich und sah den Eierschneider, der langsam im Wasser unterging.

11

   UP
Der Bus war am Straßenrand stehen geblieben und hatte sich schräg gestellt, so dass die Tür nicht mehr aufzukriegen war. Er war zuletzt so langsam geworden, dass man im Schritttempo neben ihm hergehen konnte. Vermutlich hatte der Motor ausgesetzt. Die Passagiere, überwiegend Indigene, reichten ihre Kinder durch die Fenster. Der Fahrer lag mit dem Kopf auf dem Armen über dem Steuerrad. Eine Haltestelle war nirgends zu sehen. Sein Schnurrbart hob und senkte sich. Die Fahrgäste trugen Shorts und bunte Hemden. Einige hatten Plastiktüten und Hühner ohne Köpfe. Als sie ausgestiegen waren, bemerkte ich, dass manche Kinder- sie waren in dem Alter, wo man Laufen lernt- sich nur mühsam auf den Beinen hielten, sie knickten in den Kniegelenken ein, verloren das Gleichgewicht und fielen um. Auf dem Boden machten sie Bewegungen wie Schildkröten, die man auf den Rücken gedreht hat. Dabei lachten sie fröhlich, bis ihre Eltern sie aufhoben. Ein Kind in einem weißen Hemd stand da und sah mich unverwandt an.
Der Straßenpflaster war von Buckeln übersät, die an erkaltete Lava erinnerten. Der Bewuchs links und rechts der Straße schien aus Unterholz zu bestehen, das in das Stadium der Versteinerung übergegangen war. Die Masse war von Schichten überzogen, die seltsam schillerten. An einem auf der Höhe von circa fünf Metern gekappten Baumstamm hing ein Schild mit der Aufschrift „Gartenmöbel“. In der Ferne sah man etwas Grünes, vielleicht die Reste eines Tropenwaldes. Davor tat sich eine Graslandschaft auf, in deren Hügeln sich Rinder, die Köpfe am Boden, grasend fortbewegten. Nicht mehr weit,- sagte Herr Monce im Smartfon, du bist gleich da. Wir freuen uns. Sei sehr willkommen! Ein paar sind schon im Camp. Geh immer gerade aus. Da kommt ein Markt. Den musst du überqueren. Tokpu wartet auf dich. Er ist sehr hilfsbereit. Ein Lakanton. Du erkennst ihn am Thuraya. Er wird dich führen. Touch. Er wird sein Handy in die Höhe halten, wenn er dich sieht. Er kennt dich von dem Foto. Alle kennen hier dein Foto. Die Nummer ist…drei vier drei vier …acht…- Herr Monce wiederholte die Ziffern. Die Verbindung brach ab. Der Marktplatz, den er gemeint haben musste, war aus der Ferne schon zu hören. Vielstimmiges Rufen ertönte. Das Stimmengewirr klang halb wie Singen, halb wie Schreien. Tomaten und Paprikaschoten, die auf dem Weg lagen, wiesen in die Richtung. In der Mitte des Platzes stand ein Tieflader mit laufendem Motor, auf dem sich eine Bühne erhob. Auf dem Dach des Führerhauses war ein Mast, an dem bunte Wimpel befestigt waren. Auf jedem war eine Semmel abgebildet, in der eine Fleischeinlage hing. An den Seiten sahen grüne Fäden heraus. An der Antenne des Fahrzeugs war eine Flagge aufgezogen, deren Ende in Spitzen auslief. Auch auf ihr war die Semmel zu sehen, nur um ein Vielfaches größer und mit dem Unterschied, dass sie hier ein Krönchen trug. Der Platz wimmelte von Kindern und Jugendlichen im Alter von etwa fünf bis vierzehn Jahren. Sie beobachten gespannt, was auf der Bühne vor sich ging. Die Erwartung war sehr groß, die Kinder hielten sich die Hände vor den Mund, manche stampften auf den Boden. Vor der Bühne herrschte großes Gedränge. Man wich nicht von der Stelle, wenn man dort einen Platz ergattert hatte.
Auf der Bühne sprang ein Clown herum. Er trug eine blaugrüne Uniform mit goldenen Knöpfen. Seine Kopfbedeckung bestand aus einer Perücke mit gelbgrünen Strähnen. Sein Gesicht war stark geschminkt: Die eine Hälfte weiß, die andere grün. Er war in unaufhörlicher Bewegung und wirbelte ein Mikrofon herum, in das er hineinsprach oder gluckste. Was er sagte, war von einem Zwitschern überlagert, da das Mikrofon gestört zu sein schien. Er ergriff eine Semmel, die fast so groß war wie ein Fußball. Genussvoll biss er davon ab, rieb sich den Magen, rollte die Augen und schnitt

Grimassen des Wohlbefindens. Auf der Bühne glänzte eine Art Toaster oder Backofen, dessen Abteilungen mit einem Rohr verbunden waren. Am Rand des Platzes drängten sich Erwachsene, offenbar die Eltern der Kinder. Aus einem Lautsprecher tönte Musik. Der Clown zog eine wichtige Grimasse, hob die Hand und es ertönte eine Fanfare. Die Kinder wurden still. Der Clown produzierte eine Rolle, die er wie ein Herold, auseinanderzog. Er legte eine Pause ein, sah ins Publikum, holte tief Atem und sagte etwas, das nicht zu verstehen war. Das Mikrofon begann zu zwitschern. Ein paar Minuten herrschte Stille, dann brach Jubel los und zwei Große hoben einen Winzling auf die Bühne. Papierfetzen flogen in der Luft. Der Clown nahm den Winzling auf der Bühne in Empfang und hob ihn hoch, damit alle ihn bewundern konnten. Jubel begleitete die Zeremonie. Der Winzling wurde an einen Tisch geführt, dessen Rand er mit dem Kopf gerade noch erreichte. Er bekam eine Schürze und ungebunden und eine Kochmütze aufgesetzt. Der Winzling hatte die Ehre, den Toaster mit den Semmeln zu beschicken, die auf einem Tablett bereit standen.
Neben mir stand ein Junge. Auf seinem Gesicht war ein Ausdruck, der an die resignierte Friedfertigkeit meiner Großmutter erinnerte. Seine Augen waren seltsam groß, die Nase spitz und scharf, in der Unterlippe saß ein Spalt. Er sah mich an und bewegte die Lippen, aber es war nicht zu hören, was er sagte. Er war zwei Köpfe größer als ich, verbeugte sich übertrieben, nickte voller Eifer und sah zu mir herunter wie zu einem Kleinkind. Er wischte über den Bildschirm seines Händis und tippte in das Buchstabenfeld. Auf dem Display stand das Kürzel, das ich im Knast als sekundäres Ego angenommen habe: „ U P“. Mit einem Fragezeichen am Ende. Erwartungsvoll sah er mich an, als hinge von der Reaktion sein Leben ab. Ich sagte: Ja..? – Ich fragte ihn, warum er nicht redete. Ich hatte den Namen vergessen, den Herr Monce genannt hatte. Er nickte wieder, bediente die Tasten, ohne hinzusehen und wies mit ausgestrecktem Finger auf sich selbst. „T- o- k- p- u“. Ich lüftete das Käppi des Malers und fragte nach dem Camp. Der Junge öffnete den Mund, doch wieder kam kein Laut heraus, nur eine Art Schluckauf, er drückte meine Hand so heftig, dass ich zusammenzuckte. Erneutes Tippen in das Telefon. “U P ist hier Wir freuen uns wir sind sehr geehrt!“ Es folgten Emotikons mit lachenden Gesichtern, danach ein Kopf mit einer Sonnenbrille und Symbole, die ich noch nicht gesehen hatte. Der Junge hob den Zeigefinger und öffnete den Mund, als ob er sprechen wolle, aber auch diesmal kam kein Laut heraus. „T o k pu, L a k a n d on“ stand auf dem Bildschirm.
Ich sah den Jungen an. Er zog ein überfreundliches Gesicht. Der Ghostwriter strich das Spanisch aus dem Text. Auf der Bühne ertönte die nächste Fanfare. Der Winzling, der das Los gewonnen hatte, hatte den Ofen mit Semmeln beschickt. Er öffnete die Klappe, zog sie mit einer Zange eine nach der anderen heraus und ordnete sie mit wichtiger Bewegung auf einem Tablett, das der Clown im hinhielt. Er zeigte das Produkt dem Publikum und reichte das Tablett dem Winzling, der es kaum halten konnte. Er nahm eine Semmel herunter und biss herzhaft hinein. Weiterer Jubel. Der Clown sprang von der Bühne und verteilte die Portionen an die Kinder, die sich mit ausgestreckten Armen um ihn drängten, jedes fing unverzüglich an zu essen. „Verlosung meck meck“ stand auf dem Bildschirm. Als der Clown zu uns kam und dem Jungen das Tablett hinhielt, drehte er ihm den Rücken zu. Auch ich verzichtete zu Gunsten.
Tokpu zeigte mir das Telefon. Auf dem Display war ein Strichmännchen zu sehen, das sich mit Hilfe eines Flaschenzuges in einen Baum hinaufarbeitete und oben auf den Ästen balancierte. „Hermana“ stand auf dem Bildschirm. Als ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass ich meinen Messingring verloren hatte, mein Symbol. Gibt es solche Dinger im Camp?- wollte ich fragen. Tokpu nickte und

sah nach oben, eine Anzahl großer schwarzer Vögel zog in der Höhe ihre Kreise. Sie schienen die Versammlung anzusteuern. Ich fragte Tokpu wieder, warum er nicht sprach. Auf der Bühne fing eine Kindermelodie an, in die alle sofort einstimmten, die Kleinsten mit krähender Begeisterung. Der Clown hob den Taktstock und dirigierte. „Meck meck meck cookieduuuu, meck meck meck nam nam. Meck, meck meck cookieduuu“. „Karaoke meck nam“ stand auf dem Bildschirm. Tokpu lachte, ohne dass ein Laut zu hören war. Die Vögel waren mittlerweile näher gekommen. Sie schienen keine Scheu vor der Menschenmenge zu haben. Einige kreisten gleich darauf in geringer Höhe über dem Publikum. Die Spannweite dessen, der sich auf die Mastspitze setzte, musste über zwei Meter messen. Sein Kopf war wie rasiert, der Schnabel rosa, die Beine schmutzig weiß. „Aasgeier“ stand auf dem Bildschirm. Der Mast fing an zu schwanken. Der Vogel versuchte, das Gleichgewicht zu halten, indem er heftig mit den Flügeln schlug. Er fiel herunter und plumpste auf das Bühnendach. Das Publikum beobachtete den Vorgang mit Ergötzen. Manche Kinder kreischten vor Vergnügen. Der nächste Backgang wurde ausgeteilt. Etliche Kinder knickten in den Knien ein und plumpsten hintenüber. Mit vollen Mündern ging das Karaoke weiter: „Meck meck meck nam nam, meck meck meck coockieduuu“-. Die Kinder schwangen ihre Semmeln.
Plötzlich entstand ein kreischender Tumult. Ein Geier kam herunter und schnappte einem Kind die Semmel aus der Hand. In seinem Umkreis stob alles auseinander. Der Geier flog mit seiner Beute einen Halbkreis und setzte sich auf die Mastspitze, von wo aus er in die Runde blickte. Er hackte auf die Semmel mit dem Fleischstück los und verschlang sie mit wenigen Happen, dabei warf er den Kopf in die Höhe. Die Krümelreste flogen ihm aus dem Schnabel. Die Versammlung begann zu protestieren. Ein paar Kinder hoben die Fäuste und riefen „ Peng Peng“-. Ein zweiter Geier ging auf den mit der Semmel los und versuchte, ihm die Reste abzujagen. Die Nahrungskonkurrenz der Geier schien Unmut zu erregen. Am Rand des Platzes erschien kurz darauf ein Jugendlicher mit einem musealen Vorderlader. Nach einigem Hantieren richtete er ihn auf das Bühnendach und zielte umständlich. Nicht schießen! -schrie der Clown, die Tiere sind streng geschützt.- Weitere Geier befanden sich im Anflug. Der Clown schwang seinen Taktstock und versuchte, sie zu vertreiben. Die Fanfaren wurden laut gestellt, aber die Vögel blieben unbeeindruckt sitzen. Im Gegenteil: die Musik ihnen zu behagen. Ein untersetzter Mann in Kniehosen, mit kahlem Kopf und platter Nase lief jetzt auf die Bühne. „Kazike“ stand auf dem Bildschirm. Der Kazike wechselte ein paar Worte mit dem Clown und wandte sich an das Publikum. Gleich darauf begann die Menge, einen Namen zu rufen. Es klang wie „Tararan! Tararan!“ Eine Weile geschah nichts. Man rief lauter. Der Gerufene schien sich Zeit zu lassen. Zuletzt rief alles im Chor. Jetzt hieß der Mann „Tarzan“. Der Clown schloss sich an und verstärkte den Chor, indem er „Tarzan“ ins Mikrophon brüllte. Aus der Richtung des Grünschimmers, den ich für Wald gehalten hatte, der aber aus Plastikbäumen bestand, wie ich später feststellte, tauchten nach einiger Zeit zwei Träger auf. Sie trugen ein Boot oder Kanu, das sich als Sarg herausstellte. Darin lag ein Mann, dessen Körper bis auf die Haut und die Knochen abgemagert war.
Er trug nur einen Lendenschurz, sonst war er nackt. Er lag mit geschlossenen Augen da. Die Träger setzten das Kanu ab und der Knochenmann schlug die Augen auf. Er schien nicht zu wissen, wo er sich befand. Einer der Träger richtete seinen Oberkörper in die Höhe, mühsam erhob sich der Mann. Als er die ersten Schritte machte, wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite und machten eine Gasse frei. Seine Träger stützen ihn auf beiden Seiten. Er trug ein Bambusrohr und hatte einen Köcher auf dem Rücken. Wo er herankam, verbeugte man sich tief. „Mac Tarzan“ stand auf dem Bildschirm, den Tokpu mir hinhielt. Der Schädel des Jägers erinnerte an die Köpfe, die auf der Spitze

mancher Totempfähle sitzen. Seine Gesichtshaut war wie der Granit, der aus präkolumbianischen Ruinenstädten manchmal ans Licht kommt. Sie war mit violetten Streifen verziert, die symmetrisch auf die Nasenwurzel zuliefen. Ein Geier flog jetzt auf das Bühnendach, ein zweiter landete auf dem Fahrzeug, ein dritter ließ sich am Rand des Marktes wieder, wo die Erwachsenen ihn sofort vertrieben. Die Kinder verbargen ihre Semmeln hinter ihrem Rücken. Fleischreste und Krümel wurden vom Boden aufgelesen.
Manche Kinder schrien, aber keines verließ den Platz. Auf der Bühne ertönte die Fanfare. Der Clown winkte dem Jäger zu, aber der beachtete ihn nicht, sondern stakste in gekrümmter Haltung durch die Menge, die beiden Träger links und rechts von ihm. Als er in die Nähe der Bühne kam, hob er den Kopf, nahm Witterung auf, warf einen Blick auf das Geschehen, rümpfte die Nase und kehrte wieder um. Jemand brachte einen Plastikstuhl herbei. Der Jäger sank rücklings hinein. Sein Schlaf musste sehr tief gewesen sein. Ein Träger berührte ihn an der Schulter. Der Mann legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Alle folgten seinem Blick. Er schien etwas zu sehen, was außer ihm niemand sehen konnte. Der Junge mit dem Vorderlader näherte sich ihm mit einer Tasse. Der Jäger nahm etwas heraus und kaute. Auf der Bühne war jetzt ein Trommelwirbel zu hören. Der Jäger wandte den Kopf und zog in Zeitlupe einen Pfeil aus dem Köcher, den er auf dem Rücken trug. Er zupfte die Federn am Ende glatt, setzte das Rohr an und blies die Backen auf. „Froschgift“ stand auf dem Bildschirm. Gespannt verfolgte das Publikum, was jetzt passieren würde. Es war nicht zu erkennen, ob tatsächlich ein Geschoss aus dem Blasrohr geflogen war. Es zeigte jedenfalls in die Richtung der Geier auf dem Bühnendach.
Tokpu tippte mit allen zehn Fingern in das Buchstabenfeld des Telefons: Der Jäger lebte angeblich schon lange nicht mehr, was wir vor uns hatten, war nur sein Schatten, ein Gespenst oder sein Geist. Er hatte die Bewohner der Umgebung, als es noch Urwald gab, mit Nahrung versorgt. Er schoss Wiesel, holte Papageien aus den Bäumen und andere Tiere. Als Schütze genoss er einen ausgezeichneten Ruf. Als sein Tod sich näherte, bat er die Bewohner, ihn in seinem Kanu nachts auf einem See auszusetzen, damit er in die Unterwelt gelangte. Das geschah. Das Bot kam aber morgens immer wieder zurück. Der Jäger lag dann mit geschlossenen Augen in dem Kanu. Man trug ihn wieder in sein Haus. Der Vorgang wiederholte sich von einer Nacht zur nächsten, jetzt schon seit langer Zeit.
Wenn ein Geier getroffen war, hätte er vom Dach der Bühne fallen müssen. Das Gift des gelben Frosches wirkt sehr schnell, heißt es. Die Vögel saßen aber auf dem Bühnendach und sahen unbeeindruckt in die Runde. Einer reckte den Hals, ein anderer hob das Bein, um sich zu kratzen, ein dritter schob das Hinterteil nach vorn und ließ etwas auf die Bühne fallen. Das Publikum schien verwirrt. Der Clown sah zu dem Jäger hinüber. Er hatte offenbar inzwischen einen zweiten Pfeil aus dem Köcher geholt, aber, ob er ein zweites Mal geschossen hatte, war nicht erkennbar. Eine Weile geschah nichts. Dann fing der Clown auf einmal an zu wanken, er taumelte hin und her, verlor das Gleichgewicht und setzte sich auf den Hosenboden, was wenig komisch aussah. Er griff sich an die Perücke, zog die Stirn kraus und sah erstaunt ins Publikum. Er schien überrascht, hob die Arme, streckte die Beine von sich, kippte nach hinten weg und rührte sich nicht mehr. Die Menge blickte zwischen dem Jäger und der Bühne hin und her. Der Winzling, der sich am Backofen betätigt hatte, hatte weitere Semmeln mit Klöpsen hinein geschoben. Er ordnete sie jetzt auf dem Tablett. Der Vorgang nahm ihn so in Anspruch, dass er den Clown nicht weiter beachtete. Ein Geier flog vom Dach und hüpfte in großen Sprüngen auf der Bühne herum. Der kleine Koch, die

Mütze im Gesicht, versuchte das Tier mit dem Taktstock zu verscheuchen. Es wich zurück, kam aber gleich wieder näher und machte sich an der Perücke des Clowns zu schaffen, indem es mit dem Schnabel danach hackte. Ein Jugendlicher sprang auf die Bühne und drehte an der Musik herum. Das Karaoke Mecknam ertönte jetzt in ohrenbetäubender Lautstärke. Die Kinder stimmten unisono ein: „Meck meck meck coockieduu, meck meck meck nam nam…“ Der Kazike stürzte auf die Bühne, beugte sich über den Clown und fasste ihn an der Schulter. Er versuchte ihn aufzurichten, indem er ihn an den Schultern in die Höhe zog. Die Arme des Mannes baumelten herunter, schlapp hing er in den Armen des Kaziken, sein Kopf fiel abwechselnd nach vorn und nach hinten. „Meck hops“ stand auf dem Bildschirm.
Die Erwachsenen, die vom Rand des Platzes vor die Bühne drängten, schrien durcheinander. Der Kazike wollte die Musik abstellen. Sie wurde aber lauter, was folgte, ging in Lärm und Chaos unter. Zuletzt sangen nur noch einzelne Kinder, „Meck meck meck cookieduuuu…“ Der Winzling auf der Bühne hatte unverdrossen weitergemacht und sich nicht stören lassen. Er öffnete den Backofen, aus dem eine Dampfwolke quoll, sortierte die Portionen auf dem Tablett und verteilte sie, indem er sie in die Menge warf. Die Kinder griffen unverdrossen zu. Ein paar balgten sich am Boden. Auch die Eltern hatten Hunger. Die Geier flatterten vom Dach herunter und hüpften um den Clown herum.

12
Nach einer Wegstrecke, die von Schotter, aufgestautem Asfalt und Gestrüpp durchzogen war, versperrte eine Rinderherde unseren Weg. Die Tiere zogen träge vorbei. Der Boden schien zu zittern. Die Herde nahm kein Ende und nirgendwo war ein Anfang zu sehen. Die Tiere schienen nicht weiter zu wollen oder zu können. Die Herde stockte und blieb stehen. Einzelne drängten sich durch, etliche stolperten übereinander. Tokpu zwängte sich durch, indem er sie auseinanderschob. Ich versuchte, hinter ihm zu bleiben. Die meisten Rinder waren schmutzig weiß, teilweise schwarz gefleckt. An ihren Fettwülsten klebte Erde. Eine Weide war nirgends zu sehen. Tokpu machte eine Geste, die ich nicht verstand. Er öffnete den Mund, wie um zu sprechen, aber es kam wieder kein Wort heraus. Er wies nach vorn. „Camp!“. An den Resten einer Wasserpfütze stießen wir auf seinen Bruder. „Igal“ stand auf dem Bildschirm. Der Bruder stand auf einen Stab gestützt auf einem Bein. Seine grünblauen Jeans waren mit Flecken und Luftlöchern verziert, er trug ein schneeweißes Hemd mit einer Fliege und Sportschuhe mit Resten von Katzenaugen. Als ich ihn später nach dem Grund für seine Aufmachung, besonders nach der Fliege fragte, erklärte er, er habe sich für mich auf diese Weise aufgeputzt. Bei unserem Anblick riss er die Arme in die Höhe und begrüßte mich überschwänglich, während die Rinder uns durcheinander schoben. Er versuchte, mich zu umarmen. Tokpu drehte sie an ihren Hörnern weg. Das Camp ist weiter vorn!- Sind Neue da?- Hermana, die zweite. Wir werden moralisch, wir wachsen.-
Tokpu tippte in das Datenfeld und hielt es seinem Bruder vor die Augen. Eine Kuh, die mich anstieß, schob mich dicht an ihn heran. Viele haben hier dein Video gesehen. Es hat uns sehr gefallen. Der Staat ist dumm, obgleich er nicht mehr existiert, nicht wahr? Wir haben das berühmte Paradox: Wie kann etwas dumm sein, das nicht mehr existiert? Weißt du die Antwort? Ein Polizist für jeden Baum.- Igal wies in eine unbestimmte Richtung. Der Mann, der dich bewachte, sah aus wie ein Gespenst aus

Blech.- Mein Zimmer in den Wolken und mein Grab,- wollte ich sagen, sagte es aber nicht. Und den Schlaf, wo hast du ihn dann nachgeholt? Du sahst müde aus.- Im Knast, da war Ruhe. Das Bett war etwas hart, aber man schlief nicht schlecht und es gab Essen. Frau Richterin war kurzfristig sogar auf meiner Seite. Sie sagte, sie möchte später gern in einem Baum begraben werden, unserer Friedhofskultur könne sie nichts abgewinnen und diese fürchterlichen Grabplatten… Ich sagte, dass sie sich dann vielleicht etwas beeilen müsse. Später fiel mir ein, dass es einen Hintersinn Sinn hatte, der ihr nicht gefallen konnte. Sie war wütend. Dem Gesetz gemäß bleibst du jetzt eine Weile drin.- Ich hatte keine Wohnung, lebte in den Bäumen. Sie waren eine Wiege. Bis vier Uhr morgens konnte man schlafen. Dann sang der Rest des Waldes. Igal rang mit einer Kuh, die ihn nach vorn stieß. Das Klavier zuletzt auf dem Feld war groß. Hat uns gefallen. Eins Schlussakkord, mit Musik im Feld.-
Vor dem Camp sollte ich den Eltern vorgestellt werden, stand auf dem Bildschirm. Irgendwo musste es dann hier noch Wald geben, denn Igals Angaben zufolge lebten sie im Wald. Wir drängten uns durch die Rinderherde, ich in der Mitte, Tokpu an der Spitze, Igal hinter mir. Die Tiere niesten. Man hörte sie auch röcheln oder beides. Ein Reiter kam heran, er ritt mitten in der Herde und ließ sich von ihr treiben. Bring sie nach Missouri, Graucho!- sagte Igal. Der Reiter hob die Hand, beachtete uns aber nicht weiter. Die Augen mancher Tiere waren weinrot, als wären sie geschminkt. Sie drängten einander immer wieder aus dem Weg. Der Staub hing in Schwaden in der Luft. Ich musste abwechselnd niesen und husten. Als die Herde vorbei war, tat sich ein Gelände von der Größe von vier Fußballfeldern vor uns auf. Die Oberfläche war mit einer Art von Schorf bedeckt. Darunter schien sich etwas zu bewegen. Es klang, als gurgele die Unterwelt. Baumstämme führten hindurch. Was ist das?- fragte ich. Pudding vom Weltkonzern,- sagte Igal. Die Haftung übernimmt der liebe Gott.-
An den Rändern des Sumpfs stand lianenüberwucherter Restwald. Tokpu stellte sich in gekrümmter Haltung vor mich hin und machte eine Bewegung, dass ich auf seinen Rücken klettern sollte. Entgeistert sah ich ihn an. Sein Grinsen war aber so freundlich, dass ich aufstieg. Die Stämme waren glitschig. Tokpu breitete die Arme aus und balancierte durch den Sumpf. Igal übernahm das Telefon und sagte rückwärts gehend die Details auf: Dual Sim, acht Megapixel, android, full HD, Gorilla Glas, dreiteiliges Signalsystem, NFC, USSD, zwei nano SIM slot.- Tokpu sagt, er könne damit Regen machen.- Muss sehr teuer sein,- sagte ich. Sehr, -sagte Igal, es kostet unsere Seele.- Tokpu sah seinen Bruder an und schüttelte missbilligend den Kopf. Als wir den Sumpf durchquert hatten, tat sich ein Erdloch vor uns auf, durch das ein Hohlweg führte. Aus den Wänden ragten Stümpfe und unkenntliche Reste vor. Tokpu blieb stehen und sah zurück. Ich fragte, was das für ein Loch sei. Exploration mit Dynamit,- sagte Igal. Am Boden zeichneten sich Reifenspuren ab. „Kleine Abkürzung“ stand auf dem Bildschirm. Ich bemerkte, dass Igal die Bewegungen seines Bruders nachahmte. Wenn er nicht hinsah, beobachtete er ihn und versuchte alles zu kopierten, was sein Bruder tat.
Als wir ungefähr in der Mitte des Erdlochs angekommen waren, hörte man Geräusche, wie wir sie vorher schon gehört hatten. Die beiden blieben stehen. Igal sah nach oben. Sekunden später kamen die ersten Rinder in Sicht. Als sie uns sahen, blieben sie stehen. Wie groß die Herde war, war schwer zu schätzen. Da die Tiere von hinten weiter vorwärts drängten, knickte die erste Reihe ein und versenkte ihre Hörner im matschigen Grund. Sie versuchten aufzustehen. Der Matsch hing in Fladen von den Köpfen der Tiere. Tokpu setzte seinen Fuß auf den untersten Stumpf und stieg die Wand hoch. Stell die Füße auf den Stumpf!- Auf halbem Weg streckte die Hand aus und zog mich nach. Igal folgte. Von oben sahen wir, dass aus der entgegengesetzten Richtung die nächste Herde kam.

Der Weg ging weiter. Nach circa einer halben Stunde lag eine Anhöhe vor uns, auf der drei halb entlaubte Bäume standen. Ihrer Größe nach gehörten sie zum mittleren Stockwerk eines Urwaldes, der hier einmal gestanden haben musste. Am Fuß des Hügels links von uns erschien ein Mensch, der in schnellem Lauf die Bäume zu erreichen suchte. Er hatte schwarzes, lang herab wallendes Haar und trug einen weißen Umhang, der in der Taille von einem Gürtel gehaltenen wurde. Unter den Bäumen warf er die Kleidung ab und legte zuletzt seinen schwarzen Hut darauf. Was er jetzt noch trug, schien eine Badehose zu sein. Der Mann umschlang den Baum mit beiden Armen und kroch mit froschartigen Bewegungen den Stamm hinauf, bis er die Zweige erreicht hatte. Dort blieb er sitzen und blickte nach unten. Spaßeule!- Igal winkte. Schöne Aussicht! Was gibt’s da oben?- Der Mann im Baum winkte zurück und streckte den Arm aus. Er zeigte auf ein Fahrzeug, das die Steigung herauf kam, sich den Bäumen näherte und unter ihnen stehen blieb. Der obere Teil bestand aus einem Glasaufsatz, dessen Form an den Aufbau des Papamobils erinnerte. Das Chassis bestand aus silbrig schimmerndem Metall.
In dem Kastenaufbau bewegte sich ein Mensch im weißen Kittel. Brigade Voodoo,- sagte Igal. Die Tür des Fahrzeugs öffnete sich und der Mann im Kittel stieg aus. Sein Bartwuchs erinnerte an das Bild Gottvaters, wie es früher in Kinderbüchern zu sehen war. In der Hand hielt er einen Krug, der an antike Vorbilder erinnerte. Ihm folgte ein kleinwüchsiger Herr, dessen Halbglatze in der Sonne schimmerte. Er trug eine Hornbrille, die sein Gesicht fast zum Verschwinden brachte. Ein Liliputaner schien er nicht zu sein. Die beiden Männer blieben am Fuß des Baumes stehen, auf den der Mann geklettert war, und richteten den Blick mit einem Opernglas in seine Krone. Auf Spanisch wandten sich sie sich an den Unsichtbaren, der nicht gewillt sein schien, seinen Zufluchtsort schnell wieder zu verlassen.
Sie gestikulieren und reckten die Arme. Gesundheit ja, Krankheit nein!- riefen sie Im Chor. Sämtliche Angehörige seiner Gemeinschaft hätten der Abgabe ihrer Blutkörper zugestimmt, und zwar aus guten Gründen und sogar aus freien Stücken. Der Mann da oben möge nicht dem Irrtum aufsitzen, seine Weigerung hätte etwas mit Gesundheit zu tun. Im Gegenteil: Sie sei nutzlos, ja sogar schädlich. Er setze nämlich die Gesundheit seiner Gemeinschaft aufs Spiel. Der Unsichtbare rief etwas. Egal horchte, schien aber auch nicht zu verstehen, was der Mann gesagt hatte. Die beiden Sprecher blieben unbeeindruckt. Als Beitrag für das öffentliche…Wohl..… unschätzbares Wissen…- hörte man weiter. Alle blickten in den Baum. Der Indigene kletterte noch tiefer in das dürre Laub und bewegte den Kopf dabei ruckartig von links nach rechts. Nach etlichen Ermahnungen, die auch nicht fruchteten, zog der Mann im Kittel eine Rolle auseinander und begann in einer Sprache, die ich nicht verstand, etwas daraus vorzulesen. Was liest er?- fragte ich. S I L -Code lac,-sagte Igal. Die Deklaration der Menschenrechte.- S I L Code lac?-
Das ist die alte Lakandongrammatik, als sie noch im Dschungel moderte. Jetzt ist sie verschwunden, so wie der Wald verschwunden ist und niemand weiß mehr was davon-. Woher kann dieser Mann sie dann?- Er kann sie nicht. Er liest immer nur den gleichen Satz vor. Er hat ihn irgendwo im Netz gefunden. Artikel 29: Deine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. Er liest den Satz nur jedes Mal mit einer anderen Betonung.- K´ayum ma´ax h t t p x web lankandon. Der Rest ist bei den Geistern unterwegs.- Tokpu begann in diesem Augenblick auf seinem Telefon mit jemandem zu sprechen. Man sah nur seine Lippen sich bewegen. Er sah dabei nach oben. In großer Höhe war ein Brummen

zu vernehmen. Er starrte abwechselnd in die Luft und bediente das Buchstabenfeld. Er glaubt, er spricht mit dem Piloten,-sagte Igal. Er glaubt, er kann ihn dazu bringen, seinen Kurs zu ändern. Warum?- Ich sage es dir später, sonst wird er sauertöpfisch.- Die Menschenrechtsverlesung wurde fortgesetzt. Die Männer wechselten sich beim Lesen ab. Der Mann im Laborkittel las mit tiefer Stimme, der Assistent mit Fistelstimme. Sie verfolgten die Bewegungen des Indigenen auf den Ästen mit dem Opernglas. Auf die Dauer schien die Lesung ihre Wirkung zu nicht zu verfehlen. Der Mann im Baum senkte den Kopf und starrte nach unten. Er tastete sich vor und kroch langsam auf den Stamm zu. Der Assistent eilte zum Wagen, holte eine Plane heraus und breitete sie auf dem Boden aus. Er besprühte die Umgebung mit einem Desinfektionsmittel, das in Schwaden durch die Luft wegzog. Er stellte ein Aggregat auf und riss am Anlasser. Die Apparatur sprang nicht an. Etwas Schwarzes fiel vom Baum herunter und landete am Fuß des Stammes. Die Männer hoben es auf und hielten es hoch. Seine Perücke,- sagte Igal. Während der Indigene den Stamm herunterrutschte, holte der Assistent Kanülen und Pipetten auf einem Block aus dem Wagen und stellte alles auf der Plane ab. Die Röhrchen wurden beklebt und nummeriert, die Spritzen wurden aufgezogen. Der Indigene in der Badehose, der jetzt vom Baum herabgekommen war, haschte nach seiner Perücke.
Er bat die Männer, sie ihm zurückzugeben. Sie veranstalteten ein Fangspiel mit ihm. Sie warfen die Perücke über seinen Kopf einander zu. Er lief zwischen ihnen hin und her und versuchte immer wieder, sie zu fangen. Nach etlichen Versuchen ließ er sich auf dem Boden nieder, wo er schwer atmend sitzen blieb. Der Assistent setzte ihm die Perücke auf den Kopf, wobei sie ihm über die Augen rutschte. Nun sah der Mann vermutlich kaum noch etwas. Der Assistent griff seinen rechten Arm und bog ihn auseinander. Das Aggregat fing an zu knattern. Die Spritze wurde in die Armbeuge gesetzt. Spaßeule ist kein Medizinmann, wie sie glauben,- sagte Igal, aber er fährt Motorrad. Das macht Eindruck. Hokus pokus.- Toku hatte unaufhörlich weiter in sein Telefon getippt und stand jetzt auf den Zehenspitzen. Auf einem der Bäume begann im gleichen Augenblick ein Gebrüll. Alle sahen hoch. Ein Affe erschien in den Zweigen, sah nach unten und brüllte dabei unaufhörlich weiter. Canopus,-sagte Igal. Beim Brüllen verlängerte sich der Kopf des Tieres, so dass er aussah wie ein dicker Pfeil in Flötenform. Wenn er pausierte, war aus der Ferne eine Antwort zu hören. Dann trat Stille ein. Tokpu winkte dem Affen mit dem Telefon. Der Affe turnte in den Zweigen, brüllte wieder und kam kopfunter vom Baum. Er war an Menschen offenbar gewöhnt. Igal streckte die Hand aus und der Affe ergriff sie herzhaft. Er begrüßte die Wissenschaftler mit Schnalzgeräuschen, mir zeigte er sein Hinterteil. Igal schlug ihm auf die Hand und zog ihn an den Ohren. Canopus stieß ein Geheul aus und griff ihm an die Nase. Als nächstes griff er nach dem Telefon, das Tokpu in die Luft hielt, als wolle er Geräusche damit einfangen. Der Affe rieb sich das Hinterteil. Spaßeule, der noch auf dem Boden saß, strich sich fortwährend mit der Hand über den Kopf, als sei er seiner Sinne nicht mehr mächtig. Die Wissenschaftler hatten damit begonnen, ihre Utensilien aufzuräumen und sie in den Wagen zu transportieren. Geschafft,- sagte der Labormann.
Spaßeules Aderlass leuchtete in vier Röhrchen, die mit farbigen Markern verschlossen waren, auf dem Block. Canopus ließ sich auf seiner Hand nieder. Später hörte man das Knattern des Motorrads. Der Affe sprang in die Höhe, schürzte die Lippen und stieß Laute aus, die an menschliche Sprache erinnerten. Ein Handstand misslang ihm, die Hände auf dem Rücken hopste er über den Block mit den Kanülen und den Spritzen. Spaßeule stand auf und wankte, die Perücke im Gesicht. Plötzlich griff der Affe sich das Aggregat, schwang es über seinem Kopf und rannte damit die Anhöhe herunter. Die Wissenschaftler sahen ihm entgeistert nach. Sie riefen, er solle das Gerät sofort zurückgeben. In

einiger Entfernung blieb Canopus stehen und hielt den ausgestreckten Arm hoch. Die Wissenschaftler erklärten die Bedeutung des Geräts, als könne der Affe die menschliche Sprache verstehen. Da Canopus unbeeindruckt blieb und das Gerät in der Luft schwenkte, so dass es beschädigt zu werden drohte, wandten sie sich an Igal. Er machte dem Affen ein Zeichen und rief etwas. Canopus streckte den rechten Arm aus, legte die Stirn in Falten, riss den Mund auf, zeigte sein Gebiss, er hob den Zeigefinger, rollte die Augen und schnitt Gesichter. Er umklammerte das Aggregat mit beiden Armen und presste es an seine Brust. Was will er?- Er will Wissenschaftler werden,- sagte Igal, nehmen Sie ihm Blut ab, sonst kriegen Sie den Apparat vermutlich nicht so schnell zurück.- Blut? Aber selbstverständlich, gerne. Schwarzbraat, holen Sie die Spritzen wieder aus dem Wagen.- Der Assistent lief weg und neue Spritzen wurde ausgepackt. Das Plastik knisterte und flatterte im Wind davon. Als der Labormann sich dem Affen mit der Nadel näherte, kehrte er ihm das Gesäß entgegen.- Der Assistent sah sich nach Igal um. Sie müssen es an seinen After nehmen, sonst lässt er das Gerät nicht los.- Aber da ist zu wenig Blut, das wird schwierig.- Macht nichts,- sagte der Labormann und händigte dem Assistenten die Spritze aus, Schwarzbraat pumpen Sie los.- Egal sprach mit dem Affen. Er redete in einer sonderbaren Sprache und machte dabei Zeichen. Canopus streckte weiter seinen Hintern vor und rührte sich nicht von der Stelle. Er schien auf seinem Willen zu beharren. Als die Spritze aus seiner prallen Hinterbacke kam, war außer etwas wässrigem Gerinnsel kaum Blut darin zu sehen. Canopus streckte nun auch seine linke Hinterbacke vor. Nehmen Sie ihm doch, verdammt nochmal das Aggregat ab,- schrie der Mann im Kittel. Ich komme gegen ihn nicht an, er ist stärker als ich,- sagte Igal. Wenn Sie aber einen Medizinmann dieser Gegend sprechen wollten, so haben Sie ihn gerade vor sich. Die Gelegenheit ist günstig.- Die Wissenschaftler sahen Igal an.
Die Affen hierzulande, erklärte er, verfügen über eine neue Form evolutiver Intelligenz. Sagen wir: mittlerweile. Sie sind gewissermaßen stille Teilhaber geworden. Sie verstehen etwas vom Geschäft. Oder auch von der Magie des Nichts. Sie arbeiten als Boten, aber sie dealen auch auf eigene Faust.- Wovon reden Sie?- fragte der Assistent. Von den Affen, wovon sonst? Geld kann man immer brauchen. Geld ist gut. Sie kaufen sich davon humane Frauen, die es vorziehen, mit einem Affen zu verkehren, statt sich von ihren Männern totschlagen zu lassen und -: halten sie als Konkubinen. Sind Sie verrückt, was reden Sie denn da?- Die Wahrheit,- sagte Igal. Er stellte sich in Positur, als wolle er jetzt einen Vortrag halten. Verdammtes Vieh,- sagte der Wissenschaftler. Er setzte Canopus eine Überraschungsspritze in den Bauch. Der Assistent zog währenddessen unaufhörlich weiter Spritzen auf. Der Labormann trat einen Schritt zurück und beobachtete die Reaktion des Affen. Canopus schien die Spritze nicht bemerkt zu haben. Er hielte dem Assistenten jetzt die rechte Flanke hin. Nach wie vor umklammerte er das Aggregat mit beiden Armen. Sekunden später ging er in die Knie und sank nach hinten. Canopus lehrt uns die Vermenschlichung des Affen…- beziehungsweise Wissenschaft,-erklärte Igal. Sie reden Blödsinn!- rief der Wissenschaftler. Ich wiederhole: die Vermenschlichung….. Vermenschlichung…- Schwarzbraat, nehmen Sie ihm das Gerät ab.-
Der Assistent zog den Apparat aus Canopus´ Armen und lief damit zum Wagen. Es wird ein paar Minuten dauern, bis er wieder zu sich kommt.- Der Mann verabschiedete sich eilig, der Assistent räumte die Bestecke und die Spritzen weg und knallte die Wagentür zu, man sah, wie er im Fahrzeug die Röhrchen und Phiolen ordnete. Von Spaßeule war nichts mehr zu sehen. Die Primaten sind die Heiligtümer dieses Landes,- rief Igal hinter ihnen her, sie sind untrennbar miteinander verbunden. Die Malereien in den Ruinen sind der Beweis dafür. Von hier und heut geht eine neue epochale…- Weiter kam er nicht. Der Generator hatte sich in Gang gesetzt und zu knattern angefangen, während

der Assistent damit zum Wagen lief. Es war zu sehen, wie der Mann im Fahrzeugaufbau die Kanülen ordnete. Er winkte kurz und das Gefährt rumpelte die Anhöhe hinunter und verschwand. Tokpu und Igal beugten sich über den Affen. Canopus´ Augen standen offen, aber er schien nicht bei Bewusstsein zu sein. Ein Rascheln kam aus seiner Brust. Tokpu griff ihm unter die Arme und hob ihn hoch wie vorher der Kazike den Clown. Der Kopf des Affen sank nach vorn. Tokpu legte ihn auf den Boden, bewegte seinen Kopf, er zog die Augenlider hoch, er drückte seine Backen zusammen und sperrte das Gebiss des Affen auf. Canopus knirschte mit den Zähnen. Auf seiner Zunge, die heraus kam, zeichneten sich weiße Schlieren ab. Im Speichel, der ihm aus dem Mund floss, waren weiße Fäden. Igal tippte mit dem Zeigefinger hinein, roch daran und probierte.
Canopus ist high,- sagte er. Ein paar Minuten später fielen Tropfen aus dem Himmel. Es schien zu regnen, aber es waren nirgends Wolken zu sehen. Tokpu streckte die Hand aus. Alle sahen nach oben. Was ist das?- fragte ich. Die Tropfen schlugen mit leisem Klopfen ringsum auf die Erde, blieben liegen und sickerten nicht in den Boden ein. Igal hob einen auf, zerrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und roch. Fleisch,- sagte er, es regnet Fleisch.- In diesem Augenblick sah man hoch am Himmel einen großen Schwarm von Geiern ziehen. Sie flogen mit Schreien nach Süden. Hotspot, GSM, Tracking Apps und die geschredderte Spirale.-sagte Igal. Tokpu nahm den Affen auf den Rücken. Der Kopf des Tieres kullerte von links nach rechts. (Fortsetzung folgt)

13

Feuervogel
Der Feuervogel war einer der letzten Bewohner, der die brennenden Wälder im Süden verließ. Als er flog, brannte er noch, sodass er in der Luft an einen Kometen mit Feuerschweif erinnerte. Sein Gefieder war von Bränden so gehärtet, dass es nicht verglühte, sondern ihn wie ein feuriger Panzer umschloss.

Wo früher nur Wälder gewesen waren, erstreckten sich jetzt endlose Felder mit Pflanzenreihen, deren Sinn im Dunkeln blieb. Der Feuervogel musste landen, um zu rasten, dabei gerieten die Felder in Brand und brannten völlig ab.

Er musste eine neue Umwelt finden, in der er überleben konnte. Er flog nach Norden, denn im Süden war jetzt keine Möglichkeit mehr für ihn. Eine große Stadt lag unten, ein Gebäude mit vielen Stockwerken fiel ihm ins Auge. Dies schien ein guter Platz zu sein, um zu rasten. Auf dem Gebäude stand in feurigen Lettern das Wort “Bank”. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder, nachdem der Feuervogel sich darauf niedergelasen hatte.

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben

Teil I

Es schaukelt das Zimmer
Im Sturm. Die Horde
Kartographiert ihre Himmelsrose
Geschmückte Haufen weisen den Weg
Die Vergangenheit fault auf dem Rücksitz
Türme fallen im Schlaf

(mehr …)

Teil I

Immer hängt als bläulicher Fetzen
Die Vergangenheit dort
Oben im Stillen
Wo die Verstaubung hüstelt
Reste im verschossenen Dach

(mehr …)

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben. Voraussichtlich in einer örtlichen Buchhandlung.

Was einem Schriftsteller beim Radeln an der Mauer auffiel
Von Birgitt Loff (Berlin)

Die Grenzanlagen als Schauobjekt: „Macht es euch Spaß zu glotzen?“ erkundigt sich ein unbekannter Sprayer in Riesenlettern auf der Berliner Mauer. Offenbar ja, zumal „die Wüste lebt“. Oder, zynisch betrachtet: „Es lebe die Graffiti Mauer!“ Manchem zuckt es in den Fingern, sobald er davorsteht: “We came, we saw, we painted” (Wir kamen, wir sahen, wir malten).

Tage lang radelte der Schriftsteller Claus Hebell „Immer an der Wand entlang“ (Sprüh-Parole), um Sprüche zu notieren. Unterwegs war er von Heidelbergerstraße bis Heidelberger Straße, einmal rundum, 165 Kilometer. Den von Westberlinern und bemalten Wall zwischen zwei politischen Welten erlebte der 30jährige als „Identitätskarte für menschliches Leben“. Auf sechs Seiten aneinandergereiht, veröffentlichte er jetzt seine Sammlung von Graffiti in der in Berlin erscheinenden Literatur- und Kunst-Zeitschrift „KULTuhr“.

Zielscheibe für friedliche und aggressive, ideologische und ironische Sprüche ist am häufigsten das Beton-Ungeheuer, auf dem sie zu lesen sind. „Die Mauer schützt auf Dauer nur den Erbauer“, heißt es auf grauem Grund, oder, frommer Wunsch: „Schade, daß Beton nicht brennt“. Andere meinen kühl: „Diese Mauer kann nun wirklich weg“ oder hoffen”Sesam open” (Sesam, öffne Dich!). Neben einer aufgesprühten Tür mit Klinke findet sich das Versprechen: „Wer hier durchgeht, kriegt von mir 1 Mark.“ Gewarnt wird: „Eintritt auf eigene Gefahr“ oder, ironisch bezugnehmend auf die offiziellen Schilder an den Sektorengrenzen längs der Mauer: “You are leaving the cauliflower sector now” (Sie verlassen jetzt den Blumenkohl-Sektor). Schließlich der gutgemeinte Rat: “Make love, not walls” (Macht Liebe, nicht Mauern).
Gefragt ist die „Auflösung der NATO und des Warschauer Paktes“ denn „Pickel in Ost und West halten an der Rüstung fest“. Unübersehbar lautet die Mauer-Lektion: „1. Weltkrieg = 5 Prozent Ziviltote, 2. Weltkrieg = 48 Prozent Ziviltote, Koreakrieg = 84 Prozent Ziviltote, 3. Weltkrieg wird 100 Prozent Ziviltote“. Folgich: „Schluß mit der Hochrüstung!“ und „Petting statt Pershing“.
Anstelle von Waffen verlangt ein Sprayer „Sexbomben für die DDR“, ein Kollege mockiert sich über die im anderen Deutschland üblichen Solidaritäts-Transparente: „Es lebe die DDR, unser sozialistisches Vaterland!“ Durch den Kakao gezogen werden alle Seiten: “In the West there is dope and chocolate for everybody” (Im Westen gibt’s Drogen und Schokolade für jedermann).
Keine Autorität ist vor den Sprüchemachern sicher. „Holt Ronny runter vom Sockel“, verlangen sie, und veräppeln den Verfassungsschutz: „Wer guckt in alle Abfallkisten, wer jagt im Hof nach Anarchisten?“ Einer dieser Anarchos verrät sein Rezept: „Macht aus dem Staat Grukensalat“.
Bekenntnisse zur gesunden Kost werden abgelegt: „Da wo mein Müsli dampft, da bin ich umverkrampft.“ Verewigt sind Grüße „an alle, die die Hose mit der Kneifzange anziehen“ und an „Gerd zum Geburtstag“ ebenso wie Reklame für den Laden „Second hand Waldemarstr. 19“ oder die Stoßseufzer: „Ich hasse alle Katzen“, „Wendy, Du blöde Kuh, ich mag Dich!“ und „Nie wieder Hertha BSC in der Bundesliga!!!“ Einer will „Punk Rock in Bangkok“, denn die Diagnose lautet: „Reisefieber ist endlos.“ Ehemänner sehen sich gewarnt: „Achtet auf Hausfreunde – es gibt eine Menge.“
Ein Philosoph meint: „Abreißen ist besser als sprayen.“ Entnervt vom Fleiß0 seiner Kollegen kommt ein Graffitti-Schreiber an anderer Stelle zu ganz anderen Schlüssen: “May we have another wall please. This one is dirty” (Können wir bitte noch eine Mauer haben. Diese hier ist drecking). BIRGIT LOFF (Berlin)

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Prosa

13

Okt
2020

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In Prosa

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UP, die Calavera Catrina , Feuervogel

On 13, Okt 2020 | No Comments | In Prosa | By ch

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Ich fasse zusammen,- sagte der Ghostwriter, dem der Maler seine Hefte überlassen hatte, um die Sachen lesbar zu machen. Sie schliefen also unter freiem Himmel im Alameda-Park von Mexiko-Stadt unter einem Baum, konsumierten dort und auch noch anderswo Peyote, lasen den Text über den Yaquiweg, den es bekanntlich nie gegeben hat, standen im Museum vor dem Bild von Rivera mit dem Titel „Träumerei am Sonntagnachmittag im Alameda-Park“ , ließen sich dort nachts auf der Toilette einschließen, rasierten sich im Rausch die rechte Augenbraue ab, wurden ins Krankenhaus eingeliefert, kurzfristig verhaftet und wieder freigelassen, mäandrierten über den Zókalo im Zentrum der Stadt, wo Sie auf einmal diesen Feuervogel über sich am Himmel kreisen sahen, vermutlich eine drogeninduzierte Halluzination.- Unfug!- protestierte der Maler. Als es Ihnen in Mexiko zu heiß wurde, nahmen Sie den nächsten Flug nach Kuba, wandelten dort auf den Spuren des Sextourismus, machten sich an die hübschen Mulattinnen heran, hielten das für romantisch, kauften sich jede Nacht eine frische,- die bekommt man dort für ein paar Turnschuhe- und am Ende Ihrer wundersamen Reise schlichen Sie an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus den USA und gelangten als blinder Passagier versteckt in der Kühlkammer für Leichen nach Miami!-
Unfug,- wiederholte der Maler. Etwas mehr Sachlichkeit bitte. Der Stil scheint mir der Sache ebenfalls nicht angemessen.- Stil? Was für ein Stil?- fragte der Ghostwriter. Sie meinen Ironie.- Ich bin nicht an einer Geschichte interessiert, die von Abenteuern im Bermudadreieck handelt,- sagte der Maler.- Ich hübsche es ein bisschen auf, schließlich wollen wir die Leute ja nicht langweilen. Neunundneunzig Prozent der Leser Lesen ohnehin keine Bücher. Sie gehen lieber in den Supermarkt oder sitzen vor der Glotze. Die Massen an Papier, das die Verlage auf den Markt werfen, verstopft die Regale. Ich gebe zu, auch ich habe seit Jahren kein Buch mehr zu Ende gelesen. Es ist schlicht und ergreifend zu langweilig.- Ich möchte aber keine Aufhübschung. Ich möchte die Dokumentation-, sagte der Maler. Schön, aber mit dem was Sie geschrieben haben, locken Sie keinen Hund hinter dem Ofen vor. Um den Leser zu begeistern, braucht man ein Rezept.- Was denn für ein Rezept?- Der Maler fasste sich an den Kopf. Ich versuchte neulich einen dieser Bestseller aus den USA zu lesen. Da schreibt jemand über die Jagd mit einem Falken auf Kaninchen. Er oder sie bewundert das als Inbegriff mystischer Selbsterfahrung. Ich blättere und blättere. Was für ein Obskurantismus über eine Natur, die nicht mehr existiert! Aber: Das Publikum ist außer sich vor Freude, die Verlagsreklame überschlägt sich vor Begeisterung und auf den Feldern gehen die Bienen ein.-
Mag sein,-sagte der Maler. Aber das tröstet mich nicht über Ihre Kuriositäten.- Das muss nicht bedeuten, dass Bombast entsteht,- versicherte der Ghostwriter. Und der Rivera?- fragte der Maler. Das Bild im Alameda mit dem Nachthemd und dem Totentanz?- Das ist kein Nachthemd,- sagte der Maler, sondern das Plisseekleid einer weltbekannten Dame.- Ich weiß, das Lieblingsskelett des Malers. Das Modell seiner Träume. Die Dame nennt sich Catarina Calavera, nicht?- Ja, sie ist der Mittelpunkt des Bildes und der Geschichte überhaupt. Sie ist tausendfach reproduziert und dokumentiert worden, die ganze Welt kennt das Mural.- Schöne Symbolik, sagte der Ghostwriter. Aber etwas altmodisch, finden Sie nicht? In dem Bild von dem Rivera fehlt eigentlich ein Affe, finden Sie nicht? So etwas wie King Kong. Noch zeitgemäßer wär ein Joker.- Dummes Zeug, Bilder wie die vom Alameda-Park sind eine Art Symbol und der Rivera ist gewissermaßen unerschöpflich.- Das Wort Symbol kann mir gestohlen bleiben,- erklärte der Ghostwriter. Was?- Der Maler war beunruhigt. Aber keine Sorge, auch wenn die Dame kein Symbol ist, ist sie kein Problem. Selbst wenn es etwas kurios wird. Aber ich mache es auf meine Art. Andernfalls beenden wir die Kooperation.- Der Maler hob die Hände. Er verkniff sich weitere Einwände, entweder er ließ den Schreiber machen oder seine Sachen blieben weiter in der Schublade.

2

Ein Schamane! Ein Schamane!- Der kleine Wolfgang hatte ihn zuerst entdeckt. Auch Kevin, Philip und Lutz kamen gelaufen und wollten mitmachen. Sie zogen den Maler an den Rand des Terminals mit Bars und Pools, wo die Passagiere sich um die Barhocker drängten und Kellner mit gewaltigen Sombrers auf den Köpfen Lobster-Baritos ,Tacos, Khalua und Agavenschnaps durch die Reihen balancierten. Die Stoßzeit an der Mayaküste hatte eingesetzt: Zwei Kreuzfahrtdampfer mit 6000 oder 80000 Touristen an Bord und acht Stockwerken lagen vor den Piers und ließen dumpfes Tuten hören, das kilometerweit ins Land hinein dröhnte. Ein dritter Kreuzer operierte vor dem Anleger. Eine weitere Mole befand sich in der Konstruktion. Am Horizont zeichnete sich ein viertes Schiff ab. Für die nächste Saison waren weitere Piers geplant. Die Vier zappelten vor dem Mann herum, der sein Angebot auf einem Tisch aus Plastik vor sich ausgebreitet hatte. Der Nervöseste war Lutz. Er hüpfte von einem Bein auf das andere, wedelte mit den Armen und drohte den Tisch des Mannes umzuwerfen. Zwischendurch trat er ihm auf dem Fuß. Der Maler hatte sich mit den vier Jungen angefreundet. Er hatte sie mit ein paar Strichen gezeichnet. Sie folgten ihm seither wie einem Spaßonkel und verlangten immer neue Skizzen. Sie gehörten zu einem älteren Herrn im Rollstuhl, der Absencen hatte, dabei mit offenen Augen in die Ferne sah und dem sie ständig entwischten. Der Schamane stand in seinem dschungelgrünen Umhang vor den Utensilien. Die Mähne wogte um sein Haupt, sein Alter war schwer bestimmbar.
Auf einem Schild in einer Plastikhülle, die mit einem Stein beschwert war, waren die Worte Ceremonia de Maya zu lesen. In einer Untertasse brannte eine durchgeschnittene Cohiba. Der Mann erhob sich etwas schwankend. Er hatte wie im Halbschlaf auf seinem Plastikstuhl gesessen. An einer Apfelsinenkiste neben ihm lehnte ein Regenschirm. Hinter ihm steckte ein Stab im Sand, an dem ein Büschel Vogelfedern hing. Weitere Utensilien bestanden aus einem Palmenwedel, einer mit Hieroglyphen verzierten Trommel und einem Flederwisch. Es geht los, rief Philipp. Alle mal her.- Der Schamane musterte die Kunden flüchtig, wies mit dem rechten Arm in eine unbestimmte Richtung, ließ den Untersatz, aus dem es qualmte, in die vier Himmelsrichtungen kreisen und murmelte Worte einer unbekannten Sprache. Er nahm die Trommel in die Hand, schlug einen kurzen Rhythmus, fuhr dem Knaben mit dem Palmwedel über das Gesicht und schürzte dabei die Lippen, als küsse er die Luft. Zuletzt legte er die Hand auf den Kopf des Jungen und sagte etwas wie „waral waral“. Niemand verstand ein Wort. Der Schamane-der Ghostwriter übernahm den Begriff- schwenkte noch einmal den Untersatz mit der Kohle und die Zeremonie schien beendet. Wolfgang, der die Augen geschlossen hatte, erwachte wie aus einem Tagtraum. Jetzt bin ich konfirmiert!- rief er. Der Pastor Bierbauch kann zum Teufel gehen, der olle Zebaoth dazu und seine Genesis im Kreuzworträtsel. Philiboy, Kamera, Aufnahme!- Die Vier zückten ihre Smartfons im Gleichtakt: andachtsvolle Stille: hab den Stick an Bord vergessen,- sagte Kevin, verdammt. Das erste Selfie von schräg oben, ein zweites unten-oben, dann Gruppenbild mit Magier, die Knaben links und rechts, der Magier in der Mitte, der Alte schmunzelte in einer Art von Demut. Als nächstes die Cohiba: Nahaufnahme, wird geteilt, dann wieder unisono, der Umhang des Schamanen, sein Regenschirm, die Apfelsinenkiste, die Coca-Cola-Flasche, der Federstab, der Strand am Meer, das Terminal aus dieser Perspektive, whatsapp für Mona. Old Rollstuhl wird begeistert sein!- schrie Kevin. Dann rasten sie davon.
Der Maler wäre ebenfalls gegangen, wäre ihm nicht auf einen Stück Papier in einem kleineren Text der auf dem Boden lag, das Wort Peyote aufgefallen. P e y o t e! Die Schrift war verschwommen. Der Text war wohl latinisiertes Maya, dem Maler völlig unverständlich. Da stand Peyote. Die Zeremonie des Malers schien angefangen zu haben, ohne dass er sie beauftragt hatte. Der Schamane sah aus glasigen Augen zu ihm hoch, er zeigte ihm die Schüssel mit der Kohle, nickte, hielt sie ihm vor das Gesicht, ergriff den Stab und schwenkte die Federn. Der Maler roch den Qualm. Im Hintergrund ertönte ein Gelächter. Das Murmeln des Schamanen klang jetzt unterirdisch. Hinten schlug das Wasser auf den Strand. Es rauschte wie in einer Muschel, die man sich ans Ohr hält. Das Männlein hob die Hand und ließ die Schale in die Himmelsrichtungen kreisen. Ein Windstoß blies dem Maler Staubpartikel ins Gesicht .Er fing an zu husten.
Peyote?- fragte er und hustete. Der Schamane sah an ihm vorbei und sagte nichts. Ob er verstanden hatte, war nicht zu erkennen. Er holte Luft und sog den Qualm ein, vielleicht um anzudeuten, dass der Maler es ihm nachtun solle. Der Maler imitierte, atmete tief ein und stieß die Luft aus, ein neuer Hustenanfall war die Folge. Ein Windstoß blies ihm Kohlenfünkchen ins Gesicht. Sie blätterten ihm von der Haut ab. Der Magier zog jetzt eine Schachtel aus dem Umhang, wandte sich vom Wind ab und zündete die durchgeschnittene Cohiba an. Der Maler rauchte ohne nachzudenken. Nach dem dritten Lunger wurde ihm wundersam zu Mute. Er war das Nikotin nicht mehr gewohnt, die Umwelt löste ihre Konsistenz auf. Mit der Dunkelheit gewöhnte er sich an den Geruch des Zimmers, in dem er lange nicht gewesen war.
Er hatte plötzlich Zeit. Durch das Gewölbe zog sich eine Wäscheleine. In der Tür stand ein Motiv wie aus der Zeit, als er den Yaqui-Weg beschreiten wollte, besser: als er sich eingebildet hatte, ihn zu beschreiten. Der Maler griff nach Block und Bleistift in den Taschen seiner Jacke. Er griff daneben, fand nicht, was er suchte. Der Pfad, der durch sein winziges Bewusstsein führte, endete im Nichts. Die Kaktusblüte flatterte hindurch wie eine Motte mit zerfransten Flügeln. Das Cover mit dem grünen Männchen, das einen Kopf wie eine Christbaumkugel hatte, musste diesen Maler schwer beeindruckt haben, erklärte sich der Ghostwriter den Text. Das meiste strich er weg. Der Maler tastete nach seiner Taschenlampe in der Dunkelheit des Zimmers. Die Nachttischlampe krachte auf den Boden. Die Kohle in der Schüssel war verbraucht. Der Schamane hatte ihn gemustert. Die Zeremonie war offenbar beendet. Er sprach jetzt Spanisch und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Er griff nach seinem Stab und hielt ihn vor sich hin. Zugleich hielt er die ausgestreckte Hand auf. Der Maler suchte in den Taschen seiner Jacke. Die Taschen waren leer. Er fummelte am Reißverschluss der Tasche, in der er seine Scheine aufbewahrte. Die Summe schien dem Mann zu klein, obgleich sie schon beträchtlich war. Er wiederholte etwas, das der Maler nicht verstand. Englisch? -fragte er. Ihm fiel ein, dass die Jungen ihre Zeremonie gar nicht bezahlt hatten. Der Schamane hielt weiterhin die Hand auf, das rechte Auge etwas zugekniffen. Peyote?- Der Maler hielt die Cohiba höher, die er in der Hand hatte. Der Schamane bewegte unmerklich den Kopf. Der Maler schwankte, als er wegging.

3

Er durchquerte das Strohdachareal mit seinem Angebot für die Tourismusindustrie. Mit der Ankunft der Kreuzfahrtschiffe hatte sich das Terminal in eine aus den Nähten platzende Versorgungseinheit für die vergreiste Zivilisation der Ersten Welt verwandelt. Durchsetzt von ein paar Jugendlichen und Familien mit Kindern schob sich die Menge in Turnhosen, Fahrraddress, Shorts, T-Shirts, luftigen Kleidern, Badelatschen, Sandalen und jeder Art von Freizeitkluft durch die überfüllten Läden. Das Angebot war bunt und quoll bis auf die Gänge: Ein Sortiment volkstümlich-touristischer Artefakte. Plastikmännchen in Uniform, die ein Gitarrenorchester dirigierten, die Maya-Stätten Bonampak,Tikal und andere als Spielzeugpuzzle, Handtaschen mit aztekischen Motiven, Lederschuhe, Gläser, Kerzen mit Emblemen, Maya-Götter aus lasiertem Ton, Qetzalcoatl, Huitzlipochtli und Xacxini aus Karton, Reiter mit Gewehr und Hut, Macchu Pichchu in der Form von Pappmaché, Teller mit dem Maya- Kalender, Frida Kahlo im bestickten Poncho, Jeans, Badelatschen, Stoffhüte turmhoch gestapelt, Tamburine und so weiter und so weiter. Plötzlich sah der Maler die Catrina Calavera. Sie war ein Püppchen, hing mit anderen Figuren an einer Schnur und trug ein Wollkleid.
Er blieb stehen und überlegte. Sollte er die Puppe kaufen? Die vier Freunde dürften sie nicht zu Gesicht bekommen. Ihr Humor war ziemlich ungezwungen. Der Maler hatte keine Tragetasche bei sich, aber der Laden würde eine Plastiktüte haben. Die Calavera war die Hauptfigur in Riveras Bild vom Sonntagnachmittag im Alameda, ein Element, das ihn beschäftigte. Die Puppe war nicht groß. Der Maler kaufte sich die Puppe. Als nächstes suchte er den Ausgang zu den Schiffen, da ihn das Tuten von den Piers her irritierte. Er sah auf seine Uhr. Er suchte In der Menge nach Gesichtern, die er kennen musste, sah aber keine. Er durchquerte den Havanna Club, den Diamantenhandel, wo Edelsteine in den Glasvitrinen glänzten, die Tequila-Restaurants mit hunderten von Etiketts und Flaschen auf Regalen, das Mass-Customization-Tea-Shirt mit den Ruinen von Chichén Itzá, die Silberwerkstatt, das Luxusuhrgeschäft, die Poolside-Bar, zu der man schwamm.
Ein kleiner Junge balancierte eine Muschel auf dem Kopf. Die Mutter kam dazu, der Junge weinte. An den künstlichen Teichen standen die Flamingos starr wie auf Plastikbeinen. Auf einem Platz verrenkten sich halbnackte Männer, die wie Stachelschweine glänzten. Sie imitierten einen indigenen Kriegstanz als Touristenattraktion. Ein Greis im Fußballdress versuchte die Verrenkungen nachzuahmen. Er erregte die Begeisterung des Publikums. Damen, deren Korpulenz am Laufen hinderte, probierten Ohrgehänge und Brillanten. Die Verkäufer standen in der Nähe. Da geht mein Geld,-sagte ein Mann in Shorts mit stark behaartem Oberkörper. Der Maler warf einen Blick in einen der Läden, stutzte und blieb mitten im Schritt stehen. Die Verkäuferin im Eingang machte einladende Handbewegungen. An der Rückwand des Geschäfts war etwas. Das Bild war ein Bekannter, es war das Mural Riveras, das den „Spaziergang am Sonntagnachmittag im Alameda-Park als Traum“, darstellt. Die Wirkung war magnetisch. Das Poster war drei Meter lang und etwa einen Mater hoch. Das Original ist fünfzehn Meter lang und gut sechs Meter hoch. Der Maler hatte das Bild als Kind schon irgendwann gesehen, aber nichts verstanden. Die Phalanx seltsamer Personen, die sich auf den Betrachter zubewegt, hatte einen Eindruck hinterlassen, der nicht mehr wegzubringen war. Das bloße Ansehen hatte etwas ausgelöst, das sich später wiederholte. Die Dame mit dem Totenkopf und ihrer Federboa schien ihm besonders mysteriös. Sie blieb in seinem kindlichen Gedächtnis. Sie steht vorne in der ersten Reihe in der Mitte und zieht die Blicke auf sich. Ihr grauweißes Faltenkleid wird unten von einer Borte zusammengehalten. Ihr Schädel ist groß und auf absurde Art intim. Ein leicht idiotisches Gelächter scheint durch das Gesicht zu geistern, mit seinen leeren Augen, dem ausgefransten Mund mit den gespenstisch großen Zähnen. Um den Hals trägt sie eine Federschlange, deren Enden ihr bis an ihre Knie reichen. Außerdem besitzt sie eine Brille.
Links neben ihr steht ein Junge, dessen Hand sie in ihren skelletierten Fingern hält. Der Knabe blickt versonnen in die Weite. Der Maler erinnerte sich, dass er seine Hand betrachtet hatte. Die Personen links und rechts, oft sonderbar gewandet, wirken wie Flügel der grotesken Hauptperson. Im Hintergrund erkennt man Kirchenkuppeln und sieht blutige Gestalten, die spitze Hüte tragen. Irgendwo brennt es. Vermutlich konnte der Maler damals noch nicht lesen. Später hatte er das Bild studiert. Mittlerweile kannte er die Bedeutung der Personen. Jedenfalls der Wichtigsten. Ohne links und rechts zu sehen ging er auf das Poster zu. Er sah erwartungsvoll auf die bewusste Stelle, wo die Dame stehen musste, also erste Reihe in der Mitte. Die Dame war nicht da. Wo sie hätte stehen sollen, klaffte eine Lücke. Der Maler starrte auf das Poster. Er trat näher, er umrundete die Vitrinen, die den Weg versperrten und stand nun dicht vor dem Bild. Aus der Nähe wirkten die Figuren überlebensgroß und waren von bestürzender Lebendigkeit. Die Hauptperson, die Catarina Calavera, blieb verschwunden. Der Maler rieb sich die Augen. Die skelletierte Hand, die das Selbstporträt Riveras als Junge hält, war noch vorhanden. Der Maler drehte sich zur der Verkäuferin herum. Die Frau beschäftigte sich im Hintergrund des Ladens mit Touristen. Der Maler wischte mit der flachen Hand über die Lücke, wo die Calavera hätte stehen sollen.
Die Verkäuferin stand hinter ihm schüttelte den Kopf. Der Maler versuchte, das Spanisch zu aktivieren, an das er sich von einem Lernversuch erinnerte: Ob es sich um eine Karikatur handelte. Bezog es sich auf Mexiko und seine Gegenwart? Auf etwas in der Geschichte? Die Verkäuferin sah irritiert drein, sie betrachtete abwechselnd das Poster und den Maler, als ob sie einen leicht Verrückten vor sich habe. Ihr Englisch war für die Verständigung nicht ausreichend. Andererseits: wer hier das Publikum bediente, sollte sich in dieser Sprache auskennen. Der Maler redete, aber offenbar verstand sie nichts und interessierte sich auch nicht für das Problem.
Zuletzt schüttelte sie nur noch den Kopf und fragte, ob der Kunde etwas kaufen wolle. Im Text des Malers folgte eine Bildbeschreibung. Der Ghostwriter strich durch. Entscheidend war die Handlung, nicht das kunsthistorische Gerede. Die Figuren kannte außerdem kein Mensch. Auf dem Mural befinden sich über 80 Personen. Ein zusammengewürfeltes, undurchdringliches Gemenge der historischen Kalamitäten Mexikos. Der Maler wandte sich schon ab, als ihm eine Veränderung der Gestalten links und rechts der Calavera auffiel. Sie schienen sich der Stelle zuzuneigen, wo sie fehlte. Die Kahlo beugte sich nach vorn, als ob sie in das Loch hinunter sehen wollte, das sich auftat. Das Ying und Yang in ihrer Hand fing an zu rutschen, der kleine Rivera beugte sich in die gleiche Richtung, die Hand der Kahlo auf seiner Schulter zog sich in die Länge. Der Frosch in der Tasche des Jungen hatte große Augen, der Regenschirm mit dem Geierkopf in der Hand des Knaben verzerrte sich nach rechts. Der Graveur Posada, der die rechte Hand der Calavera hält, schwankte nach links. Seine Angst vor dem Grünen Star befiel den Maler wieder. Das Tuten von den Piers her wurde lauter. Hatte er es überhört? Er sagte: Pe-du-do comprer?- hielt das für verständliches Spanisch und fragte, was das Poster kosten sollte. In Europa würde eine Reproduktion wie die hier nirgends zu bekommen sein. Er hatte es schon wiederholt versucht. Die Verkäuferin schüttelte den Kopf. Das Bild gehörte ja zur Ausstattung des Ladens.

4

Der Maler trat zurück und stand auf einem Fuß. Hinter ihm stand eine Dame, die ungefähr so groß wie breit war. Der Maler entschuldigte sich. Ihr Leib hatte die Form eines mit Wasser gefüllten Luftballons, der sich nach unten weitet, und an den Seiten auseinanderquillt. Schweißperlen standen auf der Stirn der Frau. Ihre Augen schwammen in der Fleisch gewordenen Gesichtslandschaft. Die Dame sah auf einen grünen Stein, der am kleinen Finger ihrer rechten Hand hing. Der Maler zückte instinktiv sein Skizzenheft und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Er stand vor einem Motiv, das zu den interessantesten gehörte, die sich bisher angeboten hatten. Er fing umstandslos zu reden an, damit die Dame nicht verschwand. Ihm fiel der Franzose ein, der über dem Motiv die Begräbnisfeier seiner Mutter übersehen hatte: das Motiv. Er vergaß die Schiffssignale von den Piers. Die Dame sah entzückt auf ihren Edelstein, sie führte ihn an die gespitzten Lippen und hauchte etwas, das der Maler nicht verstand. Toll,- sagte er. Finden Sie?- Die Dame sollte bleiben, wo sie war. Wenn sie wegging, würde er ihr folgen. Passt genau zur Farbe Ihres Kleides: Himmelblau.- Die Dame schmunzelte. Der Ghostwriter strich den zynischen Geschmack aus dem Geschreibsel seines Kunden. Fettleibigkeit war für Gesellschaftskritik nicht das geeignete Motiv nach seiner Ansicht. Bitte noch ein Lächeln,- sagte der Maler. Das Gesicht der Dame verwandelte sich bei Heiterkeit auf eine Weise, die in der Skizze festzuhalten würdig war. Die Nase stand als winziges Relikt im Tal der Tränen, die Augen wie zwei Sternchen in der Fleischwüste, die Haare wie das Kornfeld im November.
Das ist ja alles paradiesisch hier,- hörte er sie sagen.- Die linke Hälfte des Gesichts war beinah fertig. Sein Bleistift huschte über das Papier. Später ließ sich alles auf ein größeres Format versetzen. Entscheidend war die Authentizität des Impromptus. Er warf einen Blick auf den Stein, den die Dame jetzt ins Licht des Ladens hielt. Finden Sie ihn schön?- Der Maler griff nach ihrer Hand, um noch mehr Sensibilität für sein Motiv zu haben. Gratuliere,- sagte er, um sein Verhalten zu erklären. Die Hand war fleischig, kalt und feucht. Green Fire.- Wie bitte?- Preisentscheidend bei den grünen Tönen ist die Leuchtkraft.- Was ist es denn für einer?- Ein Smaragd mit Treppenschliff, Herkunftsland Kolumbien.- Der Maler sah den Stein an. Wenn das ein Smaragd ist, bin ich Rumpelstilzchen-, sagte er und verschluckte, was er gesagt hatte, indem er hustete. Die Dame schien seine Bemerkung nicht gehört zu haben. Der Stein war grün wie Gras, er hatte die Form eines Sechsecks. Etwas Besonderes war ihm nicht anzusehen.
Der Maler blätterte die Seiten seines Blocks um. Später konnte man die Einzelteile des Gesichts zusammensetzen, indem man sie gegeneinander verschob. Ein Anflug von Surrealität. Wie teuer war er denn?-. Ziemlich,- sagte die Dame. Aha,- sagte der Maler. Warum ich ihn gekauft habe?- Sie richtete die wasserblauen Augen auf ihren Gegenüber. Um Ihren Mann zu überraschen?- Keineswegs,- sagte die Dame. Im Gegenteil, ich habe ihn gekauft, um ihn zu provozieren. Seltsames Motiv.- Der Maler zeichnete. Soll ich Ihnen noch was sagen?- Mit größten Vergnügen,- sagte der Maler. Bitte nicht bewegen.- Ich habe den Verdacht, dass er die Reise unternimmt, um mit mir abzuschließen.- Uh,- sagte der Maler.- Die Dame sah zum Ozean hinüber.
An Bord des Schiffes sind 8000 Personen. Bei solchen Massen fällt das Verschwinden eines einzelnen nicht auf. Das Schiff macht eine Fahrt von 22 Knoten. In Minuten ist es von der Stelle meilenweit entfernt, wo es passiert ist.- Was denn passiert?-fragte der Maler. Er schmeißt mich über Bord. Wir gehen nachts auf Deck spazieren und er schmeißt mich runter. Ganz einfach. Sieh doch mal da unten, Tussi, -sagt er, ich trete an die Reling, er macht einen Schritt zurück und packt mich an den Beinen. Das Ganze dauert nur Sekunden. Es ist dunkel, Zeugen gibt es nicht.- Ich bitte Sie, Ihr Mann ist doch kein Mörder,-sagte der Maler und skizzierte. Das Schiff fährt unter dem Gesetz von Malta, Maltaflagge. Malta ist weit weg. Auf jeder dieser Fahrten gehen Leute über Bord, ohne dass viel aufgeklärt wird. Meine Frau hat letzte Nacht die Kabine verlassen,-sagt er. Hab geschlafen, keine Ahnung, was passiert ist.- Der Maler hatte aufgehört zu zeichnen. Über diese Aspekte einer Kreuzfahrt hatte er noch nicht nachgedacht. Ihr Mann ist doch kein Mörder,- wiederholte er. Gestern fiel mir ein, dass er in letzter Zeit von dem perfekten Mord gesprochen hat. Zum Beispiel? -habe ich gefragt. Ich bitte Sie, Sie sollten das entspannt sehen.- Der Maler zeichnete das rechte Auge.
Vor ein paar Tagen sagt er, liebes Tußchen, möchtest du nicht einmal nachts auf Deck spazieren gehen? Nein, aber vielleicht morgen oder nächste Woche, sage ich.- Der Maler wandte sich dem Ohr der Dame zu. Danach skizzierte er den Haaransatz über dem linken Auge. Wenn ich Geld ausgebe, wird er wütend. Schließlich ist man Konsument, nicht wahr? Soll ich kein Souvenir bekommen auf dieser letzten Reise? Was malen Sie denn da die ganze Zeit? Darf ich mal sehen?- Die Dame nahm dem Maler seinen Block aus der Hand und erblickte das Gesellenstück ihrer Physiognomie in Einzelteilen. Aha, erklärte sie, genauso fühle ich mich auch.- Die Dame gab ihm seinen Block zurück. Wie teuer war denn der Smaragd?- fragte er, um von dem Eindruck abzulenken, den sein Werk gemacht zu haben schien. Zweitausendvierhundertfünfzig.- Der Maler senkte seinen Block und sah die Dame an. Dollar,- ergänzte sie. Es fragt sich, wann er es bemerkt. Er kontrolliert sein Konto auf der Reise wenig.- Bitte einmal um die Achse drehen,- sagte der Maler, der sich über nichts mehr wunderte. Wieso denn das?- Ich brauche Ihren Kopf von hinten.- Der Maler ging um sie herum, die Dame drehte sich mit ihm im Kreis. Er überlegte, ob er ihren Busen einbeziehen sollte. Allerdings verschwand er so am Leib der Frau, dass er kaum zu sehen war. Der Man im Laden sagt, er kann die Zukunft sehen.- Wer?- Der Smaragd.- Der Maler staunte über die Vertrauensseligkeit der Dame. Wie macht er denn das?-fragte er. Man muss zählen. Ich trage ihn am kleinen Finger, weil man so am besten zählt. Links anfangen, rechts aufhören.- Die Dame drehte den Ring an ihrem Finger hin und her. Der Maler nahm das rechte Auge ins Visier. Krabbelt dort ein Insekt? Der Maler starrte auf die Augenbraue. Die Frau begann zu zählen, sie schob die Finger ihrer Hand wie auf einem Rechenrahmen auf die Seite. Er bringt mich…. er bringt mich nicht…. er bringt mich… er bringt mich nicht….. Es geht immer anders aus. Ich habe mindestens schon zehnmal durchgezählt.- Sind Sie sicher dass das wirklich ein Smaragd ist?-fragte der Maler. Die Dame sah ihn an. Ich habe ein Zertifikat, erklärte sie.-
Man kann solche Steine bedampfen. Dann sehen sie besonders echt aus.- Glauben Sie, dass hier betrogen wird?- Der Maler zeichnete. Unter dem Schlot fiel mir einmal Ruß auf beide Arme. Unter Deck sind lauter Filipinos. Billigarbeitskräfte. Ich habe mit einem gesprochen, der sich nach oben verirrt hat. Er erzählte mir, was er verdient. Auf welchem Dampfer reisen Sie?- Ocean Adventure.- sagte der Maler. Die Dame befühlte den Smaragd. Ich frage Sie im Ernst: Kann man jemanden wie mich für längere Zeit ertragen oder sogar lieben? -Wie meinen Sie das?- Ich meine, kann ein Mann sich mit einer Frau wie mir gewissermaßen länger anfreunden? Bedenken Sie mein Aussehen.- Gar keine Frage,- sagte der Maler.
Er überlegte.- Dann sagte er…:- der Ghostwriter strich, was er sagte, aus dem Heft. Er fand es inadäquat. Später setzte er es wieder ein, weil ihm nichts Angebrachtes einfiel. Während er sprach, setzte der Maler seine Skizze fort. Die Antwort war so hingesprochen, er hatte sich nicht viel dabei gedacht, vielleicht war sie im Tonfall etwas burschikos. Die Dame richtete ihren Blick auf ihn. Eine Pause entstand. Plötzlich trat sie dicht an ihn heran, holte mit dem rechten Arm kurz aus und gab ihm eine Backpfeife, dass ihm der Block aus der Hand rutschte und die Touristen im Laden sich nach der Szene umwandten. Ich gebe Ihnen Recht, es sind die Einzelteile.- Die Dame machte auf dem Absatz kehrt und trippelte davon. Der Maler hob seinen Block auf und sah ihr nach. Er wandte sich erneut dem Poster zu. Die Figuren standen wieder in der Reihe. Die Catarina Calavera fehlte immer noch. Ihm war eingefallen, dass vorne links im ersten Viertel des Mural eine Wünschelrute auf dem Boden liegt. Angeblich bietet sie den Schlüssel zur Erklärung für die Ordnung der Figuren. Er fand sie nach einigem Suchen. Sie liegt vorne vor dem schlafenden Indigenen auf dem Boden. Mit der Gabel zeigt sie auf die Mutter mit dem Kind.

5

Der Maler ging aus dem Geschäft und suchte nach dem Ausgang aus dem Terminal. Das dumpfe Tuten von den Piers ertönte pausenlos. Die Menschenmenge schob sich durch die Kolonaden. Die Beschilderung zur Orientierung war nicht hilfreich. Im Delphinarium kletterten die Kinder auf den Rücken der Delphine. Zwei Männer in Zivil traten auf den Maler zu. Sie sprachen ihn zuerst auf Spanisch an und dann auf Englisch. Einer war kurz und stämmig mit großem Kopf, platter Nase und Igelschnitt, der Zweite hager und nervös mit käsiger Gesichtshaut und messerscharfen Lippen. Der Maler war in Eile. Was wollten die von ihm? Sie führten ihn in einen Raum, in dem ein Stuhl, ein Tisch und darauf ein Rechner standen. Licht kam durch ein Fenster in der Decke. Der Raum sah einer Zelle nicht ganz unähnlich. Der Maler hatte Zeit verloren. Sein Schiff steche in kurzer Zeit in See und setzte seine Reise fort nach Kuba. Bitte!- Wollten die Herren dafür verantwortlich sein, dass er sein Schiff verpasste? Er sah auf seine Uhr, die Männer sahen ebenfalls auf ihre Uhren. Alles würde schnell gehen. Keine Sorge. Der Maler wurde aufgefordert, sich zu setzen und sich auszuweisen. Da man auf Kreuzfahrtreisen seinen Pass abgibt, hatte er sich ein zweites Exemplar besorgt und den ersten als vermisst gemeldet. Er zeigt er seinen Ausweis vor. Die Männer nahmen seine Personalien auf und übertrugen sie in das Gerät.
Im Hintergrund ertönten die Signale. Der Maler erklärte auf Englisch, dass er sich beeilen müsse. Die Beamten stimmten zu: Kein Problem.- Zeit genug. Kannten sie die Abfahrtszeiten seines Schiffs? Der Maler wurde aufgefordert, seine Taschen auszuleeren. Schlüssel, Smartfon, Münzen, Scheine, Bleistiftstummel, Bordkarte, Blocks, Automatenkarten, Pfefferminz, Kuchenkrümel, Teile eines Plastikmessers, mit dem er seine Kuchenstücke aufgeschnitten hatte, Bleistiftminen, Pinselhaare, die Cohiba. Er hatte seine Taschen lange nicht geleert. Der Maler wurde aufgefordert, seine Schuhe ausziehen. Die Beamten fuhren mit den Händen hinein und verbogen die Sohlen. Einmal kurz den Mund,- sagte der Große, an dessen Nase sich die Feuchtigkeit abzeichnete. Er öffnete den Mund. Der andere begutachtete das Inventar, das auf dem Tisch lag, er nahm Teile des Plastikmessers und versuchte sie zusammenzusetzen, als könne er damit ein Rätsel lösen.
Der Maler überlegte, ob er protestieren konnte oder sollte. Mit der mexikanischen Sicherheit wollte er sich nicht anlegen. Er öffnete den Mund und grimassierte. Der Beamte leuchtete mit einer LED-Lampe hinein. Schließlich musste er die Hose fallen lassen und stand nun in Boxershorts vor den Beamten. Sie zogen den Gürtel heraus und bogen ihn hin und her. Sie interessierten sich für die Zigarre. Der Hagere bröckelte sie auseinander. Er zerbröselten die Krümel, nahm sie in den Mund, kaute und spie sie auf den Boden. Der Beamte mit dem Igelschnitt fragte, auf welchem Schiff der Maler fahre und ob er die Cohiba dort erstanden habe. Der Maler sagte Ja.- Die Beamten wechselten einen Blick. Das Gesicht des Mannes mit dem großen Kopf wich plötzlich rückwärts und sah winzig aus. Die Zunge kam heraus und auf ihr lagen Augen. Großartiges Motiv! Genau wie damals auf dem Weg. Das Ganze dauerte Bruchteile von Sekunden. Dann war es verschwunden. Der Maler starrte den Beamten an. Mein Schiff! -schrie er und reckte den Arm in Richtung der Piers. Der große Kopf trat einen Schritt zurück. Der andere Beamte verließ den Raum. Der Maler wurde aufgefordert, einen Text zu unterschreiben. Er unterschrieb unleserlich, raffte sein Zeug zusammen und stürzte aus dem Raum. Man hielt ihn nicht zurück.

6

Im Terminal stieg er auf eine Mauer, um sich zu vergewissern, was auf den Piers vorging. Sie schienen sehr weit weg. Es würde knapp, bemerkte er, als er die Lage überblickte. Die Ocean Adventure mit ihren stumpfen Anstrich lag in der Sonne der Karibik wie eine Fata Morgana. An den quer gebauten Anlegern hatten zwei weitere Kreuzfahrtschiffe festgemacht. Der Maler kniff die Brauen zusammen und traute seinen Augen nicht: die Dame, sein gewichtiges Modell, war die Hälfte einer Gangway hochgeklettert, deren eines Ende in der Luft hing, da sie eingezogen wurde. Sein Modell hing etwa in der Mitte. Die Gangway schien sich unter dem Gewicht der Dame zu verbiegen. Zwei Mitarbeiter in weißem Dress krochen unter Verrenkungen auf die Dame zu, die sich mit überraschender Behändigkeit die Leiter hocharbeitete, und zogen sie an Bord. Die anderen Gangways hingen in der Luft. Eine war noch ausgefahren. Vor den Augen des Malers fing es an zu flimmern. Aus der Distanz war schwer zu schätzen, ob ein Spurt noch helfen würde. Auf dem Anleger strömte ihm die Menschenmenge entgegen, die aus dem Bauch der nächsten Kreuzfahrtschiffe quoll.
Der Maler kämpfte sich durch die Gestalten. Man fühlte sich an eine Völkerwanderung erinnert, die in Freizeitkleidung stattfand. Er wich den Passagieren aus, so gut es bei dem Tempo ging, das nötig war, wollte er sich nicht den Vorwurf machen, zu langsam gewesen zu sein. Die Menschenmenge verfolgte seinen Spurt mit sportlichem Interesse, man wich ihm aus, trat beiseite, öffnete eine Gasse. In einer Dame meinte er die Kassiererin seines Supermarkts zu erkennen. Schon wollte er sie grüßen, aber sie starrte so missmutig vor sich hin, dass er es unterließ. Die Hitze wurde tropisch, das Wasser lief ihm in die Augen. Er hatte seine Brauen wieder stark beschnitten, der gleiche Fehler wie beim letzten Mal. Er entschuldigte sich unablässig, riss einen Rollator auf die Seite, lief in eine Frau hinein, zog Kleidungsstücke mit sich, hing an einem Sonnenschirm, sah in entsetzte Mienen, rannte ein Kind um, hörte das Geschrei der Mutter und kam außer Atem.
Die Anstrengung in der Hitze der Karibik war er nicht gewohnt. Das Tempo würde nicht zu halten sein. Das Poster, das er zu einem hohen Preis der Verkäuferin noch abgeschwatzt hatte, knatterte im Wind, da die Verschnürung abgegangen war. Sein Schmerbauch schwabbelte und hinderte ihn am Vorwärtskommen. Schinken, Sahnetorten, Brötchen, Eis, Spirituosen: er hatte wahllos Zugegriffen: dem Überangebot an Bordverpflegung hatte er nicht lange widerstanden. Bewegte sich das Schiff bereits? Er stolperte über einen Turnschuh, rappelte sich hoch, jemand half ihm auf, er hörte beschwichtigende Worte. Der Sekundenzeiger seiner Uhr stand still. Auf der Mole wurde es noch enger in der Menge. Welche Massen fassten diese Schiffe! Sollte ein Atomkrieg ausbrechen, würde er auf einem dieser Kästen Zuflucht suchen. Vielleicht wurden sie zu diesem Zweck gebaut. Rhythmisches Klatschen war zu hören und Beifall wie auf einem Sportplatz. Das schien ihm zu gelten, seinem Endspurt, bekannt als Pier Running. Als er die Wasserkante erreicht hatte, betrug der Abstand zwischen ihm und dem Schiff circa einen Meter. Eine der Gangways hing noch in der Luft, allerdings schon sehr weit oben. Der Schiffsrumpf ragte vor ihm auf wie eine Steilwand, Sekunden überlegte er zu springen. Unten gurgelte das Wasser, aufgewirbelt von der Schiffsschraube: Sumpfig grün, graugelb und käsig. In großer Trägheit löste sich das Schiff vom Kai und drehte Richtung Norden. Der Schlot mit seinen auswärts gebogenen Düsen stieß Rauch in fetten Schwaden aus.
Die Hitze wurde infernalisch. Halt!- schrie der Maler, er wedelte mit den Armen, während ihm der Schweiß in Strömen in die Augen lief. Halt! Schließlich habe ich bezahlt! Gottverdammt! Halt an!- Die Passagiere standen in langen Reihen an der Reling und filmten seinen Abschied. Vermutlich ging er bald auf whatsapp um den Globus und würde dann im Netz zu sehen sein. Wer zu spät kommt…,- rief jemand. Zurück!-schrie der Maler. Es war zu spät. Einer der Passagiere zeigte einen Vogel. Die vier Freunde standen an der Reling. Sie gestikulieren, er hörte sie rufen, aber es war nichts zu verstehen. Da stand ihr Spaßonkel auf der Pier und japste. Das Hemd klebte ihm am Körper. Ihm wurde heiß und kalt und wieder heiß. Er sah zu den Achterdecks, wo in der Tiefe der Aufbauten seine Kabine liegen musste. Seine Skizzen fuhren ohne ihn nach Kuba. Lutz tänzelte von einem Bein auf das andere. Wir gehn zum Kapitän! Wenn das Ding nicht umkehrt, bricht die Meuterei aus.- Die Vier verschwanden von der Reling. Die Männer, die die Vertäuung der Ocean Adventure gelöst hatten, standen auf der Pier und beäugten ihn mit freundlicher Anteilnahme. In einer Öffnung über dem Wasser erschien Schiffspersonal und vollführte bedauernde Handbewegungen. Man rief etwas, das von den dröhnenden Signalen des dritten Kreuzfahrtschiffs übertönt wurde. Cetumal…. Flugzeug …Bus…-
Manche Passagiere an der Reling winkten ebenfalls. Der Maler meinte Ingo und Monika zu sehen, sie Lehrerin, er arbeitslos. Sie führten Tagebuch über ihren sexuellen Umgang, Volker und Merula, er Bibliothekar, sie kellnerte, erwartete ein Kind, Roland und Christine, älteres Ehepaar, das überwiegend aß und sich zerstritt, Harmonia und Joaquin, die Reise ihrer Trennung, Solvey, Hans und wie sie hießen. Der alte Herr, mit dem die Freunde unterwegs waren, saß regungslos in seinem Rollstuhl. Manche hatte er flüchtig skizziert. Er erfuhr Details. Entscheidend war jedoch die Physiognomie. Und dort- war das nicht sein Modell? Der Maler versuchte etwas zu erkennen. Zeigte es ihm eine Nase? Das vierte Kreuzfahrtschiff ließ seine dröhnenden Signale hören.
Er war dehydriert, ihm wurde schwarz vor Augen, er setzte sich und hielt den Kopf zwischen die Knie. Seine Kehle war staubtrocken. Mechanisch befühlte er die Taschen seiner Fliegerjacke. Pass, Scheine, Visa, Smartfon und so weiter. Auch sein Gepäck fuhr ohne ihn nach Kuba. Er wollte seinen Freunden winken, hob den Kopf, sah sie aber nicht mehr an der Reling. Aus den Skizzen, die er angefertigt hatte, sollte ein Tableau werden. Der Titel „Arche Noah“ stand noch nicht fest. Die Badeanstalt auf dem Schiff hatte Anschauungsmaterial in Fülle hergegeben. Die Bäuche reizten zu schwungvollen Linien. Seine Blätter hatte er in einer Mappe aufbewahrt. Die Idee war noch nicht ausgereift, die Skizzen waren nur ein Anfang. Philipp, Lutz und Kevin erschienen wieder an der Reling. Das Smartfon in der Brusttasche des Malers klingelte. Er fummelte es heraus und legte sich auf den Boden, um seinen Kreislauf zu verbessern. Philipp schrie und fuchtelte mit den Armen. Sie haben uns nicht vorgelassen. Rache ist Blutwurst! Notfalls übernehmen wir das Schiff…- Die Leitung wurde unterbrochen. Lutz und Philipp redeten zugleich. Hallo?… Cozmel…und dann Bus …-Die Ocean Adventure entfernte sich mit wachsender Geschwindigkeit vom Kai. Die Leitung funktionierte, dann brach sie wieder ab. Der Maler hörte Philips Stimme, Lutz und Kevin schrieen durcheinander. Cozmel ist ne Insel. …Bus im Terminal!- Die Verbindung riss. Cancun!- rief jemand dazwischen. Flugzeug!- Die Verbindung kam zurück. Klar..?- Jemand blies auf einer Stadiontrompete. Eine Borddurchsage zerfiel in ihre Echos. Im Smartfon Kevins drückte jemand seine Anteilnahme aus. Man hörte Bordmusik. Ein Pärchen tanzte an der Reling.

7

Das Mädchen weiter vorne auf der Pier war klein und zierlich. In seinem filigranen rosa Tüllkleid mit Blümchenmuster und gelben Schuhen mit Katzenschnurrbart sprach es in sein Smartfon. Es sah müde aus, als hätte es sehr lange nicht geschlafen. Sein Gesicht war rund und etwas formlos. Es schien äußerst jung zu sein. Das Kinn war klein und spitz. Auf der Unterlippe saß ein Piercing. Die Pupillen oszillierten zwischen etwas, das aus dem Abstand schwer erkennbar war, sein Gesichtsausdruck schien dem Maler seltsam störrisch und zugleich von somnambuler Friedfertigkeit. Im Mund war etwas, auf das gebissen wurde. Das ungekämmte gelbe Haar stand strohgelb in einem Wust vom Kopf ab und löste sich in Strähnen auf, die vom Wind verwirbelt wurden. Neben ihm stand ein Seesack auf der Pier. Hatte sie auch das Schiff verpasst? Ihr Smartphon war auf laut gestellt, die Stimme eines Mannes war zu hören.
Warum bist du nicht an Bord?- schrie die Stimme. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Ich frage, warum bist du nicht an Bord? Was geht hier vor? Bist du verrückt geworden?- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Auf einem der Decks war eine Gestalt zu erkennen, die sich von den anderen abhob, da sie erregt gestikulierte. Mit erhobenem Arm ballte sie die Faust. Das musste der Mann sein, der im Smartfon brüllte. Die Personen an der Reling wurden kleiner. Gleich darauf kam eine weitere Gestalt zum Vorschein, die ebenfalls gestikulierte, eine Frau. Eure Freakshow fährt jetzt ohne mich zum Teufel,- sagte das Mädchen. Was?-schrie die Männerstimme. Schöne Grüße an die einarmige Mumie von Kapitän und die Clowns auf dem Oberdeck.- Was?- Die Gestalt an der Reling wedelte mit den Armen. Grüße an die Kakerlaken und den Hotzenplotz im Motorraum,- sagte das Mädchen. Mexiko, das ist das Land der toten Frauen,- hörte man die Frauenstimme. Du bist so gut wie tot!- Was hast du vor? Was soll das? -schrie der Mann. Und wir dachten, sie wäre geheilt.- So gut wie tot,- wiederholte jemand, der sich der Debatte anschloss. Direktion!-schrie die Männerstimme. Das wäre ja gelacht!- Das Schiff kehrt um, wir holen dich an Bord, verrückte Kreatur!- Erklärung an den Clown vom Dienst,- sagte das Mädchen: Ich fahre nicht mehr mit. Meine Reise ist zu Ende. Ich bin am Ziel.- Terminal! Costa Maya,- schrie die Männerstimme. Jemand wird vermisst, Polizei!- Der Tod ist groß im Land der alten Mexikaner,- sagte jemand. Und minderjährig ist sie obendrein!- rief die Frauenstimme. Sie schrie aus Leibeskräften, die Stimme überschlug sich. Eine Bemerkung über Leichenfunde kam in Gang.- Der Rest der Rede ging im Lärm der Schiffssignale unter. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgesamtzahl spielt das keine Rolle,- sagte jemand. Das weiß ich,- schrie der Mann, der offenbar der Vater war. Gute Nacht und gute Reise ins Nirwana,-sagte das Mädchen. Es hielt sein Smartphon in den Wind. Aus der Entfernung klang das Schreien wie Gezeter. Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack, es war ein Tischtuch aus dem Speisesaal der Ocean Adventure. Der Maler erkannte es am Muster. Das Mädchen faltete das Tischtuch auseinander. Es flatterte im Wind und drohte weg zu fliegen. Das Mädchen drehte sich im Kreis und winkte. Der Wink schien ihm zu gelten. Als der Maler stand, wurde ihm schwindlig. Der Horizont fing an zu rotieren. Das Mädchen winkte noch einmal. Galt das ihm? Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Der Maler kam heran. Merkwürdige Erscheinung. Im Text des Malers fanden sich Beschreibungen, die der Ghostwriter als geschmacklos durchstrich. Allerdings fiel ihm erst einmal nichts Besseres ein. Bitte halten Sie das Tuch vor mich, sagte das Mädchen, ich zieh mich um, Garderobe.- Den Kopf zur Seite.- Der Maler nahm das Tischtuch in Empfang, das es mit ausgestreckten Armen hinhielt. Unten mit den Füßen,- sagte das Mädchen.
Der Maler hielt das Tuch hoch und stellte sich mit den Füßen darauf, so dass es nicht mehr flatterte. Das Tuch stellte sich waagerecht. Der Maler sah das Piercing auf der Lippe und starrte es an. Ist so etwas nicht ungesund?-wollte er fragen. Die Lippen waren seltsam rauh. Nicht glotzen,- sagte das Mädchen. Den Kopf zur Seite.- Sein Smartfon klingelte. Der Maler ließ das Tischtuch los, das augenblicklich wegflog. Er rannte hinterher und bekam es am Ende der Mole zu fassen, kurz bevor es ins Wasser schoss. Im Smartfon meldete sich Wolfgang. Meuterei!-rief eine Jungenstimme. Wir setzen die Kiste auf Grund!- Das vierte Kreuzfahrtschiff war jetzt vertäut. Die Gangways fielen auf den Kai. Die nächste Menschenmenge kam herunter und bewegte sich in Trecks zum Terminal. Dazwischen fuhren Wägelchen wie aus einem Spielzeugladen. Es herrschte Hochbetrieb. Aus dem Handy des Mädchens kam eine Männerstimme, die in ein anderes Smartfon sprach. Wen darf ich melden?- fragte jemand, der nur undeutlich zu hören war. Man hörte einen Namen. Das Mädchen zog das Tüllkleid über den Kopf, knüllte es zusammen und stopfte es in den Seesack. Es ging so schnell, dass der Maler kaum etwas mitbekam. Unter dem Kleid kamen eine Jeansjacke und eine sandfarbene Kargohose zum Vorschein. Am Gürtel hing ein Karabinerhaken. Das Mädchen zog die gelben Schuhe aus und holte zwei Lederhalbschuhe mit Stahlkappen aus dem Seesack. Der Wind riss das Tischtuch in die Höhe. Bitte die Füße unten drauf.- sagte es und sah den Maler tadelnd an. Den Kopf zur Seite.- Im Smartfon meldete sich der Hundebuttler der Ocean Adventure. Im Hintergrund ertönte das Gebell von Hunden. Ich verbinde,- sagte eine Stimme, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich will nicht die Hunde,- schrie die Männerstimme, sondern die Kreuzfahrtdirektion! Auf welchem Deck?- fragte eine Stimme, die nicht die des Hundebuttlers war. Das Mädchen kicherte. Es zog mit aller Kraft an seinem gelben Haarwust. Mit Entsetzen sah der Maler zu. Die Mähne kam herunter und landete auf der Pier. Darunter kam ein Pottschnitt grün gefärbter Haare zum Vorschein. Die Verwandlung war so vollständig, dass das Mädchen kaum noch zu erkennen war.
Die Schuhe,-sagte es. Wohin damit?- Wenn Sie möchten, nehme ich sie an mich.-Der Maler wusste nicht, warum er das jetzt sagte. Was wollen Sie damit? Ich werfe sie ins Meer,- sagte das Mädchen. Mein Abschiedsgeschenk an die Kreuzfahrt.-Dann kommen sie vermutlich irgendwann bei Grönland oder bei den Eskimos raus.- Wollen Sie sie herumtragen? Wie man hört, malen Sie.- Der Maler staunte. Woher wissen sie denn das?- Bei der Wasserrutsche hab ich Sie gesehen. Ich stand über Ihnen oben auf dem Deck. Das Labyrinth aus Blech hab ich in alle Richtungen durchquert, es bestätigt jedes Vorurteil. Ich war danach war so deprimiert, dass ich nur noch schlafen wollte.-
Aus dem Smartfon kam ein Lärm, als schlage man mit Schuhen auf die Reling. Lawnkeeper, sechstes Deck,- rief jemand. Die Stimme flatterte im Wind. Morgen um elf Uhr Picknick auf dem Oberdeck. Der La- La- Lawn ist knackig präpariert. -Der Bierbrauobermeister war der nächste in der Leitung. Die Chemie kommt…. die Chemie kommt nicht… in meinem Bier….- Kreuzfahrtdirektion!-hörte man die Männerstimme schreien. Moment mal,-sagte jemand anderes. Die Leitung knackte. Wen darf ich melden?-fragte eine Frauenstimme. Einen Hund Felizitas mit Namen gibt es nicht an Bord,- meldete der Hundebuttler sich zurück. Zur Hölle mit euren Hunden!- schrie die Männerstimme. Kindchen, warum bist du nicht an Bord?- fragte die Frauenstimme. Das ist die Kinderfrau vom sechsten Deck,- sagte das Mädchen. Sie hat auf mich aufgepasst wie auf ein Baby. Sagen Sie ihr, dass ich nicht weiter mitfahr.- Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass das die Dame nicht mehr mitfährt,- meldete er pünktlich.
Kindchen, was ist los? Hat es dir an Bord denn nicht gefallen? Wir haben alles was das Herz begehrt. An Bord herrscht Luxus pur ganz wie zuhause. Wir sind das Paradies der Meere.- Sagen Sie der Frau, mit ihrem Pipifax und ihrem Kindergarten soll sie mich in Ruhe lassen. Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass sie Sie in Ruhe lassen sollen mit Ihrem Pipifax und Ihrem Kindergarten,- meldete der Maler. Kindchen, hast du vielleicht ein kleines psychologisches Problem? Ist gar nicht schlimm, das haben wir doch alle hin und hin und wieder. Hör zu, ich erkläre dir, wie du zurückkommst…. Du nimmst den Bus nach….Hallo?- Ich soll sagen, dass Sie In Ruhe lassen sollen,- wiederholte der Maler.- Aber Schätzchen, ist doch alles wie zuhause! Hör zu, du fährst nach Playa Carmen mit dem Bus…von dort aus….Cozumel, die wunderschöne….- Hallo?- Augenblick mal,- sagte eine andere Stimme. Noch zehn Minuten bis Buffallo,- rief jemand dazwischen. Sagen Sie ihr, dass ich nicht zu dieser Insel fahre.- Ich soll sagen, dass sie nicht zu dieser Insel fährt, erklärte der Maler.
Die Nany sog den Atem durch die Nase. Sie verlor hörbar die Geduld. Ich sehe, du hast plötzlich grüne Haare. Wir haben Färbekurse für die Dame! Dazu bekommst du gratis eine Wohlfühlmassage in der Ayurveda Lounge.- Sagen Sie ihr, dass ich diese Lounge nicht betreten werde!- Ich soll sagen, dass sie diese Lounge nicht betreten wird,- sagte der Maler. Als nächstes hörte man die die Männerstimme, die ins Handy schrie. Schreien Sie nicht so,- sagte die Chefnany. Ihre Tochter ist kein Wickelkind.- Im Smartphon des Malers meldete sich Wolfgang. Die Leitung riss ab. An Land ist ne Security,- sagte Philipp. Man erwartet euch.- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Der Vater des Mädchens beobachtete jetzt die Pier mit einen Fernrohr. Ich war im Knast, sagte das Mädchen. Da wird die Post kontrolliert.- Wer ist denn dieser Typ da auf der Mole neben ihr?- fragte eine jugendliche Stimme, die sich bisher nicht zu Wort gemeldet hatte. Kein Zweifel, Watson, das ist ihr Zuhälter,- sagte eine andere Stimme. Das Mädchen sah zum Schiff hinüber, wo die Gestalten jetzt schon winzig wurden. Meine Brüder. Auf den Schulhof haben sie gekokst.- Auf dem Schulhof haben sie gekokst,- sprach der Maler in das Handy. Das Mädchen hielt ihm die Hand vor den Mund. Am Horizont ertönte neues dumpfes Tuten. Ein fünfter Kreuzfahrtdampfer zeichnete sich ab.
Im Dschungel wird sie auf die Überständer krabbeln. Ich hab´s geahnt! Die Tarnfarbe hat sie schon drauf.- Dann kann sie uns ja auf die Köpfe machen,- sagte die andere Stimme.- Aufbruch zur Mission der Brüllaffen! Wenn du oben bist, schick uns ne Ansichtskarte.- Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack. Es gab dem Maler einen Marker. Bitte malen Sie mir etwas ins Gesicht, eine Maske oder sowas. Wahrscheinlich gibt es irgendwo Gesichtserkennung. Sonst komme ich womöglich nicht aus diesem Getto raus.- Der Maler nahm den Marker in Empfang und fing an zu malen. Etwas näher,-sagte er. Er malte Ringe um die Augen, tönte die Innenflächen, ließ in der Mitte weiße Punkte frei und zog einen breiten Streifen über die Mundpartie. Er färbte die Nase schwarz und machte darauf aufmerksam, dass er als nächstes mit dem Finger die Farbe an bestimmten Stellen wieder ausradiere, um die Zähne zu markieren. Das Mädchen hielt die Augen geschlossen. Es ging voran. Es fehlte noch das Kinn. Als er fertig war, trat er zurück. Er war nicht unzufrieden mit dem Resultat. Das Mädchen suchte einen Taschenspiegel aus dem Seesack. Ob es mit dem Werk zufrieden sei, fragte er. Das Mädchen sagte ja-. Die Maske hatte Ähnlichkeit mit dem Kopf der Catarina Calavera auf dem Mural Riveras. Würden Sie mir auch Ihr Käppi leihen?- war die nächste Frage. Meine Haare sieht man meilenweit. Ich sollte sie nicht färben, das war eine Dummheit.-Der Maler zögerte. Das Käppi war sein Lieblingsstück. Er trug es, weil keine andere Kopfbedeckung zu ihm passte. Es war rot und blau und hatte ein festes Band, so dass es auch bei starkem Wind nicht abfiel. Die Aufschrift war in Schwedisch.
Der Maler nahm das Käppi ab und übergab es. Das Mädchen setzte es auf und zog es ins Gesicht. Sie bekommen es zurück, sobald ich von hier weg bin.-Der Maler überlegte, wie die Logik dieser Aussage zu interpretieren war. Mein Poster!-schrie er. Da vorn,- sagte das Mädchen. Der Maler sah sich um. Das Poster lag mit einem Stein beschwert am Rand der Mole. Jemand musste darauf Acht gegeben haben. Der Maler lief. Als er auf das Wasser sah, erblickte er das Tüllkleid und die strohgelbe Perücke. Sie hatten sich schon ziemlich weit entfernt. Die Ocean Adventure ließ zum Abschied die Signale dröhnen. Der Maler sah zum Schiff. Die Personen an der Reling waren zu Winzlingen geschrumpft. Der schreiende Mann telefonierte, mit der anderen Hand hielt er das Fernrohr über seinen Kopf. Die Beamten würden an der Stelle stehen, wo die Pier ins Ufer überging. Dort war der Flaschenhals, der die Passagiere überprüfbar machte. Der Maler hielt nach ihnen Ausschau. Es waren dieselben, die ihn sein Schiff hatten verpassen lassen. Laufschritt,- sagte er. Der Maler und das Mädchen gingen schneller. Sie schlossen sich einem Pulk an, wo die Menge am dichtesten war und besonders viele Kinder liefen. Die Beamten waren in ihrem schwarzen Outfit aus der Entfernung zu erkennen. Der mit dem großen Kopf telefonierte in sein Smartfon. Sie musterten die Passagiere. Das Mädchen griff die Hand des Malers. Wenn sie etwas fragen, sagen Sie kein Wort, stellen Sie sich dumm. Sie verstehen nichts. Sie sind meine Frau. Ich habe Sie vom Schiff geholt.- Das Mädchen sagte nichts, seine Hand war kalt. Eine der Passagierinnen trug einen Sonnenschirm. Der Maler und das Mädchen hielten sich dicht hinter ihr. Die Beamten ließen sich nicht täuschen. Der Hagere fasste sie, das Ohr am Smartfon, schon ins Auge. Er winkte sie heran. Das Mädchen zog das Käppi ins Gesicht.
Im Näherkommen starrte der Maler die Beamten einfach an. Nicht unverschämt, aber fest und unverwandt. Die Devise: Niederstarren.- Die Beamten mussten wissen, wen sie vor sich hatten. Sie mussten sich an ihn erinnern. Ihr Übereifer konnte für die Tourismusindustrie des Landes keine gute Werbung sein. Es war auch nicht geklärt, ob sie das Recht hatten, die Personalien des Mädchens festzustellen. Auf Englisch fragten sie, wer das Mädchen sei, ihr Name. Der Maler starrte sie nur an. Das Mädchen folgte seinem Beispiel und starrte die Beamten ebenfalls nur an. Als der mit dem großen Kopf nach ihrem Käppi greifen wollte, hielt sie es fest.
Die Beamten überlegten, sie tauschten Bemerkungen auf Spanisch aus. Sie schienen unschlüssig. Im Smartfon schien der Mann vom Schilf zu sprechen. Die Beamten wiederholten ihre Frage. Sie fragten nach dem Pass des Mädchens. Die Methode schien Erfolg zu haben. Der Maler starrte den Beamten in die Augen. Das Mädchen orientierte sich an ihm und tat das Gleiche. Nicht mit der Wimper zucken,-sagte er. Nach wiederholter Ansprache, Fragen nach dem Pass und einem Starren ohne Antwort wuchs die Menschenmenge hinter ihnen. Der Flaschenhals war schmal. Die Ausweichmöglichkeiten waren kompliziert, links und rechts der Mole schlugen schaumgekrönte Wellen auf den Strand, Rufe wurden laut. Die Telefonverbindung zur Ocean Adventure schien nicht gut zu sein. Der hagere Beamte schüttelte sein Smartfon und übergab es an den mit dem Igelschnitt. Er sprach hinein, aber eine Antwort schien nicht durchzudringen. Die Ocean Adventure war hinter den neu angekommenen Schiffen verschwunden. Die Menge staute sich. Sie schob den Maler und das Mädchen mitsamt den Beamten langsam in das Terminal hinein. Die Beamten gingen rückwärts, was der Wahrheitsfindung auch nicht diente. Im Terminal herrschte der gleiche Hochbetrieb wie ehedem. Die Flamingos standen regungslos auf ihren Beinen, die Pseudokrieger tanzten ihre Tänze. Die gelben Schuhe standen auf der Pier.

8

Die 307 führt Im Norden nach Cancun, im Süden nach Chetumal, einer Küstenstadt an der Grenze zu Belize, der früheren Kolonie Honduras. Im Norden führt sie nach Cancun. Sie verläuft zur Küste parallel im Staat Quintana Roo. Fußgänger waren kaum zu sehen. Der Maler wanderte. Auf dem Sandweg aus dem Terminal hatten sich Staubwolken gekräuselt. Der Wind verwirbelte sie aufwärts, wo sie Schwaden bildeten. Majahual, das Dörfchen hinter ihm, schien nur aus Badekabinen zu bestehen. Strohdächer verloren sich im Hinterland. Zwei Jugendliche planschten mit Aquascootern durch das Wasser. Die Wellen brachen sich weit draußen vor der Küste. Unter Zapotebäumen standen Liegestühle.
Er hatte nach dem Namen des Mädchens gefragt. UP,- war die Antwort gewesen. Seine Maske hatte sich verschmiert. Touristen, die sich an den Rand des Areals verloren hatten, beäugten es wie ein Gespenst. UP und weiter?- Das Mädchen war gelaufen. Dann war es umgekehrt, hatte ihm sein Käppi zurückgegeben und dabei geknickst. Wohin des Wegs, UP?- hatte der Maler ihm nachgerufen. Das Mädchen war noch einmal umgekehrt und hatte über den Bildschirm seines Smartfons gewischt. Er leuchtete nur kurz. Der Maler hatte versucht, sich den Namen zu merken. Die Buchstaben U und P kamen nicht darin vor. Das Licht ging wieder aus. Aus der Entfernung hatte es UP, ade!- gerufen. Auf dem Weg hinter ihm formten sich Windhosen aus Staub. Der Maler hatte einen Mann gesehen, der so klein war, dass man ihn für einen Liliputaner halten konnte. Er hatte ein Zeichen gemacht. Ein Helikopter war im Tiefflug über das Areal gedonnert und das Mädchen war in sein Auto eingestiegen.
Die Beschilderung im Terminal wies auf einen Ruheraum hin (Restroom). Der Maler arbeitete sich durch die Menge und stand unvermittelt im Gewühl vor einem Herrn, dessen Physiognomie dem Mond in seiner achten Phase ähnelte, schien ihm. Das Kinn stand so weit vor, dass es die Stirn berühren musste, wenn der Mann den Mund zum Essen öffnen wollte. Phänomenal! dachte der Maler, wünschte allerschönsten guten Tag und sah unverwandt in das Gesicht hinein, in dem die Nase ebenfalls etwas Besonderes war. In vergangenen Epochen sah man solche Physiognomien auf Bildnissen, auf denen Jesus und sein Kreuz nach Golgatha geleitet wurden. Der Auftragsschreiber strich den Rest der zynischen Beschreibung aus dem Heft. Der Maler zückte seinen Block. Sein Gegenüber schien die Starrerei nicht zu goutieren. Er musterte den Maler ohne Worte. Seine Augen wurden eng. Mit dem Blick auf den Maler wurden sie noch enger. Er senkte seinen Kopf, wandte sich ab, und verschwand im Gewühl. Der Maler sah noch den Polunder schimmern.
Der Ruheraum des Terminals war überfüllt. Da er einen Wasserspender sah, quetschte er sich durch das Publikum. Ein babylonisches Gewirr von Sprachen schwirrte durch den Raum. Die Luft war schwül. Im Wasserspender waren nur noch Tropfen. Im Raum befanden sich drei Liegen, die eher provisorisch aussahen. Der Maler sah jetzt auch den Grund für das Gedränge. Auf einer der Liegen war ein Mann ausgestreckt, der seinem Aussehen zu schließen über neunzig Jahre alt sein musste. Er steckte in einen Fahrradanzug, der so eng war, dass sich das Knochengerüst in seiner Magerkeit darunter deutlich abzeichnete. Der Mann war ohnmächtig. Das Publikum stand international um ihn herum und diskutierte. Man hörte alle Sprachen. Eine Frau, die möglicherweise Schwedisch sprach, versuchte ihn auf die Seite zu legen. Eine andere legte ihm die Hand auf die Stirn und murmelte, als könne sie ihn durch das Handauflegen zu sich bringen. Seine Haut war grau, das Gesicht lief bläulich an. Speichel sickerte aus den Mundwinkeln des Mannes. Mercedes!- rief jemand. Eine Rotkreuzschwester in Uniform erschien und bat um Ruhe. Sie hielt das Ohr dicht an das Gesicht des Bewusstlosen. Der Maler sah sich um. Die Schwester schien eine Indigene zu sein. Nach kurzem Überlegen begann sie mit einer Herzdruckmassage. Durch den Druck auf das Herz wird der im Körper noch vorhandene Sauerstoff ins Hirn gepumpt. Die Schwester streckte wortlos ihre Hand aus. Jemand tat ein Taschentuch hinein. Nach weiteren Pressionen legte sie dem Patienten das Tuch über den Mund und begann abwechselnd seine Brust zu pressen und ihn zu beatmen. Von den Piers ertönte unaufhörlich dumpfes Tuten. Die Tür des Ruheraums ging auf und eine Frau im Badeanzug, mit türkisem Schleier auf dem Kopf und Birkenstocksandalen an den Füßen schob einen Rollator durch das Publikum. Als sie die Liege sah, blieb sie wie angewurzelt stehen, stürzte heran, sah den Mann und schrie: Mein Gott, Johannes, bist du verrückt geworden, einfach zu verschwinden? Wo warst du? Dein Rollator! Hören Sie sofort mit diesem Blödsinn auf!- Isch over,- sagte jemand. Mein Mann braucht einen Defibrillator. In Teneriffa gab es einen!- Die Schwester ließ sich nicht beirren. Abwechselnd presste sie den Brustkorb und beatmete den Patienten durch den Mund. Aufhören!- Die Dame machte Miene sich auf die Schwester stürzen, jemand hielt sie am Badeanzug fest, so dass sie ihn fast ausgezogen hätte.
Das rechte Bein des Liegenden begann zu zucken. Er bewegte seine Zehen, fing an zu zittern und zu stottern. Er setzte sich auf und musterte das Publikum, das ihn mit Empathie beäugte. Gratuliere, Lazarus, -sagte die Schwedin. Der Mann versuchte aufzustehen. Er schien noch nicht ganz bei Bewusstsein zu sein. Im Tod..im Tod,- stammelte er, sah… ich die kleine Mu….. – Er hörte auf zu sprechen und schwankte hin und her. Die Schwester stützte ihn, indem sie sich über die Liege beugte. Hilft jemand, ihn zu tragen? Der Mann ist gehunfähig!- Der Gerettete sah den Rollator und begann zu flüstern, als spräche er mit dem Gerät. Mein Gott, er wird mir noch verrückt.- Herr Lehmann (Postbeamter) bot an, den Gehunfähigen zu tragen. Seine Kinder quietschten vor Vergnügen. Die Ehefrau schien weniger begeistert. Beeilung!- rief die Frau mit einem Blick auf ihre Uhr. Das Publikum wich links und rechts zurück. Ein Spanier aus dem Schachklub Teneriffas ergriff die Beine des Geretteten. Die Nummer Ihrer Pier? Das Schiff?- Pacific Lagoon!- Die Formation begann zu laufen. Im gleichen Augenblick begann die Frau, die auf der zweiten Liege lag, zu stöhnen. Das Publikum schwenkte wie ein Mann zu ihr herum.
Die 307 Caretera war mäßig stark befahren. Am Fahrbahnrand standen Palmen in regelmäßigen Abständen. Die Häuser links und rechts waren mussten Wohngebäude oder kleine Industrie sein. Landeinwärts standen angefangene Bauten, auf denen unverputzte Mauern in die Höhe ragten. Im Süden baute sich ein Wetter auf. Die Ocean Adventure musste mittlerweile schon weit draußen auf der See sein. Mit ihrer Abfahrt hatte sich der Horizont allmählich aufgelöst. Auf den Prospekten der Kreuzfahrt war dem Maler aufgefallen, dass diese Schiffe ihre Umwelt und die Landschaft reduzierten, bis beide fast verschwunden sind. Die vier Freunde mochten bei den Automaten im Casino sein. Sie amüsierte sich dort regelmäßig damit, den Steward, der die Aufsicht hatte, an der Nase herumzuführen. Der Maler winkte einem Collectivo. Der Fahrer winkte ab. Der Bus war überfüllt. Ein Käfer stellte sich als Taxi heraus aber der Wortschatz des Fahrers beschränkte sich in Englisch auf die Zahlen von eins bis hundert. Der Fahrpreis schien dem Maler überteuert. Nach Chetumal mochten es von hier aus fünfzig oder sechzig Kilometer sein. Der Maler hielt den Daumen auf die Straße, aber es hielt niemand für ihn für ihn an. Auf dem Display seines Smartfons waren neue Ikons aufgepoppt. Das Poster trug er in einem Plastikrucksack, den es im Terminal gegeben hatte, bei sich. Darin waren außerdem die Catharina-Calavera.Puppe und ein neuer Block. An einer Baustelle, wo eine großflächige Beschilderung den Bau eines Hotelkomplexes anzeigte, stieß er auf drei Backpackerinnen aus Kanada. Einer der Backpacks überragte seine Trägerin um mehr als einen Meter. Die Mädchen trugen abgeschabte Jeans, die Sohlen ihrer Schuhe waren flachgelaufen. Sie waren seit einem halben Jahr auf der Straße. Die Haare hingen ihnen in Fransen in die Stirnen. Sie hatten eine Abenteuertour durch den Regenwald des Amazonas hinter sich, wo sie um ein Haar verhungert und verdurstet wären. Ihre Rettung verdanken sie einem indigenen Volk, das mit der Außenwelt noch kaum Kontakt gehabt hatte. Sensation! Die Mädchen twittern für die Community. Das Abenteuer hatte ihre Seelenreifung ungemein beschleunigt. Der Maler fragte nach dem Namen jenes Stammes. Irgendwas mit Asadabu, war die Antwort. Waren sie einander nicht in Katmandu schon über den Weg gelaufen? Ein Betonmischer fuhr vorbei. Die laut rotierende Trommel unterbrach die Unterhaltung. Auf der Baustelle hob eine Betonpumpe den Arm. Uagadugu, Sidney, Santa Anna, Lima waren einige der nächsten Ziele. Ein Jet erschien am Horizont. In Chetumal war offenbar ein Flughafen.
Ein Wagen, auf dessen Ladefläche eine Party abgehalten wurde, verlangsamte sein Tempo. Das Gestänge war zur Hälfte mit einer Plane überspannt. Der Wagen war ein umgebautes Militärfahrzeug. Man hörte Technobeat, Geschrei und Lachen. Die Damen trugen T-shirts und Bikinioberteile, die jugendlichen Männer leichte Hemden und Trainingshosen. Man bog sich vor Vergnügen über etwas, das nicht sichtbar war, tanzte auf der Ladefläche und schwenkte Limonadeflaschen. Der Wagen kam zum Stehen, der Fahrer öffnete die Tür und sprang heraus. Die Gesellschaft folgte ihm. Der Fahrer stellte sich als ein Herr Halbgeil vor. Er sprach Deutsch und Englisch durcheinander. Bungee Swing im Dschungelcamp! Zip Parcour, Rafting über Urwaldflüsse, Baden im Cenote-Reservoir, Achterbahn im Regenwald und Quad mit Riesenreifen. In der Reisegruppe waren noch zwei Plätze frei.
Ein Quad? Das ist ein offenes Geländefahrzeug mit Ballonreifen. Man rast mit einem Affenzahn über die Dschungelpfade.- Herr Halbgeil demonstrierte am Prospekt der Firma, was es damit auf sich hatte. Hauptsache Adrenalin!- Auf den Bildern des Prospekts waren Jugendliche abgebildet, die wie Schimpansen durch die Urwaldriesen turnten und sich zuletzt in einen See hinunter plumpsen ließen. Das Ziel der Gruppe war ein Reservat in der Nähe Bonampaks. Die Animateurinnen verteilten Cola kostenfrei. Der Maler hatte von den Dingen, über die Herr Halbgeil referierte, kaum jemals gehört. Es schien aber kein Interesse zu bestehen, dass jemand sich der Gruppe anschloss, obgleich Herr Halbgeil sie in der Manier eines Zirkusdirektors beschrieben hatte. Der Maler sah dem Wagen nach. Die Damen winkten lebhaft. Später stieß er auf zwei weitere Backpacker, einen Jugendlichen aus Korea und einen Studenten aus Singapur. Sie konzentrierten sich auf ihre Smartfons. Der Koreaner war von Feuerland herauf gedriftet. Eines seiner nächsten Ziele war der Nordwesten Kanadas mit seinen Eskimos. Er würde sie auf ihrer Robbenjagd begleiten. Crow River? Der Maler hatte von der Gegend nie etwas gehört. Ganz offensichtlich hatte er die Mobilität der Globalisierung verschlafen.
Cozumel hieß diese Insel. Der Name war ihm wieder eingefallen. In seiner Tasche meldete das Smartfon sich, er wischte über das Display. Die Verbindung kam nicht zu Stande. Der Himmel über Cetumal im Süden wurde dunkler. Wenn er die Ocean Adventure noch erreichen wollte, war es an der Zeit. Er hielt den Daumen auf die Straße und hielt nach einem Bus Ausschau. Mexiko war offenbar kein gutes Land zum Trampen. Jedenfalls nicht für Männer. In einiger Entfernung zeichnete sich jetzt ein Verkehrsstau ab. Eine Kolonne hatte sich gebildet. Pkws, Lieferwagen und große Laster blieben stehen und bewegten sich im Schritttempo weiter. Der Maler passierte die Wagenschlange. Die Ursache des Staus schien eine Frau zu sein. Sie stand am Straßenrand, spielte Flöte und wiegte sich im Rhythmus ihrer Töne hin und her. Von Zeit zu Zeit wechselte sie das Standbein. Sie trug ein bauchfreies Oberteil mit Spaghettiträgern. Offenbar war ihr entgangen, dass der linke Träger weit herabgesunken war, so dass ihre Brust zu sehen war. Das untere Textil ihrer Bekleidung erinnerte an ein Korsett. Die fünf oder sechs Töne ihres Spiels wiederholten sich in monotoner Folge. Die Statur der Frau war eindrucksvoll. Sie musste fast zwei Meter groß sein. Neben ihr stand ein Rucksack. Sie spielte mit geschlossenen Augen. Dem Maler fiel sofort der Zöllner ein, das Bild war großformatig, wie er sich erinnerte. Man sieht dort eine Flötenspielerin, die mit ihren Melodien die Schlangen aus dem Urwald lockt. Sie steht am Ufer eines Flusses, dessen Wasser sich im Mondlicht spiegelt, und das die Szenerie in grünes Licht taucht. Zwei Schlangen ringeln sich um ihren Hals. Ihre Augen glitzern. Die Insassen der Pkws bestaunten die Flötistin durch die Fenster ihrer Wagen. Sie hielten an, blieben stehen, fuhren weiter und blieben wieder stehen, manche stießen Pfiffe aus, andere riefen etwas, Autotüren klappten, ein Fiat hupte im Stakkato. Weitere schlossen sich an. Es entstand ein Hupkonzert. Benzingeruch lag in der Luft.
Der Maler zückte seinen Block. Die Brust der Frau war birnenförmig. Gelegenheit zum Akt hatte er seit langem nicht gehabt. Eine gute Übung. Das Geräusch eines Motorrads in schneller Fahrt kam näher. Auf dem Streifen neben der Kolonne fuhr ein Ordnungshüter vor. Der Mann schien kein Verkehrspolizist zu sein. Sein schwarzer Helm und die schusssichere Weste ließen darauf schließen. Sein weiteres Outfit bestand aus einem Walkie Talkie, Funkgerätgerät, Spraydose, Schlagstock und MP. Der Mann hielt neben der Flötistin mit scharfem Bremsen an. Die Frau ließ sich nicht stören und spielte mit geschlossenen Augen weiter, indem sie sich im Takt der Töne wiegte. Der Beamte tippte ihr, ohne vom Rad zu steigen, auf die Schulter. Die Frau erschrak, schlug die Augen auf und zog den Träger ihres Oberteils nach oben. Das Hupkonzert, das jetzt noch zunahm, erschwerte die Verständigung. Der Beamte hob die Hand. Es wurde etwas stiller, nur weiter hinten hupte es noch weiter. Etliche Personen stiegen aus, um die Verhandlung zu verfolgen und schlossen sich der Gruppe an. Die Unterhaltung fand auf Englisch statt, so dass der Maler folgen konnte.
Ob die Dame sich bewusst sei, dass sie den Verkehr hier aufhalte. Ihr Äußeres entspreche nicht dem Stand der Konvention. Die Frau entschuldigte sich umständlich, jedoch nicht für ihren Auftritt oder den Verkehrsstau, sondern für das Unrecht, das die weiße Rasse an der Urbevölkerung des Landes vor Jahrhunderten verübt habe. Auch sie gehöre zu den Übeltätern. Die weiße Rasse sei zum Untergang verurteilt. Ihr Ende stehe kurz bevor. Meine Flöte ist eine Anasazi, das älteste Instrument der Ureinwohner. Mit ihr beschwöre ich die Geister der Vergangenheit, besonders die der letzten Könige, die ohne Grund ermordet worden sind.- Der Beamte schenkte ihren Erklärungen keinerlei Interesse. Er erklärte, die Dame möge ihr Gepäck aufnehmen, das Lungern an der Straße bleiben lassen und sich in einem Autobus verfügen, der sie sicher an ihr Ziel bringen werde. Das Hupkonzert nahm ab. Die Frau erklärte, ihr nächstes Ziel sei Bonampak. Dort werde sie auf den Ruinen spielen und die Geister der Vergangenheit beschwören. Wenn sie erschienen, würde sie sie um Vergebung bitten. Die Menge lauschte, teils gespannt, teils verständnislos, den Mienen der Umstehenden war nicht zu entnehmen, ob jemand die Erklärung der Frau ernst nahm oder überhaupt verstand.

Der Beamte stellte sein Motorrad an, gab Gas und fuhr davon. Er schien in Eile. Die Frau verstaute ihre Flöte.

9

Der Fahrer des Mopeds, das kurz darauf neben dem Maler anhielt, schien ein Indigener zu sein. Er sah den Mann nur kurz von vorn, dann nur noch seinen Rücken. Er gab ein Zeichen mit der Hand, das zu bedeuten schien, der Maler könne auf dem Rücksitz mitfahren. Das physiognomische Profil der Ureinwohner kannte er aus Büchern oder aus Ausstellungen, die eine Zeitlang groß in Mode waren. Der mutmaßliche Indio hatte sein Haar hinter dem Kopf zu einem Dutt geknüllt, der von einem Gummiband zusammengehalten wurde. Als typisch für das Profil der Ureinwohner galten aufgeworfene Lippen und Stirnen, die nach hinten fliehen. Ob das für alle galt, Azteken, Maya, oder Inka, war dem Maler nicht bekannt. In den Abbildungen Büchern sah man stark gekrümmte Nasen und Locken, die sich über ihren Stirnen auftürmten. Der Mann trug einen stellenweise aufgeplatzten Anorak und darunter ein schwarzes T-Shirt. Der Maler dankte und setzte sich auf den Gepäcksitz. Das Metall bohrte sich in sein Gesäß. Das Fahrzeug machte nur mäßiges Tempo und der neue Mitfahrer verlangsamte es zusätzlich. Den Fahrer schien das nicht zu stören. Er sprach nicht und schien keine Auskunft zu erwarten. Später murmelte er in einer Sprache, die der Maler nicht verstand.
Er hielt sich am Gepäcksitz fest. Zwischenzeitlich war ihm wieder schwindlig. Das Poster drohte aus dem Sack zu rutschen. Er bemühte sich, ihn so zu halten, dass es nicht noch weiter einriss. Die Idee, es durch das Land zu tragen, erschien ihm mittlerweile leicht grotesk. Der Himmel hatte sich Im Süden weiter eingedunkelt. Der Auspuff des Gefährts qualmte sehr stark. Cetumal 40 Kilometer, las er auf einem Schild am Straßenrand. Links und rechts der Caretera standen zwischen niederem Grün einförmige Wohnhäuser. Der Maler krümmte sich, um einen Blick nach vorne auf die Straße werfen zu können. Er bat den Fahrer anzuhalten, er tippte ihm auf die Schulter. Der Fahrer reagierte nicht. Der Maler hörte Worte, die er nicht verstand. Er tippte stärker und fasste den Mann am Arm. Das Moped wurde langsam, sonst keine Reaktion. Dem Maler war das Wort für danke eingefallen. Er sagte es so laut wie möglich, um das Knattern des Gefährts übertönen und sprang vom Sitz. Der Fahrer blickte sich nicht um.
Neben dem Mädchen stand ein Polizeibeamter mit hoch aufgeschossener Statur. Er war ähnlich ausgerüstet wie der Kollege vorher. Auch er trug einen schwarzen Helm. An seiner Ausstattung waren Walkie Talkie, Schlagstock und andere Funkionen angebracht. Das automatische Gewehr klemmte unterm Sattel des Motorrads. Das Mädchen musste weitere Versuche unternommen haben, sich die schwarze Farbe vom Gesicht zu wischen. Der Marker schien hervorragend zu haften. So war eine Schmiererei entstanden, die es ungepflegt und verwildert aussehen ließ. Gibt es Probleme?- fragte der Maler, bemüht, die Ironie zu unterdrücken. Er erinnerte sich an die Vorhaltungen seiner Familie auf der Pier bei der Abfahrt der Ocean Adventure. Das Mädchen verzog sein Gesicht. Das Piercing auf der Unterlippe machte die Bewegung mit. Der Beamte nahm von der Ankunft des Malers nur oberflächlich Notiz, er tippte etwas in sein Smartfon. Auf der Metallverkleidung des Motorrads stand in weißen Lettern „Policia Municipal“. Die auf Spanisch geführte Auseinandersetzung musste sich schon eine Weile hingezogen zu haben. Auf dem Sattel des Motorrads lag ein Tablet. Der Maler brachte guten Tag auf Spanisch an, ihm war eingefallen, wie das hieß. Der Beamte nickte kurz. Er schien so wenig Zeit zu haben wie der Kollege vorher. In schneller Folge stellte er dem Mädchen Fragen, die der Maler nicht verstand. Er scheint meine grünen Haare nicht zu mögen. Außerdem: Mein Ausweis. Als Minderjährige kann ich angeblich hier nicht trampen, zu gefährlich.- Wo wollen Sie denn hin in Mexiko?- fragte der Maler. Ich soll mir außerdem die Farbe aus dem Gesicht wischen.- Haben Sie Verwandte in Mexiko?- Nö.- Das Mädchen nahm sein Smartfon aus der Tasche und wischte auf dem Bildschirm. Der Beamte schien auf eine Information zu warten. Er horchte in sein Handy und ging zu dem Tablett, auf dem ein Film zu laufen schien. Er sah hinein und filmte das Mädchen, das erst protestieren wollte, es aber dann unterließ. Der Beamte wiederholte mehrfach einen Namen. Der Maler überlegte, wo er das Gesicht des Mannes schon gesehen hatte. Irgendwo auf den Kanälen, aber vermutlich irrte er sich. Er zückte seinen Block und begann umstandslos zu zeichnen. Der Beamte sah kurz auf und schüttelte den Kopf. Der Maler steckte seinen Block weg.
Der Beamte sagte etwas. Erklären Sie ihm doch, dass wir auf Hochzeitreise sind,- schlug der Maler vor. Vielleicht hilft das.- Das Mädchen sah ihn an. Ich brauche noch einmal Ihr Käppi.- Der Maler nahm sein Käppi ab und wandte sich an den Beamten. Englisch?- fragte er. Der Beamte war mit den Ereignissen auf dem Tablet beschäftigt. Aus dem Gerät kamen chaotische Geräusche, Kratztöne und Stimmengewirr. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Der Beamtete hustete ins Telefon. Das Mädchen ist meine Frau,-sagte der Maler auf Englisch. Er sprach sehr laut, wir sind verheiratet und befinden uns auf unserer Hochzeitreise.-
Der Beamte musterte den Maler. Da er mindestens zwei Köpfe größer war als er, blickte er von oben auf ihn nieder. In seiner Miene entfaltete sich etwas, das seine Augen leicht zusammenzurücken ließ. Der Maler wiederholte trotzdem seine Aussage. Das Mädchen übersetzte. Die Antwort des Beamten bestand aus einem einzigen Wort. Was hat er gesagt?- Er hat „Schmalz“ gesagt.-Schmalz?- Der Beamte ergänzte etwas, das der Maler nicht verstand. Minderjährige sind in Ihrem Land so wenig heiratsfähig wie bei uns. Wo Sind denn unsere Ringe?- Wer ihn verhonepiepeln will, kann sich auf was gefasst machen.- Wir hatten vor, die Ringe hier in Mexiko zu kaufen.- Das Mädchen übersetzte. In Ländern wie Afghanistan und Deutschland ist die Ehe unter Minderjährigen erlaubt.- Der Beamte fixierte den Maler und hob den Zeigefinger seiner rechten Hand bis hin die Nähe seiner Nase. Er wiederholte den Begriff von vorher. Er hat Schmalz gesagt,- sagte das Mädchen. Im Smartfon war jetzt eine Stimme, die der Maler von der Costa Maya kannte. Im Hintergrund ertönte dumpfes Tuten. Der Beamte musterte das Mädchen und machte eine Handbewegung, die zu bedeuten schien, es möge auf dem Rücksitz des Motorrades Platz nehmen. Das Mädchen wurde bleich unter der Markerfarbe.
In diesem Augenblick zerriss der Faden, der das im Rucksack steckende Mural zusammenhielt, so dass es herausfiel heraus viel und sich in voller Größe auseinanderfaltete. Auf der Straße wich ein Wagen aus. Der Beamte drehte sich um. Der Maler hielt das Poster hoch, so dass die erste Reihe der Personen gut zu sehen war. Das Mädchen hielt das andere Ende fest, damit der Wind es nicht davon riss. Mit einer Länge von vier Metern war das Poster imposant. Der Beamte war am Telefon, trat aber heran. Je länger er das Bild betrachtete, desto bemerkenswerter schien er es zu finden. Er sah sich um und machte ein paar Schritte. Er trat dicht heran und ging dann wieder auf und ab. Sein Gang wurde quasi symmetrisch-militärisch. Es sah aus, als nehme er die Parade der Personen ab, die in der ersten Reihe stehen. Ein Windstoß fuhr über die Straße und wirbelte den Staub auf. Das Poster flatterte. Der Maler faltete das Bild so weit wie möglich auseinander. Zwei farbige Bauarbeiter blieben auf der Straßenseite gegenüber stehen und beobachten die Szene. Die Blicke des Beamten wanderten jetzt auf dem Poster hin und her. Sie hielten in der rechten unteren Hälfte an und der Beamte rieb sich das Kinn. Die Verbindung auf seinem Handy schien jetzt stark gestört zu werden. Er verlor allmählich die Geduld mit dem Kontakt. Aus seinem Walkie Talkie kamen wieder knisternde Geräusche. Er beugte sich noch weiter vor und fixierte eine Stelle auf dem Poster etwa auf der Mittelachse rechts. Wen er dort ins Auge fasste, war schwer zu erkennen. Man sieht dort unter anderem die Generäle Victoriano Huerta und Manuel Mondragon. Unter ihren militärischen Kopfbedeckungen malt sich ein Grimm auf ihren Mienen, der einen rücksichtslosen Herrschaftswillen kennzeichnet.
Der Beamte richtete sich zu seiner vollen Größe auf, nahm seinen Helm vom Kopf und salutierte. Der Maler salutierte ebenfalls. Das Haar des Mannes war schon grau. Ohne seinen Helm sah er viel älter aus und seltsam väterlich. Vielleicht stand demnächst seine Pensionierung an. Er bewegte seine Lippen. Er hat Porfirio gesagt,- sagte das Mädchen, das ihn zu verstehen schien. Die historischen Analen zu Porfirio Diaz besagen, dass er mit seinem Ausverkauf des Landes an die Kolonialmächte die Revolution der Landbevölkerung und Indigenen Mexikos auslöste. Auf dem Tablet des Beamten ging die Geräuschkulisse weiter. Man hörte jetzt Kommandos, metallisches Geklirr und das Dröhnen von Motoren. Der Beamte schien als nächstes auf dem Poster jemanden zu suchen. Er beugte sich nach vorn, schien aber nichts zu finden. Der Maler und das Mädchen hielten das Gemälde höher. Die Bauarbeiter von gegenüber betrachteten jetzt ebenfalls das Bild. Das Fehlen der Catharina Calavera schien niemand zu bemerken.
Wir möchten Sie doch herzlich bitten….für unsere Hochzeitsreise …..Eine Empfehlung…- unterbrach der Maler die Betrachtung. Der Beamte sah abwechselnd auf den Bildschirm seines Handys und das Poster. Erklären Sie ihm, dass wir für unsere Hochzeitreise eines Empfehlungsschreibens für das Konsulat in Mexiko-Stadt bedürfen. Außerdem: Er soll uns seinen Segen geben. Darauf legen wir den größten Wert. Seine Autorität ist unser Glück und Talisman!- Das Mädchen sah ihn an. Es sagte etwas, das vermutlich die Übersetzung der Idee des Malers war. Der Beamte sah vom Poster auf. Er setzte seinen Helm erst auf und dann wieder ab, er ging zu seinem Motorrad und richtete den Blick auf das Tablett. Er schien zu überlegen und wischte auf dem Bildschirm hin und her. Er kam zurück, trat auf das Mädchen und den Maler zu und hob den Arm. Die Bewegung sah in ihrer ersten Phase so aus wie die des uniformierten Polizisten, der auf dem Bild Riveras die Indigenen aus dem Alamedapark vertreibt, damit sie den Sonntagnachmittagspaziergang des mondänen Bürgertums nicht behindern. Sie veränderte sich in ihrer zweiten Phase, unvermittelt nahm der Beamte jetzt die Hand des Mädchens und legte sie in die Malers, die er hinhielt. Das Mädchen riss die Augen auf.
Der Maler hielt die Hand fest, so dass es sie ihm nicht entziehen konnte. Der Beamte machte eine Bewegung mit dem Arm und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Das Mädchen übersetzte. Er sagt: Hochzeitskuss.- Das ist der letzte Schritt, ihn loszuwerden, Happy End.- Ich lehne solche Küsse ab wie überhaupt das ganze dämliche Brimborium.- Die Frage ist, was daraus folgt. Der Mann scheint weder Zeit noch Lust zu haben, sich weiter mit Ihnen aufzuhalten. Vermutlich landen Sie dann wieder auf dem Schiff. Den Namen weiß er schon: Ocean Adventure.- Nein,- sagte das Mädchen. Es tut nicht weh, ist gleich vorbei.- Das Piercing auf der Unterlippe schmeckte nach Metall. Das Mädchen presste seine Lippen aufeinander. Seine Augen unter dem Käppi wurden so schmal, dass der Maler die Pupillen nicht mehr sehen konnte. Es zog den Kopf zurück, soweit es konnte. Als der Maler länger wollte, als es für die Form vor dem Beamten nötig war, kniff es ihn in die Seite, dass es weh tat. Der Maler sah die verschmierten Markerstriche des Gesichts. Das Mädchen wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte etwas, das im Lärm der Straße unterging. Der Ordnungshüter hob die Hand wie jemand, der sich anschickt, eine Warnung auszusprechen. Man sah jetzt, dass er das Gesicht verzog. Nur die rechte Hälfte seiner Physiognomie bewegte sich dabei, die linke Hälfte blieb vollkommen starr. Er schien zu schmunzeln. Seine Haare hoben sich im Wind. Im Hintergrund verfinsterte das Firmament sich weiter. Für Sekunden überlegte der Maler, ob es sinnvoll war zu knien. Das Mädchen sah ihn an. Die Handbewegung des Beamten brach am Ende ihrer ersten Phase ab. Montes Azules,- hörte er. Das ist der Ort, an den Sie wollen?- Ja.- Der Maler betrachtete den Karabinerhaken der am Hosengürtel hing. Auf dem Display des Smartfons sah er einen Namen und UP, daneben eine Nummer. Er fotografierte das Display. In diesem Augenblick begann auf dem Tablet des Ordnungshüters neuer Lärm. Er betrachtete den Vorgang und tippte etwas in sein Handy. Auf dem Tablet schien jetzt ein neuer Film zu laufen. Im Smartfon war Geschrei. Man hörte Klingelzeichen, die von Pfeifgeräuschen überlagert waren. Der Beamte wischte über das Display. Das Mädchen sagte: Panzer.- Der Beamte machte eine Handbewegung, die das Mädchen fernhielt. Auf dem Smartfon war jetzt pausenlos Alarm.
Mein Rivera!- schrie der Maler. Sein Poster flatterte die Caretera hinunter, überschlug sich, rollte sich zusammen und wieder auseinander, es machte Bewegungen wie ein großer Fisch und war schon weit entfernt. Als der Maler es erreicht hatte und zusammenrollte, fuhr seine Braut mit Hochgeschwindigkeit an ihm vorbei. Sie saß auf dem Rücksitz eines Motorrollers, dessen Fahrer wie ein Gnom in schwarzer Montur auf seinem Sattel hockte. Das Gesicht verschwand fast völlig unter einer Schutzbrille. Das Mädchen streckte die Zunge heraus und winkte mit dem Käppi. Der Maler sah ihm nach und hob die Hand wie die Häuptlinge in alten Filmen. Es drehte kurz den Kopf und grinste. Sekunden später folgte der Beamte ebenfalls mit Hochgeschwindigkeit. Er gab Vollgas, so dass das Vorderarad des Fahrzeugs in die Höhe stieg.

10

Der Name dieser Insel, wo er das Schiff erreichen konnte, fiel ihm nicht mehr ein. Er versuchte die Karte Mexikos auf seinem Smartfon aufzurufen. Die Funktion war nicht vorhanden. Auf der Ocean Adventure musste jetzt Kaffeestunde sein. Dort war immer Kaffeestunde. Unaufhörlich aß man, trank man und versank im Liegestuhl. Die Stewards wanderten herum und boten an. Sein Modell saß jetzt vielleicht an einer Eiscremetorte. Der Hundebutler kämmte seine Pudel, der Lawn Keeper würde das Picknick für den nächsten Morgen vorbereiten. Die Sehnsucht nach dem Schiff befiel den Maler. Er musste etwas essen. Die Sahnetorte hatte es ihm dort besonders angetan. Je mehr er davon gegessen hatte, desto mehr hatte sein Magen sich daran gewöhnt. Vom Eissalon zu schweigen, Tee um Mitternacht, Snack Bistro, die globale Kulinarik. Sein Smartfon zeigte 15:00 Uhr. Vermutlich war die Uhrzeit falsch. Auf dem Bildschirm gingen Lichter an und wieder aus. Er brauchte eine Sim für Mexiko. Der Fahrer eines Busses winkte ab. Er war offensichtlich für den Pauschaltourismus reserviert. Durch die getönten Fenster beäugten die Insassen den an der Straße Stehenden mit gelangweiltem Interesse. Seine Mappe mit den Skizzen würde bald in Kuba sein. Genau wie sein Gepäck. Der Wind hatte an Stärke zugenommen. Die nächsten Böen drohten ihm das Poster wieder aus der Hand zu reißen. Er verstaute es in seinen Rucksack. Dabei zerknitterte es weiter. Er setzte sich in Gang. Ein Taxi, das vorbeikam, hielt nicht an, vermutlich hatte er zu spät gewinkt. Die nächste Wolke war noch dunkler als die vorige, sie überzog die Straße mit einem Nieselregen. Der Maler hielt den Daumen auf die Straße. Er sah sich um, ob es in den Wohnhäusern links und rechts die Möglichkeit gab, sich unterzustellen.
Bevor es losging, musste er die Küstenstadt erreichen. Sie stand nicht auf dem Programm der Kreuzfahrt. Deshalb hatte er sie bei seiner Reisevorbereitung unberücksichtigt gelassen wie überhaupt das ganze Mexiko. Minuten später fielen erste Tropfen. Sie klatschten ihm aufs Hirn, wo jetzt das Käppi fehlte. In Richtung Cetumal war der Himmel schwarz. Was weiter hinten folgte, sah noch übler aus. Von irgendwo kam leises Donnergrollen. Abseits der Straße stand ein Rohbau, aus dessen Obergeschoss verrottete Pfeiler in die Höhe ragten. Das Gelände sah verwildert aus. Geduckt rannte der Maler auf die Bauruine zu. Er stolperte über Eisenteile, Strohmatten, Rohrstücke, Zementbrocken und verrottete Betonsäcke, stieg über einen Vorsprung und betrat ein Zimmer, dessen Wände bis zur halben Höhe fertig waren. Vier oder fünf Männer wandten die Köpfe und sahen ihm entgegen. Sie hockten um eine Feuerstelle, von der dünner Rauch aufstieg. Der Maler fuhr zurück. Guten Tag,- sagte er auf Deutsch, möchte nicht stören. Die Männer sagten nichts.
Er verließ den Raum und nahm den Weg zur nächsten Bauruine. Es schien in dieser Gegend einige zu geben. Der Maler rannte wieder, aber ein Zaun versperrte ihm den Weg, über den er nicht hinweg kam. Der Himmel war jetzt so finster, dass es Nacht zu werden schien. An ein Weiterkommen war bei diesem Wetter nicht zu denken. Er kehrte in den Raum zurück, wiederholte Guten Tag auf Spanisch, zog seine Jacke aus, hängte sie auf einen Nagel, der aus der Wand kragte, und setzte sich auf einen ausgehärteten Zementsack in eine Ecke. Der Boden des Raumes war mit Bauschutt bedeckt. Papp- schachteln lagen in größeren Mengen herum. An manchen Stellen bildeten sie kleine Haufen. Ein süßlicher Geruch lag in der Luft. Von der Feuerstelle her ertönte leises Zirpen. Es klang, als würden Spielzeugharfen ausprobiert. Die Männer schienen auf Musikinstrumenten zu üben. Vielleicht waren es Musikanten. Zu hören war ein zirpendes Crescendo, das anschwoll und wieder abschwoll. Es war ein unmelodisches Geflirr, aus dem manchmal eine Melodie aufstieg. Der Maler sah hinüber. Von der musikalischen Kultur der Ureinwohner wusste er fast nichts wie auch sonst von mexikanischer Kultur. Nach ein paar Minuten sah der Jüngste her. Es folgte eine Handbewegung, der Maler schien eingeladen zu werden.
Er blieb stehen, zeigte auf sich selbst und nannte seinen Namen. Die Männer schienen Ureinwohner zu sein. Sie waren sehr alt. Einer rückte beiseite. Der Maler sagte das Wort für Danke, das ihm eingefallen war. Die Männer sagten nichts, sie sahen aber freundlich aus. Nur einer war ein Junger. Es war der, der ihm gewunken hatte. Einer, der der Älteste zu sein schien, trug einen Cowboyhut, ein zweiter eine Wollmütze, die beiden anderen Strohhüte mit einer schwarzen Borte. Die Hosen der beiden waren längsgestreift in Weiß und Rosa. Ihre Gesichter waren so von Runzeln überzogen, dass sie einer archäologischen Grabung entstammen konnten. Ihre Anoraks waren zerschlissen. An der Wand im Hintergrund lehnten ein paar Schaufeln. Was gesprochen wurde, war kein Spanisch, wenn der Maler sich nicht irrte. Er sah nach den gekrümmten Nasen. Seine durchnässte Jeans klebte ihm am Körper. Die Feuerstelle bestand aus kreisförmig verlegten Mauersteinen, an denen Reste des Verputzes klebten, als Pfanne diente eine Platte aus Metall. Darauf lagen Maiskörner, die sich braun verfärbt hatten. Etliche waren schon schwarz. Maiskolben waren ebenfalls vorhanden. Der Jüngste hob die Platte mit einem Lappen an und blies ins Feuer, auf einem Pappkarton mit der Aufschrift „Amazon“ standen kleine Männchen. Sie bestanden offenbar aus Maiskörnern. Der Maler hob eines auf und riss die Verpackung auf. Zum Vorschein kam ein Eierschneider. Auf allen Schachteln, die überall verstreut am Boden lagen, stand der gleiche Absender. Bei dem global agierenden Versand musste sich ein Systemfehler eingeschlichen haben, was zu der massenhaften Lieferung von Eier-schneidern an eine nicht vorhandene Adresse führte. Da die Drähte solcher Eierschneider oft unterschiedlich scharf gespannt sind, kann man auf ihnen kleine Melodien spielen. Als Kind hatte es der Maler oft probiert. Allerdings lassen sich bestimmte Tonfolgen höchstens andeuten. Einer der Alten zupfte die Drähte mit einem Nagel, ein anderer zog ein Stöckchen über die Seiten und erzeugte eine Art Glissando. Der Mann mit dem Cowboyhut zupfte ein Crescendo, ein anderer versuchte Tremolos. Man hörte ein archaisches Orchester.
Die Männer schauten manchmal mit geschlossenen Augen in die Luft, als könne eine Antwort auf ihre Musik aus der Sphäre kommen. Sie koordinierten ihre Instrumente wie Spieler, die den Kammerton zu finden suchen. Der Jüngste produzierte melodiefreie Stakkatos. Er sah den Maler an und wies mit einer Handbewegung hinter sich. Er stand auf, hob ein Paket auf, riss die Verpackung auf und entnahm ihr einen Eierschneider. Es lag nahe, dass er sich an der Musik beteiligte. „Freude schöner Götterfunken“ kam ihm als erstes in den Sinn. Die Melodie war klassisch, aber schwierig. Als nächstes fiel ihm „Twist and Shout“ ein, ebenso klassisch. Zu denken war auch an „Der Tod und das Mädchen“. Aber die Melodie war komplizierter. Der Maler überlegte: „Fiesta Mexicana“, schien ihm am adäquatesten. Rex Guildo hatte dieses wunderschöne Lied gesungen, bevor er aus dem Fenster sprang.
Mit bloßen Fingern ließen sich die Drähte schlecht bedienen. Sie standen etwas zu eng. Der Maler suchte einem Nagel, um die Saiten einzeln besser anzuspielen. Etliche Schneider lagen schon mit gerissenen Drähten auf dem Boden. Beim seinem ersten Versuch rissen gleich mehrere Drähte. Der Nagel war zu unhandlich, außerdem verrostetet. Auf dem nächsten Instrument klemmte er die Drähte ab, um die Töne besser treffen zu können. Die Männer ließen sich nicht stören, schienen aber die Versuche des Malers zu beobachten. Die Melodie von „Fiesta Mexicana“ war auch nach weiteren Versuchen kaum zu erraten. Andererseits konnten sie die Männer gar nicht kennen. Aber auch darin konnte er sich irren. Seine musikalischen Bemühungen passten nicht zu dem, was die Indigenen spielten. Sie spielten besser, aber sie hatten ja auch schon die ganze Zeit geprobt. Der Maler konnte nicht erkennen, ob sie fantasierten oder ob es Melodien ihrer Traditionen waren, was sie spielten. Der Regen hing wie ein grauer Teppich vor den Wänden. Wenn die Saiten gerissen waren, packten die Männer neue Instrumente aus. Der dritte Eierschneider des Malers ging zu Bruch. Er ging im Raum herum und öffnete ein neues Päckchen. Da fiel ihm ein, dass er das Poster trocknen lassen konnte, das in der Nässe ziemlich gelitten hatte. Er zog es aus dem Rucksack, räumte Bauschutt weg, rollte es auseinander, stellte es an der Wand auf und stabilisierte es mit Zementsäcken. Die Männer sahen kurz hinüber, spielten weiter, legten dann ihre Instrumente hin, standen einer nach dem anderen auf und versammelten sich vor dem Bild. Ob sie es kannten, war zunächst nicht zu erkennen. Die Betrachtung nahm geraume Zeit in Anspruch. Nach einer Weile zeigte der Älteste auf eine Gestalt am äußeren linken Rand. Die anderen traten heran. Sie schienen an der Stelle jemanden in Augenschein zu nehmen. Man sieht dort unter anderem Hernán Cortés, den Eroberer des alten Mexiko. Er hebt die blutverschmierte Hand. Man sieht nur seinen Kopf und Oberkörper. Er steckt in einer Rüstung. Die Männer begannen zu murmeln und wandten sich den Männchen zu, die auf der Verpackung von Amazon eine kreisförmige Gruppe bildeten. Eine Beratung schien stattzufinden. Der Jüngste nahm den Spaten, räumte Bauschutt beiseite und hob ein Grab aus. Die anderen begaben sich erneut vor das Mural. Sie machten Bewegungen mit den Armen, als zögen sie etwas aus dem Bild heraus. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen spielten auf den Eierschneidern.
Als der oder das Betreffende heraus war, hielten sie es vor die Männchen auf der Pappe und murmelten im Chor. Eine Weile geschah nichts. Der Unsichtbare wurde durch die Luft geschwenkt und schien sich gegen seinen Abtransport zu wehren. Zwei Männer halfen ihn zu tragen. Er wurde zu der Grube gebracht, die der Jüngste ausgehoben hatte, und hineingedrückt. Die Grube wurde wieder zugeschüttet. Der Älteste kreuzte die Zeigefinger und zeigte auf den Hügel. Der Mann mit dem Strohhut brachte Strohhalme aus einer zweiten Müllschicht zum Vorschein, die unter dem Bausschutt liegen musste. Er verknotete die pinkfarbenen Halme zu einem Kreuz und befestigte sie auf dem Hügel. Der Älteste wandte sich an die Maismännchen und machte eine Handbewegung, die Missbilligung auszudrücken schien. Die Halme wurden wieder entfernt. Der Jüngste grub noch eimmal, aber diesmal tiefer in den Schutt und zum Vorschein kam vor allem Plastik. Es waren Fetzen, teilweise gut konservierte Tüten. Der Jüngste spießte eine auf ein Stöckchen, das er in den Hügel steckte. „Grünlandkäse, mil un nussig“ stand darauf.
Die Männer wanden sich erneut dem Poster zu und fassten eine weitere Gestalt ins Auge. Rechts neben Cortés sieht man den Bruder Zamárraga, einen Geistlichen mit Bischofhut und Mönchskutte. Er verwaltete in der Zeit der Conquista die Scheiterhaufen der Inquisition. Etwas rechts von ihm steht ein Inkognito im Dunkeln, das einen Dolch hält. Die Prozedur dauerte diesmal etwas länger. Der Geistliche schien erfolgreich Widerstand zu leisten, vielleicht aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte Mexikos. Er spreizte Arme und Beine und keilte nach den Seiten aus, wurde aber überwältigt. Der Bruder wurde in die Luft gehalten, hin und her geschwenkt und wie eine Pusteblume angeblasen. Der Jüngste hob die nächste Grube aus, das Smartfon in seiner Tasche klingelte. Der Älteste schüttelte den Kopf. Das Smartfon verschwand wieder in der Tasche. Neues Plastik wurde aus dem Müll geholt, auf ein Stöckchen gespießt und in den Grabhügel für den Bruder Zamarrágo gesteckt. Der Maler verdrehte den Kopf und las die Aufschrift der Verpackung: „Ldl Buttermil“.
Eine Pause wurde eingelegt. Die Männer aßen Mais und musizierten. Der Jüngste blies das Feuer an und legte eine Handvoll Körner auf die Platte. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen rissen weitere Pakete auf und konstruierten eine Trommel. Es wurde mehr aufs Rhythmische geachtet. Der Maler bekam ein Maismännchen. Er hatte Hunger und bedankte sich. Seine Finger wurden ölig. Ein Kistchen, in dem weiße trockene Scheiben lagen, wurde herumgereicht. Der Maler sah jetzt, was die Männer kauten. Der Mann mit dem Strohhut schnitt sein Blatt in Stücke. Im Mund behalten und nur kauen. Der Maler nahm die Blätterteile und begann zu kauen. Nach einer Weile zog sein Gaumen sich zusammen. Der Geschmack war ätzend bitter. Die Männer standen wieder auf und wandten sich erneut dem Poster zu. Die Unterhaltung wurde lebhafter. Vielleicht wurde über etwas abgestimmt. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen deuteten auf jemandem in der Reihe unterhalb des Luftballonverkäufers. Dort sieht man Maximilian in der Menge, den Kaiser als Vertreter Europas für die Provinz Neu-Mexiko. Dem Maler fiel das Bild Monets ein. Es existieren vier verschiedene Versionen der Erschießung. Der Maler hatte sie studiert. Die Leiche des Erhabenen war nach der Exekution recht übel zugerichtet, wurde aber trotzdem nach In Europa überführt. Die Männer zogen Maximilian aus dem Bild. Der Kaiser schien kaum Widerstand zu leisten, er wurde freudig begrüßt und hing jetzt an der Hand des Mannes mit dem Cowboyhut. Die anderen applaudierten mit den Eierschneidern. Der Kaiser wurde hin und her geschwenkt und in die Luft geblasen. Der Jüngste stieß einen Pfiff aus, der nach unten tiefer wurde, und hob die nächste Grube aus. In der Pause wurde wieder Mais gegessen. Auch der Maler durfte essen. Die Männer wandten sich danach erneut dem Poster zu. Ihre Unterredung wurde etwas lebhafter. Sie zeigten auf verschiedene Gestalten. Der mit dem Strohhut wies auf einen Greis, der in der ersten Reihe links unterhalb der Ballons mit der Aufschrift R M auf Krücken steht. Seine Brust ist mit Orden übersät. Er scheint im Stehen zum schlafen. Wer ist dieser Mann?
Während der Maler darüber nachdachte, stieß der Jüngste einen Ruf aus. Alle traten näher. Auf dem Spaten lag im Bauschutt ein Stück Fleisch. Der Mann mit dem Strohhut nahm es in die Hand, drehte es hin und her und roch daran. Der Älteste griff sich den Spaten, räumte den Bauschutt weg und erweiterte die Grube. Ein Gesicht kam zum Vorschein, dem die Nase fehlte. Es war mit Sand bedeckt, die rechte Hälfte war unkenntlich. Ein Auge lag daneben. Die Männer gruben mit den Händen weiter. Der Tote war von gedrungener Gestalt, die Haare umschlossenen seinen Kopf wie ein Sack aus schwarzem Material. Er trug keine Schuhe und mochte fünfzig Jahre alt sein. Die Männer hoben ihn aus der Vertiefung und legten ihn auf ein Brett, das der Jüngste aus dem Schutt zog. Der Tote war so starr wie das Brett, auf das er fiel. Er hatte eine Hose an, die auf Kniehöhe abgeschnitten war. Als er auf das Brett fiel, klang es hohl. Die Männer standen im Kreis um ihn herum und betrachteten ihn regungslos. Ihre Gesichter erinnerten den Maler an Skulpturen. Ihren Minen war nicht zu entnehmen, was sie dachten. Der Maler unterdrückte das Bedürfnis, sich zu übergeben, zückte seinen Block und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Die Indigenen redeten, hoben das Brett auf und trugen den Mann nach draußen.
Der Maler bleib unter der halb herab gerutschten Überdachung stehen. Der Regen fiel jetzt so dicht, dass die Gruppe auf der Stelle durchnässt war. Sie trugen den Toten ins Haus zurück und setzten ihn wieder ab. Der Jüngste ging noch einmal nach draußen und versuchte weiterzumachen. Das Gelände stand schon voller Pfützen. Nach ein paar Minuten lief das Wasser in die Grube. Den Toten hineinzulegen, hätte bedeutet ihn in einer Badewanne zu beerdigen. Es wurde noch dunkler in der Bauruine. Der Maler spürte eine große Müdigkeit. Das Ganze war zu viel für seine Nerven. Er suchte sich ein paar Zementsäcke zusammen, setzte sich auf dem Boden und lehnte den Kopf an die Wand. Das Zirpen der Eierschneider schläferte ihn ein. Der Geschmack des Blattes zog seinen Gaumen mehr und mehr zusammen. Die Männer wandten sich erneut dem Poster zu. Laternen, die im Straßenbau verwendet werden, wurden an den Seiten aufgestellt. Sie verbreiteten das Licht von Funzeln. Die Zeichnung kommt ins Grab, dachte der Maler, bevor er einnickte und zwischen Schlaf und Wachen an zu dösen fing. Im Dunkel waren die Gestalten auf dem Poster kaum noch zu erkennen. Deutlicher als vorher brannten die Scheiterhaufen. In der rechten Hälfte reitet die Armee Zapatas. An seinem Aufstand hatten eine große Anzahl indigener Frauen teilgenommen. Der Tote lag jetzt nicht mehr auf dem Brett, sondern stand rechts unten vor dem Bild. Der Maler fragte sich, wie er dorthin hingekommen war. Er sah auf einmal ein Familienfoto vor sich. Es war vergilbt und alt. Die Physiognomien – es waren mehrere auf einem Blatt- erinnerte an Fahndungsfotos. Zu sehen waren sieben oder acht Gesichter, die der Maler kannte. Er befand sich in einer Gesellschaft oder auf einer Party, aber die Namen der Personen fielen ihm nicht ein. Sie gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu sehen oder zu erkennen Er musste unsichtbar geworden sein. Der Mond ging gelb am rechten Bildrand auf. Der Maler konnte seinen Lauf am Firmament verfolgen. Er verschwand und ging am linken Bildrand wieder unter. Der Tote war in das Mural hinein gegangen. Er wandte sich nach rechts, wo der „Mann mit den zahllosen Millionen“ zu sehen ist. Man sieht nur sein Gesicht. Einen Namen hatte der Maler für ihn nie gefunden. Er scheint keinen zu haben. Auf dem Geld, das sich in seiner Nähe stapelt, sieht man die Zahl 500.000.000. Der Hinkende trug einen Wäschekorb und agierte wie ein Zirkusclown. Er füllte seinen Korb mit dem Papiergeld bei dem Mann mit den Millionen, trug es quer durch die Personen auf dem Alameda zu den Scheiterhaufen links und warf das Geld ins Feuer. Die Benitohüte durften Pause machen. Eine Säule stieg in die Höhe und löste sich in schwarzen Rauch auf. Im Schlaf stöhnte der Maler auf. In seiner Lage hätte er das Geld sehr gut gebrauchen können. Der Indigene humpelte zurück und fühlte seinen Wäschekorb erneut. Der Vorgang wiederholte sich. Erneut stieg eine Feuersäule auf und verlor sich aus dem Bild. Der Maler wollte sich die Haare raufen, bekam aber den Arm nicht hoch.
Auf einmal war jetzt auch die Catharina da, die Dame, die bisher gefehlt hatte. Sie kam wie mit dem Fahrstuhl aus dem Boden, der im Vordergrund des Bildes eigentlich nicht mehr dazu gehörte. Sie streckte sich, als ob sie gerade aus dem Schlaf gekommen wäre, sah sich um, wackelte mit dem Kopf und wandte sich nach links. Sie nahm den Bruder Zamárraga, der eigentlich schon in der Grube lag, den Bischofshut vom Kopf und gab ihm einen Kuss, der sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrte. Bei Hernán Cortés, der ebenfalls schon wieder seinen Platz gefunden hatte, fasste sie sich an den Po und hielt ihm das Ergebnis vor die Nase. Dem Mönch mit der Tonsur, der den Büßern auf den Scheiterhaufen das Kreuz vor das Gesicht hält, nahm sie es aus der Hand und hieb es ihm über den Schädel, sie tanzte auf die Kaiserin Carlotta zu,- die Gestalten links und rechts wichen zurück-, zog ihr den Rock über den Kopf und trat ihr ins Gesäß. Winifred Scott, den Kämpen des amerikanisch-mexikanischen Krieges, zupfte ihn roh am Backenbart, was ihn empört die Hand erheben ließ. Die Katrina gab ihm einen Nasenstüber, der seinen Kopf nach hinten sinken ließ. Dem Santa Anna neben ihm erging es ebenso. Vor Frieda Kahlo verbeugte sie sich tief, vor Posada knickste sie ironisch, dem jungen Rivera zog sie den Frosch aus der Tasche und verspeiste ihn vor seinen Augen.
Sie forderte den Präsidenten, der rechts außen oben schon die Hand auf die Millionen legt, zum Tangotanzen auf. Der Mann schien nicht gewillt, sich darauf einzulassen, er hatte aber keine Wahl. Die Gestalten wichen auf die Seite, so dass der Präsident in voller Größe auf die Bühne trat. Die Catharina machte große Schritte und schwenkte ihn im Kreis. Die Gelenkigkeit ihres Skeletts war eindrucksvoll. Ihr Kleid platzte an manchen Stellen aus den Nähten, so dass ihre Knochigkeit zum Vorschein kam. Der Präsident versuchte, sich ihren Armen zu entwinden, zur Antwort steigerte die Tänzerin das Tempo. Sie blickte fröhlich in die Runde, ihr Schädel wackelte, die Federboa flatterte. Sie wirbelte den Präsidenten durch das Bild. Bald legte sie ein solches Tempo vor, dass der Mann wie eine Puppe an ihr hing und sie ihn zu Boden fallen lassen konnte. Die Catharina gab ihm einen Kuss, der ihn nach hinten aus dem Bild beförderte. Als nächster war sein geistlicher Berater aufgefordert. Auch er schien sich zu widersetzen und lehnte dankend ab, schien aber keine Wahl zu haben. Die Catharina öffnete die Arme und schwenkte ihn herum. Er folgte ihr, als könne er nicht anders. Der Mann verlor allmählich die Balance und kippte aus den Schuhen. Die Catharina zog ihn hoch und biss in die Unterlippe. Der Kleriker lief an. Sie trieb ihn durch das Bild wie einen Luftballon und lenkte ihn im Kreis, so dass ihm sichtbar übel wurde. Respektvoll wichen die Gestalten auf die Seite. Der Mann verließ das Bild im Zustand einer Ohnmacht. Der Tote, der jetzt stärker hinkte als zuvor, hatte das Geld in Wäschekörben unaufhörlich durch das Bild geschafft und links ins Feuer geworfen. Die Stapel waren allerdings genauso groß wie vorher.
Mehrmals in der Nacht wurde der Maler wach. Der Regen rauschte sintflutartig weiter. Die Männer murmelten in ihrer Sprache. Sie redeten die ganze Nacht hindurch und traten immer wieder vor das Poster, machten Zugbewegungen. Von Zeit zu Zeit zirptenihre Eierschneider. Die Funzeln wanderten im Raum umher wie Glühwürmchen. Am nächsten Morgen hatte sich die Szenerie verändert. Der Maler sah sich um. Etwas mühsam kam er auf die Beine. Die Indigenen waren nicht mehr da. Ihre Schaufeln auch nicht. Auch von dem Toten war nichts mehr zu sehen. Die Feuerstelle war noch da, die Metallplatte fehlte. Vier oder fünf Maismännchen standen auf einer Pappschachtel. Der Maler zog sich die Blätterreste aus den Zähnen. Er unterdrückte einen Brechreiz, der ihn die ganze Nacht geplagt hatte, und immer stärker wurde und spie die Blätterreste auf den Boden. Er setzte sich an die Feuerstelle auf einen der Zementsäcke und aß die Männchen auf, von denen er annahm, dass sie Vielleicht für ihn gedacht waren. Oder auch nicht. Aber es schien sonst niemand mehr da zu sein, der sie hätte essen können.Eine Wasserflasche gab es auch noch.
„Utimos Testios“ las er auf einem Stück Pappe in wackeliger Schreibweise. Sein Poster lehnte an der Wand. Der Maler horchte, der Regen hatte aufgehört, er trat ins Freie. Das Gelände hatte sich in einen See verwandelt. Irgendwie musste er auf die Straße kommen. Sein Magen drehte sich. In einem Zug trank er die Wasserflasche aus. Danach ging es ihm etwas besser. Sein Smartfon zeigte kurz nach Sieben. Der Akku war fast leer. Er ging zurück ins Haus. Wo der Jüngste die Gruben ausgehoben hatte, ragten weitere Plastikreste aus dem Bauschutt. Die Hügel mit dem Grabschmuck waren noch vorhanden. Der Maler zerrte Plastik aus dem Sand. Es waren sackartige Planen, die man sich um die Beine wickeln konnte, bis alles halbwegs wasserdicht war. Er knüllte einen Streifen zusammen und band ihn sich um den Bauch, um die Umschnürung festzuhalten. In seinem Weltraumanzug stakste er durch den Raum, er rollte das Poster auf, schulterte den Rucksack und verließ den Bau. Die Indigenen waren nirgends zu sehen. Mit einer Eisenstange tastete er sich vor und watete durch das Gelände. Das Wasser war nicht besonders tief. An manchen Stellen sank er ein, einmal bis zu den Knien. Baureste ragten aus dem See. Man konnte aber schon die Caretera hören. In der Luft klang es jetzt wie das Schlagen von Flügeln. Ein Vogelschwarm schien oben zu ziehen. Der Maler sah hinauf. Ein Fluggerät blieb in einer Höhe von sieben bis zehn Metern über dem Gelände stehen. Es hatte vier Propeller und sie sirrten leise. Ein Mechanismus klappte auf und etwas fiel herunter, ein Paket. Es klatschte auf das Wasser, ganz in der Nähe, wo der Maler watete. Der Maler bückte sich und sah den Eierschneider, der langsam im Wasser unterging.

11

   UP
Der Bus war am Straßenrand stehen geblieben und hatte sich schräg gestellt, so dass die Tür nicht mehr aufzukriegen war. Er war zuletzt so langsam geworden, dass man im Schritttempo neben ihm hergehen konnte. Vermutlich hatte der Motor ausgesetzt. Die Passagiere, überwiegend Indigene, reichten ihre Kinder durch die Fenster. Der Fahrer lag mit dem Kopf auf dem Armen über dem Steuerrad. Eine Haltestelle war nirgends zu sehen. Sein Schnurrbart hob und senkte sich. Die Fahrgäste trugen Shorts und bunte Hemden. Einige hatten Plastiktüten und Hühner ohne Köpfe. Als sie ausgestiegen waren, bemerkte ich, dass manche Kinder- sie waren in dem Alter, wo man Laufen lernt- sich nur mühsam auf den Beinen hielten, sie knickten in den Kniegelenken ein, verloren das Gleichgewicht und fielen um. Auf dem Boden machten sie Bewegungen wie Schildkröten, die man auf den Rücken gedreht hat. Dabei lachten sie fröhlich, bis ihre Eltern sie aufhoben. Ein Kind in einem weißen Hemd stand da und sah mich unverwandt an.
Der Straßenpflaster war von Buckeln übersät, die an erkaltete Lava erinnerten. Der Bewuchs links und rechts der Straße schien aus Unterholz zu bestehen, das in das Stadium der Versteinerung übergegangen war. Die Masse war von Schichten überzogen, die seltsam schillerten. An einem auf der Höhe von circa fünf Metern gekappten Baumstamm hing ein Schild mit der Aufschrift „Gartenmöbel“. In der Ferne sah man etwas Grünes, vielleicht die Reste eines Tropenwaldes. Davor tat sich eine Graslandschaft auf, in deren Hügeln sich Rinder, die Köpfe am Boden, grasend fortbewegten. Nicht mehr weit,- sagte Herr Monce im Smartfon, du bist gleich da. Wir freuen uns. Sei sehr willkommen! Ein paar sind schon im Camp. Geh immer gerade aus. Da kommt ein Markt. Den musst du überqueren. Tokpu wartet auf dich. Er ist sehr hilfsbereit. Ein Lakanton. Du erkennst ihn am Thuraya. Er wird dich führen. Touch. Er wird sein Handy in die Höhe halten, wenn er dich sieht. Er kennt dich von dem Foto. Alle kennen hier dein Foto. Die Nummer ist…drei vier drei vier …acht…- Herr Monce wiederholte die Ziffern. Die Verbindung brach ab. Der Marktplatz, den er gemeint haben musste, war aus der Ferne schon zu hören. Vielstimmiges Rufen ertönte. Das Stimmengewirr klang halb wie Singen, halb wie Schreien. Tomaten und Paprikaschoten, die auf dem Weg lagen, wiesen in die Richtung. In der Mitte des Platzes stand ein Tieflader mit laufendem Motor, auf dem sich eine Bühne erhob. Auf dem Dach des Führerhauses war ein Mast, an dem bunte Wimpel befestigt waren. Auf jedem war eine Semmel abgebildet, in der eine Fleischeinlage hing. An den Seiten sahen grüne Fäden heraus. An der Antenne des Fahrzeugs war eine Flagge aufgezogen, deren Ende in Spitzen auslief. Auch auf ihr war die Semmel zu sehen, nur um ein Vielfaches größer und mit dem Unterschied, dass sie hier ein Krönchen trug. Der Platz wimmelte von Kindern und Jugendlichen im Alter von etwa fünf bis vierzehn Jahren. Sie beobachten gespannt, was auf der Bühne vor sich ging. Die Erwartung war sehr groß, die Kinder hielten sich die Hände vor den Mund, manche stampften auf den Boden. Vor der Bühne herrschte großes Gedränge. Man wich nicht von der Stelle, wenn man dort einen Platz ergattert hatte.
Auf der Bühne sprang ein Clown herum. Er trug eine blaugrüne Uniform mit goldenen Knöpfen. Seine Kopfbedeckung bestand aus einer Perücke mit gelbgrünen Strähnen. Sein Gesicht war stark geschminkt: Die eine Hälfte weiß, die andere grün. Er war in unaufhörlicher Bewegung und wirbelte ein Mikrofon herum, in das er hineinsprach oder gluckste. Was er sagte, war von einem Zwitschern überlagert, da das Mikrofon gestört zu sein schien. Er ergriff eine Semmel, die fast so groß war wie ein Fußball. Genussvoll biss er davon ab, rieb sich den Magen, rollte die Augen und schnitt

Grimassen des Wohlbefindens. Auf der Bühne glänzte eine Art Toaster oder Backofen, dessen Abteilungen mit einem Rohr verbunden waren. Am Rand des Platzes drängten sich Erwachsene, offenbar die Eltern der Kinder. Aus einem Lautsprecher tönte Musik. Der Clown zog eine wichtige Grimasse, hob die Hand und es ertönte eine Fanfare. Die Kinder wurden still. Der Clown produzierte eine Rolle, die er wie ein Herold, auseinanderzog. Er legte eine Pause ein, sah ins Publikum, holte tief Atem und sagte etwas, das nicht zu verstehen war. Das Mikrofon begann zu zwitschern. Ein paar Minuten herrschte Stille, dann brach Jubel los und zwei Große hoben einen Winzling auf die Bühne. Papierfetzen flogen in der Luft. Der Clown nahm den Winzling auf der Bühne in Empfang und hob ihn hoch, damit alle ihn bewundern konnten. Jubel begleitete die Zeremonie. Der Winzling wurde an einen Tisch geführt, dessen Rand er mit dem Kopf gerade noch erreichte. Er bekam eine Schürze und ungebunden und eine Kochmütze aufgesetzt. Der Winzling hatte die Ehre, den Toaster mit den Semmeln zu beschicken, die auf einem Tablett bereit standen.
Neben mir stand ein Junge. Auf seinem Gesicht war ein Ausdruck, der an die resignierte Friedfertigkeit meiner Großmutter erinnerte. Seine Augen waren seltsam groß, die Nase spitz und scharf, in der Unterlippe saß ein Spalt. Er sah mich an und bewegte die Lippen, aber es war nicht zu hören, was er sagte. Er war zwei Köpfe größer als ich, verbeugte sich übertrieben, nickte voller Eifer und sah zu mir herunter wie zu einem Kleinkind. Er wischte über den Bildschirm seines Händis und tippte in das Buchstabenfeld. Auf dem Display stand das Kürzel, das ich im Knast als sekundäres Ego angenommen habe: „ U P“. Mit einem Fragezeichen am Ende. Erwartungsvoll sah er mich an, als hinge von der Reaktion sein Leben ab. Ich sagte: Ja..? – Ich fragte ihn, warum er nicht redete. Ich hatte den Namen vergessen, den Herr Monce genannt hatte. Er nickte wieder, bediente die Tasten, ohne hinzusehen und wies mit ausgestrecktem Finger auf sich selbst. „T- o- k- p- u“. Ich lüftete das Käppi des Malers und fragte nach dem Camp. Der Junge öffnete den Mund, doch wieder kam kein Laut heraus, nur eine Art Schluckauf, er drückte meine Hand so heftig, dass ich zusammenzuckte. Erneutes Tippen in das Telefon. “U P ist hier Wir freuen uns wir sind sehr geehrt!“ Es folgten Emotikons mit lachenden Gesichtern, danach ein Kopf mit einer Sonnenbrille und Symbole, die ich noch nicht gesehen hatte. Der Junge hob den Zeigefinger und öffnete den Mund, als ob er sprechen wolle, aber auch diesmal kam kein Laut heraus. „T o k pu, L a k a n d on“ stand auf dem Bildschirm.
Ich sah den Jungen an. Er zog ein überfreundliches Gesicht. Der Ghostwriter strich das Spanisch aus dem Text. Auf der Bühne ertönte die nächste Fanfare. Der Winzling, der das Los gewonnen hatte, hatte den Ofen mit Semmeln beschickt. Er öffnete die Klappe, zog sie mit einer Zange eine nach der anderen heraus und ordnete sie mit wichtiger Bewegung auf einem Tablett, das der Clown im hinhielt. Er zeigte das Produkt dem Publikum und reichte das Tablett dem Winzling, der es kaum halten konnte. Er nahm eine Semmel herunter und biss herzhaft hinein. Weiterer Jubel. Der Clown sprang von der Bühne und verteilte die Portionen an die Kinder, die sich mit ausgestreckten Armen um ihn drängten, jedes fing unverzüglich an zu essen. „Verlosung meck meck“ stand auf dem Bildschirm. Als der Clown zu uns kam und dem Jungen das Tablett hinhielt, drehte er ihm den Rücken zu. Auch ich verzichtete zu Gunsten.
Tokpu zeigte mir das Telefon. Auf dem Display war ein Strichmännchen zu sehen, das sich mit Hilfe eines Flaschenzuges in einen Baum hinaufarbeitete und oben auf den Ästen balancierte. „Hermana“ stand auf dem Bildschirm. Als ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass ich meinen Messingring verloren hatte, mein Symbol. Gibt es solche Dinger im Camp?- wollte ich fragen. Tokpu nickte und

sah nach oben, eine Anzahl großer schwarzer Vögel zog in der Höhe ihre Kreise. Sie schienen die Versammlung anzusteuern. Ich fragte Tokpu wieder, warum er nicht sprach. Auf der Bühne fing eine Kindermelodie an, in die alle sofort einstimmten, die Kleinsten mit krähender Begeisterung. Der Clown hob den Taktstock und dirigierte. „Meck meck meck cookieduuuu, meck meck meck nam nam. Meck, meck meck cookieduuu“. „Karaoke meck nam“ stand auf dem Bildschirm. Tokpu lachte, ohne dass ein Laut zu hören war. Die Vögel waren mittlerweile näher gekommen. Sie schienen keine Scheu vor der Menschenmenge zu haben. Einige kreisten gleich darauf in geringer Höhe über dem Publikum. Die Spannweite dessen, der sich auf die Mastspitze setzte, musste über zwei Meter messen. Sein Kopf war wie rasiert, der Schnabel rosa, die Beine schmutzig weiß. „Aasgeier“ stand auf dem Bildschirm. Der Mast fing an zu schwanken. Der Vogel versuchte, das Gleichgewicht zu halten, indem er heftig mit den Flügeln schlug. Er fiel herunter und plumpste auf das Bühnendach. Das Publikum beobachtete den Vorgang mit Ergötzen. Manche Kinder kreischten vor Vergnügen. Der nächste Backgang wurde ausgeteilt. Etliche Kinder knickten in den Knien ein und plumpsten hintenüber. Mit vollen Mündern ging das Karaoke weiter: „Meck meck meck nam nam, meck meck meck coockieduuu“-. Die Kinder schwangen ihre Semmeln.
Plötzlich entstand ein kreischender Tumult. Ein Geier kam herunter und schnappte einem Kind die Semmel aus der Hand. In seinem Umkreis stob alles auseinander. Der Geier flog mit seiner Beute einen Halbkreis und setzte sich auf die Mastspitze, von wo aus er in die Runde blickte. Er hackte auf die Semmel mit dem Fleischstück los und verschlang sie mit wenigen Happen, dabei warf er den Kopf in die Höhe. Die Krümelreste flogen ihm aus dem Schnabel. Die Versammlung begann zu protestieren. Ein paar Kinder hoben die Fäuste und riefen „ Peng Peng“-. Ein zweiter Geier ging auf den mit der Semmel los und versuchte, ihm die Reste abzujagen. Die Nahrungskonkurrenz der Geier schien Unmut zu erregen. Am Rand des Platzes erschien kurz darauf ein Jugendlicher mit einem musealen Vorderlader. Nach einigem Hantieren richtete er ihn auf das Bühnendach und zielte umständlich. Nicht schießen! -schrie der Clown, die Tiere sind streng geschützt.- Weitere Geier befanden sich im Anflug. Der Clown schwang seinen Taktstock und versuchte, sie zu vertreiben. Die Fanfaren wurden laut gestellt, aber die Vögel blieben unbeeindruckt sitzen. Im Gegenteil: die Musik ihnen zu behagen. Ein untersetzter Mann in Kniehosen, mit kahlem Kopf und platter Nase lief jetzt auf die Bühne. „Kazike“ stand auf dem Bildschirm. Der Kazike wechselte ein paar Worte mit dem Clown und wandte sich an das Publikum. Gleich darauf begann die Menge, einen Namen zu rufen. Es klang wie „Tararan! Tararan!“ Eine Weile geschah nichts. Man rief lauter. Der Gerufene schien sich Zeit zu lassen. Zuletzt rief alles im Chor. Jetzt hieß der Mann „Tarzan“. Der Clown schloss sich an und verstärkte den Chor, indem er „Tarzan“ ins Mikrophon brüllte. Aus der Richtung des Grünschimmers, den ich für Wald gehalten hatte, der aber aus Plastikbäumen bestand, wie ich später feststellte, tauchten nach einiger Zeit zwei Träger auf. Sie trugen ein Boot oder Kanu, das sich als Sarg herausstellte. Darin lag ein Mann, dessen Körper bis auf die Haut und die Knochen abgemagert war.
Er trug nur einen Lendenschurz, sonst war er nackt. Er lag mit geschlossenen Augen da. Die Träger setzten das Kanu ab und der Knochenmann schlug die Augen auf. Er schien nicht zu wissen, wo er sich befand. Einer der Träger richtete seinen Oberkörper in die Höhe, mühsam erhob sich der Mann. Als er die ersten Schritte machte, wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite und machten eine Gasse frei. Seine Träger stützen ihn auf beiden Seiten. Er trug ein Bambusrohr und hatte einen Köcher auf dem Rücken. Wo er herankam, verbeugte man sich tief. „Mac Tarzan“ stand auf dem Bildschirm, den Tokpu mir hinhielt. Der Schädel des Jägers erinnerte an die Köpfe, die auf der Spitze

mancher Totempfähle sitzen. Seine Gesichtshaut war wie der Granit, der aus präkolumbianischen Ruinenstädten manchmal ans Licht kommt. Sie war mit violetten Streifen verziert, die symmetrisch auf die Nasenwurzel zuliefen. Ein Geier flog jetzt auf das Bühnendach, ein zweiter landete auf dem Fahrzeug, ein dritter ließ sich am Rand des Marktes wieder, wo die Erwachsenen ihn sofort vertrieben. Die Kinder verbargen ihre Semmeln hinter ihrem Rücken. Fleischreste und Krümel wurden vom Boden aufgelesen.
Manche Kinder schrien, aber keines verließ den Platz. Auf der Bühne ertönte die Fanfare. Der Clown winkte dem Jäger zu, aber der beachtete ihn nicht, sondern stakste in gekrümmter Haltung durch die Menge, die beiden Träger links und rechts von ihm. Als er in die Nähe der Bühne kam, hob er den Kopf, nahm Witterung auf, warf einen Blick auf das Geschehen, rümpfte die Nase und kehrte wieder um. Jemand brachte einen Plastikstuhl herbei. Der Jäger sank rücklings hinein. Sein Schlaf musste sehr tief gewesen sein. Ein Träger berührte ihn an der Schulter. Der Mann legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Alle folgten seinem Blick. Er schien etwas zu sehen, was außer ihm niemand sehen konnte. Der Junge mit dem Vorderlader näherte sich ihm mit einer Tasse. Der Jäger nahm etwas heraus und kaute. Auf der Bühne war jetzt ein Trommelwirbel zu hören. Der Jäger wandte den Kopf und zog in Zeitlupe einen Pfeil aus dem Köcher, den er auf dem Rücken trug. Er zupfte die Federn am Ende glatt, setzte das Rohr an und blies die Backen auf. „Froschgift“ stand auf dem Bildschirm. Gespannt verfolgte das Publikum, was jetzt passieren würde. Es war nicht zu erkennen, ob tatsächlich ein Geschoss aus dem Blasrohr geflogen war. Es zeigte jedenfalls in die Richtung der Geier auf dem Bühnendach.
Tokpu tippte mit allen zehn Fingern in das Buchstabenfeld des Telefons: Der Jäger lebte angeblich schon lange nicht mehr, was wir vor uns hatten, war nur sein Schatten, ein Gespenst oder sein Geist. Er hatte die Bewohner der Umgebung, als es noch Urwald gab, mit Nahrung versorgt. Er schoss Wiesel, holte Papageien aus den Bäumen und andere Tiere. Als Schütze genoss er einen ausgezeichneten Ruf. Als sein Tod sich näherte, bat er die Bewohner, ihn in seinem Kanu nachts auf einem See auszusetzen, damit er in die Unterwelt gelangte. Das geschah. Das Bot kam aber morgens immer wieder zurück. Der Jäger lag dann mit geschlossenen Augen in dem Kanu. Man trug ihn wieder in sein Haus. Der Vorgang wiederholte sich von einer Nacht zur nächsten, jetzt schon seit langer Zeit.
Wenn ein Geier getroffen war, hätte er vom Dach der Bühne fallen müssen. Das Gift des gelben Frosches wirkt sehr schnell, heißt es. Die Vögel saßen aber auf dem Bühnendach und sahen unbeeindruckt in die Runde. Einer reckte den Hals, ein anderer hob das Bein, um sich zu kratzen, ein dritter schob das Hinterteil nach vorn und ließ etwas auf die Bühne fallen. Das Publikum schien verwirrt. Der Clown sah zu dem Jäger hinüber. Er hatte offenbar inzwischen einen zweiten Pfeil aus dem Köcher geholt, aber, ob er ein zweites Mal geschossen hatte, war nicht erkennbar. Eine Weile geschah nichts. Dann fing der Clown auf einmal an zu wanken, er taumelte hin und her, verlor das Gleichgewicht und setzte sich auf den Hosenboden, was wenig komisch aussah. Er griff sich an die Perücke, zog die Stirn kraus und sah erstaunt ins Publikum. Er schien überrascht, hob die Arme, streckte die Beine von sich, kippte nach hinten weg und rührte sich nicht mehr. Die Menge blickte zwischen dem Jäger und der Bühne hin und her. Der Winzling, der sich am Backofen betätigt hatte, hatte weitere Semmeln mit Klöpsen hinein geschoben. Er ordnete sie jetzt auf dem Tablett. Der Vorgang nahm ihn so in Anspruch, dass er den Clown nicht weiter beachtete. Ein Geier flog vom Dach und hüpfte in großen Sprüngen auf der Bühne herum. Der kleine Koch, die

Mütze im Gesicht, versuchte das Tier mit dem Taktstock zu verscheuchen. Es wich zurück, kam aber gleich wieder näher und machte sich an der Perücke des Clowns zu schaffen, indem es mit dem Schnabel danach hackte. Ein Jugendlicher sprang auf die Bühne und drehte an der Musik herum. Das Karaoke Mecknam ertönte jetzt in ohrenbetäubender Lautstärke. Die Kinder stimmten unisono ein: „Meck meck meck coockieduu, meck meck meck nam nam…“ Der Kazike stürzte auf die Bühne, beugte sich über den Clown und fasste ihn an der Schulter. Er versuchte ihn aufzurichten, indem er ihn an den Schultern in die Höhe zog. Die Arme des Mannes baumelten herunter, schlapp hing er in den Armen des Kaziken, sein Kopf fiel abwechselnd nach vorn und nach hinten. „Meck hops“ stand auf dem Bildschirm.
Die Erwachsenen, die vom Rand des Platzes vor die Bühne drängten, schrien durcheinander. Der Kazike wollte die Musik abstellen. Sie wurde aber lauter, was folgte, ging in Lärm und Chaos unter. Zuletzt sangen nur noch einzelne Kinder, „Meck meck meck cookieduuuu…“ Der Winzling auf der Bühne hatte unverdrossen weitergemacht und sich nicht stören lassen. Er öffnete den Backofen, aus dem eine Dampfwolke quoll, sortierte die Portionen auf dem Tablett und verteilte sie, indem er sie in die Menge warf. Die Kinder griffen unverdrossen zu. Ein paar balgten sich am Boden. Auch die Eltern hatten Hunger. Die Geier flatterten vom Dach herunter und hüpften um den Clown herum.

12
Nach einer Wegstrecke, die von Schotter, aufgestautem Asfalt und Gestrüpp durchzogen war, versperrte eine Rinderherde unseren Weg. Die Tiere zogen träge vorbei. Der Boden schien zu zittern. Die Herde nahm kein Ende und nirgendwo war ein Anfang zu sehen. Die Tiere schienen nicht weiter zu wollen oder zu können. Die Herde stockte und blieb stehen. Einzelne drängten sich durch, etliche stolperten übereinander. Tokpu zwängte sich durch, indem er sie auseinanderschob. Ich versuchte, hinter ihm zu bleiben. Die meisten Rinder waren schmutzig weiß, teilweise schwarz gefleckt. An ihren Fettwülsten klebte Erde. Eine Weide war nirgends zu sehen. Tokpu machte eine Geste, die ich nicht verstand. Er öffnete den Mund, wie um zu sprechen, aber es kam wieder kein Wort heraus. Er wies nach vorn. „Camp!“. An den Resten einer Wasserpfütze stießen wir auf seinen Bruder. „Igal“ stand auf dem Bildschirm. Der Bruder stand auf einen Stab gestützt auf einem Bein. Seine grünblauen Jeans waren mit Flecken und Luftlöchern verziert, er trug ein schneeweißes Hemd mit einer Fliege und Sportschuhe mit Resten von Katzenaugen. Als ich ihn später nach dem Grund für seine Aufmachung, besonders nach der Fliege fragte, erklärte er, er habe sich für mich auf diese Weise aufgeputzt. Bei unserem Anblick riss er die Arme in die Höhe und begrüßte mich überschwänglich, während die Rinder uns durcheinander schoben. Er versuchte, mich zu umarmen. Tokpu drehte sie an ihren Hörnern weg. Das Camp ist weiter vorn!- Sind Neue da?- Hermana, die zweite. Wir werden moralisch, wir wachsen.-
Tokpu tippte in das Datenfeld und hielt es seinem Bruder vor die Augen. Eine Kuh, die mich anstieß, schob mich dicht an ihn heran. Viele haben hier dein Video gesehen. Es hat uns sehr gefallen. Der Staat ist dumm, obgleich er nicht mehr existiert, nicht wahr? Wir haben das berühmte Paradox: Wie kann etwas dumm sein, das nicht mehr existiert? Weißt du die Antwort? Ein Polizist für jeden Baum.- Igal wies in eine unbestimmte Richtung. Der Mann, der dich bewachte, sah aus wie ein Gespenst aus

Blech.- Mein Zimmer in den Wolken und mein Grab,- wollte ich sagen, sagte es aber nicht. Und den Schlaf, wo hast du ihn dann nachgeholt? Du sahst müde aus.- Im Knast, da war Ruhe. Das Bett war etwas hart, aber man schlief nicht schlecht und es gab Essen. Frau Richterin war kurzfristig sogar auf meiner Seite. Sie sagte, sie möchte später gern in einem Baum begraben werden, unserer Friedhofskultur könne sie nichts abgewinnen und diese fürchterlichen Grabplatten… Ich sagte, dass sie sich dann vielleicht etwas beeilen müsse. Später fiel mir ein, dass es einen Hintersinn Sinn hatte, der ihr nicht gefallen konnte. Sie war wütend. Dem Gesetz gemäß bleibst du jetzt eine Weile drin.- Ich hatte keine Wohnung, lebte in den Bäumen. Sie waren eine Wiege. Bis vier Uhr morgens konnte man schlafen. Dann sang der Rest des Waldes. Igal rang mit einer Kuh, die ihn nach vorn stieß. Das Klavier zuletzt auf dem Feld war groß. Hat uns gefallen. Eins Schlussakkord, mit Musik im Feld.-
Vor dem Camp sollte ich den Eltern vorgestellt werden, stand auf dem Bildschirm. Irgendwo musste es dann hier noch Wald geben, denn Igals Angaben zufolge lebten sie im Wald. Wir drängten uns durch die Rinderherde, ich in der Mitte, Tokpu an der Spitze, Igal hinter mir. Die Tiere niesten. Man hörte sie auch röcheln oder beides. Ein Reiter kam heran, er ritt mitten in der Herde und ließ sich von ihr treiben. Bring sie nach Missouri, Graucho!- sagte Igal. Der Reiter hob die Hand, beachtete uns aber nicht weiter. Die Augen mancher Tiere waren weinrot, als wären sie geschminkt. Sie drängten einander immer wieder aus dem Weg. Der Staub hing in Schwaden in der Luft. Ich musste abwechselnd niesen und husten. Als die Herde vorbei war, tat sich ein Gelände von der Größe von vier Fußballfeldern vor uns auf. Die Oberfläche war mit einer Art von Schorf bedeckt. Darunter schien sich etwas zu bewegen. Es klang, als gurgele die Unterwelt. Baumstämme führten hindurch. Was ist das?- fragte ich. Pudding vom Weltkonzern,- sagte Igal. Die Haftung übernimmt der liebe Gott.-
An den Rändern des Sumpfs stand lianenüberwucherter Restwald. Tokpu stellte sich in gekrümmter Haltung vor mich hin und machte eine Bewegung, dass ich auf seinen Rücken klettern sollte. Entgeistert sah ich ihn an. Sein Grinsen war aber so freundlich, dass ich aufstieg. Die Stämme waren glitschig. Tokpu breitete die Arme aus und balancierte durch den Sumpf. Igal übernahm das Telefon und sagte rückwärts gehend die Details auf: Dual Sim, acht Megapixel, android, full HD, Gorilla Glas, dreiteiliges Signalsystem, NFC, USSD, zwei nano SIM slot.- Tokpu sagt, er könne damit Regen machen.- Muss sehr teuer sein,- sagte ich. Sehr, -sagte Igal, es kostet unsere Seele.- Tokpu sah seinen Bruder an und schüttelte missbilligend den Kopf. Als wir den Sumpf durchquert hatten, tat sich ein Erdloch vor uns auf, durch das ein Hohlweg führte. Aus den Wänden ragten Stümpfe und unkenntliche Reste vor. Tokpu blieb stehen und sah zurück. Ich fragte, was das für ein Loch sei. Exploration mit Dynamit,- sagte Igal. Am Boden zeichneten sich Reifenspuren ab. „Kleine Abkürzung“ stand auf dem Bildschirm. Ich bemerkte, dass Igal die Bewegungen seines Bruders nachahmte. Wenn er nicht hinsah, beobachtete er ihn und versuchte alles zu kopierten, was sein Bruder tat.
Als wir ungefähr in der Mitte des Erdlochs angekommen waren, hörte man Geräusche, wie wir sie vorher schon gehört hatten. Die beiden blieben stehen. Igal sah nach oben. Sekunden später kamen die ersten Rinder in Sicht. Als sie uns sahen, blieben sie stehen. Wie groß die Herde war, war schwer zu schätzen. Da die Tiere von hinten weiter vorwärts drängten, knickte die erste Reihe ein und versenkte ihre Hörner im matschigen Grund. Sie versuchten aufzustehen. Der Matsch hing in Fladen von den Köpfen der Tiere. Tokpu setzte seinen Fuß auf den untersten Stumpf und stieg die Wand hoch. Stell die Füße auf den Stumpf!- Auf halbem Weg streckte die Hand aus und zog mich nach. Igal folgte. Von oben sahen wir, dass aus der entgegengesetzten Richtung die nächste Herde kam.

Der Weg ging weiter. Nach circa einer halben Stunde lag eine Anhöhe vor uns, auf der drei halb entlaubte Bäume standen. Ihrer Größe nach gehörten sie zum mittleren Stockwerk eines Urwaldes, der hier einmal gestanden haben musste. Am Fuß des Hügels links von uns erschien ein Mensch, der in schnellem Lauf die Bäume zu erreichen suchte. Er hatte schwarzes, lang herab wallendes Haar und trug einen weißen Umhang, der in der Taille von einem Gürtel gehaltenen wurde. Unter den Bäumen warf er die Kleidung ab und legte zuletzt seinen schwarzen Hut darauf. Was er jetzt noch trug, schien eine Badehose zu sein. Der Mann umschlang den Baum mit beiden Armen und kroch mit froschartigen Bewegungen den Stamm hinauf, bis er die Zweige erreicht hatte. Dort blieb er sitzen und blickte nach unten. Spaßeule!- Igal winkte. Schöne Aussicht! Was gibt’s da oben?- Der Mann im Baum winkte zurück und streckte den Arm aus. Er zeigte auf ein Fahrzeug, das die Steigung herauf kam, sich den Bäumen näherte und unter ihnen stehen blieb. Der obere Teil bestand aus einem Glasaufsatz, dessen Form an den Aufbau des Papamobils erinnerte. Das Chassis bestand aus silbrig schimmerndem Metall.
In dem Kastenaufbau bewegte sich ein Mensch im weißen Kittel. Brigade Voodoo,- sagte Igal. Die Tür des Fahrzeugs öffnete sich und der Mann im Kittel stieg aus. Sein Bartwuchs erinnerte an das Bild Gottvaters, wie es früher in Kinderbüchern zu sehen war. In der Hand hielt er einen Krug, der an antike Vorbilder erinnerte. Ihm folgte ein kleinwüchsiger Herr, dessen Halbglatze in der Sonne schimmerte. Er trug eine Hornbrille, die sein Gesicht fast zum Verschwinden brachte. Ein Liliputaner schien er nicht zu sein. Die beiden Männer blieben am Fuß des Baumes stehen, auf den der Mann geklettert war, und richteten den Blick mit einem Opernglas in seine Krone. Auf Spanisch wandten sich sie sich an den Unsichtbaren, der nicht gewillt sein schien, seinen Zufluchtsort schnell wieder zu verlassen.
Sie gestikulieren und reckten die Arme. Gesundheit ja, Krankheit nein!- riefen sie Im Chor. Sämtliche Angehörige seiner Gemeinschaft hätten der Abgabe ihrer Blutkörper zugestimmt, und zwar aus guten Gründen und sogar aus freien Stücken. Der Mann da oben möge nicht dem Irrtum aufsitzen, seine Weigerung hätte etwas mit Gesundheit zu tun. Im Gegenteil: Sie sei nutzlos, ja sogar schädlich. Er setze nämlich die Gesundheit seiner Gemeinschaft aufs Spiel. Der Unsichtbare rief etwas. Egal horchte, schien aber auch nicht zu verstehen, was der Mann gesagt hatte. Die beiden Sprecher blieben unbeeindruckt. Als Beitrag für das öffentliche…Wohl..… unschätzbares Wissen…- hörte man weiter. Alle blickten in den Baum. Der Indigene kletterte noch tiefer in das dürre Laub und bewegte den Kopf dabei ruckartig von links nach rechts. Nach etlichen Ermahnungen, die auch nicht fruchteten, zog der Mann im Kittel eine Rolle auseinander und begann in einer Sprache, die ich nicht verstand, etwas daraus vorzulesen. Was liest er?- fragte ich. S I L -Code lac,-sagte Igal. Die Deklaration der Menschenrechte.- S I L Code lac?-
Das ist die alte Lakandongrammatik, als sie noch im Dschungel moderte. Jetzt ist sie verschwunden, so wie der Wald verschwunden ist und niemand weiß mehr was davon-. Woher kann dieser Mann sie dann?- Er kann sie nicht. Er liest immer nur den gleichen Satz vor. Er hat ihn irgendwo im Netz gefunden. Artikel 29: Deine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. Er liest den Satz nur jedes Mal mit einer anderen Betonung.- K´ayum ma´ax h t t p x web lankandon. Der Rest ist bei den Geistern unterwegs.- Tokpu begann in diesem Augenblick auf seinem Telefon mit jemandem zu sprechen. Man sah nur seine Lippen sich bewegen. Er sah dabei nach oben. In großer Höhe war ein Brummen

zu vernehmen. Er starrte abwechselnd in die Luft und bediente das Buchstabenfeld. Er glaubt, er spricht mit dem Piloten,-sagte Igal. Er glaubt, er kann ihn dazu bringen, seinen Kurs zu ändern. Warum?- Ich sage es dir später, sonst wird er sauertöpfisch.- Die Menschenrechtsverlesung wurde fortgesetzt. Die Männer wechselten sich beim Lesen ab. Der Mann im Laborkittel las mit tiefer Stimme, der Assistent mit Fistelstimme. Sie verfolgten die Bewegungen des Indigenen auf den Ästen mit dem Opernglas. Auf die Dauer schien die Lesung ihre Wirkung zu nicht zu verfehlen. Der Mann im Baum senkte den Kopf und starrte nach unten. Er tastete sich vor und kroch langsam auf den Stamm zu. Der Assistent eilte zum Wagen, holte eine Plane heraus und breitete sie auf dem Boden aus. Er besprühte die Umgebung mit einem Desinfektionsmittel, das in Schwaden durch die Luft wegzog. Er stellte ein Aggregat auf und riss am Anlasser. Die Apparatur sprang nicht an. Etwas Schwarzes fiel vom Baum herunter und landete am Fuß des Stammes. Die Männer hoben es auf und hielten es hoch. Seine Perücke,- sagte Igal. Während der Indigene den Stamm herunterrutschte, holte der Assistent Kanülen und Pipetten auf einem Block aus dem Wagen und stellte alles auf der Plane ab. Die Röhrchen wurden beklebt und nummeriert, die Spritzen wurden aufgezogen. Der Indigene in der Badehose, der jetzt vom Baum herabgekommen war, haschte nach seiner Perücke.
Er bat die Männer, sie ihm zurückzugeben. Sie veranstalteten ein Fangspiel mit ihm. Sie warfen die Perücke über seinen Kopf einander zu. Er lief zwischen ihnen hin und her und versuchte immer wieder, sie zu fangen. Nach etlichen Versuchen ließ er sich auf dem Boden nieder, wo er schwer atmend sitzen blieb. Der Assistent setzte ihm die Perücke auf den Kopf, wobei sie ihm über die Augen rutschte. Nun sah der Mann vermutlich kaum noch etwas. Der Assistent griff seinen rechten Arm und bog ihn auseinander. Das Aggregat fing an zu knattern. Die Spritze wurde in die Armbeuge gesetzt. Spaßeule ist kein Medizinmann, wie sie glauben,- sagte Igal, aber er fährt Motorrad. Das macht Eindruck. Hokus pokus.- Toku hatte unaufhörlich weiter in sein Telefon getippt und stand jetzt auf den Zehenspitzen. Auf einem der Bäume begann im gleichen Augenblick ein Gebrüll. Alle sahen hoch. Ein Affe erschien in den Zweigen, sah nach unten und brüllte dabei unaufhörlich weiter. Canopus,-sagte Igal. Beim Brüllen verlängerte sich der Kopf des Tieres, so dass er aussah wie ein dicker Pfeil in Flötenform. Wenn er pausierte, war aus der Ferne eine Antwort zu hören. Dann trat Stille ein. Tokpu winkte dem Affen mit dem Telefon. Der Affe turnte in den Zweigen, brüllte wieder und kam kopfunter vom Baum. Er war an Menschen offenbar gewöhnt. Igal streckte die Hand aus und der Affe ergriff sie herzhaft. Er begrüßte die Wissenschaftler mit Schnalzgeräuschen, mir zeigte er sein Hinterteil. Igal schlug ihm auf die Hand und zog ihn an den Ohren. Canopus stieß ein Geheul aus und griff ihm an die Nase. Als nächstes griff er nach dem Telefon, das Tokpu in die Luft hielt, als wolle er Geräusche damit einfangen. Der Affe rieb sich das Hinterteil. Spaßeule, der noch auf dem Boden saß, strich sich fortwährend mit der Hand über den Kopf, als sei er seiner Sinne nicht mehr mächtig. Die Wissenschaftler hatten damit begonnen, ihre Utensilien aufzuräumen und sie in den Wagen zu transportieren. Geschafft,- sagte der Labormann.
Spaßeules Aderlass leuchtete in vier Röhrchen, die mit farbigen Markern verschlossen waren, auf dem Block. Canopus ließ sich auf seiner Hand nieder. Später hörte man das Knattern des Motorrads. Der Affe sprang in die Höhe, schürzte die Lippen und stieß Laute aus, die an menschliche Sprache erinnerten. Ein Handstand misslang ihm, die Hände auf dem Rücken hopste er über den Block mit den Kanülen und den Spritzen. Spaßeule stand auf und wankte, die Perücke im Gesicht. Plötzlich griff der Affe sich das Aggregat, schwang es über seinem Kopf und rannte damit die Anhöhe herunter. Die Wissenschaftler sahen ihm entgeistert nach. Sie riefen, er solle das Gerät sofort zurückgeben. In

einiger Entfernung blieb Canopus stehen und hielt den ausgestreckten Arm hoch. Die Wissenschaftler erklärten die Bedeutung des Geräts, als könne der Affe die menschliche Sprache verstehen. Da Canopus unbeeindruckt blieb und das Gerät in der Luft schwenkte, so dass es beschädigt zu werden drohte, wandten sie sich an Igal. Er machte dem Affen ein Zeichen und rief etwas. Canopus streckte den rechten Arm aus, legte die Stirn in Falten, riss den Mund auf, zeigte sein Gebiss, er hob den Zeigefinger, rollte die Augen und schnitt Gesichter. Er umklammerte das Aggregat mit beiden Armen und presste es an seine Brust. Was will er?- Er will Wissenschaftler werden,- sagte Igal, nehmen Sie ihm Blut ab, sonst kriegen Sie den Apparat vermutlich nicht so schnell zurück.- Blut? Aber selbstverständlich, gerne. Schwarzbraat, holen Sie die Spritzen wieder aus dem Wagen.- Der Assistent lief weg und neue Spritzen wurde ausgepackt. Das Plastik knisterte und flatterte im Wind davon. Als der Labormann sich dem Affen mit der Nadel näherte, kehrte er ihm das Gesäß entgegen.- Der Assistent sah sich nach Igal um. Sie müssen es an seinen After nehmen, sonst lässt er das Gerät nicht los.- Aber da ist zu wenig Blut, das wird schwierig.- Macht nichts,- sagte der Labormann und händigte dem Assistenten die Spritze aus, Schwarzbraat pumpen Sie los.- Egal sprach mit dem Affen. Er redete in einer sonderbaren Sprache und machte dabei Zeichen. Canopus streckte weiter seinen Hintern vor und rührte sich nicht von der Stelle. Er schien auf seinem Willen zu beharren. Als die Spritze aus seiner prallen Hinterbacke kam, war außer etwas wässrigem Gerinnsel kaum Blut darin zu sehen. Canopus streckte nun auch seine linke Hinterbacke vor. Nehmen Sie ihm doch, verdammt nochmal das Aggregat ab,- schrie der Mann im Kittel. Ich komme gegen ihn nicht an, er ist stärker als ich,- sagte Igal. Wenn Sie aber einen Medizinmann dieser Gegend sprechen wollten, so haben Sie ihn gerade vor sich. Die Gelegenheit ist günstig.- Die Wissenschaftler sahen Igal an.
Die Affen hierzulande, erklärte er, verfügen über eine neue Form evolutiver Intelligenz. Sagen wir: mittlerweile. Sie sind gewissermaßen stille Teilhaber geworden. Sie verstehen etwas vom Geschäft. Oder auch von der Magie des Nichts. Sie arbeiten als Boten, aber sie dealen auch auf eigene Faust.- Wovon reden Sie?- fragte der Assistent. Von den Affen, wovon sonst? Geld kann man immer brauchen. Geld ist gut. Sie kaufen sich davon humane Frauen, die es vorziehen, mit einem Affen zu verkehren, statt sich von ihren Männern totschlagen zu lassen und -: halten sie als Konkubinen. Sind Sie verrückt, was reden Sie denn da?- Die Wahrheit,- sagte Igal. Er stellte sich in Positur, als wolle er jetzt einen Vortrag halten. Verdammtes Vieh,- sagte der Wissenschaftler. Er setzte Canopus eine Überraschungsspritze in den Bauch. Der Assistent zog währenddessen unaufhörlich weiter Spritzen auf. Der Labormann trat einen Schritt zurück und beobachtete die Reaktion des Affen. Canopus schien die Spritze nicht bemerkt zu haben. Er hielte dem Assistenten jetzt die rechte Flanke hin. Nach wie vor umklammerte er das Aggregat mit beiden Armen. Sekunden später ging er in die Knie und sank nach hinten. Canopus lehrt uns die Vermenschlichung des Affen…- beziehungsweise Wissenschaft,-erklärte Igal. Sie reden Blödsinn!- rief der Wissenschaftler. Ich wiederhole: die Vermenschlichung….. Vermenschlichung…- Schwarzbraat, nehmen Sie ihm das Gerät ab.-
Der Assistent zog den Apparat aus Canopus´ Armen und lief damit zum Wagen. Es wird ein paar Minuten dauern, bis er wieder zu sich kommt.- Der Mann verabschiedete sich eilig, der Assistent räumte die Bestecke und die Spritzen weg und knallte die Wagentür zu, man sah, wie er im Fahrzeug die Röhrchen und Phiolen ordnete. Von Spaßeule war nichts mehr zu sehen. Die Primaten sind die Heiligtümer dieses Landes,- rief Igal hinter ihnen her, sie sind untrennbar miteinander verbunden. Die Malereien in den Ruinen sind der Beweis dafür. Von hier und heut geht eine neue epochale…- Weiter kam er nicht. Der Generator hatte sich in Gang gesetzt und zu knattern angefangen, während

der Assistent damit zum Wagen lief. Es war zu sehen, wie der Mann im Fahrzeugaufbau die Kanülen ordnete. Er winkte kurz und das Gefährt rumpelte die Anhöhe hinunter und verschwand. Tokpu und Igal beugten sich über den Affen. Canopus´ Augen standen offen, aber er schien nicht bei Bewusstsein zu sein. Ein Rascheln kam aus seiner Brust. Tokpu griff ihm unter die Arme und hob ihn hoch wie vorher der Kazike den Clown. Der Kopf des Affen sank nach vorn. Tokpu legte ihn auf den Boden, bewegte seinen Kopf, er zog die Augenlider hoch, er drückte seine Backen zusammen und sperrte das Gebiss des Affen auf. Canopus knirschte mit den Zähnen. Auf seiner Zunge, die heraus kam, zeichneten sich weiße Schlieren ab. Im Speichel, der ihm aus dem Mund floss, waren weiße Fäden. Igal tippte mit dem Zeigefinger hinein, roch daran und probierte.
Canopus ist high,- sagte er. Ein paar Minuten später fielen Tropfen aus dem Himmel. Es schien zu regnen, aber es waren nirgends Wolken zu sehen. Tokpu streckte die Hand aus. Alle sahen nach oben. Was ist das?- fragte ich. Die Tropfen schlugen mit leisem Klopfen ringsum auf die Erde, blieben liegen und sickerten nicht in den Boden ein. Igal hob einen auf, zerrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und roch. Fleisch,- sagte er, es regnet Fleisch.- In diesem Augenblick sah man hoch am Himmel einen großen Schwarm von Geiern ziehen. Sie flogen mit Schreien nach Süden. Hotspot, GSM, Tracking Apps und die geschredderte Spirale.-sagte Igal. Tokpu nahm den Affen auf den Rücken. Der Kopf des Tieres kullerte von links nach rechts. (Fortsetzung folgt)

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