Image Image Image Image Image

1

Ich fasse zusammen,- sagte der Ghostwriter, dem der Maler seine Hefte überlassen hatte, um die Sachen lesbar zu machen. Sie schliefen also unter freiem Himmel im Alameda-Park von Mexiko-Stadt unter einem Baum, konsumierten dort und auch noch anderswo Peyote, lasen den Text über den Yaquiweg, den es bekanntlich nie gegeben hat, standen im Museum vor dem Bild von Rivera mit dem Titel „Träumerei am Sonntagnachmittag im Alameda-Park“ , ließen sich dort nachts auf der Toilette einschließen, rasierten sich im Rausch die rechte Augenbraue ab, wurden ins Krankenhaus eingeliefert, kurzfristig verhaftet und wieder freigelassen, mäandrierten über den Zókalo im Zentrum der Stadt, wo Sie auf einmal diesen Feuervogel über sich am Himmel kreisen sahen, vermutlich eine drogeninduzierte Halluzination.- Unfug!- protestierte der Maler. Als es Ihnen in Mexiko zu heiß wurde, nahmen Sie den nächsten Flug nach Kuba, wandelten dort auf den Spuren des Sextourismus, machten sich an die hübschen Mulattinnen heran, hielten das für romantisch, kauften sich jede Nacht eine frische,- die bekommt man dort für ein paar Turnschuhe- und am Ende Ihrer wundersamen Reise schlichen Sie an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus den USA und gelangten als blinder Passagier versteckt in der Kühlkammer für Leichen nach Miami!-
Unfug,- wiederholte der Maler. Etwas mehr Sachlichkeit bitte. Der Stil scheint mir der Sache ebenfalls nicht angemessen.- Stil? Was für ein Stil?- fragte der Ghostwriter. Sie meinen Ironie.- Ich bin nicht an einer Geschichte interessiert, die von Abenteuern im Bermudadreieck handelt,- sagte der Maler.- Ich hübsche es ein bisschen auf, schließlich wollen wir die Leute ja nicht langweilen. Neunundneunzig Prozent der Leser Lesen ohnehin keine Bücher. Sie gehen lieber in den Supermarkt oder sitzen vor der Glotze. Die Massen an Papier, das die Verlage auf den Markt werfen, verstopft die Regale. Ich gebe zu, auch ich habe seit Jahren kein Buch mehr zu Ende gelesen. Es ist schlicht und ergreifend zu langweilig.- Ich möchte aber keine Aufhübschung. Ich möchte die Dokumentation-, sagte der Maler. Schön, aber mit dem was Sie geschrieben haben, locken Sie keinen Hund hinter dem Ofen vor. Um den Leser zu begeistern, braucht man ein Rezept.- Was denn für ein Rezept?- Der Maler fasste sich an den Kopf. Ich versuchte neulich einen dieser Bestseller aus den USA zu lesen. Da schreibt jemand über die Jagd mit einem Falken auf Kaninchen. Er oder sie bewundert das als Inbegriff mystischer Selbsterfahrung. Ich blättere und blättere. Was für ein Obskurantismus über eine Natur, die nicht mehr existiert! Aber: Das Publikum ist außer sich vor Freude, die Verlagsreklame überschlägt sich vor Begeisterung und auf den Feldern gehen die Bienen ein.-
Mag sein,-sagte der Maler. Aber das tröstet mich nicht über Ihre Kuriositäten.- Das muss nicht bedeuten, dass Bombast entsteht,- versicherte der Ghostwriter. Und der Rivera?- fragte der Maler. Das Bild im Alameda mit dem Nachthemd und dem Totentanz?- Das ist kein Nachthemd,- sagte der Maler, sondern das Plisseekleid einer weltbekannten Dame.- Ich weiß, das Lieblingsskelett des Malers. Das Modell seiner Träume. Die Dame nennt sich Catarina Calavera, nicht?- Ja, sie ist der Mittelpunkt des Bildes und der Geschichte überhaupt. Sie ist tausendfach reproduziert und dokumentiert worden, die ganze Welt kennt das Mural.- Schöne Symbolik, sagte der Ghostwriter. Aber etwas altmodisch, finden Sie nicht? In dem Bild von dem Rivera fehlt eigentlich ein Affe, finden Sie nicht? So etwas wie King Kong. Noch zeitgemäßer wär ein Joker.- Dummes Zeug, Bilder wie die vom Alameda-Park sind eine Art Symbol und der Rivera ist gewissermaßen unerschöpflich.- Das Wort Symbol kann mir gestohlen bleiben,- erklärte der Ghostwriter. Was?- Der Maler war beunruhigt. Aber keine Sorge, auch wenn die Dame kein Symbol ist, ist sie kein Problem. Selbst wenn es etwas kurios wird. Aber ich mache es auf meine Art. Andernfalls beenden wir die Kooperation.- Der Maler hob die Hände. Er verkniff sich weitere Einwände, entweder er ließ den Schreiber machen oder seine Sachen blieben weiter in der Schublade.

2

Ein Schamane! Ein Schamane!- Der kleine Wolfgang hatte ihn zuerst entdeckt. Auch Kevin, Philip und Lutz kamen gelaufen und wollten mitmachen. Sie zogen den Maler an den Rand des Terminals mit Bars und Pools, wo die Passagiere sich um die Barhocker drängten und Kellner mit gewaltigen Sombrers auf den Köpfen Lobster-Baritos ,Tacos, Khalua und Agavenschnaps durch die Reihen balancierten. Die Stoßzeit an der Mayaküste hatte eingesetzt: Zwei Kreuzfahrtdampfer mit 6000 oder 80000 Touristen an Bord und acht Stockwerken lagen vor den Piers und ließen dumpfes Tuten hören, das kilometerweit ins Land hinein dröhnte. Ein dritter Kreuzer operierte vor dem Anleger. Eine weitere Mole befand sich in der Konstruktion. Am Horizont zeichnete sich ein viertes Schiff ab. Für die nächste Saison waren weitere Piers geplant. Die Vier zappelten vor dem Mann herum, der sein Angebot auf einem Tisch aus Plastik vor sich ausgebreitet hatte. Der Nervöseste war Lutz. Er hüpfte von einem Bein auf das andere, wedelte mit den Armen und drohte den Tisch des Mannes umzuwerfen. Zwischendurch trat er ihm auf dem Fuß. Der Maler hatte sich mit den vier Jungen angefreundet. Er hatte sie mit ein paar Strichen gezeichnet. Sie folgten ihm seither wie einem Spaßonkel und verlangten immer neue Skizzen. Sie gehörten zu einem älteren Herrn im Rollstuhl, der Absencen hatte, dabei mit offenen Augen in die Ferne sah und dem sie ständig entwischten. Der Schamane stand in seinem dschungelgrünen Umhang vor den Utensilien. Die Mähne wogte um sein Haupt, sein Alter war schwer bestimmbar.
Auf einem Schild in einer Plastikhülle, die mit einem Stein beschwert war, waren die Worte Ceremonia de Maya zu lesen. In einer Untertasse brannte eine durchgeschnittene Cohiba. Der Mann erhob sich etwas schwankend. Er hatte wie im Halbschlaf auf seinem Plastikstuhl gesessen. An einer Apfelsinenkiste neben ihm lehnte ein Regenschirm. Hinter ihm steckte ein Stab im Sand, an dem ein Büschel Vogelfedern hing. Weitere Utensilien bestanden aus einem Palmenwedel, einer mit Hieroglyphen verzierten Trommel und einem Flederwisch. Es geht los, rief Philipp. Alle mal her.- Der Schamane musterte die Kunden flüchtig, wies mit dem rechten Arm in eine unbestimmte Richtung, ließ den Untersatz, aus dem es qualmte, in die vier Himmelsrichtungen kreisen und murmelte Worte einer unbekannten Sprache. Er nahm die Trommel in die Hand, schlug einen kurzen Rhythmus, fuhr dem Knaben mit dem Palmwedel über das Gesicht und schürzte dabei die Lippen, als küsse er die Luft. Zuletzt legte er die Hand auf den Kopf des Jungen und sagte etwas wie „waral waral“. Niemand verstand ein Wort. Der Schamane-der Ghostwriter übernahm den Begriff- schwenkte noch einmal den Untersatz mit der Kohle und die Zeremonie schien beendet. Wolfgang, der die Augen geschlossen hatte, erwachte wie aus einem Tagtraum. Jetzt bin ich konfirmiert!- rief er. Der Pastor Bierbauch kann zum Teufel gehen, der olle Zebaoth dazu und seine Genesis im Kreuzworträtsel. Philiboy, Kamera, Aufnahme!- Die Vier zückten ihre Smartfons im Gleichtakt: andachtsvolle Stille: hab den Stick an Bord vergessen,- sagte Kevin, verdammt. Das erste Selfie von schräg oben, ein zweites unten-oben, dann Gruppenbild mit Magier, die Knaben links und rechts, der Magier in der Mitte, der Alte schmunzelte in einer Art von Demut. Als nächstes die Cohiba: Nahaufnahme, wird geteilt, dann wieder unisono, der Umhang des Schamanen, sein Regenschirm, die Apfelsinenkiste, die Coca-Cola-Flasche, der Federstab, der Strand am Meer, das Terminal aus dieser Perspektive, whatsapp für Mona. Old Rollstuhl wird begeistert sein!- schrie Kevin. Dann rasten sie davon.
Der Maler wäre ebenfalls gegangen, wäre ihm nicht auf einen Stück Papier in einem kleineren Text der auf dem Boden lag, das Wort Peyote aufgefallen. P e y o t e! Die Schrift war verschwommen. Der Text war wohl latinisiertes Maya, dem Maler völlig unverständlich. Da stand Peyote. Die Zeremonie des Malers schien angefangen zu haben, ohne dass er sie beauftragt hatte. Der Schamane sah aus glasigen Augen zu ihm hoch, er zeigte ihm die Schüssel mit der Kohle, nickte, hielt sie ihm vor das Gesicht, ergriff den Stab und schwenkte die Federn. Der Maler roch den Qualm. Im Hintergrund ertönte ein Gelächter. Das Murmeln des Schamanen klang jetzt unterirdisch. Hinten schlug das Wasser auf den Strand. Es rauschte wie in einer Muschel, die man sich ans Ohr hält. Das Männlein hob die Hand und ließ die Schale in die Himmelsrichtungen kreisen. Ein Windstoß blies dem Maler Staubpartikel ins Gesicht .Er fing an zu husten.
Peyote?- fragte er und hustete. Der Schamane sah an ihm vorbei und sagte nichts. Ob er verstanden hatte, war nicht zu erkennen. Er holte Luft und sog den Qualm ein, vielleicht um anzudeuten, dass der Maler es ihm nachtun solle. Der Maler imitierte, atmete tief ein und stieß die Luft aus, ein neuer Hustenanfall war die Folge. Ein Windstoß blies ihm Kohlenfünkchen ins Gesicht. Sie blätterten ihm von der Haut ab. Der Magier zog jetzt eine Schachtel aus dem Umhang, wandte sich vom Wind ab und zündete die durchgeschnittene Cohiba an. Der Maler rauchte ohne nachzudenken. Nach dem dritten Lunger wurde ihm wundersam zu Mute. Er war das Nikotin nicht mehr gewohnt, die Umwelt löste ihre Konsistenz auf. Mit der Dunkelheit gewöhnte er sich an den Geruch des Zimmers, in dem er lange nicht gewesen war.
Er hatte plötzlich Zeit. Durch das Gewölbe zog sich eine Wäscheleine. In der Tür stand ein Motiv wie aus der Zeit, als er den Yaqui-Weg beschreiten wollte, besser: als er sich eingebildet hatte, ihn zu beschreiten. Der Maler griff nach Block und Bleistift in den Taschen seiner Jacke. Er griff daneben, fand nicht, was er suchte. Der Pfad, der durch sein winziges Bewusstsein führte, endete im Nichts. Die Kaktusblüte flatterte hindurch wie eine Motte mit zerfransten Flügeln. Das Cover mit dem grünen Männchen, das einen Kopf wie eine Christbaumkugel hatte, musste diesen Maler schwer beeindruckt haben, erklärte sich der Ghostwriter den Text. Das meiste strich er weg. Der Maler tastete nach seiner Taschenlampe in der Dunkelheit des Zimmers. Die Nachttischlampe krachte auf den Boden. Die Kohle in der Schüssel war verbraucht. Der Schamane hatte ihn gemustert. Die Zeremonie war offenbar beendet. Er sprach jetzt Spanisch und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Er griff nach seinem Stab und hielt ihn vor sich hin. Zugleich hielt er die ausgestreckte Hand auf. Der Maler suchte in den Taschen seiner Jacke. Die Taschen waren leer. Er fummelte am Reißverschluss der Tasche, in der er seine Scheine aufbewahrte. Die Summe schien dem Mann zu klein, obgleich sie schon beträchtlich war. Er wiederholte etwas, das der Maler nicht verstand. Englisch? -fragte er. Ihm fiel ein, dass die Jungen ihre Zeremonie gar nicht bezahlt hatten. Der Schamane hielt weiterhin die Hand auf, das rechte Auge etwas zugekniffen. Peyote?- Der Maler hielt die Cohiba höher, die er in der Hand hatte. Der Schamane bewegte unmerklich den Kopf. Der Maler schwankte, als er wegging.

3

Er durchquerte das Strohdachareal mit seinem Angebot für die Tourismusindustrie. Mit der Ankunft der Kreuzfahrtschiffe hatte sich das Terminal in eine aus den Nähten platzende Versorgungseinheit für die vergreiste Zivilisation der Ersten Welt verwandelt. Durchsetzt von ein paar Jugendlichen und Familien mit Kindern schob sich die Menge in Turnhosen, Fahrraddress, Shorts, T-Shirts, luftigen Kleidern, Badelatschen, Sandalen und jeder Art von Freizeitkluft durch die überfüllten Läden. Das Angebot war bunt und quoll bis auf die Gänge: Ein Sortiment volkstümlich-touristischer Artefakte. Plastikmännchen in Uniform, die ein Gitarrenorchester dirigierten, die Maya-Stätten Bonampak,Tikal und andere als Spielzeugpuzzle, Handtaschen mit aztekischen Motiven, Lederschuhe, Gläser, Kerzen mit Emblemen, Maya-Götter aus lasiertem Ton, Qetzalcoatl, Huitzlipochtli und Xacxini aus Karton, Reiter mit Gewehr und Hut, Macchu Pichchu in der Form von Pappmaché, Teller mit dem Maya- Kalender, Frida Kahlo im bestickten Poncho, Jeans, Badelatschen, Stoffhüte turmhoch gestapelt, Tamburine und so weiter und so weiter. Plötzlich sah der Maler die Catrina Calavera. Sie war ein Püppchen, hing mit anderen Figuren an einer Schnur und trug ein Wollkleid.
Er blieb stehen und überlegte. Sollte er die Puppe kaufen? Die vier Freunde dürften sie nicht zu Gesicht bekommen. Ihr Humor war ziemlich ungezwungen. Der Maler hatte keine Tragetasche bei sich, aber der Laden würde eine Plastiktüte haben. Die Calavera war die Hauptfigur in Riveras Bild vom Sonntagnachmittag im Alameda, ein Element, das ihn beschäftigte. Die Puppe war nicht groß. Der Maler kaufte sich die Puppe. Als nächstes suchte er den Ausgang zu den Schiffen, da ihn das Tuten von den Piers her irritierte. Er sah auf seine Uhr. Er suchte In der Menge nach Gesichtern, die er kennen musste, sah aber keine. Er durchquerte den Havanna Club, den Diamantenhandel, wo Edelsteine in den Glasvitrinen glänzten, die Tequila-Restaurants mit hunderten von Etiketts und Flaschen auf Regalen, das Mass-Customization-Tea-Shirt mit den Ruinen von Chichén Itzá, die Silberwerkstatt, das Luxusuhrgeschäft, die Poolside-Bar, zu der man schwamm.
Ein kleiner Junge balancierte eine Muschel auf dem Kopf. Die Mutter kam dazu, der Junge weinte. An den künstlichen Teichen standen die Flamingos starr wie auf Plastikbeinen. Auf einem Platz verrenkten sich halbnackte Männer, die wie Stachelschweine glänzten. Sie imitierten einen indigenen Kriegstanz als Touristenattraktion. Ein Greis im Fußballdress versuchte die Verrenkungen nachzuahmen. Er erregte die Begeisterung des Publikums. Damen, deren Korpulenz am Laufen hinderte, probierten Ohrgehänge und Brillanten. Die Verkäufer standen in der Nähe. Da geht mein Geld,-sagte ein Mann in Shorts mit stark behaartem Oberkörper. Der Maler warf einen Blick in einen der Läden, stutzte und blieb mitten im Schritt stehen. Die Verkäuferin im Eingang machte einladende Handbewegungen. An der Rückwand des Geschäfts war etwas. Das Bild war ein Bekannter, es war das Mural Riveras, das den „Spaziergang am Sonntagnachmittag im Alameda-Park als Traum“, darstellt. Die Wirkung war magnetisch. Das Poster war drei Meter lang und etwa einen Mater hoch. Das Original ist fünfzehn Meter lang und gut sechs Meter hoch. Der Maler hatte das Bild als Kind schon irgendwann gesehen, aber nichts verstanden. Die Phalanx seltsamer Personen, die sich auf den Betrachter zubewegt, hatte einen Eindruck hinterlassen, der nicht mehr wegzubringen war. Das bloße Ansehen hatte etwas ausgelöst, das sich später wiederholte. Die Dame mit dem Totenkopf und ihrer Federboa schien ihm besonders mysteriös. Sie blieb in seinem kindlichen Gedächtnis. Sie steht vorne in der ersten Reihe in der Mitte und zieht die Blicke auf sich. Ihr grauweißes Faltenkleid wird unten von einer Borte zusammengehalten. Ihr Schädel ist groß und auf absurde Art intim. Ein leicht idiotisches Gelächter scheint durch das Gesicht zu geistern, mit seinen leeren Augen, dem ausgefransten Mund mit den gespenstisch großen Zähnen. Um den Hals trägt sie eine Federschlange, deren Enden ihr bis an ihre Knie reichen. Außerdem besitzt sie eine Brille.
Links neben ihr steht ein Junge, dessen Hand sie in ihren skelletierten Fingern hält. Der Knabe blickt versonnen in die Weite. Der Maler erinnerte sich, dass er seine Hand betrachtet hatte. Die Personen links und rechts, oft sonderbar gewandet, wirken wie Flügel der grotesken Hauptperson. Im Hintergrund erkennt man Kirchenkuppeln und sieht blutige Gestalten, die spitze Hüte tragen. Irgendwo brennt es. Vermutlich konnte der Maler damals noch nicht lesen. Später hatte er das Bild studiert. Mittlerweile kannte er die Bedeutung der Personen. Jedenfalls der Wichtigsten. Ohne links und rechts zu sehen ging er auf das Poster zu. Er sah erwartungsvoll auf die bewusste Stelle, wo die Dame stehen musste, also erste Reihe in der Mitte. Die Dame war nicht da. Wo sie hätte stehen sollen, klaffte eine Lücke. Der Maler starrte auf das Poster. Er trat näher, er umrundete die Vitrinen, die den Weg versperrten und stand nun dicht vor dem Bild. Aus der Nähe wirkten die Figuren überlebensgroß und waren von bestürzender Lebendigkeit. Die Hauptperson, die Catarina Calavera, blieb verschwunden. Der Maler rieb sich die Augen. Die skelletierte Hand, die das Selbstporträt Riveras als Junge hält, war noch vorhanden. Der Maler drehte sich zur der Verkäuferin herum. Die Frau beschäftigte sich im Hintergrund des Ladens mit Touristen. Der Maler wischte mit der flachen Hand über die Lücke, wo die Calavera hätte stehen sollen.
Die Verkäuferin stand hinter ihm schüttelte den Kopf. Der Maler versuchte, das Spanisch zu aktivieren, an das er sich von einem Lernversuch erinnerte: Ob es sich um eine Karikatur handelte. Bezog es sich auf Mexiko und seine Gegenwart? Auf etwas in der Geschichte? Die Verkäuferin sah irritiert drein, sie betrachtete abwechselnd das Poster und den Maler, als ob sie einen leicht Verrückten vor sich habe. Ihr Englisch war für die Verständigung nicht ausreichend. Andererseits: wer hier das Publikum bediente, sollte sich in dieser Sprache auskennen. Der Maler redete, aber offenbar verstand sie nichts und interessierte sich auch nicht für das Problem.
Zuletzt schüttelte sie nur noch den Kopf und fragte, ob der Kunde etwas kaufen wolle. Im Text des Malers folgte eine Bildbeschreibung. Der Ghostwriter strich durch. Entscheidend war die Handlung, nicht das kunsthistorische Gerede. Die Figuren kannte außerdem kein Mensch. Auf dem Mural befinden sich über 80 Personen. Ein zusammengewürfeltes, undurchdringliches Gemenge der historischen Kalamitäten Mexikos. Der Maler wandte sich schon ab, als ihm eine Veränderung der Gestalten links und rechts der Calavera auffiel. Sie schienen sich der Stelle zuzuneigen, wo sie fehlte. Die Kahlo beugte sich nach vorn, als ob sie in das Loch hinunter sehen wollte, das sich auftat. Das Ying und Yang in ihrer Hand fing an zu rutschen, der kleine Rivera beugte sich in die gleiche Richtung, die Hand der Kahlo auf seiner Schulter zog sich in die Länge. Der Frosch in der Tasche des Jungen hatte große Augen, der Regenschirm mit dem Geierkopf in der Hand des Knaben verzerrte sich nach rechts. Der Graveur Posada, der die rechte Hand der Calavera hält, schwankte nach links. Seine Angst vor dem Grünen Star befiel den Maler wieder. Das Tuten von den Piers her wurde lauter. Hatte er es überhört? Er sagte: Pe-du-do comprer?- hielt das für verständliches Spanisch und fragte, was das Poster kosten sollte. In Europa würde eine Reproduktion wie die hier nirgends zu bekommen sein. Er hatte es schon wiederholt versucht. Die Verkäuferin schüttelte den Kopf. Das Bild gehörte ja zur Ausstattung des Ladens.

4

Der Maler trat zurück und stand auf einem Fuß. Hinter ihm stand eine Dame, die ungefähr so groß wie breit war. Der Maler entschuldigte sich. Ihr Leib hatte die Form eines mit Wasser gefüllten Luftballons, der sich nach unten weitet, und an den Seiten auseinanderquillt. Schweißperlen standen auf der Stirn der Frau. Ihre Augen schwammen in der Fleisch gewordenen Gesichtslandschaft. Die Dame sah auf einen grünen Stein, der am kleinen Finger ihrer rechten Hand hing. Der Maler zückte instinktiv sein Skizzenheft und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Er stand vor einem Motiv, das zu den interessantesten gehörte, die sich bisher angeboten hatten. Er fing umstandslos zu reden an, damit die Dame nicht verschwand. Ihm fiel der Franzose ein, der über dem Motiv die Begräbnisfeier seiner Mutter übersehen hatte: das Motiv. Er vergaß die Schiffssignale von den Piers. Die Dame sah entzückt auf ihren Edelstein, sie führte ihn an die gespitzten Lippen und hauchte etwas, das der Maler nicht verstand. Toll,- sagte er. Finden Sie?- Die Dame sollte bleiben, wo sie war. Wenn sie wegging, würde er ihr folgen. Passt genau zur Farbe Ihres Kleides: Himmelblau.- Die Dame schmunzelte. Der Ghostwriter strich den zynischen Geschmack aus dem Geschreibsel seines Kunden. Fettleibigkeit war für Gesellschaftskritik nicht das geeignete Motiv nach seiner Ansicht. Bitte noch ein Lächeln,- sagte der Maler. Das Gesicht der Dame verwandelte sich bei Heiterkeit auf eine Weise, die in der Skizze festzuhalten würdig war. Die Nase stand als winziges Relikt im Tal der Tränen, die Augen wie zwei Sternchen in der Fleischwüste, die Haare wie das Kornfeld im November.
Das ist ja alles paradiesisch hier,- hörte er sie sagen.- Die linke Hälfte des Gesichts war beinah fertig. Sein Bleistift huschte über das Papier. Später ließ sich alles auf ein größeres Format versetzen. Entscheidend war die Authentizität des Impromptus. Er warf einen Blick auf den Stein, den die Dame jetzt ins Licht des Ladens hielt. Finden Sie ihn schön?- Der Maler griff nach ihrer Hand, um noch mehr Sensibilität für sein Motiv zu haben. Gratuliere,- sagte er, um sein Verhalten zu erklären. Die Hand war fleischig, kalt und feucht. Green Fire.- Wie bitte?- Preisentscheidend bei den grünen Tönen ist die Leuchtkraft.- Was ist es denn für einer?- Ein Smaragd mit Treppenschliff, Herkunftsland Kolumbien.- Der Maler sah den Stein an. Wenn das ein Smaragd ist, bin ich Rumpelstilzchen-, sagte er und verschluckte, was er gesagt hatte, indem er hustete. Die Dame schien seine Bemerkung nicht gehört zu haben. Der Stein war grün wie Gras, er hatte die Form eines Sechsecks. Etwas Besonderes war ihm nicht anzusehen.
Der Maler blätterte die Seiten seines Blocks um. Später konnte man die Einzelteile des Gesichts zusammensetzen, indem man sie gegeneinander verschob. Ein Anflug von Surrealität. Wie teuer war er denn?-. Ziemlich,- sagte die Dame. Aha,- sagte der Maler. Warum ich ihn gekauft habe?- Sie richtete die wasserblauen Augen auf ihren Gegenüber. Um Ihren Mann zu überraschen?- Keineswegs,- sagte die Dame. Im Gegenteil, ich habe ihn gekauft, um ihn zu provozieren. Seltsames Motiv.- Der Maler zeichnete. Soll ich Ihnen noch was sagen?- Mit größten Vergnügen,- sagte der Maler. Bitte nicht bewegen.- Ich habe den Verdacht, dass er die Reise unternimmt, um mit mir abzuschließen.- Uh,- sagte der Maler.- Die Dame sah zum Ozean hinüber.
An Bord des Schiffes sind 8000 Personen. Bei solchen Massen fällt das Verschwinden eines einzelnen nicht auf. Das Schiff macht eine Fahrt von 22 Knoten. In Minuten ist es von der Stelle meilenweit entfernt, wo es passiert ist.- Was denn passiert?-fragte der Maler. Er schmeißt mich über Bord. Wir gehen nachts auf Deck spazieren und er schmeißt mich runter. Ganz einfach. Sieh doch mal da unten, Tussi, -sagt er, ich trete an die Reling, er macht einen Schritt zurück und packt mich an den Beinen. Das Ganze dauert nur Sekunden. Es ist dunkel, Zeugen gibt es nicht.- Ich bitte Sie, Ihr Mann ist doch kein Mörder,-sagte der Maler und skizzierte. Das Schiff fährt unter dem Gesetz von Malta, Maltaflagge. Malta ist weit weg. Auf jeder dieser Fahrten gehen Leute über Bord, ohne dass viel aufgeklärt wird. Meine Frau hat letzte Nacht die Kabine verlassen,-sagt er. Hab geschlafen, keine Ahnung, was passiert ist.- Der Maler hatte aufgehört zu zeichnen. Über diese Aspekte einer Kreuzfahrt hatte er noch nicht nachgedacht. Ihr Mann ist doch kein Mörder,- wiederholte er. Gestern fiel mir ein, dass er in letzter Zeit von dem perfekten Mord gesprochen hat. Zum Beispiel? -habe ich gefragt. Ich bitte Sie, Sie sollten das entspannt sehen.- Der Maler zeichnete das rechte Auge.
Vor ein paar Tagen sagt er, liebes Tußchen, möchtest du nicht einmal nachts auf Deck spazieren gehen? Nein, aber vielleicht morgen oder nächste Woche, sage ich.- Der Maler wandte sich dem Ohr der Dame zu. Danach skizzierte er den Haaransatz über dem linken Auge. Wenn ich Geld ausgebe, wird er wütend. Schließlich ist man Konsument, nicht wahr? Soll ich kein Souvenir bekommen auf dieser letzten Reise? Was malen Sie denn da die ganze Zeit? Darf ich mal sehen?- Die Dame nahm dem Maler seinen Block aus der Hand und erblickte das Gesellenstück ihrer Physiognomie in Einzelteilen. Aha, erklärte sie, genauso fühle ich mich auch.- Die Dame gab ihm seinen Block zurück. Wie teuer war denn der Smaragd?- fragte er, um von dem Eindruck abzulenken, den sein Werk gemacht zu haben schien. Zweitausendvierhundertfünfzig.- Der Maler senkte seinen Block und sah die Dame an. Dollar,- ergänzte sie. Es fragt sich, wann er es bemerkt. Er kontrolliert sein Konto auf der Reise wenig.- Bitte einmal um die Achse drehen,- sagte der Maler, der sich über nichts mehr wunderte. Wieso denn das?- Ich brauche Ihren Kopf von hinten.- Der Maler ging um sie herum, die Dame drehte sich mit ihm im Kreis. Er überlegte, ob er ihren Busen einbeziehen sollte. Allerdings verschwand er so am Leib der Frau, dass er kaum zu sehen war. Der Man im Laden sagt, er kann die Zukunft sehen.- Wer?- Der Smaragd.- Der Maler staunte über die Vertrauensseligkeit der Dame. Wie macht er denn das?-fragte er. Man muss zählen. Ich trage ihn am kleinen Finger, weil man so am besten zählt. Links anfangen, rechts aufhören.- Die Dame drehte den Ring an ihrem Finger hin und her. Der Maler nahm das rechte Auge ins Visier. Krabbelt dort ein Insekt? Der Maler starrte auf die Augenbraue. Die Frau begann zu zählen, sie schob die Finger ihrer Hand wie auf einem Rechenrahmen auf die Seite. Er bringt mich…. er bringt mich nicht…. er bringt mich… er bringt mich nicht….. Es geht immer anders aus. Ich habe mindestens schon zehnmal durchgezählt.- Sind Sie sicher dass das wirklich ein Smaragd ist?-fragte der Maler. Die Dame sah ihn an. Ich habe ein Zertifikat, erklärte sie.-
Man kann solche Steine bedampfen. Dann sehen sie besonders echt aus.- Glauben Sie, dass hier betrogen wird?- Der Maler zeichnete. Unter dem Schlot fiel mir einmal Ruß auf beide Arme. Unter Deck sind lauter Filipinos. Billigarbeitskräfte. Ich habe mit einem gesprochen, der sich nach oben verirrt hat. Er erzählte mir, was er verdient. Auf welchem Dampfer reisen Sie?- Ocean Adventure.- sagte der Maler. Die Dame befühlte den Smaragd. Ich frage Sie im Ernst: Kann man jemanden wie mich für längere Zeit ertragen oder sogar lieben? -Wie meinen Sie das?- Ich meine, kann ein Mann sich mit einer Frau wie mir gewissermaßen länger anfreunden? Bedenken Sie mein Aussehen.- Gar keine Frage,- sagte der Maler.
Er überlegte.- Dann sagte er…:- der Ghostwriter strich, was er sagte, aus dem Heft. Er fand es inadäquat. Später setzte er es wieder ein, weil ihm nichts Angebrachtes einfiel. Während er sprach, setzte der Maler seine Skizze fort. Die Antwort war so hingesprochen, er hatte sich nicht viel dabei gedacht, vielleicht war sie im Tonfall etwas burschikos. Die Dame richtete ihren Blick auf ihn. Eine Pause entstand. Plötzlich trat sie dicht an ihn heran, holte mit dem rechten Arm kurz aus und gab ihm eine Backpfeife, dass ihm der Block aus der Hand rutschte und die Touristen im Laden sich nach der Szene umwandten. Ich gebe Ihnen Recht, es sind die Einzelteile.- Die Dame machte auf dem Absatz kehrt und trippelte davon. Der Maler hob seinen Block auf und sah ihr nach. Er wandte sich erneut dem Poster zu. Die Figuren standen wieder in der Reihe. Die Catarina Calavera fehlte immer noch. Ihm war eingefallen, dass vorne links im ersten Viertel des Mural eine Wünschelrute auf dem Boden liegt. Angeblich bietet sie den Schlüssel zur Erklärung für die Ordnung der Figuren. Er fand sie nach einigem Suchen. Sie liegt vorne vor dem schlafenden Indigenen auf dem Boden. Mit der Gabel zeigt sie auf die Mutter mit dem Kind.

5

Der Maler ging aus dem Geschäft und suchte nach dem Ausgang aus dem Terminal. Das dumpfe Tuten von den Piers ertönte pausenlos. Die Menschenmenge schob sich durch die Kolonaden. Die Beschilderung zur Orientierung war nicht hilfreich. Im Delphinarium kletterten die Kinder auf den Rücken der Delphine. Zwei Männer in Zivil traten auf den Maler zu. Sie sprachen ihn zuerst auf Spanisch an und dann auf Englisch. Einer war kurz und stämmig mit großem Kopf, platter Nase und Igelschnitt, der Zweite hager und nervös mit käsiger Gesichtshaut und messerscharfen Lippen. Der Maler war in Eile. Was wollten die von ihm? Sie führten ihn in einen Raum, in dem ein Stuhl, ein Tisch und darauf ein Rechner standen. Licht kam durch ein Fenster in der Decke. Der Raum sah einer Zelle nicht ganz unähnlich. Der Maler hatte Zeit verloren. Sein Schiff steche in kurzer Zeit in See und setzte seine Reise fort nach Kuba. Bitte!- Wollten die Herren dafür verantwortlich sein, dass er sein Schiff verpasste? Er sah auf seine Uhr, die Männer sahen ebenfalls auf ihre Uhren. Alles würde schnell gehen. Keine Sorge. Der Maler wurde aufgefordert, sich zu setzen und sich auszuweisen. Da man auf Kreuzfahrtreisen seinen Pass abgibt, hatte er sich ein zweites Exemplar besorgt und den ersten als vermisst gemeldet. Er zeigt er seinen Ausweis vor. Die Männer nahmen seine Personalien auf und übertrugen sie in das Gerät.
Im Hintergrund ertönten die Signale. Der Maler erklärte auf Englisch, dass er sich beeilen müsse. Die Beamten stimmten zu: Kein Problem.- Zeit genug. Kannten sie die Abfahrtszeiten seines Schiffs? Der Maler wurde aufgefordert, seine Taschen auszuleeren. Schlüssel, Smartfon, Münzen, Scheine, Bleistiftstummel, Bordkarte, Blocks, Automatenkarten, Pfefferminz, Kuchenkrümel, Teile eines Plastikmessers, mit dem er seine Kuchenstücke aufgeschnitten hatte, Bleistiftminen, Pinselhaare, die Cohiba. Er hatte seine Taschen lange nicht geleert. Der Maler wurde aufgefordert, seine Schuhe ausziehen. Die Beamten fuhren mit den Händen hinein und verbogen die Sohlen. Einmal kurz den Mund,- sagte der Große, an dessen Nase sich die Feuchtigkeit abzeichnete. Er öffnete den Mund. Der andere begutachtete das Inventar, das auf dem Tisch lag, er nahm Teile des Plastikmessers und versuchte sie zusammenzusetzen, als könne er damit ein Rätsel lösen.
Der Maler überlegte, ob er protestieren konnte oder sollte. Mit der mexikanischen Sicherheit wollte er sich nicht anlegen. Er öffnete den Mund und grimassierte. Der Beamte leuchtete mit einer LED-Lampe hinein. Schließlich musste er die Hose fallen lassen und stand nun in Boxershorts vor den Beamten. Sie zogen den Gürtel heraus und bogen ihn hin und her. Sie interessierten sich für die Zigarre. Der Hagere bröckelte sie auseinander. Er zerbröselten die Krümel, nahm sie in den Mund, kaute und spie sie auf den Boden. Der Beamte mit dem Igelschnitt fragte, auf welchem Schiff der Maler fahre und ob er die Cohiba dort erstanden habe. Der Maler sagte Ja.- Die Beamten wechselten einen Blick. Das Gesicht des Mannes mit dem großen Kopf wich plötzlich rückwärts und sah winzig aus. Die Zunge kam heraus und auf ihr lagen Augen. Großartiges Motiv! Genau wie damals auf dem Weg. Das Ganze dauerte Bruchteile von Sekunden. Dann war es verschwunden. Der Maler starrte den Beamten an. Mein Schiff! -schrie er und reckte den Arm in Richtung der Piers. Der große Kopf trat einen Schritt zurück. Der andere Beamte verließ den Raum. Der Maler wurde aufgefordert, einen Text zu unterschreiben. Er unterschrieb unleserlich, raffte sein Zeug zusammen und stürzte aus dem Raum. Man hielt ihn nicht zurück.

6

Im Terminal stieg er auf eine Mauer, um sich zu vergewissern, was auf den Piers vorging. Sie schienen sehr weit weg. Es würde knapp, bemerkte er, als er die Lage überblickte. Die Ocean Adventure mit ihren stumpfen Anstrich lag in der Sonne der Karibik wie eine Fata Morgana. An den quer gebauten Anlegern hatten zwei weitere Kreuzfahrtschiffe festgemacht. Der Maler kniff die Brauen zusammen und traute seinen Augen nicht: die Dame, sein gewichtiges Modell, war die Hälfte einer Gangway hochgeklettert, deren eines Ende in der Luft hing, da sie eingezogen wurde. Sein Modell hing etwa in der Mitte. Die Gangway schien sich unter dem Gewicht der Dame zu verbiegen. Zwei Mitarbeiter in weißem Dress krochen unter Verrenkungen auf die Dame zu, die sich mit überraschender Behändigkeit die Leiter hocharbeitete, und zogen sie an Bord. Die anderen Gangways hingen in der Luft. Eine war noch ausgefahren. Vor den Augen des Malers fing es an zu flimmern. Aus der Distanz war schwer zu schätzen, ob ein Spurt noch helfen würde. Auf dem Anleger strömte ihm die Menschenmenge entgegen, die aus dem Bauch der nächsten Kreuzfahrtschiffe quoll.
Der Maler kämpfte sich durch die Gestalten. Man fühlte sich an eine Völkerwanderung erinnert, die in Freizeitkleidung stattfand. Er wich den Passagieren aus, so gut es bei dem Tempo ging, das nötig war, wollte er sich nicht den Vorwurf machen, zu langsam gewesen zu sein. Die Menschenmenge verfolgte seinen Spurt mit sportlichem Interesse, man wich ihm aus, trat beiseite, öffnete eine Gasse. In einer Dame meinte er die Kassiererin seines Supermarkts zu erkennen. Schon wollte er sie grüßen, aber sie starrte so missmutig vor sich hin, dass er es unterließ. Die Hitze wurde tropisch, das Wasser lief ihm in die Augen. Er hatte seine Brauen wieder stark beschnitten, der gleiche Fehler wie beim letzten Mal. Er entschuldigte sich unablässig, riss einen Rollator auf die Seite, lief in eine Frau hinein, zog Kleidungsstücke mit sich, hing an einem Sonnenschirm, sah in entsetzte Mienen, rannte ein Kind um, hörte das Geschrei der Mutter und kam außer Atem.
Die Anstrengung in der Hitze der Karibik war er nicht gewohnt. Das Tempo würde nicht zu halten sein. Das Poster, das er zu einem hohen Preis der Verkäuferin noch abgeschwatzt hatte, knatterte im Wind, da die Verschnürung abgegangen war. Sein Schmerbauch schwabbelte und hinderte ihn am Vorwärtskommen. Schinken, Sahnetorten, Brötchen, Eis, Spirituosen: er hatte wahllos Zugegriffen: dem Überangebot an Bordverpflegung hatte er nicht lange widerstanden. Bewegte sich das Schiff bereits? Er stolperte über einen Turnschuh, rappelte sich hoch, jemand half ihm auf, er hörte beschwichtigende Worte. Der Sekundenzeiger seiner Uhr stand still. Auf der Mole wurde es noch enger in der Menge. Welche Massen fassten diese Schiffe! Sollte ein Atomkrieg ausbrechen, würde er auf einem dieser Kästen Zuflucht suchen. Vielleicht wurden sie zu diesem Zweck gebaut. Rhythmisches Klatschen war zu hören und Beifall wie auf einem Sportplatz. Das schien ihm zu gelten, seinem Endspurt, bekannt als Pier Running. Als er die Wasserkante erreicht hatte, betrug der Abstand zwischen ihm und dem Schiff circa einen Meter. Eine der Gangways hing noch in der Luft, allerdings schon sehr weit oben. Der Schiffsrumpf ragte vor ihm auf wie eine Steilwand, Sekunden überlegte er zu springen. Unten gurgelte das Wasser, aufgewirbelt von der Schiffsschraube: Sumpfig grün, graugelb und käsig. In großer Trägheit löste sich das Schiff vom Kai und drehte Richtung Norden. Der Schlot mit seinen auswärts gebogenen Düsen stieß Rauch in fetten Schwaden aus.
Die Hitze wurde infernalisch. Halt!- schrie der Maler, er wedelte mit den Armen, während ihm der Schweiß in Strömen in die Augen lief. Halt! Schließlich habe ich bezahlt! Gottverdammt! Halt an!- Die Passagiere standen in langen Reihen an der Reling und filmten seinen Abschied. Vermutlich ging er bald auf whatsapp um den Globus und würde dann im Netz zu sehen sein. Wer zu spät kommt…,- rief jemand. Zurück!-schrie der Maler. Es war zu spät. Einer der Passagiere zeigte einen Vogel. Die vier Freunde standen an der Reling. Sie gestikulieren, er hörte sie rufen, aber es war nichts zu verstehen. Da stand ihr Spaßonkel auf der Pier und japste. Das Hemd klebte ihm am Körper. Ihm wurde heiß und kalt und wieder heiß. Er sah zu den Achterdecks, wo in der Tiefe der Aufbauten seine Kabine liegen musste. Seine Skizzen fuhren ohne ihn nach Kuba. Lutz tänzelte von einem Bein auf das andere. Wir gehn zum Kapitän! Wenn das Ding nicht umkehrt, bricht die Meuterei aus.- Die Vier verschwanden von der Reling. Die Männer, die die Vertäuung der Ocean Adventure gelöst hatten, standen auf der Pier und beäugten ihn mit freundlicher Anteilnahme. In einer Öffnung über dem Wasser erschien Schiffspersonal und vollführte bedauernde Handbewegungen. Man rief etwas, das von den dröhnenden Signalen des dritten Kreuzfahrtschiffs übertönt wurde. Cetumal…. Flugzeug …Bus…-
Manche Passagiere an der Reling winkten ebenfalls. Der Maler meinte Ingo und Monika zu sehen, sie Lehrerin, er arbeitslos. Sie führten Tagebuch über ihren sexuellen Umgang, Volker und Merula, er Bibliothekar, sie kellnerte, erwartete ein Kind, Roland und Christine, älteres Ehepaar, das überwiegend aß und sich zerstritt, Harmonia und Joaquin, die Reise ihrer Trennung, Solvey, Hans und wie sie hießen. Der alte Herr, mit dem die Freunde unterwegs waren, saß regungslos in seinem Rollstuhl. Manche hatte er flüchtig skizziert. Er erfuhr Details. Entscheidend war jedoch die Physiognomie. Und dort- war das nicht sein Modell? Der Maler versuchte etwas zu erkennen. Zeigte es ihm eine Nase? Das vierte Kreuzfahrtschiff ließ seine dröhnenden Signale hören.
Er war dehydriert, ihm wurde schwarz vor Augen, er setzte sich und hielt den Kopf zwischen die Knie. Seine Kehle war staubtrocken. Mechanisch befühlte er die Taschen seiner Fliegerjacke. Pass, Scheine, Visa, Smartfon und so weiter. Auch sein Gepäck fuhr ohne ihn nach Kuba. Er wollte seinen Freunden winken, hob den Kopf, sah sie aber nicht mehr an der Reling. Aus den Skizzen, die er angefertigt hatte, sollte ein Tableau werden. Der Titel „Arche Noah“ stand noch nicht fest. Die Badeanstalt auf dem Schiff hatte Anschauungsmaterial in Fülle hergegeben. Die Bäuche reizten zu schwungvollen Linien. Seine Blätter hatte er in einer Mappe aufbewahrt. Die Idee war noch nicht ausgereift, die Skizzen waren nur ein Anfang. Philipp, Lutz und Kevin erschienen wieder an der Reling. Das Smartfon in der Brusttasche des Malers klingelte. Er fummelte es heraus und legte sich auf den Boden, um seinen Kreislauf zu verbessern. Philipp schrie und fuchtelte mit den Armen. Sie haben uns nicht vorgelassen. Rache ist Blutwurst! Notfalls übernehmen wir das Schiff…- Die Leitung wurde unterbrochen. Lutz und Philipp redeten zugleich. Hallo?… Cozmel…und dann Bus …-Die Ocean Adventure entfernte sich mit wachsender Geschwindigkeit vom Kai. Die Leitung funktionierte, dann brach sie wieder ab. Der Maler hörte Philips Stimme, Lutz und Kevin schrieen durcheinander. Cozmel ist ne Insel. …Bus im Terminal!- Die Verbindung riss. Cancun!- rief jemand dazwischen. Flugzeug!- Die Verbindung kam zurück. Klar..?- Jemand blies auf einer Stadiontrompete. Eine Borddurchsage zerfiel in ihre Echos. Im Smartfon Kevins drückte jemand seine Anteilnahme aus. Man hörte Bordmusik. Ein Pärchen tanzte an der Reling.

7

Das Mädchen weiter vorne auf der Pier war klein und zierlich. In seinem filigranen rosa Tüllkleid mit Blümchenmuster und gelben Schuhen mit Katzenschnurrbart sprach es in sein Smartfon. Es sah müde aus, als hätte es sehr lange nicht geschlafen. Sein Gesicht war rund und etwas formlos. Es schien äußerst jung zu sein. Das Kinn war klein und spitz. Auf der Unterlippe saß ein Piercing. Die Pupillen oszillierten zwischen etwas, das aus dem Abstand schwer erkennbar war, sein Gesichtsausdruck schien dem Maler seltsam störrisch und zugleich von somnambuler Friedfertigkeit. Im Mund war etwas, auf das gebissen wurde. Das ungekämmte gelbe Haar stand strohgelb in einem Wust vom Kopf ab und löste sich in Strähnen auf, die vom Wind verwirbelt wurden. Neben ihm stand ein Seesack auf der Pier. Hatte sie auch das Schiff verpasst? Ihr Smartphon war auf laut gestellt, die Stimme eines Mannes war zu hören.
Warum bist du nicht an Bord?- schrie die Stimme. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Ich frage, warum bist du nicht an Bord? Was geht hier vor? Bist du verrückt geworden?- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Auf einem der Decks war eine Gestalt zu erkennen, die sich von den anderen abhob, da sie erregt gestikulierte. Mit erhobenem Arm ballte sie die Faust. Das musste der Mann sein, der im Smartfon brüllte. Die Personen an der Reling wurden kleiner. Gleich darauf kam eine weitere Gestalt zum Vorschein, die ebenfalls gestikulierte, eine Frau. Eure Freakshow fährt jetzt ohne mich zum Teufel,- sagte das Mädchen. Was?-schrie die Männerstimme. Schöne Grüße an die einarmige Mumie von Kapitän und die Clowns auf dem Oberdeck.- Was?- Die Gestalt an der Reling wedelte mit den Armen. Grüße an die Kakerlaken und den Hotzenplotz im Motorraum,- sagte das Mädchen. Mexiko, das ist das Land der toten Frauen,- hörte man die Frauenstimme. Du bist so gut wie tot!- Was hast du vor? Was soll das? -schrie der Mann. Und wir dachten, sie wäre geheilt.- So gut wie tot,- wiederholte jemand, der sich der Debatte anschloss. Direktion!-schrie die Männerstimme. Das wäre ja gelacht!- Das Schiff kehrt um, wir holen dich an Bord, verrückte Kreatur!- Erklärung an den Clown vom Dienst,- sagte das Mädchen: Ich fahre nicht mehr mit. Meine Reise ist zu Ende. Ich bin am Ziel.- Terminal! Costa Maya,- schrie die Männerstimme. Jemand wird vermisst, Polizei!- Der Tod ist groß im Land der alten Mexikaner,- sagte jemand. Und minderjährig ist sie obendrein!- rief die Frauenstimme. Sie schrie aus Leibeskräften, die Stimme überschlug sich. Eine Bemerkung über Leichenfunde kam in Gang.- Der Rest der Rede ging im Lärm der Schiffssignale unter. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgesamtzahl spielt das keine Rolle,- sagte jemand. Das weiß ich,- schrie der Mann, der offenbar der Vater war. Gute Nacht und gute Reise ins Nirwana,-sagte das Mädchen. Es hielt sein Smartphon in den Wind. Aus der Entfernung klang das Schreien wie Gezeter. Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack, es war ein Tischtuch aus dem Speisesaal der Ocean Adventure. Der Maler erkannte es am Muster. Das Mädchen faltete das Tischtuch auseinander. Es flatterte im Wind und drohte weg zu fliegen. Das Mädchen drehte sich im Kreis und winkte. Der Wink schien ihm zu gelten. Als der Maler stand, wurde ihm schwindlig. Der Horizont fing an zu rotieren. Das Mädchen winkte noch einmal. Galt das ihm? Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Der Maler kam heran. Merkwürdige Erscheinung. Im Text des Malers fanden sich Beschreibungen, die der Ghostwriter als geschmacklos durchstrich. Allerdings fiel ihm erst einmal nichts Besseres ein. Bitte halten Sie das Tuch vor mich, sagte das Mädchen, ich zieh mich um, Garderobe.- Den Kopf zur Seite.- Der Maler nahm das Tischtuch in Empfang, das es mit ausgestreckten Armen hinhielt. Unten mit den Füßen,- sagte das Mädchen.
Der Maler hielt das Tuch hoch und stellte sich mit den Füßen darauf, so dass es nicht mehr flatterte. Das Tuch stellte sich waagerecht. Der Maler sah das Piercing auf der Lippe und starrte es an. Ist so etwas nicht ungesund?-wollte er fragen. Die Lippen waren seltsam rauh. Nicht glotzen,- sagte das Mädchen. Den Kopf zur Seite.- Sein Smartfon klingelte. Der Maler ließ das Tischtuch los, das augenblicklich wegflog. Er rannte hinterher und bekam es am Ende der Mole zu fassen, kurz bevor es ins Wasser schoss. Im Smartfon meldete sich Wolfgang. Meuterei!-rief eine Jungenstimme. Wir setzen die Kiste auf Grund!- Das vierte Kreuzfahrtschiff war jetzt vertäut. Die Gangways fielen auf den Kai. Die nächste Menschenmenge kam herunter und bewegte sich in Trecks zum Terminal. Dazwischen fuhren Wägelchen wie aus einem Spielzeugladen. Es herrschte Hochbetrieb. Aus dem Handy des Mädchens kam eine Männerstimme, die in ein anderes Smartfon sprach. Wen darf ich melden?- fragte jemand, der nur undeutlich zu hören war. Man hörte einen Namen. Das Mädchen zog das Tüllkleid über den Kopf, knüllte es zusammen und stopfte es in den Seesack. Es ging so schnell, dass der Maler kaum etwas mitbekam. Unter dem Kleid kamen eine Jeansjacke und eine sandfarbene Kargohose zum Vorschein. Am Gürtel hing ein Karabinerhaken. Das Mädchen zog die gelben Schuhe aus und holte zwei Lederhalbschuhe mit Stahlkappen aus dem Seesack. Der Wind riss das Tischtuch in die Höhe. Bitte die Füße unten drauf.- sagte es und sah den Maler tadelnd an. Den Kopf zur Seite.- Im Smartfon meldete sich der Hundebuttler der Ocean Adventure. Im Hintergrund ertönte das Gebell von Hunden. Ich verbinde,- sagte eine Stimme, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich will nicht die Hunde,- schrie die Männerstimme, sondern die Kreuzfahrtdirektion! Auf welchem Deck?- fragte eine Stimme, die nicht die des Hundebuttlers war. Das Mädchen kicherte. Es zog mit aller Kraft an seinem gelben Haarwust. Mit Entsetzen sah der Maler zu. Die Mähne kam herunter und landete auf der Pier. Darunter kam ein Pottschnitt grün gefärbter Haare zum Vorschein. Die Verwandlung war so vollständig, dass das Mädchen kaum noch zu erkennen war.
Die Schuhe,-sagte es. Wohin damit?- Wenn Sie möchten, nehme ich sie an mich.-Der Maler wusste nicht, warum er das jetzt sagte. Was wollen Sie damit? Ich werfe sie ins Meer,- sagte das Mädchen. Mein Abschiedsgeschenk an die Kreuzfahrt.-Dann kommen sie vermutlich irgendwann bei Grönland oder bei den Eskimos raus.- Wollen Sie sie herumtragen? Wie man hört, malen Sie.- Der Maler staunte. Woher wissen sie denn das?- Bei der Wasserrutsche hab ich Sie gesehen. Ich stand über Ihnen oben auf dem Deck. Das Labyrinth aus Blech hab ich in alle Richtungen durchquert, es bestätigt jedes Vorurteil. Ich war danach war so deprimiert, dass ich nur noch schlafen wollte.-
Aus dem Smartfon kam ein Lärm, als schlage man mit Schuhen auf die Reling. Lawnkeeper, sechstes Deck,- rief jemand. Die Stimme flatterte im Wind. Morgen um elf Uhr Picknick auf dem Oberdeck. Der La- La- Lawn ist knackig präpariert. -Der Bierbrauobermeister war der nächste in der Leitung. Die Chemie kommt…. die Chemie kommt nicht… in meinem Bier….- Kreuzfahrtdirektion!-hörte man die Männerstimme schreien. Moment mal,-sagte jemand anderes. Die Leitung knackte. Wen darf ich melden?-fragte eine Frauenstimme. Einen Hund Felizitas mit Namen gibt es nicht an Bord,- meldete der Hundebuttler sich zurück. Zur Hölle mit euren Hunden!- schrie die Männerstimme. Kindchen, warum bist du nicht an Bord?- fragte die Frauenstimme. Das ist die Kinderfrau vom sechsten Deck,- sagte das Mädchen. Sie hat auf mich aufgepasst wie auf ein Baby. Sagen Sie ihr, dass ich nicht weiter mitfahr.- Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass das die Dame nicht mehr mitfährt,- meldete er pünktlich.
Kindchen, was ist los? Hat es dir an Bord denn nicht gefallen? Wir haben alles was das Herz begehrt. An Bord herrscht Luxus pur ganz wie zuhause. Wir sind das Paradies der Meere.- Sagen Sie der Frau, mit ihrem Pipifax und ihrem Kindergarten soll sie mich in Ruhe lassen. Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass sie Sie in Ruhe lassen sollen mit Ihrem Pipifax und Ihrem Kindergarten,- meldete der Maler. Kindchen, hast du vielleicht ein kleines psychologisches Problem? Ist gar nicht schlimm, das haben wir doch alle hin und hin und wieder. Hör zu, ich erkläre dir, wie du zurückkommst…. Du nimmst den Bus nach….Hallo?- Ich soll sagen, dass Sie In Ruhe lassen sollen,- wiederholte der Maler.- Aber Schätzchen, ist doch alles wie zuhause! Hör zu, du fährst nach Playa Carmen mit dem Bus…von dort aus….Cozumel, die wunderschöne….- Hallo?- Augenblick mal,- sagte eine andere Stimme. Noch zehn Minuten bis Buffallo,- rief jemand dazwischen. Sagen Sie ihr, dass ich nicht zu dieser Insel fahre.- Ich soll sagen, dass sie nicht zu dieser Insel fährt, erklärte der Maler.
Die Nany sog den Atem durch die Nase. Sie verlor hörbar die Geduld. Ich sehe, du hast plötzlich grüne Haare. Wir haben Färbekurse für die Dame! Dazu bekommst du gratis eine Wohlfühlmassage in der Ayurveda Lounge.- Sagen Sie ihr, dass ich diese Lounge nicht betreten werde!- Ich soll sagen, dass sie diese Lounge nicht betreten wird,- sagte der Maler. Als nächstes hörte man die die Männerstimme, die ins Handy schrie. Schreien Sie nicht so,- sagte die Chefnany. Ihre Tochter ist kein Wickelkind.- Im Smartphon des Malers meldete sich Wolfgang. Die Leitung riss ab. An Land ist ne Security,- sagte Philipp. Man erwartet euch.- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Der Vater des Mädchens beobachtete jetzt die Pier mit einen Fernrohr. Ich war im Knast, sagte das Mädchen. Da wird die Post kontrolliert.- Wer ist denn dieser Typ da auf der Mole neben ihr?- fragte eine jugendliche Stimme, die sich bisher nicht zu Wort gemeldet hatte. Kein Zweifel, Watson, das ist ihr Zuhälter,- sagte eine andere Stimme. Das Mädchen sah zum Schiff hinüber, wo die Gestalten jetzt schon winzig wurden. Meine Brüder. Auf den Schulhof haben sie gekokst.- Auf dem Schulhof haben sie gekokst,- sprach der Maler in das Handy. Das Mädchen hielt ihm die Hand vor den Mund. Am Horizont ertönte neues dumpfes Tuten. Ein fünfter Kreuzfahrtdampfer zeichnete sich ab.
Im Dschungel wird sie auf die Überständer krabbeln. Ich hab´s geahnt! Die Tarnfarbe hat sie schon drauf.- Dann kann sie uns ja auf die Köpfe machen,- sagte die andere Stimme.- Aufbruch zur Mission der Brüllaffen! Wenn du oben bist, schick uns ne Ansichtskarte.- Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack. Es gab dem Maler einen Marker. Bitte malen Sie mir etwas ins Gesicht, eine Maske oder sowas. Wahrscheinlich gibt es irgendwo Gesichtserkennung. Sonst komme ich womöglich nicht aus diesem Getto raus.- Der Maler nahm den Marker in Empfang und fing an zu malen. Etwas näher,-sagte er. Er malte Ringe um die Augen, tönte die Innenflächen, ließ in der Mitte weiße Punkte frei und zog einen breiten Streifen über die Mundpartie. Er färbte die Nase schwarz und machte darauf aufmerksam, dass er als nächstes mit dem Finger die Farbe an bestimmten Stellen wieder ausradiere, um die Zähne zu markieren. Das Mädchen hielt die Augen geschlossen. Es ging voran. Es fehlte noch das Kinn. Als er fertig war, trat er zurück. Er war nicht unzufrieden mit dem Resultat. Das Mädchen suchte einen Taschenspiegel aus dem Seesack. Ob es mit dem Werk zufrieden sei, fragte er. Das Mädchen sagte ja-. Die Maske hatte Ähnlichkeit mit dem Kopf der Catarina Calavera auf dem Mural Riveras. Würden Sie mir auch Ihr Käppi leihen?- war die nächste Frage. Meine Haare sieht man meilenweit. Ich sollte sie nicht färben, das war eine Dummheit.-Der Maler zögerte. Das Käppi war sein Lieblingsstück. Er trug es, weil keine andere Kopfbedeckung zu ihm passte. Es war rot und blau und hatte ein festes Band, so dass es auch bei starkem Wind nicht abfiel. Die Aufschrift war in Schwedisch.
Der Maler nahm das Käppi ab und übergab es. Das Mädchen setzte es auf und zog es ins Gesicht. Sie bekommen es zurück, sobald ich von hier weg bin.-Der Maler überlegte, wie die Logik dieser Aussage zu interpretieren war. Mein Poster!-schrie er. Da vorn,- sagte das Mädchen. Der Maler sah sich um. Das Poster lag mit einem Stein beschwert am Rand der Mole. Jemand musste darauf Acht gegeben haben. Der Maler lief. Als er auf das Wasser sah, erblickte er das Tüllkleid und die strohgelbe Perücke. Sie hatten sich schon ziemlich weit entfernt. Die Ocean Adventure ließ zum Abschied die Signale dröhnen. Der Maler sah zum Schiff. Die Personen an der Reling waren zu Winzlingen geschrumpft. Der schreiende Mann telefonierte, mit der anderen Hand hielt er das Fernrohr über seinen Kopf. Die Beamten würden an der Stelle stehen, wo die Pier ins Ufer überging. Dort war der Flaschenhals, der die Passagiere überprüfbar machte. Der Maler hielt nach ihnen Ausschau. Es waren dieselben, die ihn sein Schiff hatten verpassen lassen. Laufschritt,- sagte er. Der Maler und das Mädchen gingen schneller. Sie schlossen sich einem Pulk an, wo die Menge am dichtesten war und besonders viele Kinder liefen. Die Beamten waren in ihrem schwarzen Outfit aus der Entfernung zu erkennen. Der mit dem großen Kopf telefonierte in sein Smartfon. Sie musterten die Passagiere. Das Mädchen griff die Hand des Malers. Wenn sie etwas fragen, sagen Sie kein Wort, stellen Sie sich dumm. Sie verstehen nichts. Sie sind meine Frau. Ich habe Sie vom Schiff geholt.- Das Mädchen sagte nichts, seine Hand war kalt. Eine der Passagierinnen trug einen Sonnenschirm. Der Maler und das Mädchen hielten sich dicht hinter ihr. Die Beamten ließen sich nicht täuschen. Der Hagere fasste sie, das Ohr am Smartfon, schon ins Auge. Er winkte sie heran. Das Mädchen zog das Käppi ins Gesicht.
Im Näherkommen starrte der Maler die Beamten einfach an. Nicht unverschämt, aber fest und unverwandt. Die Devise: Niederstarren.- Die Beamten mussten wissen, wen sie vor sich hatten. Sie mussten sich an ihn erinnern. Ihr Übereifer konnte für die Tourismusindustrie des Landes keine gute Werbung sein. Es war auch nicht geklärt, ob sie das Recht hatten, die Personalien des Mädchens festzustellen. Auf Englisch fragten sie, wer das Mädchen sei, ihr Name. Der Maler starrte sie nur an. Das Mädchen folgte seinem Beispiel und starrte die Beamten ebenfalls nur an. Als der mit dem großen Kopf nach ihrem Käppi greifen wollte, hielt sie es fest.
Die Beamten überlegten, sie tauschten Bemerkungen auf Spanisch aus. Sie schienen unschlüssig. Im Smartfon schien der Mann vom Schilf zu sprechen. Die Beamten wiederholten ihre Frage. Sie fragten nach dem Pass des Mädchens. Die Methode schien Erfolg zu haben. Der Maler starrte den Beamten in die Augen. Das Mädchen orientierte sich an ihm und tat das Gleiche. Nicht mit der Wimper zucken,-sagte er. Nach wiederholter Ansprache, Fragen nach dem Pass und einem Starren ohne Antwort wuchs die Menschenmenge hinter ihnen. Der Flaschenhals war schmal. Die Ausweichmöglichkeiten waren kompliziert, links und rechts der Mole schlugen schaumgekrönte Wellen auf den Strand, Rufe wurden laut. Die Telefonverbindung zur Ocean Adventure schien nicht gut zu sein. Der hagere Beamte schüttelte sein Smartfon und übergab es an den mit dem Igelschnitt. Er sprach hinein, aber eine Antwort schien nicht durchzudringen. Die Ocean Adventure war hinter den neu angekommenen Schiffen verschwunden. Die Menge staute sich. Sie schob den Maler und das Mädchen mitsamt den Beamten langsam in das Terminal hinein. Die Beamten gingen rückwärts, was der Wahrheitsfindung auch nicht diente. Im Terminal herrschte der gleiche Hochbetrieb wie ehedem. Die Flamingos standen regungslos auf ihren Beinen, die Pseudokrieger tanzten ihre Tänze. Die gelben Schuhe standen auf der Pier.

8

Die 307 führt Im Norden nach Cancun, im Süden nach Chetumal, einer Küstenstadt an der Grenze zu Belize, der früheren Kolonie Honduras. Im Norden führt sie nach Cancun. Sie verläuft zur Küste parallel im Staat Quintana Roo. Fußgänger waren kaum zu sehen. Der Maler wanderte. Auf dem Sandweg aus dem Terminal hatten sich Staubwolken gekräuselt. Der Wind verwirbelte sie aufwärts, wo sie Schwaden bildeten. Majahual, das Dörfchen hinter ihm, schien nur aus Badekabinen zu bestehen. Strohdächer verloren sich im Hinterland. Zwei Jugendliche planschten mit Aquascootern durch das Wasser. Die Wellen brachen sich weit draußen vor der Küste. Unter Zapotebäumen standen Liegestühle.
Er hatte nach dem Namen des Mädchens gefragt. UP,- war die Antwort gewesen. Seine Maske hatte sich verschmiert. Touristen, die sich an den Rand des Areals verloren hatten, beäugten es wie ein Gespenst. UP und weiter?- Das Mädchen war gelaufen. Dann war es umgekehrt, hatte ihm sein Käppi zurückgegeben und dabei geknickst. Wohin des Wegs, UP?- hatte der Maler ihm nachgerufen. Das Mädchen war noch einmal umgekehrt und hatte über den Bildschirm seines Smartfons gewischt. Er leuchtete nur kurz. Der Maler hatte versucht, sich den Namen zu merken. Die Buchstaben U und P kamen nicht darin vor. Das Licht ging wieder aus. Aus der Entfernung hatte es UP, ade!- gerufen. Auf dem Weg hinter ihm formten sich Windhosen aus Staub. Der Maler hatte einen Mann gesehen, der so klein war, dass man ihn für einen Liliputaner halten konnte. Er hatte ein Zeichen gemacht. Ein Helikopter war im Tiefflug über das Areal gedonnert und das Mädchen war in sein Auto eingestiegen.
Die Beschilderung im Terminal wies auf einen Ruheraum hin (Restroom). Der Maler arbeitete sich durch die Menge und stand unvermittelt im Gewühl vor einem Herrn, dessen Physiognomie dem Mond in seiner achten Phase ähnelte, schien ihm. Das Kinn stand so weit vor, dass es die Stirn berühren musste, wenn der Mann den Mund zum Essen öffnen wollte. Phänomenal! dachte der Maler, wünschte allerschönsten guten Tag und sah unverwandt in das Gesicht hinein, in dem die Nase ebenfalls etwas Besonderes war. In vergangenen Epochen sah man solche Physiognomien auf Bildnissen, auf denen Jesus und sein Kreuz nach Golgatha geleitet wurden. Der Auftragsschreiber strich den Rest der zynischen Beschreibung aus dem Heft. Der Maler zückte seinen Block. Sein Gegenüber schien die Starrerei nicht zu goutieren. Er musterte den Maler ohne Worte. Seine Augen wurden eng. Mit dem Blick auf den Maler wurden sie noch enger. Er senkte seinen Kopf, wandte sich ab, und verschwand im Gewühl. Der Maler sah noch den Polunder schimmern.
Der Ruheraum des Terminals war überfüllt. Da er einen Wasserspender sah, quetschte er sich durch das Publikum. Ein babylonisches Gewirr von Sprachen schwirrte durch den Raum. Die Luft war schwül. Im Wasserspender waren nur noch Tropfen. Im Raum befanden sich drei Liegen, die eher provisorisch aussahen. Der Maler sah jetzt auch den Grund für das Gedränge. Auf einer der Liegen war ein Mann ausgestreckt, der seinem Aussehen zu schließen über neunzig Jahre alt sein musste. Er steckte in einen Fahrradanzug, der so eng war, dass sich das Knochengerüst in seiner Magerkeit darunter deutlich abzeichnete. Der Mann war ohnmächtig. Das Publikum stand international um ihn herum und diskutierte. Man hörte alle Sprachen. Eine Frau, die möglicherweise Schwedisch sprach, versuchte ihn auf die Seite zu legen. Eine andere legte ihm die Hand auf die Stirn und murmelte, als könne sie ihn durch das Handauflegen zu sich bringen. Seine Haut war grau, das Gesicht lief bläulich an. Speichel sickerte aus den Mundwinkeln des Mannes. Mercedes!- rief jemand. Eine Rotkreuzschwester in Uniform erschien und bat um Ruhe. Sie hielt das Ohr dicht an das Gesicht des Bewusstlosen. Der Maler sah sich um. Die Schwester schien eine Indigene zu sein. Nach kurzem Überlegen begann sie mit einer Herzdruckmassage. Durch den Druck auf das Herz wird der im Körper noch vorhandene Sauerstoff ins Hirn gepumpt. Die Schwester streckte wortlos ihre Hand aus. Jemand tat ein Taschentuch hinein. Nach weiteren Pressionen legte sie dem Patienten das Tuch über den Mund und begann abwechselnd seine Brust zu pressen und ihn zu beatmen. Von den Piers ertönte unaufhörlich dumpfes Tuten. Die Tür des Ruheraums ging auf und eine Frau im Badeanzug, mit türkisem Schleier auf dem Kopf und Birkenstocksandalen an den Füßen schob einen Rollator durch das Publikum. Als sie die Liege sah, blieb sie wie angewurzelt stehen, stürzte heran, sah den Mann und schrie: Mein Gott, Johannes, bist du verrückt geworden, einfach zu verschwinden? Wo warst du? Dein Rollator! Hören Sie sofort mit diesem Blödsinn auf!- Isch over,- sagte jemand. Mein Mann braucht einen Defibrillator. In Teneriffa gab es einen!- Die Schwester ließ sich nicht beirren. Abwechselnd presste sie den Brustkorb und beatmete den Patienten durch den Mund. Aufhören!- Die Dame machte Miene sich auf die Schwester stürzen, jemand hielt sie am Badeanzug fest, so dass sie ihn fast ausgezogen hätte.
Das rechte Bein des Liegenden begann zu zucken. Er bewegte seine Zehen, fing an zu zittern und zu stottern. Er setzte sich auf und musterte das Publikum, das ihn mit Empathie beäugte. Gratuliere, Lazarus, -sagte die Schwedin. Der Mann versuchte aufzustehen. Er schien noch nicht ganz bei Bewusstsein zu sein. Im Tod..im Tod,- stammelte er, sah… ich die kleine Mu….. – Er hörte auf zu sprechen und schwankte hin und her. Die Schwester stützte ihn, indem sie sich über die Liege beugte. Hilft jemand, ihn zu tragen? Der Mann ist gehunfähig!- Der Gerettete sah den Rollator und begann zu flüstern, als spräche er mit dem Gerät. Mein Gott, er wird mir noch verrückt.- Herr Lehmann (Postbeamter) bot an, den Gehunfähigen zu tragen. Seine Kinder quietschten vor Vergnügen. Die Ehefrau schien weniger begeistert. Beeilung!- rief die Frau mit einem Blick auf ihre Uhr. Das Publikum wich links und rechts zurück. Ein Spanier aus dem Schachklub Teneriffas ergriff die Beine des Geretteten. Die Nummer Ihrer Pier? Das Schiff?- Pacific Lagoon!- Die Formation begann zu laufen. Im gleichen Augenblick begann die Frau, die auf der zweiten Liege lag, zu stöhnen. Das Publikum schwenkte wie ein Mann zu ihr herum.
Die 307 Caretera war mäßig stark befahren. Am Fahrbahnrand standen Palmen in regelmäßigen Abständen. Die Häuser links und rechts waren mussten Wohngebäude oder kleine Industrie sein. Landeinwärts standen angefangene Bauten, auf denen unverputzte Mauern in die Höhe ragten. Im Süden baute sich ein Wetter auf. Die Ocean Adventure musste mittlerweile schon weit draußen auf der See sein. Mit ihrer Abfahrt hatte sich der Horizont allmählich aufgelöst. Auf den Prospekten der Kreuzfahrt war dem Maler aufgefallen, dass diese Schiffe ihre Umwelt und die Landschaft reduzierten, bis beide fast verschwunden sind. Die vier Freunde mochten bei den Automaten im Casino sein. Sie amüsierte sich dort regelmäßig damit, den Steward, der die Aufsicht hatte, an der Nase herumzuführen. Der Maler winkte einem Collectivo. Der Fahrer winkte ab. Der Bus war überfüllt. Ein Käfer stellte sich als Taxi heraus aber der Wortschatz des Fahrers beschränkte sich in Englisch auf die Zahlen von eins bis hundert. Der Fahrpreis schien dem Maler überteuert. Nach Chetumal mochten es von hier aus fünfzig oder sechzig Kilometer sein. Der Maler hielt den Daumen auf die Straße, aber es hielt niemand für ihn für ihn an. Auf dem Display seines Smartfons waren neue Ikons aufgepoppt. Das Poster trug er in einem Plastikrucksack, den es im Terminal gegeben hatte, bei sich. Darin waren außerdem die Catharina-Calavera.Puppe und ein neuer Block. An einer Baustelle, wo eine großflächige Beschilderung den Bau eines Hotelkomplexes anzeigte, stieß er auf drei Backpackerinnen aus Kanada. Einer der Backpacks überragte seine Trägerin um mehr als einen Meter. Die Mädchen trugen abgeschabte Jeans, die Sohlen ihrer Schuhe waren flachgelaufen. Sie waren seit einem halben Jahr auf der Straße. Die Haare hingen ihnen in Fransen in die Stirnen. Sie hatten eine Abenteuertour durch den Regenwald des Amazonas hinter sich, wo sie um ein Haar verhungert und verdurstet wären. Ihre Rettung verdanken sie einem indigenen Volk, das mit der Außenwelt noch kaum Kontakt gehabt hatte. Sensation! Die Mädchen twittern für die Community. Das Abenteuer hatte ihre Seelenreifung ungemein beschleunigt. Der Maler fragte nach dem Namen jenes Stammes. Irgendwas mit Asadabu, war die Antwort. Waren sie einander nicht in Katmandu schon über den Weg gelaufen? Ein Betonmischer fuhr vorbei. Die laut rotierende Trommel unterbrach die Unterhaltung. Auf der Baustelle hob eine Betonpumpe den Arm. Uagadugu, Sidney, Santa Anna, Lima waren einige der nächsten Ziele. Ein Jet erschien am Horizont. In Chetumal war offenbar ein Flughafen.
Ein Wagen, auf dessen Ladefläche eine Party abgehalten wurde, verlangsamte sein Tempo. Das Gestänge war zur Hälfte mit einer Plane überspannt. Der Wagen war ein umgebautes Militärfahrzeug. Man hörte Technobeat, Geschrei und Lachen. Die Damen trugen T-shirts und Bikinioberteile, die jugendlichen Männer leichte Hemden und Trainingshosen. Man bog sich vor Vergnügen über etwas, das nicht sichtbar war, tanzte auf der Ladefläche und schwenkte Limonadeflaschen. Der Wagen kam zum Stehen, der Fahrer öffnete die Tür und sprang heraus. Die Gesellschaft folgte ihm. Der Fahrer stellte sich als ein Herr Halbgeil vor. Er sprach Deutsch und Englisch durcheinander. Bungee Swing im Dschungelcamp! Zip Parcour, Rafting über Urwaldflüsse, Baden im Cenote-Reservoir, Achterbahn im Regenwald und Quad mit Riesenreifen. In der Reisegruppe waren noch zwei Plätze frei.
Ein Quad? Das ist ein offenes Geländefahrzeug mit Ballonreifen. Man rast mit einem Affenzahn über die Dschungelpfade.- Herr Halbgeil demonstrierte am Prospekt der Firma, was es damit auf sich hatte. Hauptsache Adrenalin!- Auf den Bildern des Prospekts waren Jugendliche abgebildet, die wie Schimpansen durch die Urwaldriesen turnten und sich zuletzt in einen See hinunter plumpsen ließen. Das Ziel der Gruppe war ein Reservat in der Nähe Bonampaks. Die Animateurinnen verteilten Cola kostenfrei. Der Maler hatte von den Dingen, über die Herr Halbgeil referierte, kaum jemals gehört. Es schien aber kein Interesse zu bestehen, dass jemand sich der Gruppe anschloss, obgleich Herr Halbgeil sie in der Manier eines Zirkusdirektors beschrieben hatte. Der Maler sah dem Wagen nach. Die Damen winkten lebhaft. Später stieß er auf zwei weitere Backpacker, einen Jugendlichen aus Korea und einen Studenten aus Singapur. Sie konzentrierten sich auf ihre Smartfons. Der Koreaner war von Feuerland herauf gedriftet. Eines seiner nächsten Ziele war der Nordwesten Kanadas mit seinen Eskimos. Er würde sie auf ihrer Robbenjagd begleiten. Crow River? Der Maler hatte von der Gegend nie etwas gehört. Ganz offensichtlich hatte er die Mobilität der Globalisierung verschlafen.
Cozumel hieß diese Insel. Der Name war ihm wieder eingefallen. In seiner Tasche meldete das Smartfon sich, er wischte über das Display. Die Verbindung kam nicht zu Stande. Der Himmel über Cetumal im Süden wurde dunkler. Wenn er die Ocean Adventure noch erreichen wollte, war es an der Zeit. Er hielt den Daumen auf die Straße und hielt nach einem Bus Ausschau. Mexiko war offenbar kein gutes Land zum Trampen. Jedenfalls nicht für Männer. In einiger Entfernung zeichnete sich jetzt ein Verkehrsstau ab. Eine Kolonne hatte sich gebildet. Pkws, Lieferwagen und große Laster blieben stehen und bewegten sich im Schritttempo weiter. Der Maler passierte die Wagenschlange. Die Ursache des Staus schien eine Frau zu sein. Sie stand am Straßenrand, spielte Flöte und wiegte sich im Rhythmus ihrer Töne hin und her. Von Zeit zu Zeit wechselte sie das Standbein. Sie trug ein bauchfreies Oberteil mit Spaghettiträgern. Offenbar war ihr entgangen, dass der linke Träger weit herabgesunken war, so dass ihre Brust zu sehen war. Das untere Textil ihrer Bekleidung erinnerte an ein Korsett. Die fünf oder sechs Töne ihres Spiels wiederholten sich in monotoner Folge. Die Statur der Frau war eindrucksvoll. Sie musste fast zwei Meter groß sein. Neben ihr stand ein Rucksack. Sie spielte mit geschlossenen Augen. Dem Maler fiel sofort der Zöllner ein, das Bild war großformatig, wie er sich erinnerte. Man sieht dort eine Flötenspielerin, die mit ihren Melodien die Schlangen aus dem Urwald lockt. Sie steht am Ufer eines Flusses, dessen Wasser sich im Mondlicht spiegelt, und das die Szenerie in grünes Licht taucht. Zwei Schlangen ringeln sich um ihren Hals. Ihre Augen glitzern. Die Insassen der Pkws bestaunten die Flötistin durch die Fenster ihrer Wagen. Sie hielten an, blieben stehen, fuhren weiter und blieben wieder stehen, manche stießen Pfiffe aus, andere riefen etwas, Autotüren klappten, ein Fiat hupte im Stakkato. Weitere schlossen sich an. Es entstand ein Hupkonzert. Benzingeruch lag in der Luft.
Der Maler zückte seinen Block. Die Brust der Frau war birnenförmig. Gelegenheit zum Akt hatte er seit langem nicht gehabt. Eine gute Übung. Das Geräusch eines Motorrads in schneller Fahrt kam näher. Auf dem Streifen neben der Kolonne fuhr ein Ordnungshüter vor. Der Mann schien kein Verkehrspolizist zu sein. Sein schwarzer Helm und die schusssichere Weste ließen darauf schließen. Sein weiteres Outfit bestand aus einem Walkie Talkie, Funkgerätgerät, Spraydose, Schlagstock und MP. Der Mann hielt neben der Flötistin mit scharfem Bremsen an. Die Frau ließ sich nicht stören und spielte mit geschlossenen Augen weiter, indem sie sich im Takt der Töne wiegte. Der Beamte tippte ihr, ohne vom Rad zu steigen, auf die Schulter. Die Frau erschrak, schlug die Augen auf und zog den Träger ihres Oberteils nach oben. Das Hupkonzert, das jetzt noch zunahm, erschwerte die Verständigung. Der Beamte hob die Hand. Es wurde etwas stiller, nur weiter hinten hupte es noch weiter. Etliche Personen stiegen aus, um die Verhandlung zu verfolgen und schlossen sich der Gruppe an. Die Unterhaltung fand auf Englisch statt, so dass der Maler folgen konnte.
Ob die Dame sich bewusst sei, dass sie den Verkehr hier aufhalte. Ihr Äußeres entspreche nicht dem Stand der Konvention. Die Frau entschuldigte sich umständlich, jedoch nicht für ihren Auftritt oder den Verkehrsstau, sondern für das Unrecht, das die weiße Rasse an der Urbevölkerung des Landes vor Jahrhunderten verübt habe. Auch sie gehöre zu den Übeltätern. Die weiße Rasse sei zum Untergang verurteilt. Ihr Ende stehe kurz bevor. Meine Flöte ist eine Anasazi, das älteste Instrument der Ureinwohner. Mit ihr beschwöre ich die Geister der Vergangenheit, besonders die der letzten Könige, die ohne Grund ermordet worden sind.- Der Beamte schenkte ihren Erklärungen keinerlei Interesse. Er erklärte, die Dame möge ihr Gepäck aufnehmen, das Lungern an der Straße bleiben lassen und sich in einem Autobus verfügen, der sie sicher an ihr Ziel bringen werde. Das Hupkonzert nahm ab. Die Frau erklärte, ihr nächstes Ziel sei Bonampak. Dort werde sie auf den Ruinen spielen und die Geister der Vergangenheit beschwören. Wenn sie erschienen, würde sie sie um Vergebung bitten. Die Menge lauschte, teils gespannt, teils verständnislos, den Mienen der Umstehenden war nicht zu entnehmen, ob jemand die Erklärung der Frau ernst nahm oder überhaupt verstand.

Der Beamte stellte sein Motorrad an, gab Gas und fuhr davon. Er schien in Eile. Die Frau verstaute ihre Flöte.

9

Der Fahrer des Mopeds, das kurz darauf neben dem Maler anhielt, schien ein Indigener zu sein. Er sah den Mann nur kurz von vorn, dann nur noch seinen Rücken. Er gab ein Zeichen mit der Hand, das zu bedeuten schien, der Maler könne auf dem Rücksitz mitfahren. Das physiognomische Profil der Ureinwohner kannte er aus Büchern oder aus Ausstellungen, die eine Zeitlang groß in Mode waren. Der mutmaßliche Indio hatte sein Haar hinter dem Kopf zu einem Dutt geknüllt, der von einem Gummiband zusammengehalten wurde. Als typisch für das Profil der Ureinwohner galten aufgeworfene Lippen und Stirnen, die nach hinten fliehen. Ob das für alle galt, Azteken, Maya, oder Inka, war dem Maler nicht bekannt. In den Abbildungen Büchern sah man stark gekrümmte Nasen und Locken, die sich über ihren Stirnen auftürmten. Der Mann trug einen stellenweise aufgeplatzten Anorak und darunter ein schwarzes T-Shirt. Der Maler dankte und setzte sich auf den Gepäcksitz. Das Metall bohrte sich in sein Gesäß. Das Fahrzeug machte nur mäßiges Tempo und der neue Mitfahrer verlangsamte es zusätzlich. Den Fahrer schien das nicht zu stören. Er sprach nicht und schien keine Auskunft zu erwarten. Später murmelte er in einer Sprache, die der Maler nicht verstand.
Er hielt sich am Gepäcksitz fest. Zwischenzeitlich war ihm wieder schwindlig. Das Poster drohte aus dem Sack zu rutschen. Er bemühte sich, ihn so zu halten, dass es nicht noch weiter einriss. Die Idee, es durch das Land zu tragen, erschien ihm mittlerweile leicht grotesk. Der Himmel hatte sich Im Süden weiter eingedunkelt. Der Auspuff des Gefährts qualmte sehr stark. Cetumal 40 Kilometer, las er auf einem Schild am Straßenrand. Links und rechts der Caretera standen zwischen niederem Grün einförmige Wohnhäuser. Der Maler krümmte sich, um einen Blick nach vorne auf die Straße werfen zu können. Er bat den Fahrer anzuhalten, er tippte ihm auf die Schulter. Der Fahrer reagierte nicht. Der Maler hörte Worte, die er nicht verstand. Er tippte stärker und fasste den Mann am Arm. Das Moped wurde langsam, sonst keine Reaktion. Dem Maler war das Wort für danke eingefallen. Er sagte es so laut wie möglich, um das Knattern des Gefährts übertönen und sprang vom Sitz. Der Fahrer blickte sich nicht um.
Neben dem Mädchen stand ein Polizeibeamter mit hoch aufgeschossener Statur. Er war ähnlich ausgerüstet wie der Kollege vorher. Auch er trug einen schwarzen Helm. An seiner Ausstattung waren Walkie Talkie, Schlagstock und andere Funkionen angebracht. Das automatische Gewehr klemmte unterm Sattel des Motorrads. Das Mädchen musste weitere Versuche unternommen haben, sich die schwarze Farbe vom Gesicht zu wischen. Der Marker schien hervorragend zu haften. So war eine Schmiererei entstanden, die es ungepflegt und verwildert aussehen ließ. Gibt es Probleme?- fragte der Maler, bemüht, die Ironie zu unterdrücken. Er erinnerte sich an die Vorhaltungen seiner Familie auf der Pier bei der Abfahrt der Ocean Adventure. Das Mädchen verzog sein Gesicht. Das Piercing auf der Unterlippe machte die Bewegung mit. Der Beamte nahm von der Ankunft des Malers nur oberflächlich Notiz, er tippte etwas in sein Smartfon. Auf der Metallverkleidung des Motorrads stand in weißen Lettern „Policia Municipal“. Die auf Spanisch geführte Auseinandersetzung musste sich schon eine Weile hingezogen zu haben. Auf dem Sattel des Motorrads lag ein Tablet. Der Maler brachte guten Tag auf Spanisch an, ihm war eingefallen, wie das hieß. Der Beamte nickte kurz. Er schien so wenig Zeit zu haben wie der Kollege vorher. In schneller Folge stellte er dem Mädchen Fragen, die der Maler nicht verstand. Er scheint meine grünen Haare nicht zu mögen. Außerdem: Mein Ausweis. Als Minderjährige kann ich angeblich hier nicht trampen, zu gefährlich.- Wo wollen Sie denn hin in Mexiko?- fragte der Maler. Ich soll mir außerdem die Farbe aus dem Gesicht wischen.- Haben Sie Verwandte in Mexiko?- Nö.- Das Mädchen nahm sein Smartfon aus der Tasche und wischte auf dem Bildschirm. Der Beamte schien auf eine Information zu warten. Er horchte in sein Handy und ging zu dem Tablett, auf dem ein Film zu laufen schien. Er sah hinein und filmte das Mädchen, das erst protestieren wollte, es aber dann unterließ. Der Beamte wiederholte mehrfach einen Namen. Der Maler überlegte, wo er das Gesicht des Mannes schon gesehen hatte. Irgendwo auf den Kanälen, aber vermutlich irrte er sich. Er zückte seinen Block und begann umstandslos zu zeichnen. Der Beamte sah kurz auf und schüttelte den Kopf. Der Maler steckte seinen Block weg.
Der Beamte sagte etwas. Erklären Sie ihm doch, dass wir auf Hochzeitreise sind,- schlug der Maler vor. Vielleicht hilft das.- Das Mädchen sah ihn an. Ich brauche noch einmal Ihr Käppi.- Der Maler nahm sein Käppi ab und wandte sich an den Beamten. Englisch?- fragte er. Der Beamte war mit den Ereignissen auf dem Tablet beschäftigt. Aus dem Gerät kamen chaotische Geräusche, Kratztöne und Stimmengewirr. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Der Beamtete hustete ins Telefon. Das Mädchen ist meine Frau,-sagte der Maler auf Englisch. Er sprach sehr laut, wir sind verheiratet und befinden uns auf unserer Hochzeitreise.-
Der Beamte musterte den Maler. Da er mindestens zwei Köpfe größer war als er, blickte er von oben auf ihn nieder. In seiner Miene entfaltete sich etwas, das seine Augen leicht zusammenzurücken ließ. Der Maler wiederholte trotzdem seine Aussage. Das Mädchen übersetzte. Die Antwort des Beamten bestand aus einem einzigen Wort. Was hat er gesagt?- Er hat „Schmalz“ gesagt.-Schmalz?- Der Beamte ergänzte etwas, das der Maler nicht verstand. Minderjährige sind in Ihrem Land so wenig heiratsfähig wie bei uns. Wo Sind denn unsere Ringe?- Wer ihn verhonepiepeln will, kann sich auf was gefasst machen.- Wir hatten vor, die Ringe hier in Mexiko zu kaufen.- Das Mädchen übersetzte. In Ländern wie Afghanistan und Deutschland ist die Ehe unter Minderjährigen erlaubt.- Der Beamte fixierte den Maler und hob den Zeigefinger seiner rechten Hand bis hin die Nähe seiner Nase. Er wiederholte den Begriff von vorher. Er hat Schmalz gesagt,- sagte das Mädchen. Im Smartfon war jetzt eine Stimme, die der Maler von der Costa Maya kannte. Im Hintergrund ertönte dumpfes Tuten. Der Beamte musterte das Mädchen und machte eine Handbewegung, die zu bedeuten schien, es möge auf dem Rücksitz des Motorrades Platz nehmen. Das Mädchen wurde bleich unter der Markerfarbe.
In diesem Augenblick zerriss der Faden, der das im Rucksack steckende Mural zusammenhielt, so dass es herausfiel heraus viel und sich in voller Größe auseinanderfaltete. Auf der Straße wich ein Wagen aus. Der Beamte drehte sich um. Der Maler hielt das Poster hoch, so dass die erste Reihe der Personen gut zu sehen war. Das Mädchen hielt das andere Ende fest, damit der Wind es nicht davon riss. Mit einer Länge von vier Metern war das Poster imposant. Der Beamte war am Telefon, trat aber heran. Je länger er das Bild betrachtete, desto bemerkenswerter schien er es zu finden. Er sah sich um und machte ein paar Schritte. Er trat dicht heran und ging dann wieder auf und ab. Sein Gang wurde quasi symmetrisch-militärisch. Es sah aus, als nehme er die Parade der Personen ab, die in der ersten Reihe stehen. Ein Windstoß fuhr über die Straße und wirbelte den Staub auf. Das Poster flatterte. Der Maler faltete das Bild so weit wie möglich auseinander. Zwei farbige Bauarbeiter blieben auf der Straßenseite gegenüber stehen und beobachten die Szene. Die Blicke des Beamten wanderten jetzt auf dem Poster hin und her. Sie hielten in der rechten unteren Hälfte an und der Beamte rieb sich das Kinn. Die Verbindung auf seinem Handy schien jetzt stark gestört zu werden. Er verlor allmählich die Geduld mit dem Kontakt. Aus seinem Walkie Talkie kamen wieder knisternde Geräusche. Er beugte sich noch weiter vor und fixierte eine Stelle auf dem Poster etwa auf der Mittelachse rechts. Wen er dort ins Auge fasste, war schwer zu erkennen. Man sieht dort unter anderem die Generäle Victoriano Huerta und Manuel Mondragon. Unter ihren militärischen Kopfbedeckungen malt sich ein Grimm auf ihren Mienen, der einen rücksichtslosen Herrschaftswillen kennzeichnet.
Der Beamte richtete sich zu seiner vollen Größe auf, nahm seinen Helm vom Kopf und salutierte. Der Maler salutierte ebenfalls. Das Haar des Mannes war schon grau. Ohne seinen Helm sah er viel älter aus und seltsam väterlich. Vielleicht stand demnächst seine Pensionierung an. Er bewegte seine Lippen. Er hat Porfirio gesagt,- sagte das Mädchen, das ihn zu verstehen schien. Die historischen Analen zu Porfirio Diaz besagen, dass er mit seinem Ausverkauf des Landes an die Kolonialmächte die Revolution der Landbevölkerung und Indigenen Mexikos auslöste. Auf dem Tablet des Beamten ging die Geräuschkulisse weiter. Man hörte jetzt Kommandos, metallisches Geklirr und das Dröhnen von Motoren. Der Beamte schien als nächstes auf dem Poster jemanden zu suchen. Er beugte sich nach vorn, schien aber nichts zu finden. Der Maler und das Mädchen hielten das Gemälde höher. Die Bauarbeiter von gegenüber betrachteten jetzt ebenfalls das Bild. Das Fehlen der Catharina Calavera schien niemand zu bemerken.
Wir möchten Sie doch herzlich bitten….für unsere Hochzeitsreise …..Eine Empfehlung…- unterbrach der Maler die Betrachtung. Der Beamte sah abwechselnd auf den Bildschirm seines Handys und das Poster. Erklären Sie ihm, dass wir für unsere Hochzeitreise eines Empfehlungsschreibens für das Konsulat in Mexiko-Stadt bedürfen. Außerdem: Er soll uns seinen Segen geben. Darauf legen wir den größten Wert. Seine Autorität ist unser Glück und Talisman!- Das Mädchen sah ihn an. Es sagte etwas, das vermutlich die Übersetzung der Idee des Malers war. Der Beamte sah vom Poster auf. Er setzte seinen Helm erst auf und dann wieder ab, er ging zu seinem Motorrad und richtete den Blick auf das Tablett. Er schien zu überlegen und wischte auf dem Bildschirm hin und her. Er kam zurück, trat auf das Mädchen und den Maler zu und hob den Arm. Die Bewegung sah in ihrer ersten Phase so aus wie die des uniformierten Polizisten, der auf dem Bild Riveras die Indigenen aus dem Alamedapark vertreibt, damit sie den Sonntagnachmittagspaziergang des mondänen Bürgertums nicht behindern. Sie veränderte sich in ihrer zweiten Phase, unvermittelt nahm der Beamte jetzt die Hand des Mädchens und legte sie in die Malers, die er hinhielt. Das Mädchen riss die Augen auf.
Der Maler hielt die Hand fest, so dass es sie ihm nicht entziehen konnte. Der Beamte machte eine Bewegung mit dem Arm und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Das Mädchen übersetzte. Er sagt: Hochzeitskuss.- Das ist der letzte Schritt, ihn loszuwerden, Happy End.- Ich lehne solche Küsse ab wie überhaupt das ganze dämliche Brimborium.- Die Frage ist, was daraus folgt. Der Mann scheint weder Zeit noch Lust zu haben, sich weiter mit Ihnen aufzuhalten. Vermutlich landen Sie dann wieder auf dem Schiff. Den Namen weiß er schon: Ocean Adventure.- Nein,- sagte das Mädchen. Es tut nicht weh, ist gleich vorbei.- Das Piercing auf der Unterlippe schmeckte nach Metall. Das Mädchen presste seine Lippen aufeinander. Seine Augen unter dem Käppi wurden so schmal, dass der Maler die Pupillen nicht mehr sehen konnte. Es zog den Kopf zurück, soweit es konnte. Als der Maler länger wollte, als es für die Form vor dem Beamten nötig war, kniff es ihn in die Seite, dass es weh tat. Der Maler sah die verschmierten Markerstriche des Gesichts. Das Mädchen wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte etwas, das im Lärm der Straße unterging. Der Ordnungshüter hob die Hand wie jemand, der sich anschickt, eine Warnung auszusprechen. Man sah jetzt, dass er das Gesicht verzog. Nur die rechte Hälfte seiner Physiognomie bewegte sich dabei, die linke Hälfte blieb vollkommen starr. Er schien zu schmunzeln. Seine Haare hoben sich im Wind. Im Hintergrund verfinsterte das Firmament sich weiter. Für Sekunden überlegte der Maler, ob es sinnvoll war zu knien. Das Mädchen sah ihn an. Die Handbewegung des Beamten brach am Ende ihrer ersten Phase ab. Montes Azules,- hörte er. Das ist der Ort, an den Sie wollen?- Ja.- Der Maler betrachtete den Karabinerhaken der am Hosengürtel hing. Auf dem Display des Smartfons sah er einen Namen und UP, daneben eine Nummer. Er fotografierte das Display. In diesem Augenblick begann auf dem Tablet des Ordnungshüters neuer Lärm. Er betrachtete den Vorgang und tippte etwas in sein Handy. Auf dem Tablet schien jetzt ein neuer Film zu laufen. Im Smartfon war Geschrei. Man hörte Klingelzeichen, die von Pfeifgeräuschen überlagert waren. Der Beamte wischte über das Display. Das Mädchen sagte: Panzer.- Der Beamte machte eine Handbewegung, die das Mädchen fernhielt. Auf dem Smartfon war jetzt pausenlos Alarm.
Mein Rivera!- schrie der Maler. Sein Poster flatterte die Caretera hinunter, überschlug sich, rollte sich zusammen und wieder auseinander, es machte Bewegungen wie ein großer Fisch und war schon weit entfernt. Als der Maler es erreicht hatte und zusammenrollte, fuhr seine Braut mit Hochgeschwindigkeit an ihm vorbei. Sie saß auf dem Rücksitz eines Motorrollers, dessen Fahrer wie ein Gnom in schwarzer Montur auf seinem Sattel hockte. Das Gesicht verschwand fast völlig unter einer Schutzbrille. Das Mädchen streckte die Zunge heraus und winkte mit dem Käppi. Der Maler sah ihm nach und hob die Hand wie die Häuptlinge in alten Filmen. Es drehte kurz den Kopf und grinste. Sekunden später folgte der Beamte ebenfalls mit Hochgeschwindigkeit. Er gab Vollgas, so dass das Vorderarad des Fahrzeugs in die Höhe stieg.

10

Der Name dieser Insel, wo er das Schiff erreichen konnte, fiel ihm nicht mehr ein. Er versuchte die Karte Mexikos auf seinem Smartfon aufzurufen. Die Funktion war nicht vorhanden. Auf der Ocean Adventure musste jetzt Kaffeestunde sein. Dort war immer Kaffeestunde. Unaufhörlich aß man, trank man und versank im Liegestuhl. Die Stewards wanderten herum und boten an. Sein Modell saß jetzt vielleicht an einer Eiscremetorte. Der Hundebutler kämmte seine Pudel, der Lawn Keeper würde das Picknick für den nächsten Morgen vorbereiten. Die Sehnsucht nach dem Schiff befiel den Maler. Er musste etwas essen. Die Sahnetorte hatte es ihm dort besonders angetan. Je mehr er davon gegessen hatte, desto mehr hatte sein Magen sich daran gewöhnt. Vom Eissalon zu schweigen, Tee um Mitternacht, Snack Bistro, die globale Kulinarik. Sein Smartfon zeigte 15:00 Uhr. Vermutlich war die Uhrzeit falsch. Auf dem Bildschirm gingen Lichter an und wieder aus. Er brauchte eine Sim für Mexiko. Der Fahrer eines Busses winkte ab. Er war offensichtlich für den Pauschaltourismus reserviert. Durch die getönten Fenster beäugten die Insassen den an der Straße Stehenden mit gelangweiltem Interesse. Seine Mappe mit den Skizzen würde bald in Kuba sein. Genau wie sein Gepäck. Der Wind hatte an Stärke zugenommen. Die nächsten Böen drohten ihm das Poster wieder aus der Hand zu reißen. Er verstaute es in seinen Rucksack. Dabei zerknitterte es weiter. Er setzte sich in Gang. Ein Taxi, das vorbeikam, hielt nicht an, vermutlich hatte er zu spät gewinkt. Die nächste Wolke war noch dunkler als die vorige, sie überzog die Straße mit einem Nieselregen. Der Maler hielt den Daumen auf die Straße. Er sah sich um, ob es in den Wohnhäusern links und rechts die Möglichkeit gab, sich unterzustellen.
Bevor es losging, musste er die Küstenstadt erreichen. Sie stand nicht auf dem Programm der Kreuzfahrt. Deshalb hatte er sie bei seiner Reisevorbereitung unberücksichtigt gelassen wie überhaupt das ganze Mexiko. Minuten später fielen erste Tropfen. Sie klatschten ihm aufs Hirn, wo jetzt das Käppi fehlte. In Richtung Cetumal war der Himmel schwarz. Was weiter hinten folgte, sah noch übler aus. Von irgendwo kam leises Donnergrollen. Abseits der Straße stand ein Rohbau, aus dessen Obergeschoss verrottete Pfeiler in die Höhe ragten. Das Gelände sah verwildert aus. Geduckt rannte der Maler auf die Bauruine zu. Er stolperte über Eisenteile, Strohmatten, Rohrstücke, Zementbrocken und verrottete Betonsäcke, stieg über einen Vorsprung und betrat ein Zimmer, dessen Wände bis zur halben Höhe fertig waren. Vier oder fünf Männer wandten die Köpfe und sahen ihm entgegen. Sie hockten um eine Feuerstelle, von der dünner Rauch aufstieg. Der Maler fuhr zurück. Guten Tag,- sagte er auf Deutsch, möchte nicht stören. Die Männer sagten nichts.
Er verließ den Raum und nahm den Weg zur nächsten Bauruine. Es schien in dieser Gegend einige zu geben. Der Maler rannte wieder, aber ein Zaun versperrte ihm den Weg, über den er nicht hinweg kam. Der Himmel war jetzt so finster, dass es Nacht zu werden schien. An ein Weiterkommen war bei diesem Wetter nicht zu denken. Er kehrte in den Raum zurück, wiederholte Guten Tag auf Spanisch, zog seine Jacke aus, hängte sie auf einen Nagel, der aus der Wand kragte, und setzte sich auf einen ausgehärteten Zementsack in eine Ecke. Der Boden des Raumes war mit Bauschutt bedeckt. Papp- schachteln lagen in größeren Mengen herum. An manchen Stellen bildeten sie kleine Haufen. Ein süßlicher Geruch lag in der Luft. Von der Feuerstelle her ertönte leises Zirpen. Es klang, als würden Spielzeugharfen ausprobiert. Die Männer schienen auf Musikinstrumenten zu üben. Vielleicht waren es Musikanten. Zu hören war ein zirpendes Crescendo, das anschwoll und wieder abschwoll. Es war ein unmelodisches Geflirr, aus dem manchmal eine Melodie aufstieg. Der Maler sah hinüber. Von der musikalischen Kultur der Ureinwohner wusste er fast nichts wie auch sonst von mexikanischer Kultur. Nach ein paar Minuten sah der Jüngste her. Es folgte eine Handbewegung, der Maler schien eingeladen zu werden.
Er blieb stehen, zeigte auf sich selbst und nannte seinen Namen. Die Männer schienen Ureinwohner zu sein. Sie waren sehr alt. Einer rückte beiseite. Der Maler sagte das Wort für Danke, das ihm eingefallen war. Die Männer sagten nichts, sie sahen aber freundlich aus. Nur einer war ein Junger. Es war der, der ihm gewunken hatte. Einer, der der Älteste zu sein schien, trug einen Cowboyhut, ein zweiter eine Wollmütze, die beiden anderen Strohhüte mit einer schwarzen Borte. Die Hosen der beiden waren längsgestreift in Weiß und Rosa. Ihre Gesichter waren so von Runzeln überzogen, dass sie einer archäologischen Grabung entstammen konnten. Ihre Anoraks waren zerschlissen. An der Wand im Hintergrund lehnten ein paar Schaufeln. Was gesprochen wurde, war kein Spanisch, wenn der Maler sich nicht irrte. Er sah nach den gekrümmten Nasen. Seine durchnässte Jeans klebte ihm am Körper. Die Feuerstelle bestand aus kreisförmig verlegten Mauersteinen, an denen Reste des Verputzes klebten, als Pfanne diente eine Platte aus Metall. Darauf lagen Maiskörner, die sich braun verfärbt hatten. Etliche waren schon schwarz. Maiskolben waren ebenfalls vorhanden. Der Jüngste hob die Platte mit einem Lappen an und blies ins Feuer, auf einem Pappkarton mit der Aufschrift „Amazon“ standen kleine Männchen. Sie bestanden offenbar aus Maiskörnern. Der Maler hob eines auf und riss die Verpackung auf. Zum Vorschein kam ein Eierschneider. Auf allen Schachteln, die überall verstreut am Boden lagen, stand der gleiche Absender. Bei dem global agierenden Versand musste sich ein Systemfehler eingeschlichen haben, was zu der massenhaften Lieferung von Eier-schneidern an eine nicht vorhandene Adresse führte. Da die Drähte solcher Eierschneider oft unterschiedlich scharf gespannt sind, kann man auf ihnen kleine Melodien spielen. Als Kind hatte es der Maler oft probiert. Allerdings lassen sich bestimmte Tonfolgen höchstens andeuten. Einer der Alten zupfte die Drähte mit einem Nagel, ein anderer zog ein Stöckchen über die Seiten und erzeugte eine Art Glissando. Der Mann mit dem Cowboyhut zupfte ein Crescendo, ein anderer versuchte Tremolos. Man hörte ein archaisches Orchester.
Die Männer schauten manchmal mit geschlossenen Augen in die Luft, als könne eine Antwort auf ihre Musik aus der Sphäre kommen. Sie koordinierten ihre Instrumente wie Spieler, die den Kammerton zu finden suchen. Der Jüngste produzierte melodiefreie Stakkatos. Er sah den Maler an und wies mit einer Handbewegung hinter sich. Er stand auf, hob ein Paket auf, riss die Verpackung auf und entnahm ihr einen Eierschneider. Es lag nahe, dass er sich an der Musik beteiligte. „Freude schöner Götterfunken“ kam ihm als erstes in den Sinn. Die Melodie war klassisch, aber schwierig. Als nächstes fiel ihm „Twist and Shout“ ein, ebenso klassisch. Zu denken war auch an „Der Tod und das Mädchen“. Aber die Melodie war komplizierter. Der Maler überlegte: „Fiesta Mexicana“, schien ihm am adäquatesten. Rex Guildo hatte dieses wunderschöne Lied gesungen, bevor er aus dem Fenster sprang.
Mit bloßen Fingern ließen sich die Drähte schlecht bedienen. Sie standen etwas zu eng. Der Maler suchte einem Nagel, um die Saiten einzeln besser anzuspielen. Etliche Schneider lagen schon mit gerissenen Drähten auf dem Boden. Beim seinem ersten Versuch rissen gleich mehrere Drähte. Der Nagel war zu unhandlich, außerdem verrostetet. Auf dem nächsten Instrument klemmte er die Drähte ab, um die Töne besser treffen zu können. Die Männer ließen sich nicht stören, schienen aber die Versuche des Malers zu beobachten. Die Melodie von „Fiesta Mexicana“ war auch nach weiteren Versuchen kaum zu erraten. Andererseits konnten sie die Männer gar nicht kennen. Aber auch darin konnte er sich irren. Seine musikalischen Bemühungen passten nicht zu dem, was die Indigenen spielten. Sie spielten besser, aber sie hatten ja auch schon die ganze Zeit geprobt. Der Maler konnte nicht erkennen, ob sie fantasierten oder ob es Melodien ihrer Traditionen waren, was sie spielten. Der Regen hing wie ein grauer Teppich vor den Wänden. Wenn die Saiten gerissen waren, packten die Männer neue Instrumente aus. Der dritte Eierschneider des Malers ging zu Bruch. Er ging im Raum herum und öffnete ein neues Päckchen. Da fiel ihm ein, dass er das Poster trocknen lassen konnte, das in der Nässe ziemlich gelitten hatte. Er zog es aus dem Rucksack, räumte Bauschutt weg, rollte es auseinander, stellte es an der Wand auf und stabilisierte es mit Zementsäcken. Die Männer sahen kurz hinüber, spielten weiter, legten dann ihre Instrumente hin, standen einer nach dem anderen auf und versammelten sich vor dem Bild. Ob sie es kannten, war zunächst nicht zu erkennen. Die Betrachtung nahm geraume Zeit in Anspruch. Nach einer Weile zeigte der Älteste auf eine Gestalt am äußeren linken Rand. Die anderen traten heran. Sie schienen an der Stelle jemanden in Augenschein zu nehmen. Man sieht dort unter anderem Hernán Cortés, den Eroberer des alten Mexiko. Er hebt die blutverschmierte Hand. Man sieht nur seinen Kopf und Oberkörper. Er steckt in einer Rüstung. Die Männer begannen zu murmeln und wandten sich den Männchen zu, die auf der Verpackung von Amazon eine kreisförmige Gruppe bildeten. Eine Beratung schien stattzufinden. Der Jüngste nahm den Spaten, räumte Bauschutt beiseite und hob ein Grab aus. Die anderen begaben sich erneut vor das Mural. Sie machten Bewegungen mit den Armen, als zögen sie etwas aus dem Bild heraus. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen spielten auf den Eierschneidern.
Als der oder das Betreffende heraus war, hielten sie es vor die Männchen auf der Pappe und murmelten im Chor. Eine Weile geschah nichts. Der Unsichtbare wurde durch die Luft geschwenkt und schien sich gegen seinen Abtransport zu wehren. Zwei Männer halfen ihn zu tragen. Er wurde zu der Grube gebracht, die der Jüngste ausgehoben hatte, und hineingedrückt. Die Grube wurde wieder zugeschüttet. Der Älteste kreuzte die Zeigefinger und zeigte auf den Hügel. Der Mann mit dem Strohhut brachte Strohhalme aus einer zweiten Müllschicht zum Vorschein, die unter dem Bausschutt liegen musste. Er verknotete die pinkfarbenen Halme zu einem Kreuz und befestigte sie auf dem Hügel. Der Älteste wandte sich an die Maismännchen und machte eine Handbewegung, die Missbilligung auszudrücken schien. Die Halme wurden wieder entfernt. Der Jüngste grub noch eimmal, aber diesmal tiefer in den Schutt und zum Vorschein kam vor allem Plastik. Es waren Fetzen, teilweise gut konservierte Tüten. Der Jüngste spießte eine auf ein Stöckchen, das er in den Hügel steckte. „Grünlandkäse, mil un nussig“ stand darauf.
Die Männer wanden sich erneut dem Poster zu und fassten eine weitere Gestalt ins Auge. Rechts neben Cortés sieht man den Bruder Zamárraga, einen Geistlichen mit Bischofhut und Mönchskutte. Er verwaltete in der Zeit der Conquista die Scheiterhaufen der Inquisition. Etwas rechts von ihm steht ein Inkognito im Dunkeln, das einen Dolch hält. Die Prozedur dauerte diesmal etwas länger. Der Geistliche schien erfolgreich Widerstand zu leisten, vielleicht aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte Mexikos. Er spreizte Arme und Beine und keilte nach den Seiten aus, wurde aber überwältigt. Der Bruder wurde in die Luft gehalten, hin und her geschwenkt und wie eine Pusteblume angeblasen. Der Jüngste hob die nächste Grube aus, das Smartfon in seiner Tasche klingelte. Der Älteste schüttelte den Kopf. Das Smartfon verschwand wieder in der Tasche. Neues Plastik wurde aus dem Müll geholt, auf ein Stöckchen gespießt und in den Grabhügel für den Bruder Zamarrágo gesteckt. Der Maler verdrehte den Kopf und las die Aufschrift der Verpackung: „Ldl Buttermil“.
Eine Pause wurde eingelegt. Die Männer aßen Mais und musizierten. Der Jüngste blies das Feuer an und legte eine Handvoll Körner auf die Platte. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen rissen weitere Pakete auf und konstruierten eine Trommel. Es wurde mehr aufs Rhythmische geachtet. Der Maler bekam ein Maismännchen. Er hatte Hunger und bedankte sich. Seine Finger wurden ölig. Ein Kistchen, in dem weiße trockene Scheiben lagen, wurde herumgereicht. Der Maler sah jetzt, was die Männer kauten. Der Mann mit dem Strohhut schnitt sein Blatt in Stücke. Im Mund behalten und nur kauen. Der Maler nahm die Blätterteile und begann zu kauen. Nach einer Weile zog sein Gaumen sich zusammen. Der Geschmack war ätzend bitter. Die Männer standen wieder auf und wandten sich erneut dem Poster zu. Die Unterhaltung wurde lebhafter. Vielleicht wurde über etwas abgestimmt. Die beiden mit den längsgestreiften Hosen deuteten auf jemandem in der Reihe unterhalb des Luftballonverkäufers. Dort sieht man Maximilian in der Menge, den Kaiser als Vertreter Europas für die Provinz Neu-Mexiko. Dem Maler fiel das Bild Monets ein. Es existieren vier verschiedene Versionen der Erschießung. Der Maler hatte sie studiert. Die Leiche des Erhabenen war nach der Exekution recht übel zugerichtet, wurde aber trotzdem nach In Europa überführt. Die Männer zogen Maximilian aus dem Bild. Der Kaiser schien kaum Widerstand zu leisten, er wurde freudig begrüßt und hing jetzt an der Hand des Mannes mit dem Cowboyhut. Die anderen applaudierten mit den Eierschneidern. Der Kaiser wurde hin und her geschwenkt und in die Luft geblasen. Der Jüngste stieß einen Pfiff aus, der nach unten tiefer wurde, und hob die nächste Grube aus. In der Pause wurde wieder Mais gegessen. Auch der Maler durfte essen. Die Männer wandten sich danach erneut dem Poster zu. Ihre Unterredung wurde etwas lebhafter. Sie zeigten auf verschiedene Gestalten. Der mit dem Strohhut wies auf einen Greis, der in der ersten Reihe links unterhalb der Ballons mit der Aufschrift R M auf Krücken steht. Seine Brust ist mit Orden übersät. Er scheint im Stehen zum schlafen. Wer ist dieser Mann?
Während der Maler darüber nachdachte, stieß der Jüngste einen Ruf aus. Alle traten näher. Auf dem Spaten lag im Bauschutt ein Stück Fleisch. Der Mann mit dem Strohhut nahm es in die Hand, drehte es hin und her und roch daran. Der Älteste griff sich den Spaten, räumte den Bauschutt weg und erweiterte die Grube. Ein Gesicht kam zum Vorschein, dem die Nase fehlte. Es war mit Sand bedeckt, die rechte Hälfte war unkenntlich. Ein Auge lag daneben. Die Männer gruben mit den Händen weiter. Der Tote war von gedrungener Gestalt, die Haare umschlossenen seinen Kopf wie ein Sack aus schwarzem Material. Er trug keine Schuhe und mochte fünfzig Jahre alt sein. Die Männer hoben ihn aus der Vertiefung und legten ihn auf ein Brett, das der Jüngste aus dem Schutt zog. Der Tote war so starr wie das Brett, auf das er fiel. Er hatte eine Hose an, die auf Kniehöhe abgeschnitten war. Als er auf das Brett fiel, klang es hohl. Die Männer standen im Kreis um ihn herum und betrachteten ihn regungslos. Ihre Gesichter erinnerten den Maler an Skulpturen. Ihren Minen war nicht zu entnehmen, was sie dachten. Der Maler unterdrückte das Bedürfnis, sich zu übergeben, zückte seinen Block und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Die Indigenen redeten, hoben das Brett auf und trugen den Mann nach draußen.
Der Maler bleib unter der halb herab gerutschten Überdachung stehen. Der Regen fiel jetzt so dicht, dass die Gruppe auf der Stelle durchnässt war. Sie trugen den Toten ins Haus zurück und setzten ihn wieder ab. Der Jüngste ging noch einmal nach draußen und versuchte weiterzumachen. Das Gelände stand schon voller Pfützen. Nach ein paar Minuten lief das Wasser in die Grube. Den Toten hineinzulegen, hätte bedeutet ihn in einer Badewanne zu beerdigen. Es wurde noch dunkler in der Bauruine. Der Maler spürte eine große Müdigkeit. Das Ganze war zu viel für seine Nerven. Er suchte sich ein paar Zementsäcke zusammen, setzte sich auf dem Boden und lehnte den Kopf an die Wand. Das Zirpen der Eierschneider schläferte ihn ein. Der Geschmack des Blattes zog seinen Gaumen mehr und mehr zusammen. Die Männer wandten sich erneut dem Poster zu. Laternen, die im Straßenbau verwendet werden, wurden an den Seiten aufgestellt. Sie verbreiteten das Licht von Funzeln. Die Zeichnung kommt ins Grab, dachte der Maler, bevor er einnickte und zwischen Schlaf und Wachen an zu dösen fing. Im Dunkel waren die Gestalten auf dem Poster kaum noch zu erkennen. Deutlicher als vorher brannten die Scheiterhaufen. In der rechten Hälfte reitet die Armee Zapatas. An seinem Aufstand hatten eine große Anzahl indigener Frauen teilgenommen. Der Tote lag jetzt nicht mehr auf dem Brett, sondern stand rechts unten vor dem Bild. Der Maler fragte sich, wie er dorthin hingekommen war. Er sah auf einmal ein Familienfoto vor sich. Es war vergilbt und alt. Die Physiognomien – es waren mehrere auf einem Blatt- erinnerte an Fahndungsfotos. Zu sehen waren sieben oder acht Gesichter, die der Maler kannte. Er befand sich in einer Gesellschaft oder auf einer Party, aber die Namen der Personen fielen ihm nicht ein. Sie gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu sehen oder zu erkennen Er musste unsichtbar geworden sein. Der Mond ging gelb am rechten Bildrand auf. Der Maler konnte seinen Lauf am Firmament verfolgen. Er verschwand und ging am linken Bildrand wieder unter. Der Tote war in das Mural hinein gegangen. Er wandte sich nach rechts, wo der „Mann mit den zahllosen Millionen“ zu sehen ist. Man sieht nur sein Gesicht. Einen Namen hatte der Maler für ihn nie gefunden. Er scheint keinen zu haben. Auf dem Geld, das sich in seiner Nähe stapelt, sieht man die Zahl 500.000.000. Der Hinkende trug einen Wäschekorb und agierte wie ein Zirkusclown. Er füllte seinen Korb mit dem Papiergeld bei dem Mann mit den Millionen, trug es quer durch die Personen auf dem Alameda zu den Scheiterhaufen links und warf das Geld ins Feuer. Die Benitohüte durften Pause machen. Eine Säule stieg in die Höhe und löste sich in schwarzen Rauch auf. Im Schlaf stöhnte der Maler auf. In seiner Lage hätte er das Geld sehr gut gebrauchen können. Der Indigene humpelte zurück und fühlte seinen Wäschekorb erneut. Der Vorgang wiederholte sich. Erneut stieg eine Feuersäule auf und verlor sich aus dem Bild. Der Maler wollte sich die Haare raufen, bekam aber den Arm nicht hoch.
Auf einmal war jetzt auch die Catharina da, die Dame, die bisher gefehlt hatte. Sie kam wie mit dem Fahrstuhl aus dem Boden, der im Vordergrund des Bildes eigentlich nicht mehr dazu gehörte. Sie streckte sich, als ob sie gerade aus dem Schlaf gekommen wäre, sah sich um, wackelte mit dem Kopf und wandte sich nach links. Sie nahm den Bruder Zamárraga, der eigentlich schon in der Grube lag, den Bischofshut vom Kopf und gab ihm einen Kuss, der sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrte. Bei Hernán Cortés, der ebenfalls schon wieder seinen Platz gefunden hatte, fasste sie sich an den Po und hielt ihm das Ergebnis vor die Nase. Dem Mönch mit der Tonsur, der den Büßern auf den Scheiterhaufen das Kreuz vor das Gesicht hält, nahm sie es aus der Hand und hieb es ihm über den Schädel, sie tanzte auf die Kaiserin Carlotta zu,- die Gestalten links und rechts wichen zurück-, zog ihr den Rock über den Kopf und trat ihr ins Gesäß. Winifred Scott, den Kämpen des amerikanisch-mexikanischen Krieges, zupfte ihn roh am Backenbart, was ihn empört die Hand erheben ließ. Die Katrina gab ihm einen Nasenstüber, der seinen Kopf nach hinten sinken ließ. Dem Santa Anna neben ihm erging es ebenso. Vor Frieda Kahlo verbeugte sie sich tief, vor Posada knickste sie ironisch, dem jungen Rivera zog sie den Frosch aus der Tasche und verspeiste ihn vor seinen Augen.
Sie forderte den Präsidenten, der rechts außen oben schon die Hand auf die Millionen legt, zum Tangotanzen auf. Der Mann schien nicht gewillt, sich darauf einzulassen, er hatte aber keine Wahl. Die Gestalten wichen auf die Seite, so dass der Präsident in voller Größe auf die Bühne trat. Die Catharina machte große Schritte und schwenkte ihn im Kreis. Die Gelenkigkeit ihres Skeletts war eindrucksvoll. Ihr Kleid platzte an manchen Stellen aus den Nähten, so dass ihre Knochigkeit zum Vorschein kam. Der Präsident versuchte, sich ihren Armen zu entwinden, zur Antwort steigerte die Tänzerin das Tempo. Sie blickte fröhlich in die Runde, ihr Schädel wackelte, die Federboa flatterte. Sie wirbelte den Präsidenten durch das Bild. Bald legte sie ein solches Tempo vor, dass der Mann wie eine Puppe an ihr hing und sie ihn zu Boden fallen lassen konnte. Die Catharina gab ihm einen Kuss, der ihn nach hinten aus dem Bild beförderte. Als nächster war sein geistlicher Berater aufgefordert. Auch er schien sich zu widersetzen und lehnte dankend ab, schien aber keine Wahl zu haben. Die Catharina öffnete die Arme und schwenkte ihn herum. Er folgte ihr, als könne er nicht anders. Der Mann verlor allmählich die Balance und kippte aus den Schuhen. Die Catharina zog ihn hoch und biss in die Unterlippe. Der Kleriker lief an. Sie trieb ihn durch das Bild wie einen Luftballon und lenkte ihn im Kreis, so dass ihm sichtbar übel wurde. Respektvoll wichen die Gestalten auf die Seite. Der Mann verließ das Bild im Zustand einer Ohnmacht. Der Tote, der jetzt stärker hinkte als zuvor, hatte das Geld in Wäschekörben unaufhörlich durch das Bild geschafft und links ins Feuer geworfen. Die Stapel waren allerdings genauso groß wie vorher.
Mehrmals in der Nacht wurde der Maler wach. Der Regen rauschte sintflutartig weiter. Die Männer murmelten in ihrer Sprache. Sie redeten die ganze Nacht hindurch und traten immer wieder vor das Poster, machten Zugbewegungen. Von Zeit zu Zeit zirptenihre Eierschneider. Die Funzeln wanderten im Raum umher wie Glühwürmchen. Am nächsten Morgen hatte sich die Szenerie verändert. Der Maler sah sich um. Etwas mühsam kam er auf die Beine. Die Indigenen waren nicht mehr da. Ihre Schaufeln auch nicht. Auch von dem Toten war nichts mehr zu sehen. Die Feuerstelle war noch da, die Metallplatte fehlte. Vier oder fünf Maismännchen standen auf einer Pappschachtel. Der Maler zog sich die Blätterreste aus den Zähnen. Er unterdrückte einen Brechreiz, der ihn die ganze Nacht geplagt hatte, und immer stärker wurde und spie die Blätterreste auf den Boden. Er setzte sich an die Feuerstelle auf einen der Zementsäcke und aß die Männchen auf, von denen er annahm, dass sie Vielleicht für ihn gedacht waren. Oder auch nicht. Aber es schien sonst niemand mehr da zu sein, der sie hätte essen können.Eine Wasserflasche gab es auch noch.
„Utimos Testios“ las er auf einem Stück Pappe in wackeliger Schreibweise. Sein Poster lehnte an der Wand. Der Maler horchte, der Regen hatte aufgehört, er trat ins Freie. Das Gelände hatte sich in einen See verwandelt. Irgendwie musste er auf die Straße kommen. Sein Magen drehte sich. In einem Zug trank er die Wasserflasche aus. Danach ging es ihm etwas besser. Sein Smartfon zeigte kurz nach Sieben. Der Akku war fast leer. Er ging zurück ins Haus. Wo der Jüngste die Gruben ausgehoben hatte, ragten weitere Plastikreste aus dem Bauschutt. Die Hügel mit dem Grabschmuck waren noch vorhanden. Der Maler zerrte Plastik aus dem Sand. Es waren sackartige Planen, die man sich um die Beine wickeln konnte, bis alles halbwegs wasserdicht war. Er knüllte einen Streifen zusammen und band ihn sich um den Bauch, um die Umschnürung festzuhalten. In seinem Weltraumanzug stakste er durch den Raum, er rollte das Poster auf, schulterte den Rucksack und verließ den Bau. Die Indigenen waren nirgends zu sehen. Mit einer Eisenstange tastete er sich vor und watete durch das Gelände. Das Wasser war nicht besonders tief. An manchen Stellen sank er ein, einmal bis zu den Knien. Baureste ragten aus dem See. Man konnte aber schon die Caretera hören. In der Luft klang es jetzt wie das Schlagen von Flügeln. Ein Vogelschwarm schien oben zu ziehen. Der Maler sah hinauf. Ein Fluggerät blieb in einer Höhe von sieben bis zehn Metern über dem Gelände stehen. Es hatte vier Propeller und sie sirrten leise. Ein Mechanismus klappte auf und etwas fiel herunter, ein Paket. Es klatschte auf das Wasser, ganz in der Nähe, wo der Maler watete. Der Maler bückte sich und sah den Eierschneider, der langsam im Wasser unterging.

11

   UP
Der Bus war am Straßenrand stehen geblieben und hatte sich schräg gestellt, so dass die Tür nicht mehr aufzukriegen war. Er war zuletzt so langsam geworden, dass man im Schritttempo neben ihm hergehen konnte. Vermutlich hatte der Motor ausgesetzt. Die Passagiere, überwiegend Indigene, reichten ihre Kinder durch die Fenster. Der Fahrer lag mit dem Kopf auf dem Armen über dem Steuerrad. Eine Haltestelle war nirgends zu sehen. Sein Schnurrbart hob und senkte sich. Die Fahrgäste trugen Shorts und bunte Hemden. Einige hatten Plastiktüten und Hühner ohne Köpfe. Als sie ausgestiegen waren, bemerkte ich, dass manche Kinder- sie waren in dem Alter, wo man Laufen lernt- sich nur mühsam auf den Beinen hielten, sie knickten in den Kniegelenken ein, verloren das Gleichgewicht und fielen um. Auf dem Boden machten sie Bewegungen wie Schildkröten, die man auf den Rücken gedreht hat. Dabei lachten sie fröhlich, bis ihre Eltern sie aufhoben. Ein Kind in einem weißen Hemd stand da und sah mich unverwandt an.
Der Straßenpflaster war von Buckeln übersät, die an erkaltete Lava erinnerten. Der Bewuchs links und rechts der Straße schien aus Unterholz zu bestehen, das in das Stadium der Versteinerung übergegangen war. Die Masse war von Schichten überzogen, die seltsam schillerten. An einem auf der Höhe von circa fünf Metern gekappten Baumstamm hing ein Schild mit der Aufschrift „Gartenmöbel“. In der Ferne sah man etwas Grünes, vielleicht die Reste eines Tropenwaldes. Davor tat sich eine Graslandschaft auf, in deren Hügeln sich Rinder, die Köpfe am Boden, grasend fortbewegten. Nicht mehr weit,- sagte Herr Monce im Smartfon, du bist gleich da. Wir freuen uns. Sei sehr willkommen! Ein paar sind schon im Camp. Geh immer gerade aus. Da kommt ein Markt. Den musst du überqueren. Tokpu wartet auf dich. Er ist sehr hilfsbereit. Ein Lakanton. Du erkennst ihn am Thuraya. Er wird dich führen. Touch. Er wird sein Handy in die Höhe halten, wenn er dich sieht. Er kennt dich von dem Foto. Alle kennen hier dein Foto. Die Nummer ist…drei vier drei vier …acht…- Herr Monce wiederholte die Ziffern. Die Verbindung brach ab. Der Marktplatz, den er gemeint haben musste, war aus der Ferne schon zu hören. Vielstimmiges Rufen ertönte. Das Stimmengewirr klang halb wie Singen, halb wie Schreien. Tomaten und Paprikaschoten, die auf dem Weg lagen, wiesen in die Richtung. In der Mitte des Platzes stand ein Tieflader mit laufendem Motor, auf dem sich eine Bühne erhob. Auf dem Dach des Führerhauses war ein Mast, an dem bunte Wimpel befestigt waren. Auf jedem war eine Semmel abgebildet, in der eine Fleischeinlage hing. An den Seiten sahen grüne Fäden heraus. An der Antenne des Fahrzeugs war eine Flagge aufgezogen, deren Ende in Spitzen auslief. Auch auf ihr war die Semmel zu sehen, nur um ein Vielfaches größer und mit dem Unterschied, dass sie hier ein Krönchen trug. Der Platz wimmelte von Kindern und Jugendlichen im Alter von etwa fünf bis vierzehn Jahren. Sie beobachten gespannt, was auf der Bühne vor sich ging. Die Erwartung war sehr groß, die Kinder hielten sich die Hände vor den Mund, manche stampften auf den Boden. Vor der Bühne herrschte großes Gedränge. Man wich nicht von der Stelle, wenn man dort einen Platz ergattert hatte.
Auf der Bühne sprang ein Clown herum. Er trug eine blaugrüne Uniform mit goldenen Knöpfen. Seine Kopfbedeckung bestand aus einer Perücke mit gelbgrünen Strähnen. Sein Gesicht war stark geschminkt: Die eine Hälfte weiß, die andere grün. Er war in unaufhörlicher Bewegung und wirbelte ein Mikrofon herum, in das er hineinsprach oder gluckste. Was er sagte, war von einem Zwitschern überlagert, da das Mikrofon gestört zu sein schien. Er ergriff eine Semmel, die fast so groß war wie ein Fußball. Genussvoll biss er davon ab, rieb sich den Magen, rollte die Augen und schnitt

Grimassen des Wohlbefindens. Auf der Bühne glänzte eine Art Toaster oder Backofen, dessen Abteilungen mit einem Rohr verbunden waren. Am Rand des Platzes drängten sich Erwachsene, offenbar die Eltern der Kinder. Aus einem Lautsprecher tönte Musik. Der Clown zog eine wichtige Grimasse, hob die Hand und es ertönte eine Fanfare. Die Kinder wurden still. Der Clown produzierte eine Rolle, die er wie ein Herold, auseinanderzog. Er legte eine Pause ein, sah ins Publikum, holte tief Atem und sagte etwas, das nicht zu verstehen war. Das Mikrofon begann zu zwitschern. Ein paar Minuten herrschte Stille, dann brach Jubel los und zwei Große hoben einen Winzling auf die Bühne. Papierfetzen flogen in der Luft. Der Clown nahm den Winzling auf der Bühne in Empfang und hob ihn hoch, damit alle ihn bewundern konnten. Jubel begleitete die Zeremonie. Der Winzling wurde an einen Tisch geführt, dessen Rand er mit dem Kopf gerade noch erreichte. Er bekam eine Schürze und ungebunden und eine Kochmütze aufgesetzt. Der Winzling hatte die Ehre, den Toaster mit den Semmeln zu beschicken, die auf einem Tablett bereit standen.
Neben mir stand ein Junge. Auf seinem Gesicht war ein Ausdruck, der an die resignierte Friedfertigkeit meiner Großmutter erinnerte. Seine Augen waren seltsam groß, die Nase spitz und scharf, in der Unterlippe saß ein Spalt. Er sah mich an und bewegte die Lippen, aber es war nicht zu hören, was er sagte. Er war zwei Köpfe größer als ich, verbeugte sich übertrieben, nickte voller Eifer und sah zu mir herunter wie zu einem Kleinkind. Er wischte über den Bildschirm seines Händis und tippte in das Buchstabenfeld. Auf dem Display stand das Kürzel, das ich im Knast als sekundäres Ego angenommen habe: „ U P“. Mit einem Fragezeichen am Ende. Erwartungsvoll sah er mich an, als hinge von der Reaktion sein Leben ab. Ich sagte: Ja..? – Ich fragte ihn, warum er nicht redete. Ich hatte den Namen vergessen, den Herr Monce genannt hatte. Er nickte wieder, bediente die Tasten, ohne hinzusehen und wies mit ausgestrecktem Finger auf sich selbst. „T- o- k- p- u“. Ich lüftete das Käppi des Malers und fragte nach dem Camp. Der Junge öffnete den Mund, doch wieder kam kein Laut heraus, nur eine Art Schluckauf, er drückte meine Hand so heftig, dass ich zusammenzuckte. Erneutes Tippen in das Telefon. “U P ist hier Wir freuen uns wir sind sehr geehrt!“ Es folgten Emotikons mit lachenden Gesichtern, danach ein Kopf mit einer Sonnenbrille und Symbole, die ich noch nicht gesehen hatte. Der Junge hob den Zeigefinger und öffnete den Mund, als ob er sprechen wolle, aber auch diesmal kam kein Laut heraus. „T o k pu, L a k a n d on“ stand auf dem Bildschirm.
Ich sah den Jungen an. Er zog ein überfreundliches Gesicht. Der Ghostwriter strich das Spanisch aus dem Text. Auf der Bühne ertönte die nächste Fanfare. Der Winzling, der das Los gewonnen hatte, hatte den Ofen mit Semmeln beschickt. Er öffnete die Klappe, zog sie mit einer Zange eine nach der anderen heraus und ordnete sie mit wichtiger Bewegung auf einem Tablett, das der Clown im hinhielt. Er zeigte das Produkt dem Publikum und reichte das Tablett dem Winzling, der es kaum halten konnte. Er nahm eine Semmel herunter und biss herzhaft hinein. Weiterer Jubel. Der Clown sprang von der Bühne und verteilte die Portionen an die Kinder, die sich mit ausgestreckten Armen um ihn drängten, jedes fing unverzüglich an zu essen. „Verlosung meck meck“ stand auf dem Bildschirm. Als der Clown zu uns kam und dem Jungen das Tablett hinhielt, drehte er ihm den Rücken zu. Auch ich verzichtete zu Gunsten.
Tokpu zeigte mir das Telefon. Auf dem Display war ein Strichmännchen zu sehen, das sich mit Hilfe eines Flaschenzuges in einen Baum hinaufarbeitete und oben auf den Ästen balancierte. „Hermana“ stand auf dem Bildschirm. Als ich an mir heruntersah, bemerkte ich, dass ich meinen Messingring verloren hatte, mein Symbol. Gibt es solche Dinger im Camp?- wollte ich fragen. Tokpu nickte und

sah nach oben, eine Anzahl großer schwarzer Vögel zog in der Höhe ihre Kreise. Sie schienen die Versammlung anzusteuern. Ich fragte Tokpu wieder, warum er nicht sprach. Auf der Bühne fing eine Kindermelodie an, in die alle sofort einstimmten, die Kleinsten mit krähender Begeisterung. Der Clown hob den Taktstock und dirigierte. „Meck meck meck cookieduuuu, meck meck meck nam nam. Meck, meck meck cookieduuu“. „Karaoke meck nam“ stand auf dem Bildschirm. Tokpu lachte, ohne dass ein Laut zu hören war. Die Vögel waren mittlerweile näher gekommen. Sie schienen keine Scheu vor der Menschenmenge zu haben. Einige kreisten gleich darauf in geringer Höhe über dem Publikum. Die Spannweite dessen, der sich auf die Mastspitze setzte, musste über zwei Meter messen. Sein Kopf war wie rasiert, der Schnabel rosa, die Beine schmutzig weiß. „Aasgeier“ stand auf dem Bildschirm. Der Mast fing an zu schwanken. Der Vogel versuchte, das Gleichgewicht zu halten, indem er heftig mit den Flügeln schlug. Er fiel herunter und plumpste auf das Bühnendach. Das Publikum beobachtete den Vorgang mit Ergötzen. Manche Kinder kreischten vor Vergnügen. Der nächste Backgang wurde ausgeteilt. Etliche Kinder knickten in den Knien ein und plumpsten hintenüber. Mit vollen Mündern ging das Karaoke weiter: „Meck meck meck nam nam, meck meck meck coockieduuu“-. Die Kinder schwangen ihre Semmeln.
Plötzlich entstand ein kreischender Tumult. Ein Geier kam herunter und schnappte einem Kind die Semmel aus der Hand. In seinem Umkreis stob alles auseinander. Der Geier flog mit seiner Beute einen Halbkreis und setzte sich auf die Mastspitze, von wo aus er in die Runde blickte. Er hackte auf die Semmel mit dem Fleischstück los und verschlang sie mit wenigen Happen, dabei warf er den Kopf in die Höhe. Die Krümelreste flogen ihm aus dem Schnabel. Die Versammlung begann zu protestieren. Ein paar Kinder hoben die Fäuste und riefen „ Peng Peng“-. Ein zweiter Geier ging auf den mit der Semmel los und versuchte, ihm die Reste abzujagen. Die Nahrungskonkurrenz der Geier schien Unmut zu erregen. Am Rand des Platzes erschien kurz darauf ein Jugendlicher mit einem musealen Vorderlader. Nach einigem Hantieren richtete er ihn auf das Bühnendach und zielte umständlich. Nicht schießen! -schrie der Clown, die Tiere sind streng geschützt.- Weitere Geier befanden sich im Anflug. Der Clown schwang seinen Taktstock und versuchte, sie zu vertreiben. Die Fanfaren wurden laut gestellt, aber die Vögel blieben unbeeindruckt sitzen. Im Gegenteil: die Musik ihnen zu behagen. Ein untersetzter Mann in Kniehosen, mit kahlem Kopf und platter Nase lief jetzt auf die Bühne. „Kazike“ stand auf dem Bildschirm. Der Kazike wechselte ein paar Worte mit dem Clown und wandte sich an das Publikum. Gleich darauf begann die Menge, einen Namen zu rufen. Es klang wie „Tararan! Tararan!“ Eine Weile geschah nichts. Man rief lauter. Der Gerufene schien sich Zeit zu lassen. Zuletzt rief alles im Chor. Jetzt hieß der Mann „Tarzan“. Der Clown schloss sich an und verstärkte den Chor, indem er „Tarzan“ ins Mikrophon brüllte. Aus der Richtung des Grünschimmers, den ich für Wald gehalten hatte, der aber aus Plastikbäumen bestand, wie ich später feststellte, tauchten nach einiger Zeit zwei Träger auf. Sie trugen ein Boot oder Kanu, das sich als Sarg herausstellte. Darin lag ein Mann, dessen Körper bis auf die Haut und die Knochen abgemagert war.
Er trug nur einen Lendenschurz, sonst war er nackt. Er lag mit geschlossenen Augen da. Die Träger setzten das Kanu ab und der Knochenmann schlug die Augen auf. Er schien nicht zu wissen, wo er sich befand. Einer der Träger richtete seinen Oberkörper in die Höhe, mühsam erhob sich der Mann. Als er die ersten Schritte machte, wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite und machten eine Gasse frei. Seine Träger stützen ihn auf beiden Seiten. Er trug ein Bambusrohr und hatte einen Köcher auf dem Rücken. Wo er herankam, verbeugte man sich tief. „Mac Tarzan“ stand auf dem Bildschirm, den Tokpu mir hinhielt. Der Schädel des Jägers erinnerte an die Köpfe, die auf der Spitze

mancher Totempfähle sitzen. Seine Gesichtshaut war wie der Granit, der aus präkolumbianischen Ruinenstädten manchmal ans Licht kommt. Sie war mit violetten Streifen verziert, die symmetrisch auf die Nasenwurzel zuliefen. Ein Geier flog jetzt auf das Bühnendach, ein zweiter landete auf dem Fahrzeug, ein dritter ließ sich am Rand des Marktes wieder, wo die Erwachsenen ihn sofort vertrieben. Die Kinder verbargen ihre Semmeln hinter ihrem Rücken. Fleischreste und Krümel wurden vom Boden aufgelesen.
Manche Kinder schrien, aber keines verließ den Platz. Auf der Bühne ertönte die Fanfare. Der Clown winkte dem Jäger zu, aber der beachtete ihn nicht, sondern stakste in gekrümmter Haltung durch die Menge, die beiden Träger links und rechts von ihm. Als er in die Nähe der Bühne kam, hob er den Kopf, nahm Witterung auf, warf einen Blick auf das Geschehen, rümpfte die Nase und kehrte wieder um. Jemand brachte einen Plastikstuhl herbei. Der Jäger sank rücklings hinein. Sein Schlaf musste sehr tief gewesen sein. Ein Träger berührte ihn an der Schulter. Der Mann legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Alle folgten seinem Blick. Er schien etwas zu sehen, was außer ihm niemand sehen konnte. Der Junge mit dem Vorderlader näherte sich ihm mit einer Tasse. Der Jäger nahm etwas heraus und kaute. Auf der Bühne war jetzt ein Trommelwirbel zu hören. Der Jäger wandte den Kopf und zog in Zeitlupe einen Pfeil aus dem Köcher, den er auf dem Rücken trug. Er zupfte die Federn am Ende glatt, setzte das Rohr an und blies die Backen auf. „Froschgift“ stand auf dem Bildschirm. Gespannt verfolgte das Publikum, was jetzt passieren würde. Es war nicht zu erkennen, ob tatsächlich ein Geschoss aus dem Blasrohr geflogen war. Es zeigte jedenfalls in die Richtung der Geier auf dem Bühnendach.
Tokpu tippte mit allen zehn Fingern in das Buchstabenfeld des Telefons: Der Jäger lebte angeblich schon lange nicht mehr, was wir vor uns hatten, war nur sein Schatten, ein Gespenst oder sein Geist. Er hatte die Bewohner der Umgebung, als es noch Urwald gab, mit Nahrung versorgt. Er schoss Wiesel, holte Papageien aus den Bäumen und andere Tiere. Als Schütze genoss er einen ausgezeichneten Ruf. Als sein Tod sich näherte, bat er die Bewohner, ihn in seinem Kanu nachts auf einem See auszusetzen, damit er in die Unterwelt gelangte. Das geschah. Das Bot kam aber morgens immer wieder zurück. Der Jäger lag dann mit geschlossenen Augen in dem Kanu. Man trug ihn wieder in sein Haus. Der Vorgang wiederholte sich von einer Nacht zur nächsten, jetzt schon seit langer Zeit.
Wenn ein Geier getroffen war, hätte er vom Dach der Bühne fallen müssen. Das Gift des gelben Frosches wirkt sehr schnell, heißt es. Die Vögel saßen aber auf dem Bühnendach und sahen unbeeindruckt in die Runde. Einer reckte den Hals, ein anderer hob das Bein, um sich zu kratzen, ein dritter schob das Hinterteil nach vorn und ließ etwas auf die Bühne fallen. Das Publikum schien verwirrt. Der Clown sah zu dem Jäger hinüber. Er hatte offenbar inzwischen einen zweiten Pfeil aus dem Köcher geholt, aber, ob er ein zweites Mal geschossen hatte, war nicht erkennbar. Eine Weile geschah nichts. Dann fing der Clown auf einmal an zu wanken, er taumelte hin und her, verlor das Gleichgewicht und setzte sich auf den Hosenboden, was wenig komisch aussah. Er griff sich an die Perücke, zog die Stirn kraus und sah erstaunt ins Publikum. Er schien überrascht, hob die Arme, streckte die Beine von sich, kippte nach hinten weg und rührte sich nicht mehr. Die Menge blickte zwischen dem Jäger und der Bühne hin und her. Der Winzling, der sich am Backofen betätigt hatte, hatte weitere Semmeln mit Klöpsen hinein geschoben. Er ordnete sie jetzt auf dem Tablett. Der Vorgang nahm ihn so in Anspruch, dass er den Clown nicht weiter beachtete. Ein Geier flog vom Dach und hüpfte in großen Sprüngen auf der Bühne herum. Der kleine Koch, die

Mütze im Gesicht, versuchte das Tier mit dem Taktstock zu verscheuchen. Es wich zurück, kam aber gleich wieder näher und machte sich an der Perücke des Clowns zu schaffen, indem es mit dem Schnabel danach hackte. Ein Jugendlicher sprang auf die Bühne und drehte an der Musik herum. Das Karaoke Mecknam ertönte jetzt in ohrenbetäubender Lautstärke. Die Kinder stimmten unisono ein: „Meck meck meck coockieduu, meck meck meck nam nam…“ Der Kazike stürzte auf die Bühne, beugte sich über den Clown und fasste ihn an der Schulter. Er versuchte ihn aufzurichten, indem er ihn an den Schultern in die Höhe zog. Die Arme des Mannes baumelten herunter, schlapp hing er in den Armen des Kaziken, sein Kopf fiel abwechselnd nach vorn und nach hinten. „Meck hops“ stand auf dem Bildschirm.
Die Erwachsenen, die vom Rand des Platzes vor die Bühne drängten, schrien durcheinander. Der Kazike wollte die Musik abstellen. Sie wurde aber lauter, was folgte, ging in Lärm und Chaos unter. Zuletzt sangen nur noch einzelne Kinder, „Meck meck meck cookieduuuu…“ Der Winzling auf der Bühne hatte unverdrossen weitergemacht und sich nicht stören lassen. Er öffnete den Backofen, aus dem eine Dampfwolke quoll, sortierte die Portionen auf dem Tablett und verteilte sie, indem er sie in die Menge warf. Die Kinder griffen unverdrossen zu. Ein paar balgten sich am Boden. Auch die Eltern hatten Hunger. Die Geier flatterten vom Dach herunter und hüpften um den Clown herum.

12
Nach einer Wegstrecke, die von Schotter, aufgestautem Asfalt und Gestrüpp durchzogen war, versperrte eine Rinderherde unseren Weg. Die Tiere zogen träge vorbei. Der Boden schien zu zittern. Die Herde nahm kein Ende und nirgendwo war ein Anfang zu sehen. Die Tiere schienen nicht weiter zu wollen oder zu können. Die Herde stockte und blieb stehen. Einzelne drängten sich durch, etliche stolperten übereinander. Tokpu zwängte sich durch, indem er sie auseinanderschob. Ich versuchte, hinter ihm zu bleiben. Die meisten Rinder waren schmutzig weiß, teilweise schwarz gefleckt. An ihren Fettwülsten klebte Erde. Eine Weide war nirgends zu sehen. Tokpu machte eine Geste, die ich nicht verstand. Er öffnete den Mund, wie um zu sprechen, aber es kam wieder kein Wort heraus. Er wies nach vorn. „Camp!“. An den Resten einer Wasserpfütze stießen wir auf seinen Bruder. „Igal“ stand auf dem Bildschirm. Der Bruder stand auf einen Stab gestützt auf einem Bein. Seine grünblauen Jeans waren mit Flecken und Luftlöchern verziert, er trug ein schneeweißes Hemd mit einer Fliege und Sportschuhe mit Resten von Katzenaugen. Als ich ihn später nach dem Grund für seine Aufmachung, besonders nach der Fliege fragte, erklärte er, er habe sich für mich auf diese Weise aufgeputzt. Bei unserem Anblick riss er die Arme in die Höhe und begrüßte mich überschwänglich, während die Rinder uns durcheinander schoben. Er versuchte, mich zu umarmen. Tokpu drehte sie an ihren Hörnern weg. Das Camp ist weiter vorn!- Sind Neue da?- Hermana, die zweite. Wir werden moralisch, wir wachsen.-
Tokpu tippte in das Datenfeld und hielt es seinem Bruder vor die Augen. Eine Kuh, die mich anstieß, schob mich dicht an ihn heran. Viele haben hier dein Video gesehen. Es hat uns sehr gefallen. Der Staat ist dumm, obgleich er nicht mehr existiert, nicht wahr? Wir haben das berühmte Paradox: Wie kann etwas dumm sein, das nicht mehr existiert? Weißt du die Antwort? Ein Polizist für jeden Baum.- Igal wies in eine unbestimmte Richtung. Der Mann, der dich bewachte, sah aus wie ein Gespenst aus

Blech.- Mein Zimmer in den Wolken und mein Grab,- wollte ich sagen, sagte es aber nicht. Und den Schlaf, wo hast du ihn dann nachgeholt? Du sahst müde aus.- Im Knast, da war Ruhe. Das Bett war etwas hart, aber man schlief nicht schlecht und es gab Essen. Frau Richterin war kurzfristig sogar auf meiner Seite. Sie sagte, sie möchte später gern in einem Baum begraben werden, unserer Friedhofskultur könne sie nichts abgewinnen und diese fürchterlichen Grabplatten… Ich sagte, dass sie sich dann vielleicht etwas beeilen müsse. Später fiel mir ein, dass es einen Hintersinn Sinn hatte, der ihr nicht gefallen konnte. Sie war wütend. Dem Gesetz gemäß bleibst du jetzt eine Weile drin.- Ich hatte keine Wohnung, lebte in den Bäumen. Sie waren eine Wiege. Bis vier Uhr morgens konnte man schlafen. Dann sang der Rest des Waldes. Igal rang mit einer Kuh, die ihn nach vorn stieß. Das Klavier zuletzt auf dem Feld war groß. Hat uns gefallen. Eins Schlussakkord, mit Musik im Feld.-
Vor dem Camp sollte ich den Eltern vorgestellt werden, stand auf dem Bildschirm. Irgendwo musste es dann hier noch Wald geben, denn Igals Angaben zufolge lebten sie im Wald. Wir drängten uns durch die Rinderherde, ich in der Mitte, Tokpu an der Spitze, Igal hinter mir. Die Tiere niesten. Man hörte sie auch röcheln oder beides. Ein Reiter kam heran, er ritt mitten in der Herde und ließ sich von ihr treiben. Bring sie nach Missouri, Graucho!- sagte Igal. Der Reiter hob die Hand, beachtete uns aber nicht weiter. Die Augen mancher Tiere waren weinrot, als wären sie geschminkt. Sie drängten einander immer wieder aus dem Weg. Der Staub hing in Schwaden in der Luft. Ich musste abwechselnd niesen und husten. Als die Herde vorbei war, tat sich ein Gelände von der Größe von vier Fußballfeldern vor uns auf. Die Oberfläche war mit einer Art von Schorf bedeckt. Darunter schien sich etwas zu bewegen. Es klang, als gurgele die Unterwelt. Baumstämme führten hindurch. Was ist das?- fragte ich. Pudding vom Weltkonzern,- sagte Igal. Die Haftung übernimmt der liebe Gott.-
An den Rändern des Sumpfs stand lianenüberwucherter Restwald. Tokpu stellte sich in gekrümmter Haltung vor mich hin und machte eine Bewegung, dass ich auf seinen Rücken klettern sollte. Entgeistert sah ich ihn an. Sein Grinsen war aber so freundlich, dass ich aufstieg. Die Stämme waren glitschig. Tokpu breitete die Arme aus und balancierte durch den Sumpf. Igal übernahm das Telefon und sagte rückwärts gehend die Details auf: Dual Sim, acht Megapixel, android, full HD, Gorilla Glas, dreiteiliges Signalsystem, NFC, USSD, zwei nano SIM slot.- Tokpu sagt, er könne damit Regen machen.- Muss sehr teuer sein,- sagte ich. Sehr, -sagte Igal, es kostet unsere Seele.- Tokpu sah seinen Bruder an und schüttelte missbilligend den Kopf. Als wir den Sumpf durchquert hatten, tat sich ein Erdloch vor uns auf, durch das ein Hohlweg führte. Aus den Wänden ragten Stümpfe und unkenntliche Reste vor. Tokpu blieb stehen und sah zurück. Ich fragte, was das für ein Loch sei. Exploration mit Dynamit,- sagte Igal. Am Boden zeichneten sich Reifenspuren ab. „Kleine Abkürzung“ stand auf dem Bildschirm. Ich bemerkte, dass Igal die Bewegungen seines Bruders nachahmte. Wenn er nicht hinsah, beobachtete er ihn und versuchte alles zu kopierten, was sein Bruder tat.
Als wir ungefähr in der Mitte des Erdlochs angekommen waren, hörte man Geräusche, wie wir sie vorher schon gehört hatten. Die beiden blieben stehen. Igal sah nach oben. Sekunden später kamen die ersten Rinder in Sicht. Als sie uns sahen, blieben sie stehen. Wie groß die Herde war, war schwer zu schätzen. Da die Tiere von hinten weiter vorwärts drängten, knickte die erste Reihe ein und versenkte ihre Hörner im matschigen Grund. Sie versuchten aufzustehen. Der Matsch hing in Fladen von den Köpfen der Tiere. Tokpu setzte seinen Fuß auf den untersten Stumpf und stieg die Wand hoch. Stell die Füße auf den Stumpf!- Auf halbem Weg streckte die Hand aus und zog mich nach. Igal folgte. Von oben sahen wir, dass aus der entgegengesetzten Richtung die nächste Herde kam.

Der Weg ging weiter. Nach circa einer halben Stunde lag eine Anhöhe vor uns, auf der drei halb entlaubte Bäume standen. Ihrer Größe nach gehörten sie zum mittleren Stockwerk eines Urwaldes, der hier einmal gestanden haben musste. Am Fuß des Hügels links von uns erschien ein Mensch, der in schnellem Lauf die Bäume zu erreichen suchte. Er hatte schwarzes, lang herab wallendes Haar und trug einen weißen Umhang, der in der Taille von einem Gürtel gehaltenen wurde. Unter den Bäumen warf er die Kleidung ab und legte zuletzt seinen schwarzen Hut darauf. Was er jetzt noch trug, schien eine Badehose zu sein. Der Mann umschlang den Baum mit beiden Armen und kroch mit froschartigen Bewegungen den Stamm hinauf, bis er die Zweige erreicht hatte. Dort blieb er sitzen und blickte nach unten. Spaßeule!- Igal winkte. Schöne Aussicht! Was gibt’s da oben?- Der Mann im Baum winkte zurück und streckte den Arm aus. Er zeigte auf ein Fahrzeug, das die Steigung herauf kam, sich den Bäumen näherte und unter ihnen stehen blieb. Der obere Teil bestand aus einem Glasaufsatz, dessen Form an den Aufbau des Papamobils erinnerte. Das Chassis bestand aus silbrig schimmerndem Metall.
In dem Kastenaufbau bewegte sich ein Mensch im weißen Kittel. Brigade Voodoo,- sagte Igal. Die Tür des Fahrzeugs öffnete sich und der Mann im Kittel stieg aus. Sein Bartwuchs erinnerte an das Bild Gottvaters, wie es früher in Kinderbüchern zu sehen war. In der Hand hielt er einen Krug, der an antike Vorbilder erinnerte. Ihm folgte ein kleinwüchsiger Herr, dessen Halbglatze in der Sonne schimmerte. Er trug eine Hornbrille, die sein Gesicht fast zum Verschwinden brachte. Ein Liliputaner schien er nicht zu sein. Die beiden Männer blieben am Fuß des Baumes stehen, auf den der Mann geklettert war, und richteten den Blick mit einem Opernglas in seine Krone. Auf Spanisch wandten sich sie sich an den Unsichtbaren, der nicht gewillt sein schien, seinen Zufluchtsort schnell wieder zu verlassen.
Sie gestikulieren und reckten die Arme. Gesundheit ja, Krankheit nein!- riefen sie Im Chor. Sämtliche Angehörige seiner Gemeinschaft hätten der Abgabe ihrer Blutkörper zugestimmt, und zwar aus guten Gründen und sogar aus freien Stücken. Der Mann da oben möge nicht dem Irrtum aufsitzen, seine Weigerung hätte etwas mit Gesundheit zu tun. Im Gegenteil: Sie sei nutzlos, ja sogar schädlich. Er setze nämlich die Gesundheit seiner Gemeinschaft aufs Spiel. Der Unsichtbare rief etwas. Egal horchte, schien aber auch nicht zu verstehen, was der Mann gesagt hatte. Die beiden Sprecher blieben unbeeindruckt. Als Beitrag für das öffentliche…Wohl..… unschätzbares Wissen…- hörte man weiter. Alle blickten in den Baum. Der Indigene kletterte noch tiefer in das dürre Laub und bewegte den Kopf dabei ruckartig von links nach rechts. Nach etlichen Ermahnungen, die auch nicht fruchteten, zog der Mann im Kittel eine Rolle auseinander und begann in einer Sprache, die ich nicht verstand, etwas daraus vorzulesen. Was liest er?- fragte ich. S I L -Code lac,-sagte Igal. Die Deklaration der Menschenrechte.- S I L Code lac?-
Das ist die alte Lakandongrammatik, als sie noch im Dschungel moderte. Jetzt ist sie verschwunden, so wie der Wald verschwunden ist und niemand weiß mehr was davon-. Woher kann dieser Mann sie dann?- Er kann sie nicht. Er liest immer nur den gleichen Satz vor. Er hat ihn irgendwo im Netz gefunden. Artikel 29: Deine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. Er liest den Satz nur jedes Mal mit einer anderen Betonung.- K´ayum ma´ax h t t p x web lankandon. Der Rest ist bei den Geistern unterwegs.- Tokpu begann in diesem Augenblick auf seinem Telefon mit jemandem zu sprechen. Man sah nur seine Lippen sich bewegen. Er sah dabei nach oben. In großer Höhe war ein Brummen

zu vernehmen. Er starrte abwechselnd in die Luft und bediente das Buchstabenfeld. Er glaubt, er spricht mit dem Piloten,-sagte Igal. Er glaubt, er kann ihn dazu bringen, seinen Kurs zu ändern. Warum?- Ich sage es dir später, sonst wird er sauertöpfisch.- Die Menschenrechtsverlesung wurde fortgesetzt. Die Männer wechselten sich beim Lesen ab. Der Mann im Laborkittel las mit tiefer Stimme, der Assistent mit Fistelstimme. Sie verfolgten die Bewegungen des Indigenen auf den Ästen mit dem Opernglas. Auf die Dauer schien die Lesung ihre Wirkung zu nicht zu verfehlen. Der Mann im Baum senkte den Kopf und starrte nach unten. Er tastete sich vor und kroch langsam auf den Stamm zu. Der Assistent eilte zum Wagen, holte eine Plane heraus und breitete sie auf dem Boden aus. Er besprühte die Umgebung mit einem Desinfektionsmittel, das in Schwaden durch die Luft wegzog. Er stellte ein Aggregat auf und riss am Anlasser. Die Apparatur sprang nicht an. Etwas Schwarzes fiel vom Baum herunter und landete am Fuß des Stammes. Die Männer hoben es auf und hielten es hoch. Seine Perücke,- sagte Igal. Während der Indigene den Stamm herunterrutschte, holte der Assistent Kanülen und Pipetten auf einem Block aus dem Wagen und stellte alles auf der Plane ab. Die Röhrchen wurden beklebt und nummeriert, die Spritzen wurden aufgezogen. Der Indigene in der Badehose, der jetzt vom Baum herabgekommen war, haschte nach seiner Perücke.
Er bat die Männer, sie ihm zurückzugeben. Sie veranstalteten ein Fangspiel mit ihm. Sie warfen die Perücke über seinen Kopf einander zu. Er lief zwischen ihnen hin und her und versuchte immer wieder, sie zu fangen. Nach etlichen Versuchen ließ er sich auf dem Boden nieder, wo er schwer atmend sitzen blieb. Der Assistent setzte ihm die Perücke auf den Kopf, wobei sie ihm über die Augen rutschte. Nun sah der Mann vermutlich kaum noch etwas. Der Assistent griff seinen rechten Arm und bog ihn auseinander. Das Aggregat fing an zu knattern. Die Spritze wurde in die Armbeuge gesetzt. Spaßeule ist kein Medizinmann, wie sie glauben,- sagte Igal, aber er fährt Motorrad. Das macht Eindruck. Hokus pokus.- Toku hatte unaufhörlich weiter in sein Telefon getippt und stand jetzt auf den Zehenspitzen. Auf einem der Bäume begann im gleichen Augenblick ein Gebrüll. Alle sahen hoch. Ein Affe erschien in den Zweigen, sah nach unten und brüllte dabei unaufhörlich weiter. Canopus,-sagte Igal. Beim Brüllen verlängerte sich der Kopf des Tieres, so dass er aussah wie ein dicker Pfeil in Flötenform. Wenn er pausierte, war aus der Ferne eine Antwort zu hören. Dann trat Stille ein. Tokpu winkte dem Affen mit dem Telefon. Der Affe turnte in den Zweigen, brüllte wieder und kam kopfunter vom Baum. Er war an Menschen offenbar gewöhnt. Igal streckte die Hand aus und der Affe ergriff sie herzhaft. Er begrüßte die Wissenschaftler mit Schnalzgeräuschen, mir zeigte er sein Hinterteil. Igal schlug ihm auf die Hand und zog ihn an den Ohren. Canopus stieß ein Geheul aus und griff ihm an die Nase. Als nächstes griff er nach dem Telefon, das Tokpu in die Luft hielt, als wolle er Geräusche damit einfangen. Der Affe rieb sich das Hinterteil. Spaßeule, der noch auf dem Boden saß, strich sich fortwährend mit der Hand über den Kopf, als sei er seiner Sinne nicht mehr mächtig. Die Wissenschaftler hatten damit begonnen, ihre Utensilien aufzuräumen und sie in den Wagen zu transportieren. Geschafft,- sagte der Labormann.
Spaßeules Aderlass leuchtete in vier Röhrchen, die mit farbigen Markern verschlossen waren, auf dem Block. Canopus ließ sich auf seiner Hand nieder. Später hörte man das Knattern des Motorrads. Der Affe sprang in die Höhe, schürzte die Lippen und stieß Laute aus, die an menschliche Sprache erinnerten. Ein Handstand misslang ihm, die Hände auf dem Rücken hopste er über den Block mit den Kanülen und den Spritzen. Spaßeule stand auf und wankte, die Perücke im Gesicht. Plötzlich griff der Affe sich das Aggregat, schwang es über seinem Kopf und rannte damit die Anhöhe herunter. Die Wissenschaftler sahen ihm entgeistert nach. Sie riefen, er solle das Gerät sofort zurückgeben. In

einiger Entfernung blieb Canopus stehen und hielt den ausgestreckten Arm hoch. Die Wissenschaftler erklärten die Bedeutung des Geräts, als könne der Affe die menschliche Sprache verstehen. Da Canopus unbeeindruckt blieb und das Gerät in der Luft schwenkte, so dass es beschädigt zu werden drohte, wandten sie sich an Igal. Er machte dem Affen ein Zeichen und rief etwas. Canopus streckte den rechten Arm aus, legte die Stirn in Falten, riss den Mund auf, zeigte sein Gebiss, er hob den Zeigefinger, rollte die Augen und schnitt Gesichter. Er umklammerte das Aggregat mit beiden Armen und presste es an seine Brust. Was will er?- Er will Wissenschaftler werden,- sagte Igal, nehmen Sie ihm Blut ab, sonst kriegen Sie den Apparat vermutlich nicht so schnell zurück.- Blut? Aber selbstverständlich, gerne. Schwarzbraat, holen Sie die Spritzen wieder aus dem Wagen.- Der Assistent lief weg und neue Spritzen wurde ausgepackt. Das Plastik knisterte und flatterte im Wind davon. Als der Labormann sich dem Affen mit der Nadel näherte, kehrte er ihm das Gesäß entgegen.- Der Assistent sah sich nach Igal um. Sie müssen es an seinen After nehmen, sonst lässt er das Gerät nicht los.- Aber da ist zu wenig Blut, das wird schwierig.- Macht nichts,- sagte der Labormann und händigte dem Assistenten die Spritze aus, Schwarzbraat pumpen Sie los.- Egal sprach mit dem Affen. Er redete in einer sonderbaren Sprache und machte dabei Zeichen. Canopus streckte weiter seinen Hintern vor und rührte sich nicht von der Stelle. Er schien auf seinem Willen zu beharren. Als die Spritze aus seiner prallen Hinterbacke kam, war außer etwas wässrigem Gerinnsel kaum Blut darin zu sehen. Canopus streckte nun auch seine linke Hinterbacke vor. Nehmen Sie ihm doch, verdammt nochmal das Aggregat ab,- schrie der Mann im Kittel. Ich komme gegen ihn nicht an, er ist stärker als ich,- sagte Igal. Wenn Sie aber einen Medizinmann dieser Gegend sprechen wollten, so haben Sie ihn gerade vor sich. Die Gelegenheit ist günstig.- Die Wissenschaftler sahen Igal an.
Die Affen hierzulande, erklärte er, verfügen über eine neue Form evolutiver Intelligenz. Sagen wir: mittlerweile. Sie sind gewissermaßen stille Teilhaber geworden. Sie verstehen etwas vom Geschäft. Oder auch von der Magie des Nichts. Sie arbeiten als Boten, aber sie dealen auch auf eigene Faust.- Wovon reden Sie?- fragte der Assistent. Von den Affen, wovon sonst? Geld kann man immer brauchen. Geld ist gut. Sie kaufen sich davon humane Frauen, die es vorziehen, mit einem Affen zu verkehren, statt sich von ihren Männern totschlagen zu lassen und -: halten sie als Konkubinen. Sind Sie verrückt, was reden Sie denn da?- Die Wahrheit,- sagte Igal. Er stellte sich in Positur, als wolle er jetzt einen Vortrag halten. Verdammtes Vieh,- sagte der Wissenschaftler. Er setzte Canopus eine Überraschungsspritze in den Bauch. Der Assistent zog währenddessen unaufhörlich weiter Spritzen auf. Der Labormann trat einen Schritt zurück und beobachtete die Reaktion des Affen. Canopus schien die Spritze nicht bemerkt zu haben. Er hielte dem Assistenten jetzt die rechte Flanke hin. Nach wie vor umklammerte er das Aggregat mit beiden Armen. Sekunden später ging er in die Knie und sank nach hinten. Canopus lehrt uns die Vermenschlichung des Affen…- beziehungsweise Wissenschaft,-erklärte Igal. Sie reden Blödsinn!- rief der Wissenschaftler. Ich wiederhole: die Vermenschlichung….. Vermenschlichung…- Schwarzbraat, nehmen Sie ihm das Gerät ab.-
Der Assistent zog den Apparat aus Canopus´ Armen und lief damit zum Wagen. Es wird ein paar Minuten dauern, bis er wieder zu sich kommt.- Der Mann verabschiedete sich eilig, der Assistent räumte die Bestecke und die Spritzen weg und knallte die Wagentür zu, man sah, wie er im Fahrzeug die Röhrchen und Phiolen ordnete. Von Spaßeule war nichts mehr zu sehen. Die Primaten sind die Heiligtümer dieses Landes,- rief Igal hinter ihnen her, sie sind untrennbar miteinander verbunden. Die Malereien in den Ruinen sind der Beweis dafür. Von hier und heut geht eine neue epochale…- Weiter kam er nicht. Der Generator hatte sich in Gang gesetzt und zu knattern angefangen, während

der Assistent damit zum Wagen lief. Es war zu sehen, wie der Mann im Fahrzeugaufbau die Kanülen ordnete. Er winkte kurz und das Gefährt rumpelte die Anhöhe hinunter und verschwand. Tokpu und Igal beugten sich über den Affen. Canopus´ Augen standen offen, aber er schien nicht bei Bewusstsein zu sein. Ein Rascheln kam aus seiner Brust. Tokpu griff ihm unter die Arme und hob ihn hoch wie vorher der Kazike den Clown. Der Kopf des Affen sank nach vorn. Tokpu legte ihn auf den Boden, bewegte seinen Kopf, er zog die Augenlider hoch, er drückte seine Backen zusammen und sperrte das Gebiss des Affen auf. Canopus knirschte mit den Zähnen. Auf seiner Zunge, die heraus kam, zeichneten sich weiße Schlieren ab. Im Speichel, der ihm aus dem Mund floss, waren weiße Fäden. Igal tippte mit dem Zeigefinger hinein, roch daran und probierte.
Canopus ist high,- sagte er. Ein paar Minuten später fielen Tropfen aus dem Himmel. Es schien zu regnen, aber es waren nirgends Wolken zu sehen. Tokpu streckte die Hand aus. Alle sahen nach oben. Was ist das?- fragte ich. Die Tropfen schlugen mit leisem Klopfen ringsum auf die Erde, blieben liegen und sickerten nicht in den Boden ein. Igal hob einen auf, zerrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und roch. Fleisch,- sagte er, es regnet Fleisch.- In diesem Augenblick sah man hoch am Himmel einen großen Schwarm von Geiern ziehen. Sie flogen mit Schreien nach Süden. Hotspot, GSM, Tracking Apps und die geschredderte Spirale.-sagte Igal. Tokpu nahm den Affen auf den Rücken. Der Kopf des Tieres kullerte von links nach rechts. (Fortsetzung folgt)

13

Unbekannte Person

Wir hielten vor einen Pfahl mit pfeilförmigen Schildern, auf denen kaum noch lesbare Namen standen, offenbar Ortsnamen. Der Pfeil ragte aus dem Gestrüpp, durch das wir marschierten. Im Umkreis lagen Reste von Brettwurzeln, Stämme fehlten. Der Boden war zerfurcht und verrührt, in den Löchern stand Wasser mit opakem Schimmer, das mannshohe Gestrüpp war vertrocknet oder verfault. Die Schilder waren auf einen Stumpf genagelt und zeigten in alle Himmelsrichtungen, einige nach unten, andere in die Luft. Igal imitierte die Schrägstellung des Pfahls, indem er sich nach links beugte, Tokpu tippte in sein Thuraya und drehte an den Pfeilen. Kanopus schnarchte auf der Erde, er stieß Laute aus, als rülpse er im Traum. Er hatte auf Tokpus Rücken gehangen. Igal bückte sich und hielt das Ohr an seinen Mund. Dopetrip,- sagte er.- Ich versuchte, die Namen auf den Schildern zu lesen. Das waren mal Siedlungen,- sagte Igal. „Nue.. pal…- Nueva Palestina.- Tokpu drehte den Pfeil nach links oben: Fröhliche Himmelfahrt-.

Die Schrift war größtenteils verwittert, die Namen nur noch schwer zu entziffern, manche Buchstaben schienen abgekratzt worden sein. Latif… bul…?-. Laitfundios bulnes, Dekret von 1972, Museum für Völkerkunde,- sagte Igal. Indi …Ped…?- Indio Pedro-. Tokpu wies schräg nach oben. Tote auf Urlaub.- Lac…. ..Sayab..?- Lacana Chansayab: Chirurgische Rräumung.- Tokpu drehte an dem Schild und zeigte nach unten. La cojol…?- La Colojita. Schläft unterm Asfalt.- Nueva arg….?- Nueva Argentina. Ruhe in Frieden.- Bue… Samari….?“- Buen Samaritano? Dumdum.- Nue… pich….?- Nuevo Pichucalco. Umgezont.- Tepe.. el Sus…?-Tepeyac el Suspiro.- Nun seufzen sie wieder.- Nue…Gua…lu…- Nueva Guadalupe. Müll.-

Auf einem Schild, das neuer aussah, standen die Silben: Wai tu-mu. Tokpu untersuchte die Schrift. Was heißt das?- fragte ich. Igal starrte auf das Schild. Tokpu tippte die Silben in sein Thuraya, es gab keine Information dazu. Repulika Sina- stand auf dem Bildschirm. Der Artenreichtum dieser Region…-wollte ich sagen. Tokpu nickte. Die Evolution macht Fortschritte. Die neuen Arten haben ausgestopfte Füße. Der Kaiman steht an der Bar, der Brüllaffe schenkt Kaffee aus und macht die Betten in der Baumhauslounge. Der Tiger frisst Tapas und unsere Überlebenskünstler verhökern ihre Blümchendecken. Wir freuen uns, dass du da bist. Sag uns, wenn du hungrig bist.- Igal fotografierte das Schild.

Als ich den Kreis Ocasango aufrief, erschienen die Silben fa-rot-pu- auf dem Bildschirm. Tokpu und Igal beugten sich über mein Smartfon. Tokpu tippte die Buchstaben in sein Thuraya. Es gab keine Auskunft dazu. Ne neue Kaserne. Sie bauen immer neue. Das Geschäft läuft. – Auf einem weiteren Schild stand narco-cam- in krakeligen Buchstaben. Ich fragte, wo denn nun das Camp war. Wir sind bald da,- sagte Igal. Dort gibt es was zu essen. Die Karten auf den Telefonen sind im Durchschnitt hier nicht länger als drei Wochen gültig. Es regnet Dekrete wie Bonbons im Karneval.- Auf dem Bildschirm meines Smartfons erschien die Silben La LU-. Kurz darauf waren sie verschwunden. Kanopus schnarchte im Schlaf. Er zeigte die Zunge und spreizte die Finger. Er träumt vom Präsidenten,- sagte Igal. Tokpu sah sich um. Wann waren wir zuletzt hier? Die Gegend ist kaum wiederzuerkennen.- Tokpu hängte sich Kanopus auf den Rücken und wir durchquerten das Gestrüpp weiter in westlicher Richtung. Nach ein paar hundert Metern blieben wir stehen. Die Sonne war im Zenit. Das Käppi des Malers war bei dieser Art Hitze lästig. Von irgendwo war Musik zu hören. Sie kam wie aus dem Nichts. Die Töne waren dumpf, als kämen sie aus einem Schalltrichter. Es waren süßliche Klänge. Tokpu zückte sein Thuraya. Die Musik kam aus nördlicher Richtung. Igal hielt sein Smartfon in die Höhe. Das Gestrüpp riss plötzlich ab. Ein seltsamer Anblick bot sich. Hinter einer Absperrung, die so niedrig war, dass man sie ohne Mühe übersteigen konnte, was wir taten, lagen Baumstämme kreuz und quer auf dem Boden. Die Absperrung bestand aus vertrocknetem Astwerk mit Blattresten, das mit Plastikschnüren zusammengebunden war, an denen Wäscheklammern hingen. Die Stämme waren teilweise entrindet. In dem Areal dahinter standen in symmetrischen Abständen Toilettenschüsseln, die unbenutzt aussahen. Einige standen auf Kommoden oder Podesten. Kanopus reckte sich, sprang auf, durchquerte das Gelände und ließ sich auf einer der Schüsseln nieder, wo er Laute des Behagens ausstieß und im Sitzen die Arme kreuzte.

Die Schüsseln waren nur ein kleiner Teil der Darbietung. Sie bestand zur Hauptsache aus einer Ansammlung von Mobiliar: Vitrinen, Barhockern, Tischen, Waschbecken, Spiegeln, Wandschränken , Loungesets, Schirmständern, Kommoden, Liegen, Futons, Deckenleuchten, Fernsehsesseln, Wandhalterungen, Matratzen, Lattenrosten, Garderobenständern, Servierwagen. Dazwischen standen Zierfiguren: Tukane aus Plastik, Tapire, Jaguare, Buddhas aus Tuff, die ihre Bäuche streichelten, Weinflaschenhalter als Jagdgewehre, Gorillas mit Silberhaar, Rehkitze mit Kulleraugen. Alles musste schon eine Weile dagestanden habe, es war teilweise verwittert, manches war mit Planen bedeckt, aber alles war geordnet.

Das Mobiliar war so verteilt, dass ein Rundgang entstand, auf dem man von einem Stück zum nächsten wandern konnte. Die Stämme dazwischen waren sauber abgeschnitten. Reste von Brettwurzeln kamen aus dem Erdreich. Dazwischen ragten die Garderobenständer in die Luft. Der Boden war teilweise mit Sägespänen bedeckt. Auf den Gängen zwischen den Möbeln waren ein paar Besucher unterwegs. Wir blieben vor der Schüssel stehen, auf der Kanopus die bequemste Sitzweise probierte. Tokpu betrachtete sich in einem Konvexspiegel. Ich stieß einen Garderobenständer um. He, hallo!- rief jemand von weiter hinten. Der Mann machte uns Zeichen, die zu bedeuten schienen, dass wir das Gelände zu verlassen hätten. Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander, machte Miene heranzulaufen, kehrte aber wieder um. Eine Familie mit Kindern wanderte durch den Parkour.

Die Frau in einem bunten Sackkleid blieb vor einer Kommode stehen, zog einen Kamm aus der Tasche und betrachtete sich im Spiegel. Wir sind am Ziel,-hörte man sie sagen. Sie sprach laut und quasi vor sich hin. Sie war stattlich und trug mehrere Plastiktüten. Sie setzte sich auf den Schemel vor der Kommode und begann, sich zukämen. Sie war versunken in den Vorgang und drehte ihren Kopf nach allen Seiten, so dass sie ihr Gesicht im Spiegel aus verschiedenen Perspektiven sehen konnte. Was soll das?- fragte ihr Mann, der neben ihr zu stehen kam. Wir sind Tomatenpflücker- Ich probiere meinen Lippenstift.- Ihre Utensilien hatte die Frau in einem Beutel bei sich, den sie aus einer der Plastiktüte zog. Das hier ist die Gelegenheit,- erklärte sie, ein Stummel ist noch da.- Selbst noch in einem Möbelhaufen finden Frauen die Gelegenheit zum Schminken.- Wo denn sonst?-sagte die Frau. Man möchte meinen, du bist hier verabredet.- Allerdings, das bin ich.- Und zwar mit wem, wenn man fragen darf?- Mit meinem Lippenstift.- Der Ehemann schien Schwierigkeiten mit dem Gehen zu haben, er war klein und rundlich, sein linkes Auge war geschwollen. Wer wollte in dieses Möbellager?- Ich,- sagte die Frau. Ich nicht.- Wir sind also am Ziel.- Auf dem Tomatenstrich in USA hab ich von diesen Sachen hier geträumt.- Schön,- sagte der Mann, träumen wir. Ich werde mich an diesem Ort zur Ruhe setzen und meinen Lebensabend lang die Zeitung lesen. Der Mann stellte ein Toilettenbecken auf ein Podest, dessen Funktion nicht zu erkennen war, und ließ sich darauf nieder. Komm da runter!-rief die Frau. Du bist überall zu sehen, es sieht idiotisch aus!- Hier sitz ich auf dem Thron der menschlichen Hygiene. Mich umweht der Wohlgeruch der Zivilisation.- Der Tomatenpflücker zog sein Smartfon aus der Tasche und rief Cerveza!- in den Bildschirm-. Welche Marke?- fragte das Telefon. Bitte!- rief die Frau, wir sind im Land der Kahlo und nicht in einem öffentlichen Klo.- Kanopus auf der Schüssel daneben fixierte das Smartfon. Möchtest du etwas sagen?- fragte der Mann den Affen. Kanopus zeigte die Zähne. Wozu hat man diese Dinger denn hier aufgestellt, wenn nicht, um darauf Platz zu nehmen?- Ich frage, siehst du sonst jemanden hier auf einer dieser Schlüsseln sitzen?- Eine Menge,- sagte der Mann, man sieht sie nur nicht. Sie sind das unsichtbare Heer der Unsichtbaren auf dem Weg, sie werden bald da sein, sofern sie nicht gerade an der Mauer kleben. Außerdem haben wir bezahlt-. Die Frau wandte sich ab. Das hier war unser Ziel! Eine Sammlung herumstehender Möbel.- Dummkopf.- Kanopus horchte auf ein Geräusch von weiter her, er spukte aus und griff sich an die Nase.

Jetzt kam der Wachmann näher. He, hallo, das hier ist ein Erlebnispark, Sie können hier nicht einfach rein. Bitte folgen Sie mir nach vorn zur Kasse.- Er trat von einem Bein auf das andere und stemmte die Arme in die Seiten. Bekleidet war er mit knielangen quergestreiften Shorts und einem T-Shirt unter einem Jackett mit Bordüren, über seiner Stirn stand sein Haar steil in die Höhe. Der Eintritt kostet oder Sie verlassen bitte das Gelände.- Wir haben keine Absperrung entdeckt,- erklärte Igal. Tokpu hielt dem Mann den Bildschirm des Thuraya hin. Der Wachmann schüttelte den Kopf und wiederholte seine Aufforderung. Die beiden sahen an ihm vorbei. Der Wächter setzte eine Trillerpfeife an und blies. Der Pfiff war durchdringend.

Die Kinder des Ehepaares rannten zwischen den Möbeln herum, tanzten vor den Spiegeln, schnitten Grimassen, schaukelten an den Garderobenständern, schoben die Servierwagen umher und kletterten auf die Kommoden. Kinder, benehmt euch!-rief die Mutter. Ihr seid in einer ….- Die Frau stützte ihren Kopf in die Hände und beugte sich vor dem Spiegel nach vorn. Hey, Boss, die Leute hier…- Der Parkwächter stieg auf eine Kommode. Der Ehemann auf seinem Sitz zog eine Zeitungsseite aus der Tasche, faltete sie auseinander und hielt sie in die Höhe. Tausend Müllmänner gesucht, ich hab mir diese Seite rausgerissen und trage sie in meiner Hose mit mir rum: die Seite eins der New York Times: Amerika versinkt in seinen selbstgemachten Düften: zehntausend Männer, aber keiner kommt. Brüllmann, was sagst du dazu?- wandte er sich an Kanopus. Der Affe war von seiner Schüssel geglitten. Man sah ihn weiter hinten in den Möbeln. Er blieb stehen, um zu horchen, er hielt die Hand ans Ohr und horchte wieder, dann verschwand er.

Die Tochter des Paares in einem bunten Überwurf kam mit einer Puppe, die sie triumphierend in die Höhe hielt. Guckt mal! Hab ich gefunden. Das ist Mia.- Die Puppe war zerlumpt. Sie steckte in einem Kleid aus braunem Sackleinen, hatte einen großen gelben Kopf und schlohweißes Haar, das in Strähnen von der Stirn hing. Ihr Mund stand offen, die Augen waren große braune Knöpfe, die auf Blindheit schließen ließen. Das Gesicht hatte den Ausdruck zombiehafter Schläfrigkeit. In der ausgestreckten Hand hielt sie in ein Geldstück aus Eisen. Woher hast du das?-fragte die Mutter, die von ihrem Stuhl aufstand. Sie heißt Mia,- rief das Mädchen. Vernünftig angezogen werden möchte sie. Das Kleid ist hässlich! Und eine Decke möchte sie. Sie hat Hunger. Nicht wahr, Mia?- Der Bruder kam heran und betrachtete die Puppe, die das Mädchen an die Brust gedrückt hielt. Das ist ne Missgeburt,- erklärt er. Gar nicht!-schrie das Mädchen, mein Liebling, lass dich nicht beleidigen, er ist ein Junge und so dumm.- Woher hast du die, Paloma?- Sie war in einer Schublade. Da war es schmutzig, die Käfer krabbelten auf ihr. Ich hab sie sauber gemacht.- Das Mädchen hielt den Kopf der Puppe an sein Ohr. Die ist krank,- sagte der Bruder, was ihr fehlt, sieht der Fachmann auf den ersten Blick.- Leg sie zurück!- rief die Mutter. Sie gehört dir nicht. Hast du gehört?- Das werde ich nicht!-schrie das Mädchen. Die Mutter stand auf. Das Mädchen verschwand in den Möbeln. Wenn du sie behältst, bist du eine Diebin und wir werden bestraft.- Mir doch egal!- Wir müssen weiter. Komm jetzt da raus!- Ich denke nicht daran!- Nicht ohne Mia.- Die Stimme klang jetzt dumpf. Hey Boss!- rief der Parkwächter, seine Trillerpfeife schrillte.

Zwei Herren kamen näher. Trotz der möblierten Enge schritten sie aus und sprachen sehr schnell miteinander. Sie sahen sich um, als ob sie etwas suchten und blieben in der Nähe der Kommode stehen, wo die Frau sich schminkte. Guten Tag,- sagte der eine. Die Frau nickte. Sie war mit ihrem Lippenstift beschäftigt. Die Herren kommunizierten in einer Art Gebärdensprache. Einer trug eine Bundhose mit Reflexstreifen und einen Jockeyhut aus Hartplastik in Gelbrot, der andere ein Polohemd mit der aufgedruckten Flagge einer unbekannten Nation, darüber ein Jackett mit Karos. Sie stiegen auf eine Kommode und blickten in die Runde. Das ist ja schlimmer als der Dingsda.-Welcher Dingsda?- fragte der andere. Das Gelände ist von hier nur schwer zu überblicken. Steigen wir auf diese Dinger.-Die Herren stellten zwei Toilettenbecken mit der Öffnung nach unten auf eine Kommode und kletterten hinauf. Die Konstruktion war instabil, daher balancierten sie, indem sie mit den Armen ruderten.

Das Zeug hier muss zu einem Zeitpunkt angeliefert worden sein, als die Bäume schon am Boden lagen. Vielleicht ist alles damit zu erklären, dass die Bestellung zu spät eintraf oder falsch verstanden wurde,- sagte der Herr mit dem Jockeyhelm. Oder die Bäume wurden so kurzfristig abgesägt, dass die Spedition mit der Lieferung zu früh kam. Wobei zu klären bleibt, warum das Unternehmen seinen Sitz auf diese Insel im Südpazifik verlegt hat.- Und diese Becken. Wer kommt auf die Idee, eine solche Masse von Toiletten zu bestellen und dann auch noch zu liefern?- Am Telefon war jemand, der nicht lesen und nicht schreiben konnte.- Die Insel wird allmählich überflutet. Wie kommt denn das?- Man vermutet, dass der Rücktransport der Sachen nicht rentabel war.- Kann aber auch bedeuten, dass die Firma den Transport vornahm, obgleich bekannt war, dass die Bäume schon am Boden lagen.-Auf dem Anrufbeantworter hört man eine Insolvenz.- Das Transportunternehmen?- Nein, das Touristikunternehmen.- Das Zeug muss jedenfalls hier weg, und zwar so schnell wie möglich. Asphaltierung! Das Gebot der Stunde. Die neuen Strecken werden quer durch die Bewaldungsreste zu den Ruinen Bonampaks verlaufen. Japan ist mit von der Partie. Riechen sie das auch?-

Kommt, Kinder,- rief der Vater, ich erzähle euch das Märchen von der Wanderschaft des Kleiderschranks zum Kommodenspiegel und dem Garderobenständer.- Möglicherweise verdeckt der Kerl mit seinem Zirkus hier das Holz und macht später Geld damit. Das Holz hat seinen Wert.- Die Herren balancierten. Sie lügen!- rief der Parkwächter, der herangekommen war, das hier ist ein Erlebnispark. Die Präsentation erfolgt nach den Methoden der Museumskunst. Sämtliche Möbel wurden auf den Märkten der Region rechtmäßig erworben.- Der Mann ließ seine Trillerpfeife schrillen. Nun hören Sie schon auf mit dem Geplärre,- sagte der Herr mit dem Jockeyhut. Ihr sogenannter Chef hat abgedankt. Das werden Sie bald sehen.- Letze Meldung aus der New York Times!- rief der Tomatenpflücker, indem er seine Zeitung hochhielt: Das Wasser steigt, die Stadt versinkt, das Volk der Ratten kommt herauf und wählt sich einen König!- Das Eigentum an diesem Mobiliar ist nicht geklärt,- sagte der der Herr mit der Flagge auf dem T-Shirt. Caterpilar,-sagte der andere.- Es handelt sich hier außerdem um eine ökologische Ressource!-rief der Parkwächter dazwischen. Er stand jetzt unter der Kommode, auf der die Herren balancierten, die Möbel haben eine ökologische Bedeutung.- Humor, er hat Humor,- sagte der Herr mit dem Plastikhut. Paloma!- die Mutter war auf die Kommode gestiegen, vor der die sich geschminkt hatte. Paloma! Komm sofort da raus, wir müssen weiter!- Der Kopf des Mädchen erschien in einiger Entfernung über einem Schrank, daneben der der Puppe und verschwand sofort wieder. Ihr könnt mich,- hörte man die Stimme. Komm raus oder dein Bruder wird dich holen.- Blöder Sack!-. Na gut, dann bleibst du eben hier. Lollo, hol sie da raus.- Die beiden Herren stiegen von ihrem Aussichtspunkt. Am Eingang des Areals standen zwei große Wohnzimmerschränke ohne Türen. Sie waren so platziert, dass in der Mitte ein Durchgang frei war. Dies war der Eingang zu dem Park. Auf einem Schild darüber stand in der Schrift einer Zirkusankündigung: „ Ausstellung für möblierte Zivilisation“-. Ein paar Menschen in indigener Ausstattung hatten sich versammelt, es war nicht klar, ob sie den Park betreten wollten. Sie standen unschlüssig da.

Der Inhaber hatte einen Stuhl bestiegen und führte eine Art Willkommensgeste aus. Außerdem schien er eine Ansprache zu üben, über deren Inhalt er sich noch nicht ganz im Klaren war. Zwischen den Sätzen machte er Pausen, als müsse er noch überlegen: Ihr Wanderer auf euren Zügen ohne Möbel, ihr Heimatlosen ohne Kühlschrank und Garderobenständer…. ohne Stuhl und Tisch …, herein in meine… oder besser, tretet ein in diese… diese Hoffnung, …die mehr ist als ein unmöbliertes Jammertal… und seht…was euch …oder besser…- Hey, Boss!- rief der Parkwächter dazwischen. Gutzy,- sagte der Mann, er drehte sich kurz um, schien uns aber nicht wahrzunehmen. Seine Gesichtsfarbe changierte zwischen Gelb und Grau. Störe mich jetzt nicht, mach alles, wie du denkst. Ich bin beschäftigt, wie du siehst. Sprich von Wohltätigkeit, wenn dir jemand dumm kommt oder mache einen Preis, so wie du es nach seinem Äußeren beurteilst.- Der Mann hielt inne, stieg von seinem Stuhl und kam auf uns zu. Sein Anzug mit zu langen Hosenbeinen war seltsam prätentiös, er trug ein Managerhemd und eine darauf abgestimmte Krawatte, Schuhe an denen Erdklumpen hingen, die aber geputzt waren. Auf seinem Kopf saß ein Hut, dessen Form an einen Blumentopf erinnerte. Über seinen Hemdkragen lappte ein Schwall Haare, sein Schädel hatte die Form einer Elypse, die Nase war rot und fleischig.

Während er auf uns zukam, hob er die Arme. Was sehen meine völkerkundlich durchtrainierten Augen? Zwei Angehörige des Stammes der Lakandonen. Was sagen Sie zu meinem Park?- Grandios,- sagte Igal. Wo haben Sie denn all die wunderbaren Schüsseln her?- Der Mann zog drei Schemel heran. Grützkorf, Ballettlehrer, Volkskundler, Biologe, vor allem aber Ballettlehrer. Bedauerlicherweise interessiert sich hierzulande kaum ein Mensch für diese Kunst, die doch die größte aller Künste ist. Und wer ist diese Dame, wenn ich fragen darf?- Eine Kriegerin unseres Stammes,- sagte Igal. Und diese grüne Haare?-Tarnung.- Tokpu tippte etwas in den Bildschirm. Bitte Platz zu nehmen. Der Mann nahm eine Thermoskanne und holte drei Pappbecher aus der Lade eines Tischchens, auf dem eine verbeulte Nachttischlampe stand. In diesen krisenhaften Zeiten muss man auch im Urwald eine Schneise für die Zivilisation…- Wo ist denn hier der Urwald?- fragte ich. Chef,-unterbrach der Parkwächter, die Leute haben nicht gezahlt.- Gutzy, als Absolvent der Banklehre sollte dir bekannt sein, dass nicht alles, was existiert, sich ausschließlich um Geld dreht. Sehen Sie sich das an.- Der Ballettlehrer deutete auf die Möbel seines Parks. So viel intaktes Mobiliar darf man nicht ungenutzt verkommen lassen. Und wir haben Kundschaft!- Er wies auf den Tomatenpflücker-Vater, der seine Zeitung zusammenfaltete und von seiner Schüssel aufstand. Natürlich spricht nicht eben viel für ein Unternehmens wie dieses hier im Dschungel eines Landes, dessen Staat gewissermaßen nicht mehr existiert. Andererseits: der Markt! Der Markt ist überall, kein Fliegenbein entgeht ihm. Und er verlangt das Risiko. Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Als Originale stehen Sie beide für das lokale Kolorit. Können Sie tanzen? Ich spiele mit dem Gedanken, hier eine Balletschule zu eröffnen. Ballet und indigene Tänze kombiniert, also eine ganz moderne Form.- Natürlich,- sagte Igal. Ich tanze Dahimbimbi.-Ist das ein genuiner indigener Tanz oder nur so ein Diskoquatsch?-fragte Grützkorf. Tokpu stand auf, warf den Oberkörper nach hinten und schwang die Beine in Verrenkungen nach seitwärts. Der Tanz der abgeschnittenen Hundefüße,- sagte Igal, Voodoo.- Dann passen Sie vielleicht in mein Konzept. Tanzen Sie auch nackt?- Natürlich, Nacktheit ist der Stil des Primitiven.- Soweit mir bekannt ist, tragen beim Stamm der Lakandonen die Männer weiße Tunikas und montieren sich so komische Zigarren unters Kinn, darauf müssten Sie verzichten. Sie können aber statt des Kittels einen Lendenschurz benutzen. Der hiesige Kommandeur hat eine Schwäche für Ballett, daher habe ich gewissen Freiraum. Und wie Sie sehen, ist unsere Kundschaft international. Sie besteht aus Angehörigen der großen Mauer, aus arbeitslosen Tagelöhnern, Motorsägen, die hier Mittagspause machen, Enteigneten, Goldschürfern, Coca-Cola- Lieferanten, Bauern ohne Land, Kreuzfahrttouristen, Wandervögeln, Rollstuhlfahrern, Ökotrollen, Afrikanern und sogar Brüllaffen, wie man sieht. Neulich war ein Millionär dabei, aus USA. Er war begeistert. Er bewunderte den ethischen Primat der Sache. Er spielt mit dem Gedanken, hier zu investieren. Die Leute kommen aus den unterschiedlichsten Kulturen, Trends und Traditionen. Aber eines brauchen alle: Möbel, Inbegriff der Zivilisation.-

Grützkorf macht eine Pause. Tokpu wandte sich ab und tippte etwas in Bildschirm. Er öffnete den Mund und schien etwas sagen zu wollen. Er verschluckte sich, schloss die Augen und schwieg. Er kann tanzen, aber er kann nicht sprechen…?- Die Frauen, die am Eingang des Parks gestanden hatten, näherten sich zögernd. In ihren ausladenden Röcken bewegten sie sich wie große Puppen. Sie hatten bunte Schultertücher um den Hals. Auf ihren Köpfen saßen oder hingen Bowlerhüte. Ihre Körperlichkeit war so umfangreich, dass es aussah, als trügen sie unter ihren Röcken weitere Kleider. Eine trug einen schwarzen Rock, der aus Vinyl zu sein schien, ihr Gepäck bestand aus Jute- oder Plastiksäcken. Sie schoben sich vorbei, ohne uns anzusehen. Spargel,- sagte Igal oder Blaubeeren.-

Willkommen, meine Damen, im Palast der Wohnkultur,- rief Grützkorf. Treten Sie ein, erleben Sie, was Sie noch nie gesehen haben-, fuhr er in fehlerhaftem Spanisch fort. Die Frauen betrachteten die Möbel in einer Mischung aus Ratlosigkeit, Verlegenheit und Neugier. Sie schienen nicht zu verstehen, wohin sie hier geraten waren. Für die Besichtigung erbitte ich mir einen Obolus. Können Sie bezahlen?- Die Frauen blieben stehen und sagten nichts. Der Kopf des Affen tauchte hinter einem Schrank auf, Kanopus grinste und verschwand wieder. Vergessen Sie, was Sie bisher wahrscheinlich von der Welt gesehen haben, das hier ist eine Ausstellung der besonderen Art. Die Frauen schwiegen. Ich werde Sie jetzt fotografieren,- erklärte Grützkorf. Das ist Ihr Eintrittspreis. Er stellte die Frauen in einer Reihe auf, indem er an ihren Kleidern zog und fotografierte sie der Reihe nach mit seinem Smartfon. Ich arbeite mit Gesichtserkennung. Davon merken diese Leute nichts. Sie zahlen erst einmal, soviel sie können. Händi?- Eine der Frauen öffnete einen Lederbeutel und holte ein altes Mobiltelefon heraus. Grützkorf probierte die Knöpfe. Da funktioniert ja überhaupt nichts mehr. Noch eines?- Grützkorf nahm das nächste Handy in Empfang und probierte wieder. Ebenfalls unbrauchbar. Null Peso, noch eins?- Eine dritte Frau übergab ihr Handy, es war noch älter als die anderen. Eine öffnete ein Täschchen und nahm einen Geldschein heraus. Grützkorf betrachtete die Note. Der alte Porfirio,- sagte er, der Schein ist schon seit langem nicht mehr in Gebrauch.…. Dort entlang die Damen!- Die Frauen zerstreuten sich ziellos zwischen den Möbeln. Die Leute werden sich hier in der Gegend niederlassen und veräußern irgendwann, was sie gebastelt haben. In Europa landet es dann auf dem Müll. Auf meinen Rundgängen finde ich sie aber und dann bitte ich zur Kasse.- Chef, sehn Sie die da hinten?- rief der Parkwächter, er wies auf die beiden Diskutanten, die einen Schrank öffneten, hineinsahen und die Türen mit einem Krachen wieder zuschlugen. Sie behaupten, die Ausstellung werde in Kürze weggeräumt.- Grützkorf sah hinüber. Kein Grund zur Sorge, Gutzy. Wir hatten solche Leute hier schön öfter. Das sind Spekulanten. Sie schleichen herum und suchen Spekulationsobjekte. Hier wird mit allem spekuliert, was nicht niet- und nagelfest ist.- Die Familie mit den beiden Kindern näherte sich jetzt dem Parkausgang. Das Töchterchen schien sich beruhigt zu haben. Werte Gäste,- sprach Grützkorf die Familie an. Darf ich Sie fragen, welchen Eindruck dieser Park auf Sie gemacht hat?- Nicht schlecht,- sagte der Vater. Mittelmäßig? Gut? Hervorragend?- Vor der Kommode mit dem Spiegel habe ich mich wohl gefühlt, gewissermaßen heimisch,- sagte die Frau. Freut mich sehr,- sagte Grützkorf. Und Sie?- Der Tomatenpflücker hüstelte. Die Sitzgelegenheiten sind sehr elegant, sie produzieren, wenn ich das so sagen darf, ein Völlegefühl im Bauch, auch wenn man nichts gegessen hat.- Und weiter?- fragte Grützkorf. Sie könnten als Orakel gelten: Millionen Menschen auf der Erde haben kein Klosett. Das wird die Pandemien beschleunigen. Tatsächlich?- sagte Grützkorf. Er schien zufrieden und notierte.

Der Bruder puffte seine Schwester in den Bauch. Etwas fiel aus dem Kleid des Kindes. Lass das!- schrie das Mädchen. Grützkorf bückte sich und hob das Teil auf. Was ist denn das? Hat die Kleine etwas mitgenommen. In den Kommoden können alte Sachen liegen. Das bedeutet nicht, dass der Park sein Anrecht auf sie aufgegeben hat, sie sind nicht herrenlos.- Hast du etwas eingesteckt, Paloma?- Das Mädchen gab keine Antwort. Gutzy, bitte mal das Kind durchsuchen.- Chef, was soll das Mädchen denn genommen haben?- Durchsuchen,- wiederholte Grützkorf. Nee, Chef, das fällt nicht in mein Ressort.- Der Vater nahm seine Tochter auf den Arm. Paloma presste ihre Hände auf den Bauch. Ein Bein mit einem Schuh am Fuß fiel aus dem Kleid. Das Mädchen rannte in den Park zurück und verschwand zwischen den Möbeln. Grützkorf fixierte das Fragment, er bückte sich, hob es auf und drehte es in den Händen hin und her. Seine Augen wurden größer. Das ist ….das Bein einer Balletteuse, das Bein meiner Eulalie. Herrgott, zerstückelt, abgetrennt im Dschungel dieses gottverlassenen Landes! Woher hat sie die? -wandte er sich an die Mutter. Gutzy, holen Sie das Mädchen aus dem Park. Ich muss die Puppe wiederhaben und wenn es nur die Reste sind.- Der Parkwächter verschwand wortlos in den Möbeln. Was ist denn los?- fragte der Vater.

An Eulalie hängt mein Herz, sie ist das letzte Exemplar der Serie Balletteuses Funerables. Ihre Produktion wurde vor langer Zeit beendet, deshalb besitzt sie einen unschätzbaren Sammlerwert.- Paloma!- rief der Vater. Auch die Mutter rief. Der Kopf des Mädchens kam in einiger Entfernung über einem Schrank zum Vorschein und verschwand sofort wieder. Grützkorf barg das Fragment in einem Frischhaltebeutel. Von Zeit zu Zeit hörte man die Stimmen des Parkwächters. Dann lief auch der Bruder in den Park hinein. Von außen sah er nicht besonders kompliziert aus, wurde aber unübersichtlich, wenn man zwischen den Möbel unterwegs war. Die Köpfe des Wächters und des Vaters kamen hier und da zum Vorschein. Man hörte auch die Stimme der Paloma. Dann bleib es still. Grützkorfs Ungeduld wuchs. Plötzlich kam der Kopf Kanopus´ zum Vorschein. Hallo?- rief Igal, guck mal, ob du irgendwo ein kleines Mädchen siehst.- Weitere Minuten verflossen, Grützkorf sah auf seine Uhr. Er rief den Namen des Parkwächters. Niemand antwortete. Noch fünf Minuten und ich sehe mich gezwungen, die Ordnungsmacht zu alarmieren.- In jedem Spielzeugladen finden Sie solche Puppen,- sagte die Mutter, das Ding ist keinen halben Peso wert.- Der Wert der Puppe ist nicht materiell.- Grützkorf zog sein Smartfon aus der Tasche und wischte über den Bildschirm. Er stieg auf einen Stuhl. Noch fünf Minuten, dann ist Schluss.- Ein Indigener und ein Kind erschienen am Eingang des Parks. Der Mann trug nichts am Körper außer einem windelartigen Gebilde. Von seinem Kopf hing eine Decke, die ihm bis auf die Hüften reichte. Sein Gesicht war mit den Resten einer farbigen Bemalung bedeckt. Er war barfuß und trug einen Regenschirm, aus dem die Speichen ragten. Das Kind puhlte Bananenreste aus einer Schale. Die beiden kamen näher und ließen sich auf den Stühlen am Parkeingang nieder. Hallo!-rief Grützkorf, bitte bleiben Sie zurück, der Park ist vorläufig geschlossen. Die beiden reagierten nicht. Nachdem sie sich auf dem Boden ausgestreckt hatten, schienen sie zu schlafen.

Weitere Minuten verstrichen. Von den Suchenden war nichts zu sehen, obgleich die Mutter wieder rief. Grützkorf sah auf seine Uhr. Noch zwei Minuten,- sagte er und dann ist Schluss. Er stieg auf einen Stuhl und von dort auf einen der Kleiderschränke am Eingang des Parks. Er war dort weithin sichtbar und übersah seinerseits auch das Gelände. Erneut betätigte er eine Nummer seines Smartfons, er zog ein Tuch aus der Tasche, mit dem er jemandem winkte, der vorerst nicht zu sehen war und blickte in die Ferne. Ein paar Minuten später hörte man das Dröhnen von Motoren. Drei Militärfahrzeuge bremsten vor den Schränken und stießen sie fast um. Soldaten in Kampfanzügen saßen in den Humvees. Sie stiegen nicht aus, sondern betrachteten den Völkerkundler, der sie mit in die Seite gestemmten Armen selbstbewusst fixierte. Die Soldaten stiegen langsam aus, ließen die Türen ihrer Humvees offen und umringten Grützkorf auf dem Schrank. Tokpu hatte sich, als er sie kommen sah, hinter einer Kommode versteckt. Der Kommandant, von untersetzter Konstitution, mit Händen wie Schaufeln und einem Charakterkopf von beinah viereckigem Gepräge, blieb unter dem Schrank stehen und sah zu Grützkorf hinauf. Wortlos streckte er die Hand aus.

Was gibt’s denn eigentlich?-fragte der Ballettlehrer. Einer der Soldaten nestelte am Halfter seiner Waffe. Enrique?- fragte Grützkorf. Telefon!-befahl der Kommandant. Wie?- fragte Grützkorf. Runter da und Telefon!- wiederholte der Militär im Ton eines Befehls. Grützkorf stieg von seinem Schrank und händigte sein Smartfon aus. Die vier Soldaten nahmen ihn in ihre Mitte. Woher haben Sie diese Nummer?- Der Kommandant tippte auf den Bildschirm. Das ist die Nummer der lokalen Polizeistation, ich habe nur die Nummer der lokalen Polizeistation gewählt.- Der Coronel probierte auf dem Bildschirm. Diese Nummer gehört zu einem Code.- Das muss eine Verwechslung sein.- Grützkorf wischte sich die Stirn mit seinem Taschentuch. Der Coronel probierte weiter. Wählen Sie diese Nummer,- sagte er zu einem der Soldaten, den er als Tifosio ansprach. Der Soldat wählte die Nummer. Ein paar Sekunden später ertönten in der Nähe dumpfe Knallgeräusche. Alle Anwesenden sahen in die Richtung, aus der sie kamen. Zwei Soldaten gingen in die Hocke.

Dann sahen alle in die Höhe. Verdammt, wie kommt diese Nummer in Ihr Telefon?- Das ganze Manöver wurde möglicherweise gehackt, mein Coronel, – erklärte Tifosio. Handschellen,- sagte der Coronell und wies auf Grützkorf. Ein Soldat begab sich zu den Humvees. Es stellte sich heraus, dass man die Handschellen nicht dabei hatte. Wie heißen Sie? Was tun Sie hier und wie kommt diese Nummer in Ihr Telefon? Binnen Stunden sitzen Sie im Knast und da sind Ratten.- Um Gottes Willen!- schrie Grützkorf. Er fiel beinah in Ohnmacht. Die Nummer augenblicklich löschen!- Natürlich, aber ich kenne die Funktionen des Geräts überhaupt nicht. Alles was ich kann, ist eine Nummer wählen. Ich hab das Ding von jemandem geschenkt bekommen, der vorgestern hier durchkam. Aha!- sagte der Coronel. Geheimdienst, was?- Das weiß ich nicht und nehme es nicht an.- Tifosio, Sie sind Spezialist, löschen Sie die Nummer oder besser alles, was da drauf ist, anschließend wird das Ding verbrannt.- Tifosio betätigte die Telefonfunktion: Er drückte, wischte und presste mit beiden Händen oder nur mit einer auf dem Bildschirm, von oben nach unten, von rechts nach links und wieder umgekehrt. Ausweis,- sagte der Coronel. Grützkorf zeigte seinen Pass. Pronto,- sagte Tifosio nach einer Weile, die Nummer ist gelöscht.- Der Soldat übergab das Telefon dem Coronell. Minuten später war das Artilleriefeuer erneut zu hören, jetzt aus der näheren Umgebung. Alle fuhren herum. Ich hielt mir die Ohren zu und überlegte, wo ich mich in Deckung bringen konnte. Nur der Coronel blieb stehen. Paloma, komm da raus!- Die Mutter schrie in Panik und lief in den Park hinein. Gleich darauf erschien am Horizont ein dunkelgrüner Militärhubschrauber, der im Tiefflug näher kam. Alle starten ihm entgegen. Je näher er herankam, desto steiler ging er in den Tiefflug über. Alle duckten sich zu Boden. Von der aufgewirbelten Luft standen allen die Haare zu Berge. Der Coronel winkte In die Luft und fluchte in sein Walkie-Talkie in einem Spanisch, das ich nie gehört hatte. Grützkorf rang die Hände. Ich bin doch der mit dem Ballett, Herr Kommandant, wo ist denn der Enrique?-

Die Nummer ist schon wieder auf dem Bildschirm. Tifosio hielt dem Coronel das Smartfon hin. Der warf es auf die Erde. Tifosio hob es auf und probierte auf dem Screen herum. Bei manchen Typen ist die Wischfunktion ersetzt. Man drückt und wischt in einem ganz speziellen Rhythmus, das ist noch bequemer. Es gibt aber Modelle, auf denen man von links nach rechts wischt oder schräg nach oben, das hängt von der Version ab. Gesichtserkennung nicht vergessen, Coronell. Vielleicht hat uns das Ding noch nicht einmal erkannt und wir sind nicht im Netz.- Zum Teufel, ist hier jemand, der sich mit diesen Dingern auskennt?- Der Coronel hielt Grützkorfs Smartfon in die Luft, als suche er den Himmel ab.

Da hüstelte Tokpu hinter seiner Kommode. Zögernd kam er zum Vorschein, indem er sein Thuraya hoch hielt wie eine Art Monstranz. In kleinen Schritten näherte er sich den Soldaten. Der Coronel beäugte ihn mit verhaltener Antipathie. Tokpu zeigte sein Thuraya. Das ist ein Satellitentelefon,-sagte Igal und erklärte die Funktionen. Die Soldaten pfiffen durch die Zähne. Model?- fragte Tifosio. Wer bist du und was tust du hier?-fragte der Coronel. Tokpu öffnete den Mund, aber es kam kein Laut heraus. Igal klärte die Lage. General….- sagte er. Er erwähnte auch das kleine Mädchen und die Puppe und dass es sich dabei um ein besonderes Werkstück handele, nämlich um ein Sammlerexemplar von großem Wert aus einer eingestellten Serie. Grüztkorf ging dazwischen. Ich bin kein General, ich bin Zwei-Sterne-Teniente und Coronel der Infanterie. Man sieht es an dem Scharlachrot auf meinen Arm. Igal stellte die Hacken zusammen und salutierte. Tokpu folgte seinem Beispiel. Die Generäle tragen Gold bei uns, hellbraun ist der Generalstab und die Präsidentengarde, rotbraun die Quartiermeister und die Materiales de Guerra, grün die Militärpolizei und Gouverneure, hellbraun die Transporte, blau die Ingenieure, hellblau die Kavallerie, die Luftwaffe und die Fallschirmbrigaden tragen Lila, grau ist die Rüstung, sehr grau die Intelligenz, rostbraun die Bauverwaltung und die Armeeintendanz.- Verstanden,- sagte Igal und salutierte erneut. Tokpu folgte seinem Beispiel. Nochmal: wer seid ihr und was tut ihr in der Gegend?- Wir sind Lakandonen und auf dem Weg zu einem Einsatzcamp der Baumbewahrer.-Tokpu tippte etwas in den Bildschirm des Thuraya. Igal übersetzte: Rufen Sie die Nummer auf und sagen Sie dem Telefon: Lösche diese Nummer. Der Bildschirm muss dabei direkt angesprochen werden und auf Englisch. Fixieren Sie ihn und sprechen Sie die Ziffern einzeln deutlich aus.- Tifosio übernahm die Prozedur. Er rief die Nummer auf und sprach die Ziffern einzelnen deutlich in das Händi, indem er unverwandt gerade in den Bildschirm sah. Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Alle starrten auf das Smartfon und den Bildschirm. Nach einer Weile sagte eine weibliche Computerstimme in monotonem Englisch: Diese Nummer ist Google nicht bekannt. Löschen fehlgeschlagen, registriere dich für einen Neustart deines Android.- Der Coronel wurde rot im Gesicht. Was soll der Quatsch? Sind die verrückt, die Silikonidioten?- Nochmal: was für ein Camp und was für Baumbewahrer? Was habt ihr in der Gegend hier verloren?- Statt einer Antwort stellte Tokpu sein Thuraya an und rief ein Kriegsspiel auf den Bildschirm. Auf dem Gerät ging ein Gefechtslärm los. Das schien zu genügen, um den Coronel vorerst von seiner Frage abzulenken. Die Soldaten pfiffen durch die Zähne. Sie zückten ihre Smartfons und luden gleichfalls Spiele auf den Bildschirm. Der Screen des Satellitentelefons war allerdings bedeutend größer und blieb daher im Zentrum des Interesses. Igal erklärte die Funktionen. Der Gefechtslärm auf dem Thuraya übertönte den des Miltärmanövers, das sich entfernt zu haben schien. Der Coronel zeigte sein Interesse ohne Worte und beugte sich über den Bildschirm des Gerätes. Ich fragte mich, wie ich mich verhalten sollte, aber weder Tokpu noch Igal, noch der Coronel oder die Soldaten schenkten den Geräuschen des Manövers weitere Beachtung.

Wir bewegen uns durch ein Drei-D-System,- erklärte Igal, fast wie realer Krieg. Wenn Sie die feindliche Kolonne nicht binnen in dreieinhalb Minuten abgeschossen haben, sind wir ruiniert. Tokpu demonstrierte seine Künste. In dreieinhalb Minuten schoss er quer über die Fronten 50 Panzer ab und erreichte die erforderliche Punktzahl. Die Panzer explodierten in Feuerbällen. Tokpu bediente sich dabei der Symbole am Bildschirmrand. ln dreieinhalb Minuten,- wiederholte Igal. Das Spiel heißt Panzer Knacken. Der eigentliche Krieg findet im Hintergrund statt.- Darf ich auch mal?- fragte Tifosio. Ruhe, ich übernehme das Kommando,- sagte der Coronel, griff an sein Käppi und nahm Tokpu das Turaya ab. Die Soldaten feuerten ihn an. In dreieinhalb Minuten schoss er 25 Panzer ab, erreichte damit aber nicht Punktzahl, die zum Gewinnen nötig war. Soll ich Ihnen das System mal kurz erklären?-fragte Igal. Ich brauche keine Hilfe,- sagte der Coronel. In seiner Stimme war jetzt unterdrückte Wut. Als nächster werde ich dran sein,- sagte Tifosio. Ruhe!- herrschte ihn der Coronel an. Ich habe das Kommando.- Er knallte Tokpu das Telefon vor die Brust. Erklär mir das verdammte Ding.-Tokpu war vier Köpfe größer als der Coronel und sah von oben freundlich aber vorsichtig auf ihn herunter. Er wies mit Zeichen auf die Symbole am Rand des Spieldesigns. Dass er die ganze Zeit nicht sprach, schien niemanden zu interessieren. Damit steigert man die Schnelligkeit,- erklärte Igal.

Die Hauptwaffe eines Panzers ist seine Turmkanone: Man knallt damit in jede Richtung.- Das wissen wir,- unterbrach ihn der Militär. Die Panzerung besteht aus angereichertem Uran.- Herr Kommandant, Sie wollten doch die Nummer löschen,- erinnerte ihn Grützkorf. Zuerst die Panzerschlacht.- Der Coronel nahm wieder das Thuraya, aber auch beim zweiten und dritten Versuch erreichte er nicht die nötige Punktzahl. Die Soldaten applaudierten trotzdem. Mit wachsender Ungeduld fingerte der Cororel auf dem Gerät. Das Spiel war schwieriger, als er gedacht hatte. Woher hast du dieses Ding-? herrschte er Tokpu an. Von den Japanern,- sagte Igal. Welche Japaner? Die gibt es doch hier gar nicht.- Dann waren es Chinesen. Sie wollten in der Gegend eine Rampe für Raketen bauen, dazu brauchten sie einen Teil der Fläche, auf der wir weiter drin im Wald ein bisschen Ackerbau betreiben. Ein paar unserer Leute sagten ja, später wurde der Beschluss zurückgenommen, da waren ihre Techniker schon weg, das Thuraya haben sie zurückgelassen.- Herr Kommandant,- meldete sich Grützkorf, die Nummer ist noch immer auf dem Bildschirm.- Der Coronel nahm das Telefon in beide Hände und machte den Versuch, es zu zerbrechen. Das Material war aber sehr stabil. Der Coronel warf es auf dem Boden und trat mit dem Stiefel darauf. Um Himmels willen!- schrie Grützkorf, er hob auf das Telefon auf und polierte den Bildschirm mit einem Zipfel seines Jacketts, er wischte den Schmutz ab und steckte es in seine Hosentasche, wo es ein paar Minuten später anfing zu klingeln. Grützkorf meldete sich, alle hörten zu, aber es war niemand in der Leitung. Das Smartfon gab jetzt seltsame Geräusche von sich. Man hörte wieder die weibliche Computerstimme. Sie klang jetzt verzerrt. Grützkorf starrte das Telefon an. Alle anderen traten heran und horchten. Hallo?- sagte er. Der Singsang brach ab. Die Nummer ist gelöscht,- erklärte eine männliche Computerstimme in englischer Sprache: Unter Vorbehalt.- Was heißt das, ihr Idioten?-Nun aber endgültig nun …endgültig…,- wiederholte die Stimme, dann brach sie ab. In diesem Augenblick tänzelte Paloma aus dem Park. Sie trug ein Kleidchen aus gelbem Krepp, das sie vorher nicht angehabt hatte. Den Puppenkopf hatte sie auf ein Stöckchen gesteckt und wiegte ihn in den Armen. Das Mädchen summte etwas, das nicht zu verstehen war, da der Gefechtslärm auf dem Thuraya, das Tokpu wieder angestellt hatte, alles übertönte. Alle starten das Kind an. Ahoi,- sagte einer der Soldaten, das Mädchen nahm von niemandem Notiz. Es schien nichts zu sehen und zu hören.

In den Möbeln des Parks hörte man die Suchenden seinen Namen rufen. Grützkorf sah den Kopf der Puppe, er öffnete den Mund, tat ein paar Schritte auf das Mädchen zu, griff aber nicht ein. Das Kind zog einen Kreis und tänzelte zum Ausgang mit den Kleiderschränken. Dort stolperte es über die Indigenen, tänzelte weiter und verschwand hinter den Humvees. Einer der Soldaten rief hinter ihm etwas nach. Grützkorf fiel auf einen Stuhl. Eulalie- stöhnte er, ich habe dich …ich habe dich verloren…- Ich stieg auf einen Schrank um die Umgebung zu sichten. Das Ding wackelt,- rief Igal. Das Umfeld war zerfurcht und löchrig. Weiter hinten quirlten Staubwolken, die von einer Stelle aufgewirbelt wurden, wo nichts zu erkennen war. Sumpfige Pfützen, Erdlöcher und Hügel rostroter Erde. Dazwischen lagen Materialbrocken. Von rechts rollten eben zwei Planierraupen mit überdimensionalen Schaufeln heran. In der Ferne erschien ein Mensch, der ein Hirschgeweih auf seinem Kopf trug, seltsame Erscheinung. Es schwang beim Laufen hin und her, fiel aber nicht vom herunter. Der Mann wich allen Hindernissen aus.

Er kam näher, lief auf den Eingang des Parks zu, sprang über die Indigenen, die dort lagen, und ließ sich auf den Boden fallen, als er bei uns angekommen war. Er keuchte wie nach einem Marathonlauf. Die Augen traten ihm aus den Höhlen, eine Weile konnte er nicht sprechen Er trug nur einen Lendenschurz. Seine Beine waren stark behaart. Baumhauslounge Dschungelparadies Olé von Ocasango? Richtig?- fragte er mit fränkischem Akzent auf Spanisch. Die Soldaten umringten ihn und betrachteten ihn amüsiert. Bist du ein Hirsch aus Germany?- fragte Tifosio. Ich bin der Chefclown auf dem Kreuzfahrtschiff Esmeralda Princess! Wo ist Herr Donnerbier, der Agentur der Virgin Star?- Der Mann holte immer weder tief Luft. Was ist denn los?- fragte Grützkorf. Wo sind die Baumhotels, wo sind die Bäume, wo ist der Tanzplatz für den Maskenball?- Die Baumhaushotels gibt es nicht mehr. Die Bäume wurden gefällt.- Au,- sagte der Mann mit dem Hirschgeweih, der sich als Guido vorstellte, genauer Guido-Christoffel, die Kreuzfahrtgäste befinden sich schon auf dem Weg hierher.- Tja,- sagte Grützkorf, da haben diese Gäste Pech gehabt. Wie sehen Sie denn überhaupt aus? Wollen Sie uns verarschen? Es gibt ja wohl nichts Dümmeres als eine Kreuzfahrt.- Wenn das der Fall ist,- sagte der Coronel, der von seinem das Spiel aufsah, sollten diese Gäste auf der Stelle umkehren und auf das Kreuzfahrtschiff zurückgehen. In der Gegend läuft ein Militärmanöver. Sie setzen sich einem großen Risiko aus.- Ich bitte meinen Anblick zu entschuldigen. Ich soll hier als Hirsch in einer Tiershow auftreten mit dem Titel „Der Maskenball verfolgt den Platzhirsch, aber der Platzhirsch macht das Rennen“-. Ich habe die Verkleidung anbehalten, weil sie immer so schwer abgeht. Früher war ich Schauspieler am Stadttheater von Rottenburg am Inn und spielte dort den Faust in über hundert Vorstellungen. Eine Glanzrolle, wie Sie sich denken können.-Faust?- sagte Grützkorf, das ist doch dieser Nichtsnutz, der eine Minderjährige missbraucht, sie sitzen lässt und die dann deshalb den Verstand verliert.- Warum hat denn den Kapitän der Esmeralda niemand informiert?.-Woher soll ich das wissen?-fragte Grützkorf, in dieser Gegend wimmelt es von Funklöchern, das Meiste funktioniert nur, wenn es regnet.- Er reinigte den Bildschirm seines Smartfons mit einer Nagelschere. Telefonisch ist hier überhaupt nichts zu erreichen.- Aber nur mit der Hilfe meines Händis habe ich den Weg hierher gefunden,- sagte der Chefclown. Den Coronel machte die Nachricht zunehmend nervös. Er gab einen Befehl und machte Zeichen. Die Soldaten warfen die Garderobenständer um, räumten Fernsehsessel, Stehlampen, Tische aus dem Weg, sie konzentrierten drei vier Schränke auf den Punkt und bauten eine Art Kommandostand. Um Gottes Willen, mein Park!- schrie Grützkorf.

Der Coronel bestieg den größten Schrank, in dem noch Frauenkleider hingen, was zu erkennen war, als seine Tür herausfiel und begann die Gegend mit einem Feldstecher abzusuchen. Die Soldaten folgten seinem Beispiel und bestiegen ebenfalls die umstehenden Schränke. Entweder Sie sind verrückt oder es breitet sich hier eine Katastrophe vor: auf ein Kreuzfahrtschiff passen, wie Ihnen vielleicht bekannt sein wird, in etwa 7000 Passagiere.- Ein böses Omen,- sagte Grützkorf, er wiederholte ein paarmal die Worte vamos a ver, vamos a ver.- Aber es hat doch ein Vertrag zwischen der Kreuzfahrtagentur und der Baumhauslounge bestanden? Ich verstehe überhaupt nichts mehr, was geht hier vor?- Guido Christoffel befingerte sein Hirschgeweih. Von ferne hörte man das Tuten eines Kreuzfahrtschiffs. Sie scheinen hier auf gar nichts vorbereitet!- Da bin ich nicht der Ansprechpartner,- sagte Grützkorf. Ihre Organisation hatte Zeit genug, sich umzuorientieren. Das hier ist eine Ausstellung. Wir werben für den interkulturellen Ausgleich, Verständigung, Versöhnung.- Der Prospekt der Esmeralda sieht auf dem Haltepunkt von Ocasango auf dem Fluss Putschimapinto oder wie er heißt, einen Landausflug mit Party vor. Dazu gehört ein Maskenball, Musik und Vollverköstigung von mindestens 500 bis 600 Personen? Ihr Angebot?-

Prospekt! Event! Event! Erlebnis! Diskothek!- rief Grützkorf. Ohne diesen Zirkus geht heute ja wohl gar nichts mehr. Die Menschen wollen was erleben auf der Reise. Na und, was geht das mich an?- Er zuckte mit den Schultern. Es steht so im Prospekt.- Ihre Prospekte können Sie sich an den Hut stecken. Diese vollkommen überdimensionierten Kreuzfahrtschiffe sind nichts anderes als Leichenhäuser, auf denen das Friedhofsgemüse der Wohlfahrtstaaten auf seiner letzten Reise durch die Welt kutschiert wird, damit das Sterben sich noch schöner anfühlt. Dazu gibt es Kaffee und Kuchen und jede Art von Luxus, der völlig überflüssig ist. Die Kisten verdrecken die Meere mit Schweröl und siebentausend alte Säcke pinkeln von der Reling. Kein Wunder, dass die Haifische aussterben. Außerdem: diese Greise gehen nicht in Discotheken. Die wissen überhaupt nicht, was das ist.- Da sind sie aber stark im Irrtum,- sagte der Chefclown der Esmeralda, die Bevölkerung der Ersten Welt wird heute überwiegend erst im Alter munter, wacht gewissermaßen auf aus ihrer Lethargie. Kein Wunder bei der lebenslangen Langeweile hinter Schreibtisch und Bürocomputer. Wenn die mal Spaß anfangen, bleibt kein Auge trocken, besonders, wenn sie etwas intus haben. Haben Sie Champagner eingelagert oder Bier? Möglichst kalt?- Wie zum Teufel soll ich Champagner eingelagert haben in der Walachei eines Entwicklungslandes?- Guido-Christoffel sprach in sein Smartfon, er rief: Kurzfristige Programmänderung, kurzfristige Programmänderung,- aber es schien keine Verbindung herstellbar zu sein. Ihre Leute können meinen Park besichtigen, es wird in Kürze alles wieder aufgebaut. Musik ist auch vorhanden, aber nur Ballettmusik von Schwanensee.-

14

Verdammt, was ist denn das?-rief der Coronel, der in Feldherrnpose auf seinem Schrank erstarrt war. Er hatte in sein Walkie-Talkie gesprochen. Da sind ja ganze Heere auf dem Weg hierher!- Sehr richtig in der Tat,- bestätigte Tifosio. Von meiner Aussichtsplattform sah ich auch, dass eine Menschenmenge sich heran wälzte. Der Zug erinnerte an einen großen Wurm, sein Ende war nicht abzusehn. Tokpu stellte einen Garderobenständer auf einen Fernsehtisch, hangelte sich hoch und fing mit einem Keuchen an zu lachen. Sein Lachen klang, als ob er huste. Igal tat das Gleiche und lachte ebenfalls. Der Coronel sprach in sein Walkie. Er befahl, die Gegend unverzüglich abzuriegeln. Das Gelände sei für solche Menschenmassen ungeeignet, ja überaus gefährlich. Er forderte Verstärkung an. Am Anfang des Zuges marschierte, soweit aus der Ferne zu erkennen war, eine Frau, wahrscheinlich die Entertainmentmanagerin des Kreuzfahrtschiffes. Sie trug eine Fahne, auf der ein großes Auge prangte. Darunter waren Buchstaben, die ich zunächst nicht lesen konnte. Guido-Christoffel stellte einen Sessel auf eine Kommode und beschattete die Augen. Das ist die Konkurrenz,- erklärte er. Jetzt war auch die Musik zu hören. Neben der Managerin marschierte eine Guitrrenkappelle in schwarzen Uniformen und Sombreros auf den Köpfen. Sie spielte etwas, das an das Vorspiel zum Tannhäuser erinnerte. Wagner?- fragte Grützkorf. Nee,- sagte der Chefclown: Rolling Stones.- Nach unserer Ankunft erschien auf diesem Rio Pitschimapimpo dingsda, noch ein zweites Kreuzfahrtschiff. Das war die Aurea Fanatastika mit veilchenblauen Pseudosegeln und Tennisrasen auf dem Oberdeck. Ein wunderschönes Traumschiff. Die beiden Kapitäne sollen eine Wette eingegangen sein: wer als erstes den Standort für den Maskenball erreichte, also die Baumhotels hier, der sollte auch das Vorrecht auf die Verköstigung genießen. Die Gewinner sollten aber die Verlierer an allem beteiligen und sie auch zum Maskenball einladen.-

Was für ein grotesker Leichtsinn,- sagte Grützkorf. Von einer solchen Vereinbarung ist mir nichts bekannt. Das erinnert mich an diesen irren Italiener. Außerdem: ich gehe keine Wetten ein. Mit niemandem. Schon gar nicht mit einer Kreuzfahrtkiste, die den absurden Namen Esmeralda Princess trägt, Ocean Wonderland, Pacific Piepiefax oder sonstwas. Kein Mensch hat hier irgendein Recht auf Verpflegung, da niemand was gebucht hat. Und Maskenbälle gibt´s hier auch nicht. Ich hatte null Kontakt zu irgendeinem Kapitän.- Die Folgen werden wir in Bälde sehen,- sagte Guido-Christoffel und fingerte an seinem Hirschgeweih. Der Coronel sprang vom Schrank und gab Befehle, die Soldaten eilten zu den Militärfahrzeugen und fuhren mit ihren Humvees dem Touristenstrom entgegen, der mit ungebrochener Geschwindigkeit heranzog.

Die Wagen kamen dicht vor dem Menschenzug zu stehen. Der Coronel stieg aus. Ich sah ihn auf die Kühlerhaube seines Fahrzeugs klettern. Mit dem Lautsprecher forderte er die Menge auf, unverzüglich umzukehren und zum Kreuzfahrtschiff zurückzukehren, da die Gegend unsicher, unpassierbar, ja gefährlich sei. Von dem Militärmanöver sagte er nichts. Vermutlich wollte er die Leute nicht erschrecken. Der Coronel sprach Spanisch und dann Englisch, so dass man annehmen konnte, die Leute hätten verstanden, aber der Zug ließ sich nicht aufhalten, zumal ja alles im Prospekt gestanden hatte. Die Menge hatte die Ansprache entweder nicht verstanden oder nahm sie nicht zur Kenntnis. Die Entertainmentmanagerin mit der Fahne und die Guitarrenkappelle blieben zwar stehen, aber der ganze Zug drang weiter vor und schob sie vor sich her. Rufe wurden laut wie Management! Steakhouse! Betrug!- Der Coronell wiederholte seine Rede in verschärftem Ton. Die Menschen stiegen über die Humvees hinweg, wobei manche in die Sitze plumpsten, was sie jedoch nicht störte. Sie rappelten sich auf und zogen unverdrossen weiter. Der Anblick wurde dadurch merkwürdig, dass etliche Gäste ihre Maske für den Ball, der für die Nacht geplant zu sein schien, bereits aufgesetzt hatten oder schon anprobieren. Es gab viele Arten von Verkleidung: Löwenmasken, Masken mit dem Gesicht des koreanischen Führers Kim Jong-un sowie dem eines berühmten Präsidenten der USA, Affenmasken, Mickymouse, Tigermasken, Bunnys, Deutsche Schäferhunde, Rabbits, Marshmellos, Zenturionen, Zombies und noch andere. Kanopus hüpfte neben einer Affenmaske her. An seinem Arm hing ein Kind, das vor Vergnügen quietschte. Der Coronel rief offenbar Befehle in sein Walkie-Talkie. Minuten später fuhren weitere Humvees vor, sie stellten sich vor den Menschenstrom und formierten sich zu einem Block, der nur schwer zu überwinden zu sein schien. Jetzt sah ich, dass noch ein weiterer Zug herankam, etwa von gleicher Größe wie der erste. Der Unterschied war, dass die Menschen dieses Zuges sich im Laufschritt näherten und außer Atem waren, da sie den ersten offenbar zu überholen versuchten.

Vor diesem zweiten Anmarsch tanzten Akrobaten in bunten Latexanzügen, überschlugen sich in Salti Mortali oder schossen Koppheister, wodurch alles eine zirkusähnliche Gestalt bekam. Der Coronel benutzte jetzt sein Mikrofon fast pausenlos. Was er sagte, klang wie eine Suada ohne Komma oder Punkt. Die Soldaten, nun schon elf an der Zahl, riefen Halt! und Stop!- Aber kaum jemand verstand Spanisch. Die Humvees wurden quasi überflutet. Eine Milchkuhmaske und ein Schäferhund versuchten, einen Humvee anzuheben. Soldaten liefen hinzu und hinderten sie, indem sie die Masken aus dem Weg drängten. Sie wurden von der Menschenmenge quasi aufgesogen. Gegen solche Massen waren sie machtlos. Wie sie vorgehen sollten, blieb unerfindlich.

Der Coronel sprach wieder Englisch in den Lautsprecher. In der Nähe ist ein Militärmanöver, Alarmstufe Rot! Roja!- was aber gleichfalls keinen Eindruck machte. Die Kolonnen marschierten weiterhin in Richtung auf den Park, wo man offensichtlich das Event vermutete. Die Zweite traf nur wenig später ein als die erste, sie hatte aufgeholt. Die Züge flossen vor der Parkbegrenzung auseinander, wo sie zum Stillstand kamen und man sich zu orientieren suchte. Die Passagiere betrachteten den Möbelpark mit Unverständnis. Es wuchs von Minute zu Minute. Wie von einem unsichtbaren Druck wurden die Eltern der Paloma, der Parkwächter und der Bruder Lollo sowie die Frauen mit dem Bowlerhüten, die jetzt keine Hüte mehr auf ihren Köpfen hatten, aus dem Park herausgedrückt und erschienen auf der einen Seite. Wo ist mein Kind?-schrie die Mutter. Lollo, hol deine Schwester da raus!- Der Junge lief in den Park zurück. Grützkorf stieg auf einen Schrank, wo Gutzy sich ihm anschloss. Mit einem Lautsprecher versuchte er, die Menge zu begrüßen. Die Gäste erwarteten den Bordservice: auf Kreuzfahrtreisen ist alles straff organisiert, man war sichtlich irritiert. Der Marsch hatte ihnen Kräfte abverlangt, obgleich der Weg nicht übermäßig lang sein konnte, denn in der Ferne hörte man jetzt beide Kreuzfahrtschiffe tuten.

Die Konkurrenz der Esmeralda Princess und der Aurea Fantastika, die höchstwahrscheinlich nicht geplant war, entfaltete zusätzliche Wirkung. Man drängelte, schob einander aus dem Weg und verkeilte sich in aller Freundlichkeit. Bald war nicht mehr zu unterscheiden, welcher Passagier zu welchem Schiff gehörte. Werte Gäste, meine Damen und Herren,- rief Grützkorf in sein Mikrofon, wobei sich seine Stimme überschlug. Kreuzfahrer der Aurea Fantastika und der Esmeralda Wonderful, was Sie hier vor sich sehen, ist ein besonderes Event, das Sie mit Ballettklängen und indigenen Tänzen empfangen und verwöhnen kann. Ich, Doktor Emanuel Grützkorf, Ballett- und Hochschullehrer, Biologe und Völkerkundler, bin gewissermaßen Ihr Empfangskomitee. Wir, ich und mein Kollege hier, Herr Gutzy, bringen Ihnen gastliche Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegen!- Bistro Istanbul! Gastronomie! Wo sind die Baumhaushotels?-rief eine schrille Stimme in der Menge. Sollte Ihnen das nicht reichen, so beschweren Sie sich doch bei Ihrem Kreuzfahrtmanagement, das offensichtlich außer Stande ist, ein eine Organisation so zu gestalten, dass sie funktioniert und außerdem nicht in der Lage….wenn nicht sogar korrupt. Das sehen wir an all den ungeklärten Pleiten.- Wo sind die Urwaldriesen?- schrie jemand. Ich sehe weit und breit keinen einzigen Baum!- Grützkorf setzte zu einer weiteren Erklärung an, er sprach von der Attraktivität der Möbel, die bedauerlicherweise Wind und Wetter ausgesetzt gewesen seien. Die Passagiere unterbrachen ihn mit Zwischenrufen. Eine Dame mit verspiegelter Sonnenbrille und Kurzhaarschnitt, der die Schminke im Gesicht zerlief, rief nach dem Hundebuttler, obgleich kein Hund zu sehen war, eine andere nach dem Gentleman Host, der auf den Schiffen mit den Damen tanzt, die ohne Partner unterwegs sind. Auch nach dem Rasenpfleger (lawn keeper) wurde gerufen. Host! Host!- schrie jemand, als setze sein Verstand aus. Auch nach den Nänis rief man. Meine Damen, meine Herren,- ergriff jetzt auf einem Schrank weiter rechts der Herr mit dem gelben Plastikhelm das Wort. Das Missverständnis wird sich aufklären. Sie bemerken mit verständlichem Befremden, dass Ihre berechtigten Erwartungen, die sie in den Kreuzfahrtservice setzen, schwer enttäuscht werden. Was Sie hier vor sich sehen, sind die Reste von Baumhaushotels, deren Bäume schon vor Wochen oder Monaten…. irrtümlich… , denn beinah täglich ändert sich…. die Lage an den internationalen Märkten.- Icecream!- schrie jemand dazwischen. …Die Investoren des Panamaprojekts, eines allumfassenden, tourismusfreundlichen…-

Der Mann kam nicht weiter. Brotauswahl! Frühstücksbüfett! Kulinarische Leckerbissen!-rief ein graubärtiger Herr, der offenbar die Nase voll hatte, und nicht länger warten wollte. Der Coronel stand jetzt erneut auf einem Schrank und versuchte ebenfalls, die Menge zu beschwichtigen. Niemand achtete auf ihn. Die Menschen antwortete mit Rufen wie: Soll das Grand Voyage sein? Vorteilspaket?- Prämium de Lux?- All inklusive?- Die Massen wogten hin und her. Eine Reservierung mit hunderten von Mittagstischen?- Betrug! Falschmünzerei!- Die Aufmerksamkeit des Publikums wurde von zwei Rindern abgelenkt, die am Rand Parks erschienen, und umstandslos damit begannen, die Blätter abzufressen, die vertrocknet noch an der Parkbegrenzung hingen. Ihre Größe war so ungewöhnlich, dass sie die Blicke aller auf sich zogen. Sie waren etwa halb so groß wie ausgewachsene Elefanten und standen auf seltsam dünnen Beinen. Auf ihnen liefen sie nicht, sondern staksten eher. Die Beine waren im Verhältnis zur Fleischmasse der Tiere so dünn, dass sie das Gleichgewicht nur mühsam hielten und bei einem Stoß wahrscheinlich umzufallen drohten. Es gibt verschiedene Rinderarten in Südamerika. Das mexikanische Rind ist das Coriente, es ist klein, schwarz und wiegt im Durchschnitt 450 Kilogramm. Es stammt von spanischen Vorfahren ab, die im 15. Jahrhundert nach Amerika gebracht wurden.

Das brasilianische Rind ist das Zebu, eine Großfleischrasse mit krummen Hörnern, einem plumpen Körper, schmutzig weißer Haut und einem Kropf, der an seinem Hals baumelt. Das argentinische Rind ist das Black Angus. Es läuft frei in der Pampa und stellt geringe Ansprüche in der Aufzucht. Sein Fleisch gilt als hochwertig. Gehören die zum Maskenball?- fragte jemand aus der Menge. Die Leute fingen an zu lachen. Steak Tomahawk!- rief jemand weiter hinten. Das sind die Zombies für die Nachtvorstellung!- Die Bemerkung löste weiteres Gelächter aus. Die Menge hatte den Park jetzt völlig eingeschlossen. Das sind die Rinder von Senor Gonzagolego!- rief der Coronel ins Mikrofon. Bitte erschrecken Sie die Tiere nicht. Sie sind das Resultat der Kreuzung für ein effizientes Fleischprodukt und von Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes in Sachen Fleischexport.- Großartig!- rief ein älterer Herr und schwenkte seinen Krückstock. Vermutlich sind die Tiere ausgebrochen. Bitte machen Sie dort hinten Platz!- Aus dem Weg!- riefen die Soldaten. Sie hatte keine Mikrofone und waren noch schlechter zu verstehen als der Coronel. Die Menge war so dicht, dass Platz zu machen fast unmöglich war. Das sind Klone!- rief ein Senior, der seinen Sonnenschirm schwenkte. Das Klonschaf Dolly hatte auch schon solche Beine: Chronische Arthritis. Ich bin Genetikingenieur. Ich muss es wissen.- Sie können auf dem Ball das Tanzbein schwingen!- Ball! -schrie eine Löwenmaske. Pfui Teufel, Klonfleisch ess ich nicht!- Die Entertainmentmanagerin der Esmeralda Princess rief nach Herrn Donnerbier, offenbar der lokale Kontaktagent, der aber nicht erschienen und auch nicht aufzufinden war. Bitte melden Sie sich!- Wer sind die da?-fragten Passagiere mit Blicken auf die Frauen, die vorher Bowlerhüte getragen hatten, sie jetzt aber in den Händen hielten und sich am Parkeingang zusammendrängten. Hier liegt doch offenbar kein Missverständnis vor, sondern ein völliges Versagen des Touristikmanagements,- stellte ein Herr im Rollstuhl fest. Auf einmal glaubte ich in der Menge weiter hinten meinen Vater und meine Brüder zu erkennen. Ich erschrak und zog mir das Käppi des Malers tief ins Gesicht. Unmöglich,- sagte Igal, dann müssten diese Schiffe fliegen können.- Drei Landausflüge stehen im Prospekt!- rief eine Dame in grauen Strumpfhosen, Hosenrock und Turnschuhen. Entertainment! Surf und Turf, Hanami, Tag-und- Nacht-Buffet!- ereiferte sich ein Herr in schwarzen Turnhosen, dessen Bauch aus seinen T-Shirt ragte. Ich schwitze wie ein Tier. Wäscheservice für mein Hemd!- rief jemand anderes. Ich hab Ermäßigung gebucht!- Etliche Passagiere riefen durcheinander: Verköstigung de Luxe! Jetzt aber dalli dalli. –

Die Entertainmentmanagerin der Aurea Fantastika schwenkte ihre Fahne. Erlebnisdusche!- Bosporus Grill!- riefen andere. Weitere Menschenmassen zogen aus dem Hintergrund heran und drängten die anderen nach vorn, so dass sie in den Park hineingeschoben wurden. Die Guitarrenkapelle spielte einen Marsch. Eine Trommel war dazugekommen und dröhnte dumpf in einen Wirbel. Die Musik spielte jetzt lauter. Wir sind Balkonkabine Nummer 328: Prämium!- rief eine Frau mit zwei Kindern, die anfingen zu weinen. Ich werde mich beschweren müssen, hallo…?- Ein Chor formierte sich und sang: Wir haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Durst!- Die Clowns sprangen auf Kommoden und Schränke und demonstrierten ihre Fertigkeiten, indem sie dort Handstand machten oder von Toilettenschüssel zu Toilettenschüssel hüpften, scheinbar mühelos und wie von Zauberhand geführt. Grützkorf begann Unverständliches in sein Mikrofon zu rufen. Die Entertainmentmanagerin der Esmeralda Princess hielt ihre Fahne wie einem Spieß. Unter den Passagieren waren etliche mit Krücken, Gehhilfen, Stöcken oder Rollatoren. Rollstühle wurden in der Menge eingekeilt.

Die Mehrheit der Gäste hatte die Achtzig überschritten, etliche die Neunzig. Auch Hundertjährige bewegten sich mit Wendigkeit. Die wenigen Familien mit Kindern verloren sich in der Überzahl der rüstigen Senioren. Die Masse wogte hin und her. Man verlor allmählich die Geduld. Die Leute stiegen in den Park hinein, öffneten die Türen der Schränke und zogen die Schubladen aus den Kommoden, um zu sehen, was die Möbel eigentlich bedeuteten. Die Managerin der Aurea Fantastika telefonierte. Nach aufgeregtem Sprechen hob sie ihren Lautsprecher und verkündete, der Kapitän der Esmeralda, Herr Werner Brusemann, habe versucht, die lokale Agentur zu kontaktieren, was aber erfolglos geblieben sei, niemand habe sich gemeldet. Das Kreuzfahrtmanagement trifft keine Schuld.- Der Sache werde nachgegangen. Und was weiter?-rief die Menge. Die Stimmung geriet zunehmend ins Wanken. Der Herr mit dem gelben Plastikjockey war erneut auf einen Schrank gestiegen. Sein Begleiter sekundierte ihm von unterhalb mit Gesten der Taubstummensprache, was keinen Zweck erkennen ließ und das Befremdliche der Situation verstärkte. Weil er das leistungsstärkste Mikrofon besaß, konnte er alle anderen überschreien. Die Passagiere wurden aufgeklärt, dass in der Region ein Straßenbauprojekt bestehe, das den Gästen aller Kreuzfahrtschiffe künftig zugute kommen werde, da man auf Straßen große Menschenmengen kostengünstig transportieren könne. Die so genanntem Urwaldriesen, die hier vor kurzem noch gestanden hätten, wären kurzfristig entfernt worden, was man bedauern könne, aber nicht mehr ändern.- Dieser Mensch ist ein verdammter Spekulant!- schrie Grützkorf dazwischen. Tifosio griff ihn beim Arm. Die Möbel hier werden in Kürze entfernt werden. Dort hinten stehen, wie Sie sehen, zwei Caterpillar schon bereit.- Wir treten jetzt den Rückweg zu den Schiffen an!- erklärte die Managerin der Aurea Fanatastika, indem sie so laut wie möglich in ihr Mikrofon rief.

Die Menge musste jetzt verstanden haben, dass es an Ort und Stelle weder Verköstigung, noch eine Lounge de Lux mit Ausblick auf den Dschungel mit exotischen Events, noch irgendwelches Entertainment geben würde. Was man stattdessen vor sich hatte, war ein Haufen alter Möbel, den ein offenbar halb Verrückter als ein Event verkaufte. Kanopus erschien auf einem Schrank und fuchtelte mit den Armen. Er stieß ein Brüllen aus. Hurra!- schrie jemand. Der Auftritt eines Affen, der sich wie ein Mensch verhielt, war ungewöhnlich. Kanopus öffnete den Mund und breitete die Arme aus, reckte sie in die Höhe, zeigte hierhin und dorthin und machte beschwörende Gesten. Schimpansen sind kluge Tiere!- rief eine Mittfünfzigerin mit blonder Mähnenfrisur, die sich als Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Pendeltherapie vorstellte. Der Affe sprang vom Schrank, arbeitete sich durch die Menge, die ihm mehr Platz machte, als vorher den Soldaten, schlich von hinten an eines der Zebus heran, die durch die Möbel staksten, und zog es mit aller Kraft am Schwanz. Das Tier schreckte auf, fuhr herum, fiel auf die Seite und landete zur Hälfte auf einer Spiegelkommode, wobei sein Hals in einem Garderobenständer hängen blieb. Fleisch!- rief ein drahtiger Greis und versetzte dem Tier einen Hieb mit seinem Wanderstock. Schlachtvieh!- rief rotblonder Mensch mit kurzen Beinen neben ihm. Passagiere!- rief der Coronel in seinen Lautsprecher. Er war offensichtlich alarmiert. Ich muss Sie bitten, die Tiere nicht zu stören oder zu erschrecken. Sie sind, ich wiederhole es, ein Experiment von großem Wert.- Die beiden Managerinnen versprachen zusätzliche Serviceleistungen für eine schnelle Rückkehr auf die Schiffe. Die Leute umringten das Zebu, das mit den Beinen ruderte. Das andere Tier fiel fast im gleichen Augenblick um und rutschte in die Parkumzäunung. Die Soldaten unter der Führung Tifosios versuchten zu den Tieren zu gelangen, kamen aber nicht durch. Das Publikum hielt die Reihen geschlossen, indem man einander unterhakte und eine Kette bildete.

Die Soldaten hätten Gewalt anwenden müssen, um durchzukommen. Die Menschen hatten nichts im Magen, sie waren nun einmal ihr Steak am Tag gewohnt. Außerdem hatte Verköstigung ja im Prospekt gestanden. Im Hintergrund begannen jetzt die beiden Caterpillar damit, die Möbel aus dem Weg zu schieben, wobei es nicht besonders sanft zuging. Kleinholz wurde produziert, Material splitterte, Schrankteile, Stuhlbeine und Kommodenteile wurden in die Luft geschleudert. Grützkorf schrie auf, als er das sah, ließ sich auf einen Stuhl fallen und presste die Hände auf die Augen. Kurz darauf begann er zu telefonieren. Sein Smartfon schien zu funktionieren. Die beiden Zebus versuchten aufzustehen, kamen jedoch aufgrund ihrer überdimensionierten Körper nur mühsam auf die Beine und fielen immer wieder um. Da läuft mein Rumpsteak!- schrie jemand, Smutje! Nicht ganz durch!- Die Menge hatte sich in Grüppchen aufgeteilt, die unabhängig voneinander operierten. Trotzdem ging man zielgerichtet vor. Eine Motorsäge war zu hören, Schranktüren und Kommodenschubladen wurden klein gehackt und zersägt. Man nahm die Kommoden weiter auseinander, da sie ja schon zerbrochen waren. In großer Schnelligkeit entstand ein Grill aus in den Boden gerammten Stützen. Eine Einkerbung diente als Halter für die Spieße, wie man sie auf Jahrmärkten sieht, wo manchmal ganze Ochsen gebraten und geräuchert werden. Das erste Zebu zuckte noch. Von meiner Warte aus war nicht genau erkennbar, was mit ihm passiert war. Das zweite lag noch in der Parkbegrenzung und versuchte aufzustehen. Es hob den Kopf und blickte in die Runde. Eine Schäferhundmaske, ein Trubadix und eine Affenmaske hatten es an den Hörnern gepackt und drehten mit vereinter Kraft den Kopf des Tieres auf die Seite. Das Zebu brüllte. Wenig später sichtete ich Körperteile auf der Fläche, wo die Caterpillar jetzt die Möbel weggeschoben hatten. Zuerst waren nur die abgetrennten Keulen zu erkennen. Weitere Teile folgten quasi in Zeitlupe. Ein halbes Dutzend Passagiere, darunter ein Druide und eine Kuhmaske, schleppten in einer Schublade den Kopf und weitere Teile heran, zuletzt den Kropf als großen Fleischlappen. Die Stücke wurden auf einer Schranktür platziert und dort in Ermangelung adäquater Schneidewerkzeuge mit Hammer und Meißel weiter zerkleinert, was zur Folge hatte, dass die Beteiligten und alle Umstehenden mit Blut bespritzt wurden.

Das Tier musste in Minutenschnelle getötet worden sein. Die Managerinnen der Schiffe hatten offenbar davon nichts mitbekommen. Keine Tierquälerei!- hörte man die Heilpraktikerin Frau Kanaitan irgendwo in der Menge rufen. Ihr Appell war in Geschrei und Stimmengewirr untergegangen. Die Gäste rüsteten sich mit Spießchen aus, in indem sie Hölzer aus den Resten der Kommoden, Tische oder Stühle brachen. Wir fangen an!- es wird gebrutzelt, Steakhaus!-rief ein Senior mit riesigem Vollbart, der vermutlich Teil seiner Maskierung war. Feurio!- Er hatte sich an die Spitze der Aktionsteams gesetzt. Weitere Grills wurden aufgebaut und Fleischbrocken auf Holzspieße gesteckt, Da weit und breit kein Feuerzeug zu existieren schien, trat eine Pause ein. Ein Feuerzeug! Ihr Raucher an die Front!- Ich stelle meine Brille zur Verfügung. Die wirkt wie ein Brennglas. Das heißt, naja, ist schon zu spät. Die Sonne scheint nicht mehr.- Ein etwa Achtzigjähriger in einer Radmontur in bunten Farben raffte Späne, Stroh und andere Fetzen zusammen. Stahlwolle und Batterie, das geht, weiß ich von meinem Abenteuertrip im Sommer 84: Surviving in de Dschangl. Riesensache! Wir hatten den Atomkrieg hinter uns.- Da es keine Papierservietten gab, sahen die Esser nach einer Weile aus wie unprofessionelle Schlachter.

Irgendwo brandete Beifall auf. Die Menge drängte zu den Grills, unter denen schon die Flammen loderten. Das Zebufleisch begann zu brutzeln. Als Teller dienten Schrankteile. Es fehlt noch eine Kurbel für den Hauptspieß,- rief ein Senior der krumm wie eine Sichel war, aber mit Behändigkeit umhersprang. Da nehmen wir das Rad meines Rollators. Das passt.- Jemand beschwerte sich, dass sein Fleisch nicht durch war. So schnell geht das nicht,- beschied man ihn. Die Azteken wussten, wie das geht. Ich opfere meine Großmutter.- Igal und Tokpu neben mir hörten nicht auf zu lachen. Tokpu konnte also lachen. Die Menge wuchs noch immer. Von den Schiffen kamen weitere Personen nach. Das Gedränge wurde undurchdringlich, besonders bei den Grills. Wer einen Brocken Fleisch ergattert hatte, hockte sich ans Feuer und hielt seinen Spieß hinein. Jemand beschwerte sich, dass er nichts abbekommen hatte. Geduld,- beschied man ihn. Hier wird redlich geteilt. Jeder bekommt sein Stück.- Schön!- rief jemand, aber die Speisung der Fünftausend hat ja auch nicht funktioniert.-Als die Managerinnen der beiden Schiffe erkannt hatten, was sich vorging, verschlug es ihnen zunächst die Sprache. Mit dieser Art Selbsthilfe waren sie überfordert. Vergeblich versuchten sie Ordnung in das Chaos zu bringen. Ein gesetzter Herr im Duffle Coat mit aufgeknöpften Hemd und nacktem Oberkörper darunter stieg auf einen der letzten noch stehenden Schränke und rief mit Donnerstimme: Bitte haltet Ordnung, Companeros! Wir dürfen unser Heimatministerium nicht blamieren!- Was? Der Esel, der da drauf sitzt, ist doch schon blamiert,- gab jemand zur Antwort. Wenn wir nicht Ordnung halten, bleiben alle hungrig.- Das Gedränge ließ etwas nach. Der Chefclown Guido-Christoffel mit dem Hirschgeweih hatte die Musikanlage Grützkorfs auf ihre Tauglichkeit für die mitgebrachten Medien ausprobiert. Bisher hörte man nur Rauschen und Kratzen, das den Lärm der Menschenmenge manchmal übertönte. Bald kam aber die Musik in Gang. Die Menschen fingen an zu tanzen, wobei sie ihre Zebuspieße schwangen. Es schien sich eine Rolling-Stone-Fraktion formiert zu haben, die die Oberhand behielt, was die Musikauswahl betraf. Die Dämmerung begann, es dunkelte allmählich.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste der Kreuzfahrt!- rief die Eventmanagerin der Aurea Fantastika in ihren Lautsprecher, wobei ihre Stimme mehrfach in ein sonores Krächzen überging. Wir sind ein seriöses Unternehmen. Ich muss Sie dringend bitten, dieses Treiben unverzüglich einzustellen. Wir gehen jetzt zurück zu den Schiffen!- Woopies müssen essen, Fräulein. Schaffen sie doch erstmal was mal zu essen, wie es im Prospekt steht, bevor Sie hier Moralpredigten halten, Fräulein!- rief ein Mann im Rollstuhl, der vielleicht neunzig Jahre alt war und sich unvermutet aufrichtete, aber gleich wieder zurücksank. Jeder braucht sein Steak sonst: Revolution!- Pech! und Blabla!- wurde auch noch gerufen. Die Feuer wurden größer, da sie mit Holzstücken unterhalten wurden, die die Leute aus den Möbelresten zogen und hineinwarfen. Ein weiterer Spieß wurde über den Flammen befestigt. Ein kleiner Junge drehte eifrig das Rollatorrad. Ein Senior im weißen Chorhemd sekundierte. Eine Dame kniete nieder, um ein Tischgebet zu sprechen. Rinderblut zischte im Feuer.

Die Teilnehmer setzten ihre Maskerade auf. Schließlich stand ein Maskenball auf dem Programm. Das wollte man sich nicht entgehen lassen. Gemütlichkeit zog ein. Wer tanzt mit wem?- begann man sich zu fragen. Der Löwe mit dem Wolf? Der Koreanerführer Kim Sung-un mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten?-Die Zierfiguren wurden aus den Möbeln gerettet und um die Feuer aufgestellt. Ein dicker Buddha, dessen Arme abgebrochen waren, erfreute sich besonderer Beachtung, aber auch das Rehkitz mit den Kulleraugen war beliebt. Schon wieder glaubte ich meinem Vater und meine Brüder in der Menge zu erkennen. Gibt´s keine Servietten?-rief ältere Dame im Strohhut mit einem emblematischen Tattoo auf ihrer umfangreichen Brust. Musik!- Der Ball!- Der Coronel und seine Leute schien jetzt entschlossen einzugreifen und das Festmahl zu beenden. Er hatte in sein Walkie-Talkie gesprochen und parallel mit dem Smartfon telefoniert. Die Hupen der Militärfahrzeuge heulten, die Humvees rollten in geschlossener Formation langsam gegen die Menge vor. Cuidado! Holla! Attención!- rief er in sein Mikrofon. Zunächst wichen die Leute zurück und machten Platz. Als mehr Aufmerksamkeit entstanden war, begann jedoch Protest. Die Fahrzeuge kamen nicht weit. Drei Rollstuhlfahrer kamen aus der Menge und stellten sich vor den Fahrzeugen quer. Sie blieben dicht vor ihnen stehen. Die Insassen hoben ihre Hände um ihre Friedfertigkeit zu betonen.

Der Coronel stand von seinem Sitz auf und versuchte, sich Gehör verschaffen. Er sprach Englisch, war aber kaum besser zu verstehen als vorher. Er bat die Menge, das Eigentum des Landes zu respektieren und diese unstatthafte, aggressive Völlerei mit sofortiger Wirkung zu beenden. Die Tiere seien Staatseigentum und müssten am Leben gehalten werden. Das kam nicht gut an. Einige Gäste legten ihre Hände an die Ohren und mimten Schwerhörigkeit. Weiter rechts wurden neue Grills aufgestellt, das zweite Zebu schien schon zerlegt worden zu sein. Zwei große Keulen wurde für die Röstung vorberietet. Die Rechnung zahlt das Kreuzfahrtmanagement,- rief ein schnauzbärtiger Hüne. Fleischspieße wurden ausgeteilt. Die Kommodensplitter erwiesen sich als brauchbares Besteck, die Brocken wurden aufgespießt wie Schaschlik. Etwas landete im Feuer und explodierte knallend. Die Musik kam jetzt in Schwung. Offensichtlich hatte sich die Rolling-Stones-Fraktion behauptet, die auf der Esmeralda Princess unterwegs war. Die ebenfalls vorangekündigten James Last, Heino, Frank Zappa und Rex Gildo wurden erst einmal zurückgestellt. I can´t get no…… kam es aus Grützkorfs Boxen. No satisfaction… -Die Anlage war auf solche Lautstärke nicht geeicht und begann zu knattern. Das tat der Stimmung keinen Abbruch. No no no no .. I can´t get no….-Der Echoraum mit dem Gitarrenknarren dröhnte im Sound der Seniorenband. No… no.. no.. no….no…- Wir wollen an der schönen blauen Donau,- rief eine Damenriege, die ihre Fächer schwenkte, drang aber nicht durch. Die Gäste scharten sich um die Feuer. Jemand hatte einen Grillanzünder mitgebracht. Die nächsten Feuer gingen schneller an. Alles sah ein bisschen blutverschmiert aus, weil die Papierservietten fehlten. Die wahre Ökodisko!- hörte man den Parkwächter rufen. Im Hintergrund hatte allerdings auch eine Abmarschbewegung eingesetzt, da offenbar begriffen worden war, dass dieser Landausflug nicht hielt, was das Programm versprochen hatte. Etliche Passagiere marschierten gruppenweise zu den Schiffen, deren Signaltuten im Hintergrund manchmal zu hören war. Da erschien ein drittes Zebu auf der Bildfläche. Das Tier stand wie seine Vorgänger auf seltsam dünnen Beinen und wurde mit Hoch-und Jubelrufen begrüßt. Die Menge sammelte sich um das Rind. Die Abmarschbewegung kam erst einmal zum Stehen. In sichtlicher Aufgeregtheit schwenkte der Coronel sein Walkie-Talkie.

Das Zebu wurde eingekreist und begann zu scheuen. Meine Damen, meine Herren!-schrie die Eventmanagerin der Esmeralda Princess -sie war jetzt völlig heiser- in ihr Mikrofon. Lassen Sie bitte das Tier in Ruhe!- Zu spät-, sagte Igal. Ich konnte sehen, dass das Zebu nicht mehr stand, wo es vorher noch gestakst war. Stattdessen war dort jetzt ein Grill zu sehen. Da müssen Spezialisten auf der Reise sein,- sagte Igal. Tokpu lachte und hustete durcheinander. Igal klopfte seinem Bruder auf den Rücken. Der Maskenball kam weiter in Schwung. Man schunkelte, hielt sich bei den Händen, tanzte Ringelreihen oder improvisierte die Verrenkungen der Gesellschaftstänze, wobei die Fleischspieße geschwungen wurden, als winke man damit einer unsichtbaren Sache zu, die alles dirigierte, aber nicht sehen war. Eine Dame forderte Kanopus zum Tanzen auf. Dream Steam!- rief eine Zombiemaske. Wir treiben auf dem Acheron!- Nee, Avalon,- antwortete eine Tänzerin im Fransenrock. Fehlt nur noch ein Schamane für die rituelle Ekstase!- Sie meinen einen, der hier alle segnet?- Eine Dame im Ballkleid, die sich im Kreis drehte, rief: Der Sonnenuntergang! Wie wunderbar. Die Reisen auf dem Meer sind doch der wahre Traum!-Ein Prosit auf dies wunderbare Abenteuer!- Sie schwenkte ein imaginäres Weinglas. Ein Wald von Smartfons wurde in die Luft gehalten. Ihre Schirme verbreiteten einen geisterhaften. Eine Hexe mit gekrümmter Pappnase sprang über ein Grillfeuer, um ihre Kollegen auf der anderen Seite zu begrüßen. Totentanz,-sagte Igal. Die Stimmung hatte sich entschieden positiv gewendet. Die Musik veränderte gewissermaßen die Region. Was vorher eher wie ein möblierter Kahlschlag ausgesehen hatte, verwandelte sich in eine Diskothekensphäre, der die hereinbrechende Dämmerung eine festliche Dimension verlieh.

Weil Grützkorfs Anlage überfordert war, hörte man I can´t get no- schon zum dritten Mal. Später legte Guido-Christoffel, der sein Geweih aufbehielt, und sich als Discjockey betätigte, dann aber auch Paint it Black auf, Honky Tonk Woman und Brown Sugar, und sogar This Could Be The Last Time.- In den Pausen hörte man die Menge: So ein Tag so wunderschön wie heute- singen. Die Urwaldriesen!- rief eine Orang-Utang-Maske, die auf Zehenspitzen zu tanzen versuchte. Auf einer von Stümpfen bestandenen Anhöhe in einiger Entfernung erschien kurz darauf ein Panzer. Als er ihn sah, hielt Tokpu sein Thuraya in die Richtung. Das Fahrzeug blieb stehen, seine Kanone schwenkte nach Süden. Cuidado! Attención! Achtung! Achtung!- schrie der Coronel, der im Gesicht hochrot geworden war, in höchsten Tönen in sein Mikrofon. Da haben wir ja auch die Panzerknacker!- Endlich, das Event!- rief jemand begeistert. Nen Führerschein für Panzer hab ich auch!- rief eine weitere Stimme. Das Kriegsfahrzeug fand keine größere Beachtung, obgleich es nicht ganz harmlos aussah. Das Essen und die Maskerade gingen vor. I can´t get no… – Eine winzige Gestalt erschien auf dem Deck des Fahrzeugs, das Tokpu unverwandt fixierte. Was ist das?-fragte ich. Das ist Paloma,- sagte Igal. Tokpu filmte die Szene. Das Mädchen hielt den Stock mit dem aufgespießten Kopf der Puppe in die Höhe und schien damit zu winken. Die Erscheinung eines Kindes in einem Kleid aus Krepp auf einem Panzer führte dazu, dass sich die Menge für das Fahrzeug wieder interessierte. In der Dämmerung war alles nur in Umrissen zu sehen. Tokpu und Igal wurden zunehmend nervös. Weitere Grills befanden sich im Bau. Die Caterpillar schoben hinten immer noch die Möbel aus dem Weg, so dass die Tanzfläche vergrößert wurde, was die Menge unverzüglich nutzte, um sie zu besetzen. Meine Frau! Ich hab meine Frau verloren!- schrie ein Esser, dessen Maske unter dem Sombrero kaum zu erkennen war? Hertha, wo bist du?- Der Betreffende wankte und drohte in Ohnmacht zu fallen. Jemand hatte Bettlaken in einem Schrank gefunden, der unter den Planierraupen auseinander brach. Sie wurden durchgerissen und als Servietten verwendet. Endlich serviert man! Fehlt noch Wasser! Geh jemand mal zum Schiff und hole Mineralwasser! Und Spirituosen aus der Bar!-

Die Tücherfetzen wurden ausgeteilt, sie sahen blutig aus, da Dutzende von Händen nach ihnen griffen und alle, die einen ergattern konnten, sich die Spritzer damit aus den Gesichtern wischten. Einige Passagiere stülpten sich die Laken über und führten damit Geistertänze zur Musik auf. Jetzt fehlt nur noch die Karnevalsarmee von Großmogul Karabla Ruiz. Bevor sie eintrifft, sollten wir verschwinden.- Was denn für eine Karnevalsarmee?-fragte ich. Die Trompeter der Region und ihre Knarren aus dem Busch. Kann sein, dass deren Küchenchefs die Auftraggeber für die Rinder sind, die hier im Augenblick verspeist werden.- Über den Abendhimmel zogen mit einem Zischen feurige Streifen, die in der Mitte auseinanderplatzten, und in einem Funkenregen explodierten. Sie kamen aus der Richtung des Panzers, dessen Kanone nach Norden schwenkte. Die Menge brach in Jubel aus. Ein Meteor!- Nein, Feuerwerk!- Jemand übergab sich und fing an zu taumeln. Um ihn herum bildete sich ein freier Raum. Sieht aus wie Leuchtspurmunition,- sagte Igal. Lichter in Gelb, Grün, Rot und Weiß versanken vor dem Horizont. Hurra!- und Bravo!- schrie die Mickymausmaske. Wenn das Kreuzfahrtmanagement versagt, macht die Armee dieses großartigen Landes ein Feuerwerk für die Best Ager dieser Welt. Frau Bröselmeyer von der Esmeralda, so gehört sich das. Nehmen sie sich daran ein Beispiel!- Als nächstes krachte es hoch oben in der Luft in einer Form, die nicht mehr als normal bezeichnet werden konnte. Kanopus verkroch sich in den Möbelhaufen. Die Gäste zeigten sich jedoch nicht sonderlich beeindruckt. Jetzt wird Ballett getanzt!-rief Grützkorf, der sich in unserer Nähe unter die Masken gemischt hatte, und sein Smartfon mit der Nummer in die Höhe hielt. War das der Panzer?- fragte ich. Wahrscheinlich,- sagte Igal, sicher bin ich nicht. Tokpu nickte. Fuera! Raus hier!-

15

Fortsetzung folgt

Feuervogel
Der Feuervogel war einer der letzten Bewohner, der die brennenden Wälder im Süden verließ. Als er flog, brannte er noch, sodass er in der Luft an einen Kometen mit Feuerschweif erinnerte. Sein Gefieder war von Bränden so gehärtet, dass es nicht verglühte, sondern ihn wie ein feuriger Panzer umschloss.

Wo früher nur Wälder gewesen waren, erstreckten sich jetzt endlose Felder mit Pflanzenreihen, deren Sinn im Dunkeln blieb. Der Feuervogel musste landen, um zu rasten, dabei gerieten die Felder in Brand und brannten völlig ab.

Er musste eine neue Umwelt finden, in der er überleben konnte. Er flog nach Norden, denn im Süden war jetzt keine Möglichkeit mehr für ihn. Eine große Stadt lag unten, ein Gebäude mit vielen Stockwerken fiel ihm ins Auge. Dies schien ein guter Platz zu sein, um zu rasten. Auf dem Gebäude stand in feurigen Lettern das Wort “Bank”. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder, nachdem der Feuervogel sich darauf niedergelasen hatte.

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben

Teil I

Es schaukelt das Zimmer
Im Sturm. Die Horde
Kartographiert ihre Himmelsrose
Geschmückte Haufen weisen den Weg
Die Vergangenheit fault auf dem Rücksitz
Türme fallen im Schlaf

(mehr …)

Teil I

Immer hängt als bläulicher Fetzen
Die Vergangenheit dort
Oben im Stillen
Wo die Verstaubung hüstelt
Reste im verschossenen Dach

(mehr …)

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben. Voraussichtlich in einer örtlichen Buchhandlung.

Was einem Schriftsteller beim Radeln an der Mauer auffiel
Von Birgitt Loff (Berlin)

Die Grenzanlagen als Schauobjekt: „Macht es euch Spaß zu glotzen?“ erkundigt sich ein unbekannter Sprayer in Riesenlettern auf der Berliner Mauer. Offenbar ja, zumal „die Wüste lebt“. Oder, zynisch betrachtet: „Es lebe die Graffiti Mauer!“ Manchem zuckt es in den Fingern, sobald er davorsteht: “We came, we saw, we painted” (Wir kamen, wir sahen, wir malten).

Tage lang radelte der Schriftsteller Claus Hebell „Immer an der Wand entlang“ (Sprüh-Parole), um Sprüche zu notieren. Unterwegs war er von Heidelbergerstraße bis Heidelberger Straße, einmal rundum, 165 Kilometer. Den von Westberlinern und bemalten Wall zwischen zwei politischen Welten erlebte der 30jährige als „Identitätskarte für menschliches Leben“. Auf sechs Seiten aneinandergereiht, veröffentlichte er jetzt seine Sammlung von Graffiti in der in Berlin erscheinenden Literatur- und Kunst-Zeitschrift „KULTuhr“.

Zielscheibe für friedliche und aggressive, ideologische und ironische Sprüche ist am häufigsten das Beton-Ungeheuer, auf dem sie zu lesen sind. „Die Mauer schützt auf Dauer nur den Erbauer“, heißt es auf grauem Grund, oder, frommer Wunsch: „Schade, daß Beton nicht brennt“. Andere meinen kühl: „Diese Mauer kann nun wirklich weg“ oder hoffen”Sesam open” (Sesam, öffne Dich!). Neben einer aufgesprühten Tür mit Klinke findet sich das Versprechen: „Wer hier durchgeht, kriegt von mir 1 Mark.“ Gewarnt wird: „Eintritt auf eigene Gefahr“ oder, ironisch bezugnehmend auf die offiziellen Schilder an den Sektorengrenzen längs der Mauer: “You are leaving the cauliflower sector now” (Sie verlassen jetzt den Blumenkohl-Sektor). Schließlich der gutgemeinte Rat: “Make love, not walls” (Macht Liebe, nicht Mauern).
Gefragt ist die „Auflösung der NATO und des Warschauer Paktes“ denn „Pickel in Ost und West halten an der Rüstung fest“. Unübersehbar lautet die Mauer-Lektion: „1. Weltkrieg = 5 Prozent Ziviltote, 2. Weltkrieg = 48 Prozent Ziviltote, Koreakrieg = 84 Prozent Ziviltote, 3. Weltkrieg wird 100 Prozent Ziviltote“. Folgich: „Schluß mit der Hochrüstung!“ und „Petting statt Pershing“.
Anstelle von Waffen verlangt ein Sprayer „Sexbomben für die DDR“, ein Kollege mockiert sich über die im anderen Deutschland üblichen Solidaritäts-Transparente: „Es lebe die DDR, unser sozialistisches Vaterland!“ Durch den Kakao gezogen werden alle Seiten: “In the West there is dope and chocolate for everybody” (Im Westen gibt’s Drogen und Schokolade für jedermann).
Keine Autorität ist vor den Sprüchemachern sicher. „Holt Ronny runter vom Sockel“, verlangen sie, und veräppeln den Verfassungsschutz: „Wer guckt in alle Abfallkisten, wer jagt im Hof nach Anarchisten?“ Einer dieser Anarchos verrät sein Rezept: „Macht aus dem Staat Grukensalat“.
Bekenntnisse zur gesunden Kost werden abgelegt: „Da wo mein Müsli dampft, da bin ich umverkrampft.“ Verewigt sind Grüße „an alle, die die Hose mit der Kneifzange anziehen“ und an „Gerd zum Geburtstag“ ebenso wie Reklame für den Laden „Second hand Waldemarstr. 19“ oder die Stoßseufzer: „Ich hasse alle Katzen“, „Wendy, Du blöde Kuh, ich mag Dich!“ und „Nie wieder Hertha BSC in der Bundesliga!!!“ Einer will „Punk Rock in Bangkok“, denn die Diagnose lautet: „Reisefieber ist endlos.“ Ehemänner sehen sich gewarnt: „Achtet auf Hausfreunde – es gibt eine Menge.“
Ein Philosoph meint: „Abreißen ist besser als sprayen.“ Entnervt vom Fleiß0 seiner Kollegen kommt ein Graffitti-Schreiber an anderer Stelle zu ganz anderen Schlüssen: “May we have another wall please. This one is dirty” (Können wir bitte noch eine Mauer haben. Diese hier ist drecking). BIRGIT LOFF (Berlin)

Scroll to Top

To Top

Nummer 4

Das Rosenblatt in meiner Schaukelwiege

es schwankte mit dem ersten Atemsog

ich schwor ihm, dass ich niemanden betrüge

im Glauben, dass ich niemanden belog

 

Die Rose wuchs und mit ihr die Verachtung

als ich betrat den Rosendornenpfad

er lehrte mich die Schönheit der Umnachtung

mit Rosenduft und Flatterband gepaart

 

Mit Rosenlaub begrub man die Verträge

man ruinierte sich aufs letzte Hemd

man warf sie weg, zerknüllte die Belege

und ging aus der Toilette ungekämmt

 

Die Rose aber blühte wie besessen

auf allen Straßen unserer Liebesnacht

sie sang und wucherte wie selbstvergessen

sie hat mich um das letzte Hemd gebracht