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Feuervogel
Der Feuervogel war einer der letzten Bewohner, der die brennenden Wälder im Süden verließ. Als er flog, brannte er noch, sodass er in der Luft an einen Kometen mit Feuerschweif erinnerte. Sein Gefieder war von Bränden so gehärtet, dass es nicht verglühte, sondern ihn wie ein feuriger Panzer umschloss.

Wo früher nur Wälder gewesen waren, erstreckten sich jetzt endlose Felder mit Pflanzenreihen, deren Sinn im Dunkeln blieb. Der Feuervogel musste landen, um zu rasten, dabei gerieten die Felder in Brand und brannten völlig ab.

Er musste eine neue Umwelt finden, in der er überleben konnte. Er flog nach Norden, denn im Süden war jetzt keine Möglichkeit mehr für ihn. Eine große Stadt lag unten, ein Gebäude mit vielen Stockwerken fiel ihm ins Auge. Dies schien ein guter Platz zu sein, um zu rasten. Auf dem Gebäude stand in feurigen Lettern das Wort “Bank”. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder, nachdem der Feuervogel sich darauf niedergelasen hatte.

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben

Teil I

Es schaukelt das Zimmer
Im Sturm. Die Horde
Kartographiert ihre Himmelsrose
Geschmückte Haufen weisen den Weg
Die Vergangenheit fault auf dem Rücksitz
Türme fallen im Schlaf

(mehr …)

Teil I

Immer hängt als bläulicher Fetzen
Die Vergangenheit dort
Oben im Stillen
Wo die Verstaubung hüstelt
Reste im verschossenen Dach

(mehr …)

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben. Voraussichtlich in einer örtlichen Buchhandlung.

Was einem Schriftsteller beim Radeln an der Mauer auffiel
Von Birgitt Loff (Berlin)

Die Grenzanlagen als Schauobjekt: „Macht es euch Spaß zu glotzen?“ erkundigt sich ein unbekannter Sprayer in Riesenlettern auf der Berliner Mauer. Offenbar ja, zumal „die Wüste lebt“. Oder, zynisch betrachtet: „Es lebe die Graffiti Mauer!“ Manchem zuckt es in den Fingern, sobald er davorsteht: “We came, we saw, we painted” (Wir kamen, wir sahen, wir malten).

Tage lang radelte der Schriftsteller Claus Hebell „Immer an der Wand entlang“ (Sprüh-Parole), um Sprüche zu notieren. Unterwegs war er von Heidelbergerstraße bis Heidelberger Straße, einmal rundum, 165 Kilometer. Den von Westberlinern und bemalten Wall zwischen zwei politischen Welten erlebte der 30jährige als „Identitätskarte für menschliches Leben“. Auf sechs Seiten aneinandergereiht, veröffentlichte er jetzt seine Sammlung von Graffiti in der in Berlin erscheinenden Literatur- und Kunst-Zeitschrift „KULTuhr“.

Zielscheibe für friedliche und aggressive, ideologische und ironische Sprüche ist am häufigsten das Beton-Ungeheuer, auf dem sie zu lesen sind. „Die Mauer schützt auf Dauer nur den Erbauer“, heißt es auf grauem Grund, oder, frommer Wunsch: „Schade, daß Beton nicht brennt“. Andere meinen kühl: „Diese Mauer kann nun wirklich weg“ oder hoffen”Sesam open” (Sesam, öffne Dich!). Neben einer aufgesprühten Tür mit Klinke findet sich das Versprechen: „Wer hier durchgeht, kriegt von mir 1 Mark.“ Gewarnt wird: „Eintritt auf eigene Gefahr“ oder, ironisch bezugnehmend auf die offiziellen Schilder an den Sektorengrenzen längs der Mauer: “You are leaving the cauliflower sector now” (Sie verlassen jetzt den Blumenkohl-Sektor). Schließlich der gutgemeinte Rat: “Make love, not walls” (Macht Liebe, nicht Mauern).
Gefragt ist die „Auflösung der NATO und des Warschauer Paktes“ denn „Pickel in Ost und West halten an der Rüstung fest“. Unübersehbar lautet die Mauer-Lektion: „1. Weltkrieg = 5 Prozent Ziviltote, 2. Weltkrieg = 48 Prozent Ziviltote, Koreakrieg = 84 Prozent Ziviltote, 3. Weltkrieg wird 100 Prozent Ziviltote“. Folgich: „Schluß mit der Hochrüstung!“ und „Petting statt Pershing“.
Anstelle von Waffen verlangt ein Sprayer „Sexbomben für die DDR“, ein Kollege mockiert sich über die im anderen Deutschland üblichen Solidaritäts-Transparente: „Es lebe die DDR, unser sozialistisches Vaterland!“ Durch den Kakao gezogen werden alle Seiten: “In the West there is dope and chocolate for everybody” (Im Westen gibt’s Drogen und Schokolade für jedermann).
Keine Autorität ist vor den Sprüchemachern sicher. „Holt Ronny runter vom Sockel“, verlangen sie, und veräppeln den Verfassungsschutz: „Wer guckt in alle Abfallkisten, wer jagt im Hof nach Anarchisten?“ Einer dieser Anarchos verrät sein Rezept: „Macht aus dem Staat Grukensalat“.
Bekenntnisse zur gesunden Kost werden abgelegt: „Da wo mein Müsli dampft, da bin ich umverkrampft.“ Verewigt sind Grüße „an alle, die die Hose mit der Kneifzange anziehen“ und an „Gerd zum Geburtstag“ ebenso wie Reklame für den Laden „Second hand Waldemarstr. 19“ oder die Stoßseufzer: „Ich hasse alle Katzen“, „Wendy, Du blöde Kuh, ich mag Dich!“ und „Nie wieder Hertha BSC in der Bundesliga!!!“ Einer will „Punk Rock in Bangkok“, denn die Diagnose lautet: „Reisefieber ist endlos.“ Ehemänner sehen sich gewarnt: „Achtet auf Hausfreunde – es gibt eine Menge.“
Ein Philosoph meint: „Abreißen ist besser als sprayen.“ Entnervt vom Fleiß0 seiner Kollegen kommt ein Graffitti-Schreiber an anderer Stelle zu ganz anderen Schlüssen: “May we have another wall please. This one is dirty” (Können wir bitte noch eine Mauer haben. Diese hier ist drecking). BIRGIT LOFF (Berlin)

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Münchhausen und die Verschrottung der großen Fahrt

TAZ-Original

 

Erläuterung zum Text
Kleine Erläuterung zu „Münchhausen oder die Verschrottung der großen Fahrt“

Das zwanzigste Jahrhundert wurde mit einer großen Zahl verschiedenartiger Charakterisierungen belegt. Für die einen ist es das Jahrhundert genialer Erfindungen, für die anderen das der Wölfe, für wieder andere das der permanenten Kriege auf Grund der Weltfremdheit seiner Eliten und schließlich, für vielleicht etwas deutlichere Geister, schlicht das Jahrhundert der Massenmorde.
Als eine erheblich zu wenig beachtete Gestalt lässt sich in diesem Kontext der Baron von Münchhausen betrachten, auch Lügenbaron genannt, denn berechtigterweise dürfte das zwanzigste besonders als das Jahrhundert der Lüge, der Verlogenheit und der Unwahrheit in die Annalen eingehen.
Für diese Thematik ist der Herr Baron eine fast ideale Repräsentationsfigur. Bedauerlicherweise hat das Bundesministerium für Kultur, Technik und Lüge die als Museum institutionalisierte Heimstatt des Mannes auf Bodenwerder schon vor längerer Zeit geschlossen, denn was dort erzählt wurde, kam der Wahrheit immer schon unappetitlich nahe, wenn auch auf sehr vertrackte Art und Weise.
So auch im Falle der kleinen Geschichte “Münchhausen oder die Verschrottung der großen Fahrt“. Die Zeitung hat hier etwas viel des Guten getan. Unfreiwillig hat sie trotz der Freundlichkeit, den Text zu veröffentlichen, mit seiner Verkürzung und Zerstückelung dazu beigetragen, die Wahrheit zu beschneiden.
Ob nun tatsächlich genau das passiert ist, was der Baron von seiner großen Fahrt nach Mururoa, dem Atoll im Südpazifik und damaligen Nukleartestgebiet Frankreichs erzählt, dürfte nahezu zweitrangig sein. Es fehlen jedoch allzu viele technische Details in der Geschichte, die schließlich zur Wahrheit gehören, und man könnte meinen, dass die freundliche taz-Mannschaft sich am Geschäft Münchhausens beteiligte, indem sie sich in den Fortgang der Ereignisse einmischen zu müssen meinte.
Deshalb soll in absehbarer, wenn auch nach langer Zeit, die vollständige Geschichte nachgetragen werden, die Münchhausen auf seiner großen Fahrt mit der Panlibhonco mit 500.000 Barrel Rohöl im Bauch eines Supertankers nach Mururoa unternahm. Was auf der Homepage zu sehen ist, bildet also nur einen geringfügigen Abspann.
Zur Aktualität der Thematik wäre nachzureichen, dass in den Bohrlöchern, die für die 140 unterirdisch durchgeführten Atomtests in den Basalt des Atolls gebohrt wurden, immer noch umfangreiche Mengen Atommülls, einschließlich Plutonium, lagern, die bei steigendem Meeresspiegel nach und nach in die pazifischen Strömungen gelangen können. Mit dem Aufräumen ihrer militanten Mülltüten haben sich Atommächte nie besonders viel Mühe gemacht. Das Atoll ist auch 2014 Sperrgebiet.
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Münchhausen und die Verschrottung der großen Fahrt

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Von Claus Hebell (Auszüge)

Unser Trinkwasser war schon seit Tagen alle. In dieser Situation gelang mir eine Erfindung, die Epoche machen wird. Ich erfand die Proteinmaschine. Das ist eine Maschine, die Rohöl der Qualität arabisch leicht in in Eiweiß umwandelt. Das noch ungelöste Problem besteht allerdings darin, daß die Sache nicht besonders schmackhaft ist. In kleinen Rationen kann man aber davon kosten. Außerdem beschlossen wir, ein Schleppnetz auszuhängen. Die drei Medizinmänner gingen auf Deck, wo wir eine riesige Plastikplane ausgebreitet hatten und machten Regentänze.

Inzwischen fuhren wir in Schlangelinien quer durch den Pazifischen Ozean ungefähr nach Nordosten. In den Nächten waren aus dem Ruf der “World Glory” öfters dumpfe Explosionen zu hören, die uns wach hielten. Wenn es mir gelang zu schlafen, träumte ich von Lustgelagen, auf denen Aladin mit der Wunderlampe mir die Krammetsvögel in den Mund fliegen ließ und Sklavinnen in mit Champagner gefüllten Swimmingpools badeten.

Unsere Position muß irgendwo in der Nähe des südlichen Wendekreises gewesen sein, südwestlich der polynesischen Inseln.

Satongo Miranda behauptete, man könne sich von LSD ernähren und bot allen an, es zu versuchen. Dann kam Kicki mit den Resultaten aus dem Schleppnetz auf die Brücke. Wir prallten zurück. In dem Topf saßen Fische mit den Beinen von Wasserspinnen und Tentakeln von Langusten. Seesterne sahen aus wie Kuhdung mit Augen und eine Schildkröte hatte drei Köpfe und den Schwanz eines Molchs. Etwas ganz Unkenntliches legte unaufhörlich Eier, deren Schaum über den Topfrand hinausquoll.

Mutationen, sagte Jaques Wumsli, den das Studium der Biologie auf die Idee gebracht hatte, sich zur Frau machen zu lassen.

Dann sind wir in der Nähe Mururoas.

Es war zu hoffen, daß Satongo mit dieser Vermutung Unrecht hatte. Mururoa ist das Atoll, auf dem die Franzosen ihre Nuklearbomben testen.

Sollen wir das essen? frackte Kicki.
Er hatte kaum diese nicht unwichtige Frage ausgesprochen, als Uahubwe an den Fahrpulten einen Schrei ausstieß und mit ausgestrecktem Arm schräg nach vorn wies.

Wir stürzten hin und erblickten etwas Fürchterliches. Ein mit zehn Grad Schlagseite hoch aus dem Wasser ragender Großtanker von etwa 300.000 Tonnen deadweight, dessen Steuerbordseite auf 100 Meter aufgerissen war, so daß die Tanks freilagen, trieb auf uns zu.

Bubulonga, Uahubwe und Rattango fingen trotz ihrer Schwäche sofort wie besessen an zu tanzen.Bubulonga starb dabei an einem Herzschlag. Ich versuchte über Funk mit dem Ungetüm Kontakt aufzunehmen, aber niemand meldete sich. Der Name des Schiffs war unleserlich. Am Heck whte eine Schwarze Flagge mit einem Totenkopf in Weiß.

Uns allen war klar, dies war das Ende. Satongo betete zur Mutter von Valladolid, die drei Medizinmänner schrien unaufhörlich und ich stand mit aufgerissenen Augen am Funkgerät.

Nur um Haaresbreite verfehlte der zerknautsche Bug des Geisterfahrers das Heck der “World Glory” mit unserer Toilette.

Wir stürzten nach Backbord. Das Deck der Erscheinung war hoch mit Unrat bedeckt, darunter Coca-Cola Büchsen, Knochen, Stuhlbeine. Unter der Pipeline längs des Laufstegs, wo alles von Löchern strotzte, lag das blankgeputzte Skelett eines Menschen, dem das rechte Bein fehlte.

Ich hob den Feldstecher und sah in die Kapitätskabine. Auf dem Tisch der Kabine tanzten die Ratten über zerfressenen Seekarten. Ein besonders großes Exemplar probierte mit der Schnaue an der Senderwahl des Radios herum.

Verlucht, sagte Satongo. Im gleichen Augenblick verirrte sich ein ungewöähnlich großer Schmetterling auf die Kommandobrücke, ließ sich auf dem eisernen Gustav nieder und weidete ihn ab. als sei der abgeplatze Lack willkommene Nahrung. Das Tier hatte mausgroße Ohren.

Immer bizarrer wurden nun die Fänge im Schleppnetz, und die Vögel, die sich auf Deck niederließen, sahen aus, wie verwundete Mißgeburten.

Ich requirierte sofort die gesamte Aluminiumfolie aus der Küche und stieß dabei auf einen großen Vorrat Peter Stuyvesant, den Kicki heimlich aufrauchte, ohne uns etwas davon abzugeben. Ein paar Stunden später bekam Rattango einen weißen Hautausschlag, und Uahubwe hustete Blut. Ich weiß nicht, ob man sie unter normalen Umständen hätte retten können.

„Wo sind Sie?“ fragte das nächste Kabel aus New York. Es war das erste siet langer Zeit. Ich kabelte nichts mehr zurück. Mochte Mr. Clifton sehen, wie er mit seinem Supertanker allein zurechtkam. Ich hatte meinem Auftrag vergessen. Ich übernahm den Fatalismus meiner Schiffsgenossen.

„Kommen Sie nach San Franzisko!“ Stop. Wohin fahren Sie? Stop. Ende.“ So ging das eine ganze Weile. Alle Kabel blieben unbeantwortet. Was bedeutete das Ölkgeschäft vor der Aussicht, aufgelöst in einen Teilchenwind, zur Sonne aufzufahren? Die Tierwelt sah aus, als wäre sie dem Hirn eines geisteskranken Klontechnikers entsprungen. Immer häufiger kreuzten herrenlose Tanker unseren Weg. Allem Anschein nach durchquerten wir einen weitläufigen Schiffsfriedhof, in dem Supertanker auf ihr Ende wartete, welche Art Ende auch immer. Vielleicht gab es eine heimliche Übereinkunft zwischen Reedern und Experimentatoren. Die einen wollten ihren Schrott loswerden, die anderen brauchten Objekte für ihre Test.

Wie dem auch sei, unsere Letzte Sitzung mit der letzten Peter Stuyvesant und der letzten Flasche Underberg war ein Erfolg. Wir hatten um den Tisch in der Kapitätskajüte Platz genommen und betrachteten die Zukunft mit Humor. In unserer Aluminiumkleidung sahen wir wie Raumfahrer aus, bereit zum Aufbruch in das Universum, falls die Erde unbewohnbar würde. Die Medizinmänner, Rattango und Uahubwe erzählten noch einmal die alten Mythen vom Anfang der Welt uns dagen mit gebrochener Stimme Lieder von der Schönheit Afrikals. Bruno Friedensengel schilderte in allen Einzelheiten, wie er seine Oma mit einem Beil erschlagen hatte, und Satongo Miranda schwärmte vom Goldenen Dreieck. Jaques Wumsli, dieser wehmütige Transvestit machte mir eine Liebeserklärung. Da nun alles gleichgültig geworden war und uns alle das Bewußtsein unserer Ausgesetztheit in der absoluten Freiheit schon lange überwältigt hatte, sagte ich ihm, auch ich habe ihn gern, und tatsächlich erinnerte er mich, von der Geschlechtsbildung her, an eine Frau, die mir nahegestanden hatte.

In dieser Nacht wurden wir von einem Patrouillenboot der französischen Marine über Funk aufgefordert, unverzüglich das Sperrgebiet zu verlassen, das die Force de Frappe um das Atoll mururoa geschlossen hatte, weil dort um 5 Uhr 55 ein Test mit einer 15 Megatonnenbombe stattfinden sollte.

Wir funkten zurück, unser Kurs sei nicht korrigierbar und heirfür könnten wir nichts, denn die Steuerung sei ausgefallen und so weiter. Daraufhin war plötzlich der Nachthimmel voller weißer und roter Leuchtraketen, die sich an ihren Fallschirmen langsam auf die Wasseroberfläche senkten. Hubschrauber fingen an, uns zu umkreisen. Einer von ihnen, in dem die Militärpolizei saß, war im Begriff auf Deck zu landen, als mit einer zehn Meter hohen Stichflamme an Backbord eine Reihe unserer Ldetanks explodierten.

Der Hubschrauber sprang wie eine angebrannte Mücke in die Höhe und verschwand mit geplatzten Fenstern in der nacht. ein in der Nähe aufgetauchtes U-Boot verschwand ebenfalls wieder. Zwei Patrouillenboote kamen und blieben auf Distanz. Dann verschwanden auch sie. Wir hatten uns auf der Brücke versammelt. Es war eine sternklare Nacht. Uahubwe und Rattango lagen jetzt im Koma. Der Hautkrebs auf dem Gesicht Rattangos entstellte ihn derart, daß er nicht mehr zu erkennen war. mit rauchender Steuerbordseite trieben wir durch den Pazifik. Immer gradeaus. Es war jetzt 4 Uhr 33.

Quittez immédiatement la zone nucléare! Verlassen Sie sofort das Sperrgebiet! tönte es immer wieder aus dem Funk und dann folgten Flüche auf französisch. In aller Unschuld hatten wir den Unmut einer großen Atomnation auf unser Haupt gezogen. Sie schimpften so lange, bis unser Funkgerät kaputt ging.

Satongo bot LSD an und warf sich einen ganzen Trip hinein. Gottfried Ballermann erschien mit einem Beil. Jaques Wumsli und ich standen vorn an den Pulten und beobachteten die Kimm. Tote Vögel schlugen uns die letzten Brückenfenster ein, einer verletzte mich am Kopf.

Und dann war die Bombe da. Sie hing in der Größe eines Fußballs unter einem Fesselballon, und zwar in dem weißen Streifen zwischen Morgenrot und Nacht. Bei ihrem Anblick bewegte Satongo die Arme wie ein Vogel, durchbrach die vernagelte tür zur Steuerbordnock und stürzte sich in die Tiefe. Die Bombe kam näher. Wir fuhren mit einer Stupidität direkt auf sie zu, daß man rasend davon werden konnte. Jaques Wumsli bestand darauf, mich zum Abschied zu küssen, und der Kuß fiel ungewöhnlich lang aus.

Als nächstes ging die Bombe los. Haben Sie schon einemal auf drei Kilometer Entfernung der Explosion einer 15 Megatonnenbombe beigewohnt? – Dort wo das Morgengrauen war, begann ein Grollen, als stürze die Erde auf den Mond. Die “World Glory” brach in der Mitte auseinander, das Vorderdeck mit dem Bug sank seitwärts ab und scherte aus, und das Heck mit den Aufbauten fuhr daran vorbei.

Die Druckwelle zerstörte mir beide Trommelfelle. Ein Rudel Ratten Stürzte mit panischem Quieken über die Brückenpulte, sprang aus den leeren Fensterhöhlen und zerplatze im nuklearen Sturm. Hinter mir ging die Wand auf. Jaques Wumsli wurde herausgezogen wie durch einen Windkanal. Von Bruno Friedensengel war nichts mehr zu sehen. Ich preßte mir den Arm vor die Augen und sah seine Knochen und Sehnen, als schaute ich in ein Röntgenbild.

Ein gewaltiger Wasserberg erhob sich aus dem Pazifik und baute einen Gischtdom in den Himmel. Die 15 Meter hone Grundwelle der Detonation erfaßte das Heckteil der “World glory” und trug es wie ein Surfbrett aus dem Zentrum des Infernos. Ohne die Aluminiumfolie hätte ich nich überlebt. Und etwas anderes kam noch hinzu.

Die Franzosen wußten ja, daß wir auf das Zentrum ihres Testgebietes zufuhren. Sie hatten uns gewarnt und waren uns, wenn auch mit großem Abstand, sogar gefolgt. Natürlich hätten sie den Verlust einer ganzen Mannschaft nie in Kauf genommen. Die Bombe ging aus Versehen los. Irgendein Koordinator hatte vermutlich die betreffenden Knöpfe verwechselt. Das ganze war eine Panne. Die bombe explodierte nur mit einem Drittel ihrer Kraft, sonst hätte ich die Sache nie überlebt. Die Ursachen dieser Panne wurden selbstverständlich nicht veröffentlicht. Keine Atommacht läßt sich bei so etwas in die Karten schauen. Sie können sich nicht vorstellen, wie die “World Glory” aussah. Übrigens fuhr sie immer noch. Die Steuerung schlug sogar wieder an, und ich hielt Kurs auf San Franzisko, bis mir ein Boot der französischen Marine in den Weg fuhr. Ich war halb verhungert, als ich meine Gasmaske abnahm.

Aus New York schickte mir sechs Monate Mr. Clifton eine Rechnung. Der Multi hält mich nach wie vor für regresspflichtig und beschuldigt mich unter anderem der Veruntreuung von 500.000 Fass Rohöl der Sorte arabisch leicht.