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Feuervogel
Der Feuervogel war einer der letzten Bewohner, der die brennenden Wälder im Süden verließ. Als er flog, brannte er noch, sodass er in der Luft an einen Kometen mit Feuerschweif erinnerte. Sein Gefieder war von Bränden so gehärtet, dass es nicht verglühte, sondern ihn wie ein feuriger Panzer umschloss.

Wo früher nur Wälder gewesen waren, erstreckten sich jetzt endlose Felder mit Pflanzenreihen, deren Sinn im Dunkeln blieb. Der Feuervogel musste landen, um zu rasten, dabei gerieten die Felder in Brand und brannten völlig ab.

Er musste eine neue Umwelt finden, in der er überleben konnte. Er flog nach Norden, denn im Süden war jetzt keine Möglichkeit mehr für ihn. Eine große Stadt lag unten, ein Gebäude mit vielen Stockwerken fiel ihm ins Auge. Dies schien ein guter Platz zu sein, um zu rasten. Auf dem Gebäude stand in feurigen Lettern das Wort “Bank”. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder, nachdem der Feuervogel sich darauf niedergelasen hatte.

7. Juli 2018
12:00

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben

Teil I

Es schaukelt das Zimmer
Im Sturm. Die Horde
Kartographiert ihre Himmelsrose
Geschmückte Haufen weisen den Weg
Die Vergangenheit fault auf dem Rücksitz
Türme fallen im Schlaf

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Teil I

Immer hängt als bläulicher Fetzen
Die Vergangenheit dort
Oben im Stillen
Wo die Verstaubung hüstelt
Reste im verschossenen Dach

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1. Oktober 2017 20:00to1. Oktober 2018 22:00

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben

Was einem Schriftsteller beim Radeln an der Mauer auffiel
Von Birgitt Loff (Berlin)

Die Grenzanlagen als Schauobjekt: „Macht es euch Spaß zu glotzen?“ erkundigt sich ein unbekannter Sprayer in Riesenlettern auf der Berliner Mauer. Offenbar ja, zumal „die Wüste lebt“. Oder, zynisch betrachtet: „Es lebe die Graffiti Mauer!“ Manchem zuckt es in den Fingern, sobald er davorsteht: “We came, we saw, we painted” (Wir kamen, wir sahen, wir malten).

Tage lang radelte der Schriftsteller Claus Hebell „Immer an der Wand entlang“ (Sprüh-Parole), um Sprüche zu notieren. Unterwegs war er von Heidelbergerstraße bis Heidelberger Straße, einmal rundum, 165 Kilometer. Den von Westberlinern und bemalten Wall zwischen zwei politischen Welten erlebte der 30jährige als „Identitätskarte für menschliches Leben“. Auf sechs Seiten aneinandergereiht, veröffentlichte er jetzt seine Sammlung von Graffiti in der in Berlin erscheinenden Literatur- und Kunst-Zeitschrift „KULTuhr“.

Zielscheibe für friedliche und aggressive, ideologische und ironische Sprüche ist am häufigsten das Beton-Ungeheuer, auf dem sie zu lesen sind. „Die Mauer schützt auf Dauer nur den Erbauer“, heißt es auf grauem Grund, oder, frommer Wunsch: „Schade, daß Beton nicht brennt“. Andere meinen kühl: „Diese Mauer kann nun wirklich weg“ oder hoffen”Sesam open” (Sesam, öffne Dich!). Neben einer aufgesprühten Tür mit Klinke findet sich das Versprechen: „Wer hier durchgeht, kriegt von mir 1 Mark.“ Gewarnt wird: „Eintritt auf eigene Gefahr“ oder, ironisch bezugnehmend auf die offiziellen Schilder an den Sektorengrenzen längs der Mauer: “You are leaving the cauliflower sector now” (Sie verlassen jetzt den Blumenkohl-Sektor). Schließlich der gutgemeinte Rat: “Make love, not walls” (Macht Liebe, nicht Mauern).
Gefragt ist die „Auflösung der NATO und des Warschauer Paktes“ denn „Pickel in Ost und West halten an der Rüstung fest“. Unübersehbar lautet die Mauer-Lektion: „1. Weltkrieg = 5 Prozent Ziviltote, 2. Weltkrieg = 48 Prozent Ziviltote, Koreakrieg = 84 Prozent Ziviltote, 3. Weltkrieg wird 100 Prozent Ziviltote“. Folgich: „Schluß mit der Hochrüstung!“ und „Petting statt Pershing“.
Anstelle von Waffen verlangt ein Sprayer „Sexbomben für die DDR“, ein Kollege mockiert sich über die im anderen Deutschland üblichen Solidaritäts-Transparente: „Es lebe die DDR, unser sozialistisches Vaterland!“ Durch den Kakao gezogen werden alle Seiten: “In the West there is dope and chocolate for everybody” (Im Westen gibt’s Drogen und Schokolade für jedermann).
Keine Autorität ist vor den Sprüchemachern sicher. „Holt Ronny runter vom Sockel“, verlangen sie, und veräppeln den Verfassungsschutz: „Wer guckt in alle Abfallkisten, wer jagt im Hof nach Anarchisten?“ Einer dieser Anarchos verrät sein Rezept: „Macht aus dem Staat Grukensalat“.
Bekenntnisse zur gesunden Kost werden abgelegt: „Da wo mein Müsli dampft, da bin ich umverkrampft.“ Verewigt sind Grüße „an alle, die die Hose mit der Kneifzange anziehen“ und an „Gerd zum Geburtstag“ ebenso wie Reklame für den Laden „Second hand Waldemarstr. 19“ oder die Stoßseufzer: „Ich hasse alle Katzen“, „Wendy, Du blöde Kuh, ich mag Dich!“ und „Nie wieder Hertha BSC in der Bundesliga!!!“ Einer will „Punk Rock in Bangkok“, denn die Diagnose lautet: „Reisefieber ist endlos.“ Ehemänner sehen sich gewarnt: „Achtet auf Hausfreunde – es gibt eine Menge.“
Ein Philosoph meint: „Abreißen ist besser als sprayen.“ Entnervt vom Fleiß0 seiner Kollegen kommt ein Graffitti-Schreiber an anderer Stelle zu ganz anderen Schlüssen: “May we have another wall please. This one is dirty” (Können wir bitte noch eine Mauer haben. Diese hier ist drecking). BIRGIT LOFF (Berlin)

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„Unterstand für Eros“

Bangkok ist die Hauptstadt Thailands. Es ist eine schöne Stadt. In Bangkok hat mancher sein Glück gemacht oder das Gegenteil gefunden. In der Sache unseres Lyriker-Freundes haben wir es mit einem besonders problematischen Fall zu tun, zumal er die Behauptung aufstellt, seit seiner Rückkehr von vorübergehenden Absencen heimgesucht zu werden. Ob diese etwas mit seiner Liebesthematik aus Bangkok zu tun haben, lässt sich kaum klären.

Offensicht hat es ihn dort schwer erwischt. Er verliebte sich in eine besonders hübsche Einheimische, was jedoch keinen glücklichen Ausgang genommen zu haben scheint. Der Lyriker-Freund behauptet zwar es handele sich um eine unsterbliche Angelegenheit, mag jedoch nicht darüber reden, welches Ende die Sachen nahm.

Zusätzlich hat er sich mit seinen Verlag überworfen, da er den in Auftrag gegebenen Bericht seiner Reise nach Thailand möglicherweise aus den obengenannten Gründen nicht ablieferte. Er scheint so in seine Sache vertieft gewesen zu sein, dass er für nichts anderes mehr einen Gedanken fand, am wenigsten dafür, sich mit den touristischen oder kulturellen Gegebenheiten Bangkoks nach dem kürzlichen Eintritt der Militärdiktatur auseinander zusetzen.

Mindestens genauso schlimm wie der vergebliche Ausgang seiner Sache ist jedoch für ihn, dass er seit seiner Rückkehr nach den ersten vier oder fünf Strophen des Gedichts sucht, mit dem er sich seiner Aussage zufolge in einen der ersten Ränge europäischer Liebeslyrik heraufzuarbeiten gedachte. Die Sache ist umso kurioser, als er seiner Dame dieses Leitgedicht als Motiv nicht ohne Stolz auf seine Fähigkeiten zum Geschenk machte, ohne es für sich vorher noch einmal abgeschrieben zu haben. Dies, obgleich sie kaum Deutsch verstand und seinen Andeutungen zufolge vermutlich auch ihre eigene Sprache nur mangelhaft lesen konnte.

Solange er sich mit dem Wiederfinden der verloren gegangenen Verse abmüht, geben wir ihm hier einen Aufenthalt, den man provisorisch “Unterstand für Eros“ nennen könnte. Offensichtlich enthalten die Verse lyrische Anhaltspunkte zum Verlauf der Affäre in Bangkok. Es handelt sich also vielleicht um einen vorübergehenden Eintrag, den man auf sich beruhen lassen kann, sobald sich der Lyriker-Freund an die einleitenden vier oder fünf Strophen seines Hauptgedichts erinnert.
Die letzten vier Zeilen hat er aufbewahrt. Sie lauten lauten:

Am Zeitenende wird ein Rosenregen
aus deinen Augen regnen auf das Land
und eine Blüte wird man auf mich legen
wo man den Leichnam meiner Liebe fand.

Das klingt allerdings verteufelt romantisch. Da fragt man sich natürlich, ob hier nicht der sattsam bekannte Lyrikerkitsch vorliegt. Vielleicht darf aber konzediert werden, dass man sich mit dieser Kategorie ja auch in keinem ganz alltäglichen Feld bewegt. So soll dem verzweifelt nach seinen wichtigsten Zeilen suchenden Reisenden der Speicherplatz hier nicht verwehrt werden.
Die Sachen sind durchnummeriert, da es keine Anhaltspunkte für Überschriften oder Titel gibt.

Nummer 1

An diesem Morgen sind wir aufgebrochen

zuerst kam sie und dann noch mal allein

um uns herum die ausgebleichten Knochen

der Seligen und sonst kein Schwein

Es sang ihr Mehl, durchtosend die Gezeiten

das Sonnensegel wurde ausgespreizt

es weht kein Wind in diesen kalten Breiten

denn die Materie hat ihn ausgereizt

Aus hundert Monden hörten wir es krachen

und es erklärte der betrunkene Steuermann

das sind Vulkane, die vor Liebe lachen

das Feuer lacht, wenn es Planeten kneten kann

Und als die großen Sterne näherkamen

durchstießen wir das alte Feuerglück

die Totgeburten sprangen aus dem Rahmen

und sangen vom gehörten Liebesblick

So blieb es als das Wogen der Gestirne

durch uns hindurch in seinem Wolkenpriel

und durch das Feld der flötenden Gehirne

zum Ursprung der Gezeiten niederfiel

In deinen Augen glitzerte das Feuer

von Sternen vor der letzten Explosion

und kein Erlöschen war uns so geheuer

mit dem uns die Erloschenen bedrohn

Nummer 2

Ach Liebste wenn ich deine Schwingen sehe,

dann weiß ich erst dass du kein Engel bist

ich spüre ihren Schlag in meiner Nähe

wie einen Traum in dem man schamlos küsst

Und wenn du sprichst will ich die Sprache trinken

die einem solchen von den Lippen sprießt

und wenn du fährst so wird dein Flügel winken

dass mir das meiste Blut zum Herzen schießt

Und wenn du weinst will ich die Tränen essen

mit einem Löffel meiner Sterblichkeit

weil sie das Alter unserer Wangen fressen

und das Entsetzen der geparkten Zeit

Wenn du dann zu den großen Räumen startest

auf einer Bahn die ich nicht sehen kann

dann will ich nicht dass du dort auf mich wartest

denn alles Sterbende verfällt dem Bann

Nummer 3