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1. Januar 2017 20:00bis1. Januar 2018 22:00

Termine und Örtlichkeiten werden noch bekannt gegeben

Was einem Schriftsteller beim Radeln an der Mauer auffiel
Von Birgitt Loff (Berlin)

Die Grenzanlagen als Schauobjekt: „Macht es euch Spaß zu glotzen?“ erkundigt sich ein unbekannter Sprayer in Riesenlettern auf der Berliner Mauer. Offenbar ja, zumal „die Wüste lebt“. Oder, zynisch betrachtet: „Es lebe die Graffiti Mauer!“ Manchem zuckt es in den Fingern, sobald er davorsteht: „We came, we saw, we painted“ (Wir kamen, wir sahen, wir malten).

Tage lang radelte der Schriftsteller Claus Hebell „Immer an der Wand entlang“ (Sprüh-Parole), um Sprüche zu notieren. Unterwegs war er von Heidelbergerstraße bis Heidelberger Straße, einmal rundum, 165 Kilometer. Den von Westberlinern und bemalten Wall zwischen zwei politischen Welten erlebte der 30jährige als „Identitätskarte für menschliches Leben“. Auf sechs Seiten aneinandergereiht, veröffentlichte er jetzt seine Sammlung von Graffiti in der in Berlin erscheinenden Literatur- und Kunst-Zeitschrift „KULTuhr“.

Zielscheibe für friedliche und aggressive, ideologische und ironische Sprüche ist am häufigsten das Beton-Ungeheuer, auf dem sie zu lesen sind. „Die Mauer schützt auf Dauer nur den Erbauer“, heißt es auf grauem Grund, oder, frommer Wunsch: „Schade, daß Beton nicht brennt“. Andere meinen kühl: „Diese Mauer kann nun wirklich weg“ oder hoffen“Sesam open“ (Sesam, öffne Dich!). Neben einer aufgesprühten Tür mit Klinke findet sich das Versprechen: „Wer hier durchgeht, kriegt von mir 1 Mark.“ Gewarnt wird: „Eintritt auf eigene Gefahr“ oder, ironisch bezugnehmend auf die offiziellen Schilder an den Sektorengrenzen längs der Mauer: „You are leaving the cauliflower sector now“ (Sie verlassen jetzt den Blumenkohl-Sektor). Schließlich der gutgemeinte Rat: „Make love, not walls“ (Macht Liebe, nicht Mauern).
Gefragt ist die „Auflösung der NATO und des Warschauer Paktes“ denn „Pickel in Ost und West halten an der Rüstung fest“. Unübersehbar lautet die Mauer-Lektion: „1. Weltkrieg = 5 Prozent Ziviltote, 2. Weltkrieg = 48 Prozent Ziviltote, Koreakrieg = 84 Prozent Ziviltote, 3. Weltkrieg wird 100 Prozent Ziviltote“. Folgich: „Schluß mit der Hochrüstung!“ und „Petting statt Pershing“.
Anstelle von Waffen verlangt ein Sprayer „Sexbomben für die DDR“, ein Kollege mockiert sich über die im anderen Deutschland üblichen Solidaritäts-Transparente: „Es lebe die DDR, unser sozialistisches Vaterland!“ Durch den Kakao gezogen werden alle Seiten: „In the West there is dope and chocolate for everybody“ (Im Westen gibt’s Drogen und Schokolade für jedermann).
Keine Autorität ist vor den Sprüchemachern sicher. „Holt Ronny runter vom Sockel“, verlangen sie, und veräppeln den Verfassungsschutz: „Wer guckt in alle Abfallkisten, wer jagt im Hof nach Anarchisten?“ Einer dieser Anarchos verrät sein Rezept: „Macht aus dem Staat Grukensalat“.
Bekenntnisse zur gesunden Kost werden abgelegt: „Da wo mein Müsli dampft, da bin ich umverkrampft.“ Verewigt sind Grüße „an alle, die die Hose mit der Kneifzange anziehen“ und an „Gerd zum Geburtstag“ ebenso wie Reklame für den Laden „Second hand Waldemarstr. 19“ oder die Stoßseufzer: „Ich hasse alle Katzen“, „Wendy, Du blöde Kuh, ich mag Dich!“ und „Nie wieder Hertha BSC in der Bundesliga!!!“ Einer will „Punk Rock in Bangkok“, denn die Diagnose lautet: „Reisefieber ist endlos.“ Ehemänner sehen sich gewarnt: „Achtet auf Hausfreunde – es gibt eine Menge.“
Ein Philosoph meint: „Abreißen ist besser als sprayen.“ Entnervt vom Fleiß0 seiner Kollegen kommt ein Graffitti-Schreiber an anderer Stelle zu ganz anderen Schlüssen: „May we have another wall please. This one is dirty“ (Können wir bitte noch eine Mauer haben. Diese hier ist drecking). BIRGIT LOFF (Berlin)

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Nummer 11

Die Nacht wird böse denn ich bin alleine

die Tugend wohnt in ihrem Kämmerlein

sie strickt ihr Hemd für Totentanzvereine

und würgt es langsam mir zum Hirn hinein

 

Ich hör das Zeitmaß aus den Wänden ticken

die Uhr geht vor, ich hinke hinterher

und die Sekunden werden weiter klicken

wenn alles brennt auch ohne Feuerwehr

 

Im Dunkelfelsen warten deine Eltern

gespannt auf dich denn Heimat bis du los

ihr Blut verstaubt in wohnungsfremden Keltern

war euer Irrtum doch schon immer groß

 

Verstreicht die Nacht in liebender Umarmung

und wenn du auch nicht weißt was Treue ist

es hülfe doch die rührende Umgarnung

mit der die Tugend unsere Nacktheit küsst